Figurenzeichnung in Comics. Die Rolle der Sprache beim Konstruieren von Figuren in einem Text-Bild-Hybrid


Seminararbeit, 2019

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsdefinition Comic

3 Figurenzeichnung in der Literatur

4 Die Sprache des Comics
4.1 Generelle Merkmale
4.2 Sprachebenen im Comic
4.2.1 Geschriebene Sprache im Comic
4.2.2 Ungeschriebene Sprache als Sprachdenken
4.2.3 Einfluss auf die Figurenzeichnung

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Zeiten, in denen Comics hauptsächlich von Kindern und Jugendlichen konsumiert wurden, sind längst vorbei. Heutzutage sind Comics in unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken und erfreuen sich größter Beliebtheit. Diese Popularität zeigt sich ebenso in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Medium Comic. In den letzten Jahren haben die wissenschaftlichen Publikationen, welche sich thematisch diesem Medium annehmen, deutlich zugenommen (vgl. Ditschke/Kroucheva/Stein 2009: 7). Diesbezüglich liegt ein wachsendes Angebot an wissenschaftlicher Sekundärliteratur vor, aus welchem sich zwei grundlegende Ausrichtungen herausdifferenzieren. Zum einen widmen Forscher sich dem Comic als Medium und betrachten dessen Beschaffenheit, Besonderheiten und stellen dieses in Relation zu anderen (meist literarischen) Medien. Andererseits handelt eine Vielzahl des wissenschaftlichen Fundus über selektiert betrachtete Einzelmerkmale. Oftmals werden bei solchen Vorgehensweisen einzelne Werke des Mediums analysiert. Trotz alledem ist anzumerken, dass keine offizielle Comicwissenschaft existiert (vgl. Frahm 2010: 31). Daher wird lediglich von Comicforschung gesprochen, welche wiederum in viele Wissenschaftsbereiche hineingreift (vgl. Grünewald 2000: 72ff.).

Ein zentraler Bestandteil eines Mediums ist immer dessen Kommunikationsspezifika hinsichtlich der Informationsvermittlung (vgl. Moser 2019: 1). Diesbezüglich lässt sich sagen, dass ein Medium der Verbreitung von Informationen dient und diese Funktion durch ganz eigene Kommunikationsstrategien und Kanäle realisiert (vgl. ebd.: 10ff.). Wie bei jedem anderen Medium auch, gilt dieses Konzept ebenfalls für das Medium Comic. In erster Linie geschieht Kommunikation durch eine oder mehrere Formen von Sprache. Im Comic wird Sprache u. a. von bzw. durch die Figuren realisiert, welche wiederum ebenso durch Sprache charakterisiert werden. Aus diesen Überlegungen ergibt sich das Thema dieser Arbeit, welches unter der folgenden Fragestellung konzipiert wurde und an der Schnittstelle von Sprache und Figurenzeichnung ansetzt: „Welche Rolle spielt Sprache bei der Figurenzeichnung in Comics?“.

Ableiten lässt sich das eigene Erkenntnisinteresse aus einem gehaltenen Vortrag zur Comicreihe Avengers ableiten, bei welchem sprachliche Besonderheiten in der Ausdrucksweise der Protagonisten identifiziert werden konnten. Daraus hat sich ein Erkenntnisinteresse manifestiert, welches auf der Einflussnahme von Sprache auf die Figurenzeichnung in Comics basiert. Die Relevanz des Themas ergibt sich aus der steigenden Popularität von Comics und dem Bestreben, eine Abgrenzung zu anderen literarischen Medien im Forschungsdiskurs zu realisieren, um der Comicforschung mehr Relevanz zuzuschreiben. Dabei bietet sich die Betrachtung der Sprache von und in Comics an. Diese wurde zwar bereits grundlegend untersucht, jedoch dabei nicht in Verbindung zur Figurenzeichnung gesetzt. Diese wissenschaftliche Arbeit verzichtet auf die exemplarische Analyse eines Einzelwerks, da sich die sprachlichen Merkmale deutlich zwischen einzelnen Comics unterscheiden können. Zudem ist das Ziel dieser Arbeit, einen möglichst präzisen und zugleich umfangreichen Gesamtüberblick zur Thematik zu liefern, was mit einer umfangreichen Einzelanalyse den strukturellen Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde.

Als thematischen Einstieg erfolgt im nachfolgenden Textabschnitt eine Begriffsdefinition des Comicbegriffs, welche dazu dient, das Untersuchungssubjekt dieser wissenschaftlichen Arbeit genauer zu bestimmen. Anschließend wird die Figurenzeichnung in der Literatur behandelt, wobei eine prägnante Abgrenzung zur Figurenzeichnung im Comic erfolgt. Daran anknüpfend wird die Sprache im Comic genauer untersucht, wobei die einzelnen Betrachtungspunkte in Relation zu ihrer Relevanz für die Figurenzeichnung gesetzt werden. An die Ergebnisse anknüpfend erfolgt ein Fazit, welches die gesammelten Erkenntnisse ordnet und bewertet. Dieses beinhaltet einen Forschungsausblick, welcher potenzielle Forschungsthemen zukünftiger wissenschaftlicher Arbeiten umfasst.

2 Begriffsdefinition Comic

Eine allumfassende und absolute Definition des Comicbegriffs existiert im wissenschaftlichen Diskurs nicht, da die Abgrenzung zu Medien mit ausgeprägten Analogien wie bspw. den Graphic Novels, Cartoons oder Mangas äußerst schwierig ist (vgl. Schikowski 2018: 13ff.). In Deutschland hat sich vermehrt der verhältnismäßig weite Definitionsansatz von Dietrich Grünewald durchgesetzt, nach welchem Comics immer dem Prinzip der Bildergeschichte folgen, da im Medium selbst in Bildfolgen erzählt wird und dementsprechend vom Rezipienten eine spezifische Lese- und Interpretationsarbeit verlangt wird (vgl. Grünewald 2000: 15). Grünewald beschreibt dies später noch konkreter als: „(…) eine autonome Bildgeschichte, deren Einzelbilder, teils mit, teils ohne Text, in enger Folge die Chronologie der Handlung tragen.“ (Grünewald 2005: 39).

Eine solche weite und formale Definition des Comicbegriffs wird ebenso in dieser Arbeit als wissenschaftliche Grundlage verwendet, da die Fragestellung sich der Sprache von Comics annimmt, welche ein ebenso weitgefasstes Element wie das Medium selbst darstellt. Zudem wäre eine engere Definition auf Ebene des Inhalts zu selektierend und einschränkend. Bei dem ausgewählten Definitionsansatz bleibt Comic ein unscharfer Begriff. Dies ist bewusst so gewählt, da ein engerer Definitionsansatz immer eine formal-ästhetische Analyse eines Einzelwerks bedarf (vgl. Grünewald 2010: 15). Eine solche Analyse würde zum einen die Thematik dieser wissenschaftlichen Arbeit verfehlen und zum anderen den formalen Rahmen überschreiten.

Da sich diese wissenschaftliche Arbeit innerhalb der Schnittstelle von Figurenzeichnung und sprachliche Gestaltung von Comics bewegt, ist eine genauere Betrachtung dieser zwei Schwerpunkte zur Beantwortung der Fragestellung zwingend notwendig. Zunächst erfolgt die Betrachtung der Figurenzeichnung innerhalb der Literatur.

3 Figurenzeichnung in der Literatur

Figuren erfahren wir während der Literaturrezeption durchaus als quasi-reale Personen, jedoch muss im Hinterkopf behalten werden, dass sie lediglich Konstrukte innerhalb eines Textes sind. In diesem erfüllen sie die Funktion der Bedeutungsvermittlung (vgl. Lahn/Meister 2016: 236ff.). Der Begriff Figur wird üblicherweise wie folgt definiert:

„Figur (lat. Figura: Gebilde, Gestalt, Erscheinung) wird abgeleitet von fingere (fingieren). Zum einen versteht man darunter Körpergröße, Gestalt, äußere Erscheinung eines Menschen Hinblick auf ihre ausgewogenen Proportionen oder Person, Persönlichkeit.“ (Scholze-Stubenrecht 2011: 575).

In der Literaturwissenschaft wird zwischen verschiedenen Figurmodellen unterschieden. Diese Figurenmodelle differenzieren kategorisch, indem sie meist zwei Merkmalspole vorgeben. Einzelne literarische Figuren weisen meist nur Tendenzen innerhalb dieser Kategorien auf und erfüllen die Merkmale nicht in ihrer absoluten Form. Dies erklärt sich insofern, dass sie irgendwo auf dem Spektrum zwischen zwei Polen einer Kategorie verordnet werden können.

Konkret unterscheidet man in der Literatur zwischen runden und flachen Charakteren. Figuren, die als ein Funktionsträger auftreten und meist nur eine Idee oder Eigenschaft mit sich bringen, werden als flach bezeichnet. Eine flache Figur verhält sich in der Regel gleich, während runde Figuren sich von verschiedenen Seiten zeigen (vgl. Lahn/Meister 2016: 239). Damit ist gemeint, dass sie verschiedene Verhaltensweisen besitzen. Wertneutralere Begriffe sind die Kategorien einfach und komplex. Solche Kategorien sind nicht absolut und können dementsprechend auch verändert werden. Eine tendenziell flache Figur kann sich zu einer runden Figur entwickeln.

Insgesamt gibt es in der Literatur nur drei Möglichkeiten der Figurencharakterisierung. Diese kann über den Erzähler, von der Figur selbst oder durch andere Figuren geschehen. Dabei kann es sich um eine aktive Charakterisierung in Form von direkten Aussagen handeln. Andererseits können die Figuren auch passiv durch ihr Verhalten oder indirekte Aussagen charakterisiert werden (vgl. Lahn/Meister 2016: 240ff.). Zuzüglich dessen wird zwischen impliziter und expliziter Figurenzeichnung unterschieden. Informationen aus der Gesamtheit aller sprachlichen und außersprachlichen Mittel sind implizit, während direkte Informationen über Figuren als explizit gelten (vgl. ebd.: 242). In der Regel ergibt sich eine Figurenzeichnung aus einer Überlappung beider Informationsebenen.

Mit Figurenzeichnung im Comic ist nicht der Prozess gemeint, wie Figuren im Comic gezeichnet werden. Demnach geht es nicht um stilistische Merkmale wie Konturen, Farbe oder Stiftführung, sondern um das Konstruieren einer Figur im übertragenen Sinne. Dennoch ist anzumerken, dass bei der Figurenzeichnung im Comic auch eben diese stilistischen Merkmale eine Rolle spielen (vgl. McCloud 2001: 54). Diesbezüglich unterscheidet sich die Figurenzeichnung im Comic prinzipiell nicht von der anderer literarischer Medien, da es sich dabei immer um die Konstruktion einer fiktiven Person handelt. Inwiefern bei dieser Konstruktion Unterschiede zur klassischen Literatur vorliegen und welche Rolle Sprache bei der Figurenzeichnung spielt, wird in den nachfolgenden Kapiteln erläutert. Der vereinzelt auftretende Vergleich zur Figurenzeichnung in anderen literarischen Medien dient der expliziten Hervorhebung der comicspezifischen Merkmale, welche für die Figurenzeichnung von besonderer Relevanz sind. Durch die Vergleiche können Besonderheiten und Unterschiede festgestellt werden und in Relation zum Gesamtkontext gesetzt werden.

4 Die Sprache des Comics

Das Medium Comic nutzt eine ganz eigene und individuelle sprachliche Gestaltung. Dies geht so weit, dass durchaus von Comicsprache gesprochen werden kann, auch wenn Bild und Text den Gesetzmäßigkeiten ihres Ursprungscodes unterliegen (vgl. Kraft 1978: 112). Insgesamt ist die Sprache in Comics ein so umfassender Betrachtungspunkt für wissenschaftliche Fragen, dass im Rahmen dieser Arbeit lediglich die zentralen Charakteristika behandelt werden können. Das Zusammenspiel von Text und Bild wird im Nachfolgenden weiter ausgeführt. Diesbezüglich ist es angebracht, zunächst vermehrt vorkommende bzw. generelle Merkmale für die nähere Betrachtung heranzuziehen, da sich die sprachliche Gestaltung massiv zwischen den einzelnen Werken unterscheiden kann. Es werden zwar zunächst allgemeine Spezifika der Sprache im Comic erläutert, jedoch liegt der Fokus auf den, für die Figurenzeichnung relevanten, Aspekten.

4.1 Generelle Merkmale

Ein sowohl grundlegendes als auch spezifisches Merkmal von Comics ist, dass Sprache durch die Verknüpfung von Schrifttext und Bild realisiert wird. Dies bedingt eine individuelle und eigenständige Lesart, welche die Fähigkeiten der Text- und der Bildinterpretation zusammen benötigt. Dies liegt laut Eisner (1995: 10) daran, dass die Regeln der visuellen Kunst (wie Perspektive, Symmetrie, Pinselführung) und die der Literatur (wie Grammatik, Erzählaufbau, Wortwahl) einander überlagern. Ich persönlich würde noch einen Schritt weiter gehen und von einer teilweise symbiotischen Beziehung beider Ebenen sprechen. Ein solches symbiotisches Verhältnis von Wort und Bild dient in der Regel dem Verständnis einer Geschichte. Die Geschichte eines Comics ist für einen außenstehenden Betrachter nicht nachvollziehbar, wenn dieser lediglich eine der beiden Ebenen bei der Rezeption zur Verfügung hat (vgl. Eisner 1995: 10). Diese Symbiose ist kein verpflichtendes Charakteristikum, jedoch ein häufig vorkommendes.

Die Handlung wird von beiden Komponenten getragen und vorangetrieben (vgl. McCloud 2007: 128). Hierbei ergänzen sich beide Komponenten, wodurch das Bild über dessen illustrativen Charakter hinaus fungiert (vgl. Baur 1977: 11). Dies ist für die Figurenzeichnung relevant, da Figuren sich selber durch ihre Handlungen charakterisieren und die Handlung im Comic sowohl durch Bild als auch durch Sprache realisiert wird. Dies ist ein deutlicher Abgrenzungspunkt zur klassischen Figurenzeichnung in herkömmlicher Literatur. Grünewald (2000: 28) erläutert dies folgendermaßen:

„Das spezifische Mittel, mit dem in unserem Fall Geschichten erzählt werden, ist die narrative Bildfolge, konkreter: eine Folge statischer Einzelbilder, die mit Text (Schrift) eine inhaltliche und formale Einheit bilden können, aufeinander bezogen sind und als Ganzes wirken. Damit mischen und verbinden sich Simultanität (Einzelbild und – medienabhängig – das Gesamtangebot oder das Einzel- oder Doppelblatt in Heft, Album oder Buch) und Sukzessivität (Bildfolge, Text), was spezifische Erzählweisen und Rezeptionsanforderungen ermöglicht und verlangt.“

Hieran wird deutlich, weshalb Comics auch als hybrides Medium bezeichnet werden, auch wenn dadurch dem Comic der Status eines eigenständigen Mediums verwehrt wird (vgl. Eder/Klar/Reicher 2011: 12). Eine weitere Besonderheit aufgrund der Bild-Text-Relation von Comics ist, dass ein Comic teilweise auch ohne Text beziehungsweise Worte auskommen kann. Dies gilt zwar nur so lange wie es die Handlung zulässt, jedoch wäre eine umgekehrte Variante undenkbar. Beispielsweise könnten zwei Seiten alleinstehender Text nicht funktionieren, da es sich dabei nicht mehr um ein Comic handeln würde, sondern um bloßen Prosatext (vgl. McCloud 2007: 134). Anzumerken ist zum Verhältnis von Sprache und Bild im Comic, dass Elemente dieser Komponenten nicht willkürlich innerhalb eines Comics gegenseitig ersetzt werden können, da dies zu Verständnisproblemen beim Rezipienten führen kann (vgl. Dolle-Weinkauf 1991: 73ff.).

Somit kann die Figurenzeichnung im Comic abschnittsweise und anteilig auch unabhängig von der geschriebenen Sprache erfolgen. Hierbei wird bewusst das Begriffspaar geschriebene Sprache verwendet, da Sprache dennoch in ungeschriebener Form als Sprachdenken auftreten kann (vgl. Grünewald 2005: 43). Dieses Verhältnis von geschriebener und ungeschriebener Sprache wird im nachfolgenden Unterkapitel weiter ausgeführt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Figurenzeichnung in Comics. Die Rolle der Sprache beim Konstruieren von Figuren in einem Text-Bild-Hybrid
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V507557
ISBN (eBook)
9783346062451
ISBN (Buch)
9783346062468
Sprache
Deutsch
Schlagworte
comics, comic, sprache, hybrid, text, bild, relation
Arbeit zitieren
Jan Seehorst (Autor), 2019, Figurenzeichnung in Comics. Die Rolle der Sprache beim Konstruieren von Figuren in einem Text-Bild-Hybrid, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507557

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