Idealismus und Realismus. Eine Symbiose zweier konträrer Theorien


Bachelorarbeit, 2019

44 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Die Debatte zwischen Real- und Idealpolitik

2. Die Definition von Realpolitik
2.1. Bekannte Vertreter des klassischen Realismus
2.2. Das Machtverstiindnis im Neorealismus

3. Die Definition von Idealpolitik
3.1. Neoliberalismus
3.2. Bekannte Vertreter des klassischen Idealismus

4. Der Friedensbegriff im Realismus und Idealismus

5. Komplexe Interdependenz im Internationalen System

6. Die Mittelposition des Institutionalismus

7. Die Mittelposition des Strukturalismus

8. Deutschland zwischen Realismus und Idealismus
8.1. Internationale Ebene
8.2. Beriihrungspunkte zwischen Idealismus und Realismus in der Politik

9. Das Fazit

10. Literaturverzeichnis und Internetquellen

1. Einleitung

- Die Debatte zwischen Real- und ldealpolitik-

"GrojJtheorien in den InteriUltionalen Beziehungen formulieren allgemeine Annahmen uber die entscheidenden Akteure und ihre Ziele sowie Priiferenzen, uber die Qualitiit und Struktur des Handlungsumfeldes dieser Akteure, uber die zentralen Antriebsmomente der interiUltionalen Politik, ihre grundlegenden Probleme und ihre Entwicklungsperspektiven" (Wolf 2014: 103).

Der Wunsch nach stabilerem Weltfrieden miindete in der politischen Theorie in einer Konfrontation zweier Grundgedanken: dem Realismus und dem Idealismus. Traditionell wird der Disput zwischen Idealismus und Realismus als erste groBe Debatte in den Internationalen Beziehungen charakterisiert (vgl. Meyers 1990: 55). Die Schrecken des Krieges brachten bereits Machiavelli, Hobbes und Locke dazu, systematisch tiber die Ursachen von Krieg zu reflektieren (vgl. Woyke/Andersen 1997: 607). Die Streitfrage zwischen Politikern, Diplomaten und Philosophen betraf den Sachverhalt, wie der Weltfrieden zu suchen und zu erreichen ist (vgl. Zintl 2016: 534). Mit der Absicht der Sicherung einer friedlichen Weltordnung griindeten die amerikanische und britische Delegation auf der Pariser Friedenskonferenz (30. Mai 1919) zwei wissenschaftliche Institute fiir internationale Beziehungen. So entstanden die Internationalen Beziehungen als eigenstiindige Disziplin. Die Weltordnung sollte unter Rekurs auf die Prinzipien der kollektiven Sicherheit, der friedlichen Streitbeilegung und des "peaceful change" internationale Konfliktquellen ausschalten.

Die Theorie von den Weltordnungsmodellen setzt sich aus vier Bausteinen zusammen. Dazu gehoren die Akteure, die Strukturen und ihre Wirkungen, die Prozesse und Interaktionen sowie die Riickwirkungen und Dynamiken (vgl. Schimmelfennig 2008: 50-58). Die Kernbereiche in der globalen Politik schlieBen AuBenpolitik, Entwicklungspolitik, globale Umweltpolitik und Konfliktforschung ein. In Bezug auf letztere werden ungleiche Parteien, Gegenstand und Austragung eines Konfliktes akkurat unter die wissenschaftliche Lupe genommen.

Seither findet im politischen Bereich eine kontroverse Debatte zwischen Realismus und Idealismus statt. "The opposition between these two perspectives has been crucial to the history of thought about internatioiUll relations and was central to the first great debate between the realists and the idealists" (Gu 2000: 31). Nach einigen Quellen dominierte in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts anfiinglich der Idealismus. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Idealismus vom Realismus giinzlich abgelost (vgl. Riehle 2009: 267). Nachfolgend wird bei dieser Debatte von zwei ineinander verschriinkten Pendelbewegungen gesprochen. Nach der liberalen Begeisterung der neunziger Jahre geht die Tendenz wieder in Richtung Realismus zuriick (vgl. Hansen 2009: 72). Die neuartige geopolitische Lage und die fortwahrende Entwicklung globaler Strukturen lassen diese Debatte anhaltend relevant sein. In diesem Zusammenhang stehen die neuen Konditionen stabiler Gleichgewichte im Vordergrund (vgl. Hartmann 2001: 40). Es kann als sicher gelten. dass im politischen Bereich auch im 21. Jahrhundert zwischen Realismus und Idealismus disputiert werden wird (vgl. Molitor 2012: 18). Insbesondere in der angelsiichsischen Literatur steht die Differenz beider Theoriezweige im Mittelpunkt (vgl. Lemke 2012: 12).

Die Fragestellung dieser Arbeit

In der Politikwissenschaft gelten Realismus und Idealismus oftmals als unvereinbare und widerspriichliche Denkrichtungen. Seit vielen Jahrzehnten kiimpfen diese beiden Positionen urn die alleinige Vormachtstellung in der politischen Philosophie.

Zusammengefasst lautet die konkrete Fragestellung: Liisst sich bei differenzierter und akribischer Betrachtung aus den auf den ersten Blick divergent erscheinenden Idealtypen eine (politisch pragmatische) symbiotische Position erkennen und entwickeln?

Diese Frage steht im thematischen Zentrum der Arbeit. Urn zu emem fundierten wissenschaftlichen Fazit zu gelangen. beschaftigt sie sich mit mehreren relevanten Teilthemen. Da der Forschungsgegenstand ein breit gefiichertes Spektrum umfasst. ist es unvermeidbar. sich auf einzelne Gesichtspunkte zu beschriinken und so die Forschungsfrage einzugrenzen. Die Arbeit fokussiert sich vorrangig auf die historische Entstehung. die bekannten Vertreter der jeweiligen Denkrichtung sowie die Beriihrungspunkte der beiden Traditionen. Dabei soli auch auf den weltweit wachsenden Grad der Interdependenz eingegangen werden. Hierzu ist diese Arbeit in diverse Kapitel gegliedert. in denen neben dem geliiufig Kontriiren vor allem die Ubereinstimmungen der beiden Paradigmen benannt werden sollen. Zum Schluss soli der Nachweis erbracht werden. warum eine Kombination aus Real- und Idealpolitik fiir eine stabile AuBenpolitik unerliisslich ist.

Ich finde diesen Untersuchungsgegenstand spannend. wei!die Ambivalenz zwischen Ideal­ und Realpolitik in der offentlichen Diskussion vie!Raum einnimmt. Aber es wird zu hiiufig auBer Acht gelassen. dass die beiden politischen Theorien mehr miteinander verbindet als es auf den ersten Blick erscheint. Diese Arbeit soli dazu beitragen, dass mehr die politische Korrespondenz zwischen den Paradigmen beriicksichtigt wird.

Der Forschungsstand

Die wichtigste Lekttire zu dieser Fragestellung sind nach wie vor die Schriften von Ulrich Menzel insbesondere aus dem Jahre 2015, die aufzeigen, dass eine fundamentale Symbiose von Realismus und Idealismus gegeben ist. Deshalb beziehen sich viele Zitate bzw, Quellenangaben auf das Werk von Ulrich Menzel, das als Leitliteratur ftir diese Arbeit gilt. Nach wie vor grundlegend sind auch die anderen zahlreichen Fundstellen zu dieser spezifischen Forschungsfrage in bekannten und renommierten Handbiichern, Tageszeitungen und Fachzeitschriften, da sie deutlich akzentuieren, wie zeitlos und aktuell das Zusammenspiel von Real- und Idealpolitik ist. Das umfangreiche Literaturverzeichnis dieser Arbeit ist ein Indikator dafiir, wie hoch die Dichte und die Aufmerksamkeit beziiglich dieser Aufgabenstellung ist. Die facettenreiche Auswahl der Literatur dient insbesondere dazu, eine moglichst differenzierte politische Abbildung darzustellen, Das betrifft sowohl die Print- als auch die Internetquellen, die beide ein breites, objektives Spektrum an links- und rechtsorientierten politischen Denkrichtungen aufzeigen sollen.

Aufbau und Argumentation der Arbeit

Nach den einleitenden Anmerkungen des ersten Kapitels wird in den niichsten Kapiteln schrittweise priizisiert, welche konkreten Strukturen und Prozesse Idealismus und Realismus auf direkte oder indirekte Weise miteinander verbinden, Im zweiten und dritten Kapitel bilden die chronologische und getrennte Bearbeitung von Realismus und Idealismus den Schwerpunkt, Dabei werden die allgemeingiiltigen Defiuitionen der Stromungen zugrunde gelegt. In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, den Friedensbegriff von Ideal- und Realpolitik aufzugreifen, Die Eiufiihrung von verschiedenen Vertretern der beiden Anschauungen erweitert die Verstiindnisgrundlage und erleichtert die Einordnung der jeweiligen staatsrechtlichen Interpretation, Urn die Komplexitiit der Themenstellung in ihrer Gesamtheit verstiindlich und anschaulich wissenschaftlich darzulegen, wird auch eine Ubersicht zu den politischen Mittelpositionen Institutionalismus und Strukturalismus aufgefiihrt, Eine besondere Tragweite hat zusiitzlich die Funktion der Globalisierung, wei! sich mit ihr eine zukuuftsweisende Schuittstelle zwischen den Staatstheorien offenbart, Ergiinzend zu den klassischen Idealtypen von Realismus und Idealismus werden die Subforrnen wie Neorealismus und Neoliberalismus miteinbezogen, Nur die thematische Vertiefung durch die "Neo-Theorien" sowie eine realistische und idealistische Untersuchung auf deutscher bzw. internationaler Ebene stellen ein fundiertes Fazit sicher. Ftir eine wissenschaftlich begriindete Schlussfolgerung einer eventuell symbiotischen Beziehung der verschiedenen Denkrichtungen ist es letztlich absolut unabdingbar, die Beriihrungspunkte zwischen Idealismus und Realismus griindlich und urnfiinglich in einem gesonderten Kapitel zu entwickeln. AbschlieBend soli auf den inhaltlichen Grundlagen der einzelnen Kapitel im letzten Kapitel ein Fazit formuliert werden.

2. Die Definition von Realpolitik

Der Begriff der Realpolitik hat seinen Ursprung im 19. Jahrhundert. Zum damaligen Zeitpunkt ging es den europiiischen Staaten in erster Linie urn machtpolitische Interessen. Ihrem Ursprung nach griindet sich die Realpolitik auf einer pessimistischen Anthropologie (Zusammenleben aller Menschen als Krieg aller gegen aile). Der theoretische Spielraum der realistischen Denkrichtung reicht vom klassischen Realismus Hans J. Morgenthaus bis zum von Kenneth N. Waltz vertretenen strukturellen Realismus. Die Ansiitze sind bisweilen recht unterschiedlich, doch der kleinste gemeinsame Neuner aller Realisten ist gleichwohl die pessimistische Grundstimmung (vgl. Puglierin 2011: 19-20). Dieser Pessimismus steht in der Tradition von Thomas Hobbes. Ftir ihn galt der Grundsatz: "Jedermann hat sich urn Frieden zu bemuhen, solange dazu Hoffnung besteht. Kann er ihn nicht herstellen, so daif er sich alle Hilfsmittel und Vorteile des Krieges verschaffen und sie benutzen." (Hobbes 1968: 190). Mit Beginn des Ost-West-Konfliktes wurde die realistisch orientierte Anschauung immer populiirer. Sie stieg schlieB!ich zum vorherrschenden Paradigma der Weltpolitik auf. Ihre erfolgreiche Phase dauert bis in die heutige Zeit an (vgl. MenzelNarga 1999: 38-41). Die Realpolitik kniipft in ihrem Handeln erstrangig an den vorgegebenen Tatsachen an. Spezielle Werte und abstrakte Moralvorstellungen sind ftir Realisten nebensiichlich. Realpolitiker beschaftigt vielmehr die Frage, was zur Durchsetzung von Macht moglich ist und was nicht. Zwar wird politischen Tiitigkeiten ein moralisches Gewicht beigemessen, aber aus realpolitischer Perspektive ist die direkte Verfolgung moralischer Ziele in der Politik kontraproduktiv (vgl. Hohefeld 2011: 7). Folglich lehnt der politische Realismus die Annahme ab, dass die Politik ftir Werte wie Gliick oder Freiheit verantwortlich ist. Die Gesellschaft und die Politik werden von objektiven Gesetzen bestimmt (vgl. Morgenthau 1963: 4). Axiomatisch gilt, dass es ausschlieB!ich urn Macht geht. Macht ist das Mittel, mit dem Ziele erreicht, Feinde geschlagen und Kompromisse gefunden werden. Ferner ist die Macht in der internationalen Politik der zentrale Faktor. Dieser Faktor trennt Politik ausschlaggebend von Okonornie, Recht und Ethik Die Realisten favorisieren emen komprornisslosen Nationalstaat, der emen bewaffneten Konflikt verhindern soiL Internationale Organisationen werden skeptisch bewertet, wei! sie keine objektiven Gesetzmiilligkeiten iindern konnen und keineswegs zu einem globalen Strukturwandel beitragen (vgL Rittberger/Zangl 2003: 36), Generell halten Realisten eine Weltregierung fiir ein unkalkulierbares Sicherheitsrisiko und stehen daher jeglicher internationaler Kooperation extrem rnisstrauisch gegeniiber (vgL Lemke 2000: 23), Die fundamentale Frage in der Realpolitik ist, welche typischen Bedingungen und Triebkrafte die Interaktion zwischen den Staaten steuern, Oder anders formuliert: wie ist internationale Politik tatsiichlich beschaffen (vgL Tauras/Bellers 1994: 45).

Das realpolitische Modell involviert (ebenso wie der idealistische Grundsatz) ein christlich­ abendliindisches Menschenbild, Vor diesem Hintergrund ist das realistische Paradigma auch nicht amoralisch: "the question of morality informs its entire structure", Die realistische Stromung baut (ahnlich der Idealpolitik) auf augustinischem Gedankengut auf und erzeugt eine eigene Moralphilosophie, Das Wechselspiel zwischen Freiheit und Notwendigkeit steht im Mittelpunkt (vgL Albert 1996: 21), Nur im Kontrast zum Idealismus erkennt der (machtvisierte) Realismus mehrere weltpolitische Zentren, die aus moralischen Griinden nicht zu leugnen sind, Fiir unzahlige Realisten war der Idealismus sowie der volkerrechtliche Legalismus wiihrend der Zwischenkriegszeit ein riskanter Wunschtraum weltferner Philanthropen gewesen (vgL Auth 2014: 19), Weiterhin liisst sich der Realismus in eine aggressive und in eine defensive Richtung aufschliisse]n, Er entspricht der Denkrichtung der "blood and iron and immorality men" (Menzel2015: 85).

2.1. Bekannte Vertreter des klassischen Realismus

Einer der bekanntesten Begriinder des realistischen Erkliirungsansatzes war Hans J, Morgenthau (1904-1980), Seiner These nach ist Macht die Herrschaft von Menschen tiber Menschen, Das heiBt, dass jeder Einzelne konsequent mit allen Mitteln nach Macht strebt, Morgenthau sah m Thukydides und Hobbes Wegbereiter des rationalen Miichtegleichgewichtes (vgL Rohde 2013: 307), Der englische Staatstheoretiker Thomas Hobbes (1588-1679) legitirniert in seinem Hauptwerk Leviathan (1651) das Verlangen nach einer Ordnungsmacht, wei! der Mensch von Natur aus iiuBerst kaltbliitig und hochst eigenniitzig ist, Kurz gesagt: Der Mensch ist des Menschen Wolf (vgL Dimbath 2012: 95), Mit dieser Vision zahlt Hobbes zu den Urviitern des friedensskeptischen Machtrealismus, Bis ins 21. Jahrhundert konvergiert die Lektiire von Hobbes mit dem klassischen Realismus. Willst du den Frieden, dann bereite den Krieg vor! Hobbes sieht sogar unterschwellig die Ursache fiir den blutigen Biirgerkrieg im aufkeimenden Liberalismus im England des friihen 17. Jahrhunderts (vgl. Miinkler 2001: 127f). Diese Denk- und Vorgehensweise ist heutzutage bei Realisten weit verbreitet, urn priiventive RiistungsmaBnahmen zu rechtfertigen (vgl. Wassermann 2016: 470). Thukydides (vor 454 v.Chr.- urn 399 v. Chr.) -ein begabter griechischer Historiker der Antike- beschrieb Macht folgendermaBen: Die Starken tun das, was ihnen ihre Macht erlaubt, und die Schwachen haben zu akzeptieren, was sie zu akzeptieren haben. Fiir Morgenthau spiegelt sich in den internationalen Beziehungen die individuelle Anthropologie wider. Seiner Ansicht nach verhalten sich diese beiden Analyseebenen parallel zueinander. Die Realisten betrachten aile Staaten als in einem permanenten Sicherheitsdilemma befindlich. Deshalb sind zwischenstaatliche Beziehungen nur von gegenseitigem Interesse, wenn sie irgendwie und irgendwann die Macht des eigenen Nationalstaates stiirken. Diese Macht kann sozialer, politischer und okonomischer Natur sein. Es ist wichtig zu betonen, dass Macht zur zentral wirkenden Kraft wird (vgl. Singer 2013: 51). Danach ist der Machtbegriff gleichbedeutend mit der industriellen Leistungsfahigkeit, der BevolkerungsgroBe und vor allem dem Militiirpotenzial eines Nationalstaates. Morgenthau versucht, GesetzmaBigkeiten der Internationalen Beziehungen mit Hilfe der Begriffe Macht und Interesse zu erfassen und daraus eine Maxime fiir die AuBenpolitik abzuleiten.1

"Welches Volk will von einer stiirkeren Macht unterdrnckt werden? Gibt es eine Nation, die nicht schon einmal ihre Nachbarn unterdruckt hiitte? Wo auf der Welt gibt es ein Volk, das nicht fremdes Eigentum geraubt hatte? Wo?" (Morgenthau 1963: 77).

AuBenpolitisch basiert der Realismus auf einem sogenannten Selbsthilfesystem. Genauer gesagt, jeder Staat sollte selbst fiir seine Sicherheit sorgen. Das Scheitern des Volkerbundes sowie die Weltwirtschaftskrise dokumentieren, dass die Garantierung des Weltfriedens keine organisatorische Not ist (vgl. Jacobs 2010: 41f.). Der Nahrboden fiir eine gewinnbringende AuBenpolitik ist eine vernuuftgemaBe AuBenpolitik. "Internationale Politik ist, wie alle Politik, ein Kampf urn Macht" (vgl. Morgenthau 1963: 69). Militiirische Aufriistung ist in der Realpolitik essenziell zur Absicherung des nationalen Selbsterhaltungstriebs (vgl. Lemke 2000: 21). Allerdings vernachliissigt das realpolitische System weitgehend die soziale Komponente und die Tatsache, dass der Mensch nicht allein egoistischen Profit beabsichtigt (vgl. Krell 2004: 158-164). In diesem Zusammenhang kritisiert Morgenthau abermals die Idealpolitik der USA. die, wie er meint, auf moralischer Selbstgerechtigkeit aufbaut, die in einer globalen Omnipotenz miindet (vgl. Kindermann 1981: 13). Der Realismus wurde zunehmend zum Vorbild fiir viele politische Denker, die eine Affinitiit zum Konservatismus aufweisen (vgl. Miiller 1988: 49). "Wenn der politische Realismus Gleichgultigkeit gegenuber politischen Idealen weder fordert noch gutheijJt, verlangt er eine klare Unterscheidung zwischen dem Wunschenswerten und dem Moglichen" (vgl. Morgenthau 1963: 52). Diese Einschiitzung teilen heutzutage viele konservative Politiker. Dabei fiillt auf, dass sich bedeutende Werke zum Realismus gleichzeitig auch als eine Theorie der amerikanischen AuBenpolitik lesen lassen (vgl. Menzel 2015: 81). Im Ubrigen bewerten Realisten humanitiire Hilfestellung oder Peacekeeping-MaBnahmen in schwach entwickelten Landern als zwecklos. Prinzipiell gilt im Realismus das Postulat der Nichteinmischung in fremdstaatliche Sachverhalte (vgl. Menzel2015: 238).

In der realistischen Herangehensweise erscheint internationale Politik als bedingungsloses Nullsummenspiel. "Was der eine Staat an Ressourcen, Territorien, Macht gewinnt, geht stets zu Lasten anderer; die Gesamtmenge dieser Elemente im internationalen Staatensystem ist begrenzt und kann daher nur umverteilt, nicht aber- wie im idealistischen Verstiindnis durch Zuwachs der verteilbaren Wirtschaftsguter- vergrojJert werden" (Hohefeld 2011: 6).

Der deutsch-amerikanische Politikwissenschaftler John H. Herz (1908-2005) deutete den auBenpolitischen Realismus nicht so radikal negativ wie Morgenthau. In der AuBenpolitik zeigte Herz durchaus liberale Grundziige auf und hatte tendenziell die Absicht, idealistische und realistische Sichtweisen zu vereinen. Eine Balance zwischen beiden Idealtypen war das Ziel seiner Bemiihungen (vgl. Puglierin 2011: 298). Er forderte ''Nicht das hehre Ziel Frieden, sondern das bescheidene Ziel, Sicherheit anzustreben" (MenzelNarga 1999: 13). Herz spricht sich fiir einen Weg zwischen Idealismus und Realismus, den sogenannten realistischen Idealismus, aus. Aus seiner Sicht scheitert der Idealismus an der politischen Realitiit (vgl. Hartmann 2011: 29). Allerdings hat Herz das auBenpolitische Feld humanisiert und liberalisiert, wie zuvor kein anderer Anhiinger des Realismus. Er hat festgestellt, dass die modernen globalen Fragen mit dem klassischen realistischen Ansatz von Machtbalance sowie nationalem Interesse nicht allein zu kliiren sind (vgl. Hacke 2011: 97).2 Sein Politikverstiindnis hat eine sehr starke normative Komponente. Daher wird Herz oft mit einem Realliberalismus in Verbindung gebracht. Realismus war fiir ihn kein starres Konzept, sondern er wollte ihn erweitern und der sich wandelnden Welt anpassen (vgl. Puglierin 2011: 302). Dabei beurteilt Herz die groBe Frage von Krieg und Frieden aus einem anderen Blickwinkel als Kant. An die Stelle der Friedenspolitik tritt die Sicherheitspolitik (vgl. Menzel2015: 17-18).

Dem britischen Historiker und Politologen Edward Hallett Carr (1892-1982) nach lagen die Kriegsursachen in der Demonstration militiirischer Uberlegenheit. Daraus folgt. dass die Wirtschaft sowie die politische Offentlichkeit in der Verstiindigung der Staaten nebensiichlich sind. Nur mit militiirischer Stiirke ist es wahrscheinlich. beliebige Ziele zu erreichen (vgl. Hartmann 2011: 21). Im Wettkampf urn Macht kommt es zum Kraftemessen im Krieg oder je nach Anlass zur Abwehr von Krieg (vgl. Carr 1939: 109ff.). Im weiteren historischen Verlauf modernisierte Carr seinen realistischen Standpunkt. Er wandte sich ebenso dem Idealismus zu und rechtfertigte. dass die beiden Gegenansichten "Ethik" (idealistisch) und "Politik" (realistisch) verkniipfbar sind. "Ethics must be interpreted in terms of politics" (Holzer 2003: 2). In seinem Werk mit dem Titel "Grundlagen eines dauerhaften Friedens" (1942) vertiefte sich Carr zunehmend in normative Argumente. Er distanzierte sich dadurch spiirbar vom amerikanischen Realismus. der das Normative fast giinzlich ausklammerte (vgl. Menzel2015: 84). Eine derartige partielle Abwandlung des Idealismus wird auch als "Vernunfttheorie" bezeichnet (vgl. Miinch 1982: 29).

In wissenschaftlicher Hinsicht bemiihten sich Herz und Carr permanent darum. eine Synthese zwischen den extremen Idealtypen (Realismus und Idealismus) zu finden. Insbesondere John H. Herz war in einem stetigen auBenpolitischen Zwiespalt zwischen Idealismus und Realismus (vgl. Puglierin 2011: 298).

Niccolo Machiavelli (1469-1527) war ein italienischer Diplomat und politischer Philosoph. Er deutete die Machtpolitik der Nationalstaaten als uneingeschriinkten Uberlebenskampf im internationalen Milieu (vgl. Miinkler 1996: 37-55). Der Machiavellismus markiert eine politisch- historische Richtung. die der Machtpolitik den absoluten Vorrang einriiumt. Trotz anthropologischem Pessimismus steht Machiavelli in der "Tradition der humanistischen Menschenkunde" (Buck 1985: 37). "Nichts ist so unsicher und unbestiindig wie das Ansehen der Macht, die nicht auf sich selbst beruht." Mit dieser These gehort er definitiv zu den Wegbereitern des kontinentalen Machtstaates (vgl. Ritter 1947: 20). Die Realisten berufen sich in diesem Kontext gerne auf die Definition des beriihmten Soziologen Max Weber (1864- 1920): "Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht" (Weber 1972: 28). Im Extrernfall kann dies zu der Entscheidung "kill or be killed" ftihren (Kazarnovskis 2011: 72). Diese machtfixierte Form von Politik liisst sich als " Macht- und Konflikttheorie" beschreiben (vgl. Miinch 1982: 29). Demgemiill sind Sicherheitsfragen fiir Realisten "High Politics". Die anderen politischen Tiitigkeitsbereiche sind "Low Politics" (vgl. Menzel2015: 79).

2.2. Das Machtverstiindnis im Neorealismus

Der Neorealismus baut auf dem Ansatz von Morgenthau auf und geht zum GroBteil dariiber hinaus (vgl. Ditzel/Hogerle 2011: 15). Der amerikanische Politikwissenschaftler Kenneth Waltz (1924-2013) weitete den klassischen Morgenthauschen Realismus aus. Das Motto lautet auf internationaler Ebene: Take care of yourself' (Keller 2011: 30). Das neorealistische Fundament modifizierte den urspriinglichen Realismus, wei! nun auch wirtschaftliche Phiinomene durchleuchtet wurden. "Die Struktur des internationalen Systems verliiuft parallel zum fragwurdigen Bezug auf die vermeintliche Natur des Menschen" (Brock 2001: 214). Das neorealistische Weltbild erliiutert die Ausbreitung des Konfliktklimas im zwischenstaatlichen Areal mit einer systemorientieren Sondierung (vgl. Grieco 1997: 163). Der internationale Raum ist nichts weiter als ein Selbsthilfesystem. Nach neorealistischer Behauptung dient zwischenstaatliche Interaktion ausnahmslos dazu, die eigene Autonomie zu gewiihrleisten. In diesem Zusammenhang wird zwischen drei Machtsiiulen unterschieden, niimlich der uni-, bi­ und multipolaren. Bevorzugt wird im Neorealismus die bipolare Form. Da aus dieser ein Machtgleichgewicht resultiert, ist sie somit die sicherste Form (vgl. Schornig 2003: 83f.). In der neorealistischen Wahrnehmung bewirkt das Volkerrecht keine Verhaltensiinderung in und zwischen den Staaten, sondern dient der Rechtfertigung der Handlungen von Regierungen. Die Verteilung von Machtmitteln ist ausschlaggebend fiir die AuBenpolitik. Politik wird reduziert auf das Ausleben von Trieben. Der (Neo-)Realismus ist mehr staatszentriert als der (Neo-)Liberalismus. Der bertihmte Ost-West-Konflikt orientierte sich durchgehend am (Neo-)Realismus. In diesen Zeitraum fallen auch verschiedene Friedensprozesse. Doch realpolitische Herangehensweisen ignorieren vielfach innerstaatliche sowie innergesellschaftliche Faktoren. Diese spezifische realistische Absenz muss eine liberalpolitische Perspektive ergiinzen (vgl. Weiter 2012: 32).

(Neo-)Realistische Vertreter stehen dem Phiinomen der Globalisierung und den daraus folgenden Nachwirkungen fiir die internationale Politik eher skeptisch bis ablehnend gegeniiber. Sie befiirworten stattdessen eine Stiirkung des klassischen Nationalstaates (vgl. Menzel 2015: 226). Immerhin registriert auch die neorealistische Richtung die stetige Zunahme weltpolitisch relevanter Akteure. Selbst in der neorealistischen Schule (wie bei anderen politischen Schulen auch) ist die Vielzahl an Akteuren das Erkennungszeichen der gegenwiirtigen Weltordnung (vgl. Poeschke 2013: 10). Der Neorealismus ist genauso wie der Institutionalismus eine rationalistische Theorie auf metatheoretischer Ebene (vgl. Hohefeld 2011: 5). Der neorealistische Verhaltensimperativ lautet: "Hilf dir selbst". Eine internationale Stabilitiit entsteht. wenn aile Akteure nach diesem Motto handeln (Menzel2015: 158).

Der offensive Realismus steht in der Tradition des sogenannten Hegemonialmachtstrebens. Das besagt. dass dauerhaft stabile Machtgleichgewichte in den Internationalen Beziehungen utopisch bzw. unerreichbar sind (vgl. Hohefeld 2011: 8). Bei den Hegemonialmiichten handelt es sich in den meisten Fallen urn starke Regime. die tiber reichlich internationale kollektive Giiter verfiigen (vgl. Menzel 2015: 174). Die internationale Zusammenarbeit mit Hilfe internationaler Organisationen gelingt nur unter dem Vorbehalt. dass eine Hegemonialmacht die Opportunitiitskosten iiberproportional triigt (vgl. Rittberger/Zangl 2003:37). Ein Musterbeispiel fiir Hegemonialmacht ist die USA. Sie haben seit mehreren Jahrzehnten weltweit die Stellung des Hegemons.

Die Korrespondenz zwischen klassischem Realismus und Neorealismus ist im Rahmen der Funktionsweise des internationalen Systems derart immens. dass von einem wissenschaftlich einheitlichen realistischen Paradigma ausgegangen werden kann (vgl. Jenne 2017: 32). Der klassische Realismus durchlebt als Postrealismus oder neoklassischer Realismus eine unerwartete Renaissance. w1e s1e etwa m den wiederholten und aktuellen Auseinandersetzungen mit Morgenthau sichtbar wird (vgl. Menzel 2015: 205).

Sowohl der Neorealismus als auch der Liberalismus der Internationalen Beziehungen haben ihren Ursprung in okonomischen Modellen. Beide Positionen fuBen auf einem nach auBen einheitlich agierenden Nationalstaat mit nutzenmaximierenden Akteuren (vgl. Thurner 2006: 54). Es gibt durchaus auch kooperative Ansiitze. Allerdings beziehen diese sich nicht auf die Gemeinschaft der Individuen. sondern auf internationale Institutionen (vgl. Menzel2015: 85). Grundsiitzlich teilen aile Anhiinger des (klassischen und strukturellen) Realismus die These. dass Menschen Biindnisse eingehen. urn hinterher politische Einheiten zu bilden (vgl. Puglierin 2011: 20).

[...]


1 Einzusehen auf <htt ps://zeitsch rift.i p.dga p.org/de/i p -d ie-zeitsch ri It/arch iv/ja h rga ng-2006/oktober/nat ionale­

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2 E inzusehen auf <htt ps://zeitschriIt-ip.dga p.org/de/article/getFuIIPDF/1183 3/vordenker-des-21-ja hrhunderts

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Details

Titel
Idealismus und Realismus. Eine Symbiose zweier konträrer Theorien
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Politisches Institut)
Note
1,5
Autor
Jahr
2019
Seiten
44
Katalognummer
V507551
ISBN (eBook)
9783346056078
ISBN (Buch)
9783346056085
Sprache
Deutsch
Schlagworte
idealismus, realismus, eine, symbiose, theorien
Arbeit zitieren
Julia Engels (Autor), 2019, Idealismus und Realismus. Eine Symbiose zweier konträrer Theorien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507551

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