Tatort Beziehung. Körperliche, sexuelle und psychische Gewalt gegen Frauen in heterosexuellen Intimpartnerschaften. Ausmaß, Formen und Coping-Strategien


Hausarbeit, 2016

46 Seiten, Note: 14 Punkte


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

I. Definitionen
1. Intimpartnerschaften
2. Gewaltbegriff

II. Ausmaß
1. Entstehung von Gewalt in Intimpartnerschaften
a) Feministische und patriarchatskritische Erklärungsansätze
b) Lerntheoretische Erklärungsansätze
c) Ressourcentheorie
d) Stress- und Bewältigungstheorie
e) Barnett
f) Allgemeine Risikofaktoren
2. Erklärungsansätze weiblicher Gewalterduldung
a) Cycle of violence
b) Verantwortungs- und Qualitätsübernahme für die Partnerschaft

III. Formen
1. Gewaltformen
a) Patriarchial terrorism
b) Common couple violence
2. Täterformen
a) Family only batters
b) Borderline batters
c) General violent batters
3. Handlungsformen
a) Physisch
b) Psychisch
c) Sexuell

IV. Coping- Strategien
1. Folgen für die Opfer
a) Körperliche Schäden
b) Psychologische Folgen
c) Psychosoziale Folgen
2. Coping- Strategien im Vergleich
a) Lazarus
b) Gemünden
c) Müller und Schröttle
3. Determinanten des Hilfesuchverhaltens

V. Präventions- und Interventionsmaßnahmen
1. Gugel
2. Individuell
3. Juristisch
4. Polizeiliche Maßnahmen
5. Zivilrechtliche Ansprüche
6. Internationaler Vergleich
7. Gesellschaftlich

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Meine Eltern vermittelten mir ein konservatives Rollenbild von Mann und Frau. Der Mann ist oberste und letzte Instanz, die Frau ist ihm mit den Kindern untergeordnet und hat klaglos zu funktionieren. (…) Ich war in meinen Mann nicht verliebt, er war nur zu dieser Zeit der Einzige, der mich wahrnahm. Sein Interesse galt aber nicht mir als Mensch oder gar als Frau, sondern der Hausfrau, Mutter und hin und wieder der Geliebten. Diese Verhaltensweise war ich von zu Hause gewöhnt. Als ich in der Hochzeitsnacht die erste Ohrfeige von meinem Mann bekam, dachte ich schon, das sein alles “normal”.[1]

Dies ist eine Aussage einer Frau, die bereits in ihrer Kindheit durch ihre Eltern Gewalt erfahren hat und die Fortsetzung dieser in ihrer eigenen Ehe miterlebte. Der genaue Hintergrund dieser Aussage, sowie Ausmaß und Formen von Gewalttaten gegen Frauen in heterosexuellen Intimpartnerschaften sollen im Folgenden erläutert werden. Im Anschluss werden Bewältigungsstrategien der Opfer und generelle Präventions- und Interventionsmaßnahmen genauer beschrieben. Zunächst jedoch zur Klärung der Begrifflichkeiten, welche in der Arbeit verwendet werden.

I. Definitionen

1. Intimpartnerschaften

Intimpartnerschaften sind mit vielen Begriffen assoziiert: beispielsweise Liebe, Verliebtheit oder Romantik. Neben der gleichzeitigen sexuellen und sozialen Gemeinschaft von Partnerschaften, ist bei Intimpartnerschaften Liebe das zentrale Agens für die Entstehung.2 Bei der Wahl eines Partners ist sie in unserem Kulturkreis gleichsam zur grundlegenden Bedingung geworden.3 In dieser Arbeit wird mit den Begriffen „Partnerschaft“, „(Paar-) Beziehung“, „Liebesbeziehung“ immer auf Intimpartnerschaften zwischen heterosexuellen Partnern Bezug genommen.

2. Gewaltbegriff

Der Gewaltbegriff wird je nach Anwendungsbereich sehr unterschiedlich definiert. Menschen neigen nach Kelly und Radford dazu, Gewalthandlungen (z.B. sexuelle Übergriffe in der Partnerschaft) nicht als Gewalt zu definieren, weil sie diese Handlungen als „normal“ betrachten.4 In dieser Arbeit beziehe ich mich auf die erweiterte Definition von Lösels5, welche auch die Vereinten Nationen unterstützt. Sie besagt: „Der Begriff „Gewalt gegen Frauen“ bezeichnet jede Handlung geschlechtsbezogener Gewalt, die der Frau körperlichen, sexuellen oder psychischen Schaden oder Leid zufügt oder zufügen kann, einschließlich der Androhung derartiger Handlungen, der Nötigung oder der willkürlichen Freiheitsberaubung in der Öffentlichkeit oder im Privatleben“.6 Auf die verschiedenen Formen von Gewalt wird später eingegangen (siehe S. 9.).

II. Ausmaß

Die Erfassung des Verbreitungsgrades von Partnergewalt ist mit einigen Problemen verbunden. Zunächst ist festzuhalten, dass diese Form des antisozialen Verhaltens sich in der Privatsphäre der beteiligten Personen vollzieht und damit der Wahrnehmung durch Dritte weitgehend entzogen ist. Partnergewalt wird gewöhnlich nur dann dokumentiert, wenn sie durch den Beteiligten selbst öffentlich gemacht wird. Die Bereitschaft, gewalttätiges Verhalten des Partners oder der Partnerin öffentlich zu machen, wird wiederum durch verschiedene Faktoren eingeschränkt, wie etwa Angst vor Repressalien des Täters und seines sozialen Umfelds, Misstrauen oder Schamgefühl gegenüber Strafverfolgungsbehörden.7 Deshalb ist schon an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass über alle Datenquellen hinweg bei der Abschätzung des Verbreitungsgrades von Partnergewalt von einer erheblichen Dunkelziffer auszugehen ist.8 Nach Schätzungen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist jede dritte bis fünfte Frau im Verlauf ihres Lebens mit körperlicher oder sexueller Gewalt konfrontiert, die von dem aktuellen oder ehemaligen Lebenspartner verübt wird.9

Fraglich ist jedoch, wieso es in einer Intimpartnerschaft, und somit an einem Ort, der in den Augen vieler sinnbildlich für Geborgenheit, Vertrauen und Sicherheit steht, zu solchen Gewalthandlungen kommt. Dazu gibt es unterschiedliche Theorien.

1. Entstehung von Gewalt in Intimpartnerschaften

a) Feministische und patriarchatskritische Erklärungsansätze

Die erste Theorie führt feministische und patrarchatskritische Erklärungsansätze an. Dafür ist zunächst zu klären, was ein Patrichat ist. Dabei handelt es sich um ein „(…) System sozialer Strukturen und Praktiken, in denen Männer Frauen dominieren, unterdrücken und ausbeuten“10. Feministische und patriachatskritische Erklärungsansätze betonen patriarchale Gesellschaftsstrukturen, geschlechterspezifische und gesellschaftliche Rollenzuschreibungen, eine privilegierte Stellung der männlichen Gesellschaftsmitglieder aus- und innerhalb der Familie, die ungleiche Machtverteilung zwischen den Geschlechtern und die männliche Kontrolle über Frauen.11 Bereits in der kindlichen Sozialisation werden Mädchen und Jungen mit geschlechterspezifischen Rollenbildern konfrontiert. Patriarchale Gewalt ist die Folge patriarchaler Tradition.12 Diese Vermittlung genügt für die Männer, ihre Frauen zu kontrollieren und zu besitzen. Der Täter möchte dabei Macht über seine Partnerin erhalten. Auch die Ergebnisse einer Studie von Godenzi13 unterstreichen die Bedeutung des Kontrollmotivs: bei einer Befragung gaben mehr als sie Hälfte der Frauen an, aus Machtbedürfnisses seitens des Mannes vergewaltigt worden zu sein.

b) Lerntheoretische Erklärungsansätze

Eine andere Theorie versucht die Entstehung von Gewalt mit lerntheoretischen Ansätzen zu erklären. Sie besagt, dass Kinder innerhalb des Sozialisationsprozesses gängige Gewaltformen der Familie zu übernehmen lernen.14 Sie lernen mittels Gewalt Werte, Normen, Gewohnheiten und Rollen der Familie und der Gesellschaft kennen und übernehmend diese. Dabei lernen sie insbesondere die Anwendung und Nützlichkeit von Gewalt.15 Das folgende Zitat soll die Verbindung zwischen Familie, Sozialisation und Gewalterfahrung verdeutlichen.

„Die Familie ist die Institution und die soziale Gruppe, in der die Rollen von Mann und Frau sowie Eltern und Kindern erlernt werden. Das eigene Zuhause ist der wichtigste Ort, an dem man mit unterschiedlichen Stressfaktoren, Krisen und Frustrationen umzugehen lernt. In vielen Fällen ist das eigene Zuhause aber auch Ort, an dem zum ersten Mal Gewalt erlebt wird. Dabei wird nicht nur das gewalttätige Verhalten selbst, sondern auch die Rechtfertigung eines solchen Verhaltens erlernt.16 Der Hintergrund für Gewalt in Familien und späteren Partnerschaften liegt im Behaviorismus.17 Dieser verfolgt den Grundsatz, dass menschliche Handlungen äußeren Umweltreizen und Verstärkungen unterliegen bzw. von diesen beeinflusst werden mit der Folge einer möglichen Verhaltensmodifikation.18 Dazu ein Beispiel aus dem Bereich des Modellernens19. Die Kinder wenden ihr Verhalten in der Phase der Aufmerksamkeitszuwendung ihrem Vater zu, welcher ihre Mutter schlägt. In der Behaltphase speichern die Kinder das Verhaltensschema des Vaters ab und in der Reproduktionsphas e üben sie das Verhalten. In der Verstärkungs- und Motivationsphase entschieden die Kinder, ob sie das Verhalten ihres Vaters imitieren.20 Da der Vater mit seiner gewalttätigen Handlung sein Ziel erreicht hat, die Verhaltensmodifikation der Mutter, ist es wahrscheinlich, dass die Kinder das Verhalten ihres Vaters imitieren.21 Die Identifikation mit dem Täter bzw. dem Opfer und somit die Verhaltensübernahme dessen wird durch erlernte Rollenbilder übernommen. In ihrer wichtigsten Sozialisationsphase lernen Kinder dann wie Konflikte und zwischenmenschliche Konflikte bewältigt werden. Haben sie gelernt, dass dies mittels Gewalt funktioniert, werden sie dieses Verhalten aller Wahrscheinlichkeit nach imitieren und in ihr eigenes Verhaltensmuster aufnehmen. Dieses Verhaltensmuster ist das einfachste, weil es vertraut ist, Sicherheit gibt und keiner Änderungen bedarf.

c) Ressourcentheorie

Eine weitere Erklärung bietet die Ressourcentheorie. Grundsätzlich gilt dabei: Je mehr Machtträger, desto mehr Ressourcen oder Kapitalanlagen hat eine Person.22 Bourdieu teilt Kapital auf in ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital.23 Ökonomisches Kapital ist dabei „(…) unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar und eignet sich besonders zur Institutionalisierung und der Form des Eigentumsrechts (…)“24. Kulturelles Kapital ist die Aneignung von Fähigkeiten, Fertigkeiten und akademische Titel. Soziales Kapital sind Ressourcen, welches sich aus zwischenmenschlichen Beziehungen ergeben, institutioneller oder privater Art. Je mehr ökonomische, kulturelle und soziale Ressourcen Menschen besitzen, desto mehr Macht und umso mehr Möglichkeiten haben sie, diese gegen andere Personen auszuspielen. Menschen, die über viele Ressourcen verfügen, sind mächtig und können diese Macht auch ohne Androhung von Zwang äußern oder symbolisieren.25 Menschen, die gerne über Macht verfügen würden, diese aber auf Grund mangelnder Ressourcen nicht besitzen, suchen sich andere Möglichkeiten, diese zum Ausdruck zu bringen. Da sie über oben genannte Möglichkeiten auf Grund mangelnder Kapitalanlagen nicht verfügen, werden sie auf Formen der Gewalt zurückgreifen.26 Das Verhalten anderer wird sozial kontrolliert, um eine Verhaltensmodifikation des Gegenübers zu erreichen, aber nur, wenn keine anderen Möglichkeiten bestehen.27 Auch wird Gewalt angewendet, wenn Wünsche und Bedürfnisse nicht formuliert werden können.28

d) Stress- und Bewältigungstheorie

„Partnergewalt entsteht auf Grund von Stress oder auf Grund eingeschränkter Bewältigungsstrategien“.29 Dies besagt eine weitere Theorie von Gelles. Grundsätzlich ist Stress dafür verantwortlich, dass in gewissen Situationen nicht mehr mit normgleichen Bewältigungsformen reagiert werden kann. Der Selbstwert muss dabei durch normwidriges Verhalten aufrechterhalten werden.30 Insbesondere Partnerschaften bieten Raum für Gewalt, denn Belastungen müssen bewältigt werden. Zumindest dann, wenn es zu wenig außerpartnerschaftliche Ausgleichsmöglichkeiten gibt.31 Gewalt kommt also einer ausgleichenden Wirkung nah. Oftmals werden von den gewaltausübenden Personen Stresssituationen als Entschuldigung für Gewalthandlungen benutzt.32

e) Barnett

Auch Barnett hat in einem umfangreichen Review die möglichen Beweggründe von Frauen dargestellt, warum sie ihren gewalttätigen Partner nicht verlassen.33 In diesem Review wird zwischen externalen und internalen Hinderungsgründen differenziert. Bei den externalen Gründen steht die ökonomische Abhängigkeit der Frauen von den Männern an erster Stelle, aber auch der Mangel an (adäquater) Unterstützung z.B. am Arbeitsplatz oder durch die Gemeinde spielt eine entscheidende Rolle.34 Als internale Hinderungsgründe erläutert Barnett die Bedeutung mehrere Faktoren: Zunächst die weibliche Sozialisation. Dabei werden Frauen dazu erzogen, Anerkennung durch männliche Partner zu suchen, so dass ihnen eine Trennung schlimmer erscheint als (sporadische) Gewalthandlungen.35 Die steigende Angst vor Gewaltausbrüchen, die Frauen emotional aber nicht rational handeln lässt und der angstbedingte Stress, der Frauen erstarren und untätig werden lässt, stellen weitere Hinderungsgründe dar. Ebenso spielt das „Sich-Schuldigfühlen“ für die Gewalt, die Frauen annehmen lässt, sie könnten die Situation und den gewalttätigen Partner durch die Liebe verändern, eine große Rolle. Auch psychische Folgeprobleme, die mit Vermeidungsstrategien einhergehen, wie Depressionen und niedriges Selbstwertgefühl, bilden internale Hinderungsgründe. 36 Als weiteren hindernden Grund für die Inanspruchnahme von spezifischen Beratungsangeboten wurde angegeben, dass die Gewalt bzw. die gewaltbedingten Verletzungen nicht gravierend genug gewesen seien, um die Angst vor Unglaubwürdigkeit und einen Statusverlust wegen dem verarbeiteten Stereotyp, Gewalt in Paarbeziehungen sein vornehmlich in niedrigen Sozialschichten zu finden, in Kauf zu nehmen.37

Gewalt kann ihren Ursprung also in verschiedenen Bereichen haben. Eine solche Unterscheidung in verschiedene Erklärungsansätze biete die Möglichkeit des frühzeitigen Erkennens von Gefahren und des frühzeitigen, präventiven Handelns.

Obwohl die Gefahr der Viktimisierung ein Jedermanns- bzw. „Jederfrau-Risiko“38 ist, gibt es jedoch auch außerhalb dieser Erklärungsansätze bestimmte Risikofaktoren, die die Gefahr der Viktimisierung erheblich erhöhen.

f) Allgemeine Risikofaktoren

In Bezug auf Risikofaktoren auf der Beziehungsebene belegen empirische Studien einen Zusammenhang zwischen Partnergewalt und hoher Konfliktfrequenz, geringen Kommunikationsfähigkeit der Partner, Dauer der Partnerschaft sowohl verbaler Aggression zwischen den Partnern.39 Auf sozialer Ebene besteht ein Zusammenspiel von fehlender sozialer Unterstützung bzw. Isolation, das Beobachten elterlicher Gewalthandlungen (Witnessing40 ), Arbeitslosigkeit und niedriges Einkommen.41 Auf der Ebene der situationsspezifischen Bedingungsfaktoren steht vor allem der Konsum von Alkohol und Drogen mit einer Erhöhung der Wahrscheinlichkeit von Gewalt in Beziehungen im Zusammenhang.42 Hervorzuheben ist hierbei, dass nicht nur der Alkohol- und Drogenkonsum des Täters, sondern auch der des Opfers, zu einer Erhöhung des Risikos beiträgt. Als Wirkmechanismen ist auf Täterseite die verminderte Informationsverarbeitungskapazität und Affektkontrolle unter Alkoholeinfluss anzusehen, auf Opferseite die verringerte Fähigkeit, aggressives Verhalten des Partners vorherzusehen und geeignete Schutzmaßnahmen zu ergreifen.43

Kumulieren einige der genannten Faktoren, so ist die Wahrscheinlichkeit von Gewalttaten in der Beziehung besonders hoch.

2. Erklärungsansätze weiblicher Gewalterduldung

Für viele scheint es naheliegend, dass sich die Paare nach einem einschneidenden Gewalterlebnis voneinander trennen und nichts mehr miteinander zu tun haben wollen. Dem ist jedoch meistens nicht so. Laut einer Studie nach Makepeace44 trennen sich nur die Hälfte der Paare (55,3%), in denen physische Gewalthandlungen mehrmals auftraten. Die andere Hälfte blieb zusammen. Einige vertieften sogar ihre Partnerschaft (28,9%), wohingegen sich bei 15,8% die Beziehung nicht veränderte. In der Untersuchung von Henton et al.45 blieben 41% der Paare, bei denen physische Gewalt vorgekommen war, zusammen. Auffällig ist hinzu, dass sogar nach einer Phase des Selbstschutzes in einer Interventionseinrichtung etwa ein Drittel der schutzsuchenden Frauen zu dem gewalttätigen Partner zurückkehren.46 Doch wie dies erklärbar? Im Folgenden ein paar Modelle dazu.

a) Cycle of violence

Lenore Walker konstruierte 1984 den cycle of violence. Die psychodynamische Basis eines solchen Musters ist eine komplementäre Beziehungsstruktur, in der sich das grenzüberschreitende, unkontrollierte und gleichzeitig kontrollierende Verhalten des Mannes und das hinnehmende, paralysierte Verhalten der Frau gegenseitig verstärken.47

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Teufelskreismodell der Partnergewalt (nach Walker, 1984) Quelle: Böhm, S. 51

Das Teufelskreismodell ist dabei in drei Phasen unterteilt. In der ersten Phase, der Anspannungsphase, zeigt der Täter erste aggressive Handlungen im Kontext von Ärger-Erregung, Schuldzuweisungen und Streitereien. Der Partner versucht dabei, die Situation zu entschärfen. In der akuten Gewaltepisode erfolgt die Gewaltausübung gegen den Partner, welches durch ein äußeres Ereignis oder den Verlust emotionaler Kontrolle verursacht wird. Schlussendlich kommt es zur letzten Phase, in der der Täter Reue zeigt und um Verzeihung bittet.48 Der Mann wird durch diesen Mechanismus immer sicherer, dass ihm nichts passiert und die Frau ihn nicht verlässt. Gleichzeitig fühlt sich die Frau zunehmend stärker in der Beziehung gefangen, verliert ihr Selbstvertrauen und ist kaum noch zu selbständigen Handlungen in der Lage. Angst beherrscht den Alltag und die Überlebenssicherung wird in der Aufrechterhaltung respektiver Vorspiegelung von Normalität gesehen.49 Eine solche Abfolge wie in dem Modell führt zur Entwicklung „gelernter Hoffnung“ („learned hopefulness“), d.h. der zumeist unbegründeten Hoffnung, dass die Gewalt ein Ende finden und man mit dem Partner zu einer gewaltfreien Beziehung zurückkehren könne.50 Ebenso wie diese „gelernte „Hoffnung“ dazu führt, dass Opfer in gewalttätigen Beziehungen blieben, trägt auch die „gelernte Hilflosigkeit“, die sich aus der Opfererfahrung entwickelt, zur Stabilisierung von Beziehungsgewalt bei. Gelernte Hilflosigkeit bezieht sich auf die Erfahrung, dass zwischen dem eigenen Verhalten (Hier: der Konfliktvermeidung) und den sich daran anschließenden Konsequenzen (hier: der Partnergewalt) kein Zusammenhang besteht und das Individuum daher keine Möglichkeit der Steuerung der Konfliktdynamik durch eigene Anstrengung sieht.51 Diese Erfahrung unterminiert bei den Opfern von Partnergewalt das Gefühl der persönlichen Kontrolle und führt zu Passivität und unzureichenden Problembewältigungsversuchen52. Eine Trennung ist somit aus Sicht der Opfer nicht „notwendig“.

b) Verantwortungs- und Qualitätsübernahme für die Partnerschaft

Auch Handlungen der Frauen können zu Folgeproblemen und weiteren Gewalthandlungen in der Beziehung führen. Und zwar dann, wenn innerhalb gewaltgeprägter Beziehungen Frauen Männer in ihren Ansichten unterstützen und ihre eigenen Bedürfnisse unter die Bedürfnisse der Männer ordnen. Diese Frauen bringen eine starke Verantwortung für ihre Männer auf, fühlen sich für ihr Wohlbefinden verantwortlich und verlassen oftmals aus diesen Gründen nicht die Partnerschaft.53 Ein weiterer Grund die Partner nicht zu verlassen ist die ökonomische Abhängigkeit. Die Frauen haben Angst vor der Zukunft. Nach einer Trennung entstehen höhere Kosten für die Einzelnen, weil zwei Wohnungen unterhalten werden müssen. Nach der Trennung wird es den Frauen finanziell meist schlechter gehen.54

All dies sind Faktoren, welche die Beendigung der Partnerschaft oder das bloße Verlassen des Partners beeinflussen und für einige sogar unmöglich machen. Deshalb muss bereits hier erwähnt werden, dass das primäre Ziel von Interventionsmaßnahmen darin bestehen, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen und den Opfern Alternativen zum Verbleib in einer gewalthaltigen Beziehung zu eröffnen.55

Falls eine Flucht zunächst nicht möglich ist, gibt es verschiedene Formen der Gewalt und der Gewaltanwendung, die die Opfer dann weiterhin über sich ergehen lassen müssen.

III. Formen

1. Gewaltformen

Im Bereich der Forschung über Beziehungsgewalt wird hauptsächlich zwischen zwei verschiedenen Gewaltformen unterschieden.

a) Patriarchial terrorism

„Patriarchal terrorism“ tritt als einseitige Gewalt in Form des unterdrückenden Kontrollmodus auf.56 Die allgemeine Macht und das Motiv der Kontrolle und Überlegenheit spielen bei dieser Gewaltform eine bedeutende Rolle.57 Diese Gewaltform wird relativ häufig ausgeübt um Widerstand zu unterdrücken oder um Macht zu beweisen. Auf Grund der Eskalationsprozesse ist die durchschnittliche Schwere der Gewalt besonders hoch.58

b) Common couple violence

Die „common couple violence“ hingegen bezeichnet eskalierende Konflikte als Teil der alltäglichen Streitkultur.59 Sie beinhaltet keine allgemeinen Muster von Macht und Kontrolle und bricht als Reaktion auf einen bestimmten Konflikt aus. Im Vergleich zur „patriarchial terrorism“ ist diese Gewaltform weniger geschlechterspezifisch und tritt seltener in Beziehungen auf und eskaliert langsamer.60

Welche Gewaltform eher angewendet wird, ist abhängig von der Situation und der Täterform.

2. Täterformen

Auf der Grundlage früherer Systematisierungsversuche haben Holtzworth- Munro und Stuart (1994)61 eine integrative Typologie vorgestellt, die zwischen drei Ausprägungen männlicher Täter unterscheiden.

a) Family only batters

„Family only batters“ bezeichnet Täter, deren aggressives Verhalten auf die Partnerschaft beschränkt ist. Diese Täter zeigen keine psychopathologischen Auffälligkeiten und treten nur durch physische, nicht jedoch durch sexuelle Gewalt in Erscheinung. Etwa 50% der Täter von Partnergewalt werden dieser Kategorie zugeordnet.62

b) Borderline batters

Emotional insabile Täter, deren aggressives Verhalten überwiegend, aber nicht ausschließlich im familiären Umfeld stattfindet, werden als „borderline batters“ bezeichnet. Die Männer in dieser Gruppe erzielen sowohl physische als auch sexuelle Aggression und machen etwa 25 % der Täter aus.63

c) General violent batters

Als „general violent batters“ werden Täter mit hoher allgemeiner Gewaltbereitschaft bezeichnet, die sowohl innerhalb auch außerhalb der Familie durch aggressives Verhalten auffallen und sowohl körperliche als auch sexuelle Gewalt zeigen. In diese Gruppe fallen etwa 25% der Täter.64

Die drei Täter-Typen unterscheiden sich nicht nur in der Manifestation aggressiven Verhaltens gegenüber Beziehungspartnern, sondern auch in den Bedingungsfaktoren, die für die Entstehung des Gewaltpotentials angenommen werden. Abbildung 2 umfasst die wesentlichen Unterschiede in den Risikofaktoren für Partnergewalt in Bezug auf die drei Täter- Typen.65

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Beitrag der Bedingungsfaktoren zur Vorhersage von Partnergewalt bei unterschiedlichen Täter-Typen (nach Holtzworth-Munroe & Stuart, 1994) Quelle: Krahé, S. 12

Die Tabelle verdeutlicht, dass der Einfluss der Bedingungsfaktoren insbesondere beim „generally violent batter“ eine große Rolle spielt. Die Täterform des „Family only“ wird hingegen bezüglich der Vorhersage von Partnergewalt kaum von den Risikofaktoren beeinflusst. Die Vorhersage von Partnergewalt bei der „borderline“- Täterform wird insbesondere durch Missbrauchserfahrungen in der Kindheit und feindseligen Einstellungen geprägt. Empathie und der Umgang mit derivativen Peers spielt hingegen eine geringe Rolle bei der Vorhersage von Partnergewalt.

[...]


1 Ueckeroth, S. 50.

2 Nummer/Winkler, S. 32.

3 Nini, S. 25.

4 Kelly/Radford, S. 70.

5 Lösel/Bender, S. 49.

6 United Nations, S. 36.

7 Harris, S. 79.

8 Krahé, S. 3.

9 Müller/Schröttle, S. 104.

10 Meuser, S. 149.

11 Dobash/Dobash, S. 923.

12 Dlugosch, S. 34f.

13 Godenzi, S. 49.

14 Allen, S. 39.

15 Goode, S. 627.

16 Gelles, S. 1068.

17 Lundberger-Love/Marmion, S. 39.

18 Lundberger-Love/Marmion, S. 39f.

19 Conradi/Geffner, S. 67.

20 Raithel et al., S. 69.

21 Lamnek., S. 94.

22 Geselles, S. 1068.

23 Bourdieu, S. 49 ff.

24 Bourdieu, S. 52.

25 Gelles, S. 1068f.

26 Gelles, S. 1068.

27 Lamnek, S. 90.

28 Kolk/Streeck-Fischer, S. 1033.

29 Gelles, S. 1068.

30 Böhnisch, S. 21f.

31 Böhnisch, S. 95f.

32 Kaiser, S. 37.

33 Barnett, S. 45.

34 Brzank Diss, S. 35.

35 Barnett, S. 45.

36 Barnett, S. 47.

37 GiG-net, S. 114, 119ff, 125f.

38 Brzank, S. 16.

39 Gilbert/Eby, S. 225.

40 Allen, S. 13.

41 Collis, S. 103.

42 Barnett et al., S. 73.

43 Bryfonsk, S. 26.

44 Makepeace, S. 102.

45 Henton et al., S. 477.

46 Krahé, S. 13.

47 Donaldson et al., S. 83.

48 Böhm, S. 49.

49 Brückner, S.780.

50 Brückner, S. 781.

51 Diaz/Hayes, S. 212.

52 Walker, S. 1179.

53 Brückner, S. 796f.

54 Gemünden, S. 253ff.

55 Krahé, S. 19.

56 Hamel, S. 25.

57 Próspero, S. 643.

58 Eckardt/Murphy, S. 13.

59 Jarchow et al., S. 67.

60 Roberts, S. 87.

61 Holtzworth-Munro/Stuart, S. 34.

62 Fiebert/Gonzales, S. 83.

63 Hamel, S. 20.

64 Krahé, S. 11.

65 Krahé, S. 12.

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Tatort Beziehung. Körperliche, sexuelle und psychische Gewalt gegen Frauen in heterosexuellen Intimpartnerschaften. Ausmaß, Formen und Coping-Strategien
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
14 Punkte
Autor
Jahr
2016
Seiten
46
Katalognummer
V507581
ISBN (eBook)
9783346085160
ISBN (Buch)
9783346085177
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriminologie, Strafrecht, Soziologie, Psychologie, Gewalttaten, Beziehungen
Arbeit zitieren
Linda Maria Schneller (Autor), 2016, Tatort Beziehung. Körperliche, sexuelle und psychische Gewalt gegen Frauen in heterosexuellen Intimpartnerschaften. Ausmaß, Formen und Coping-Strategien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507581

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