Das Konzept der "Sorge um sich". Der Entwurf einer ethischen Haltung in der Sozialen Arbeit


Hausarbeit, 2010

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Foucault und Schmid

2 Die Sorge um sich
2.1 Was ist unter der „Sorge um sich“ zu verstehen?
2.2 Das Subjekt der Sorge um sich
2.3 Was meint „Sorge“ und worauf bezieht sie sich?
2.4 Praktizierung von Selbstsorge
2.5 Was ist der Sinn der Selbstsorge?

3 Die Ethik der Selbstsorge als Praxis der Freiheit
3.1 (Praxis der) Freiheit und Kritikfähigkeit
3.2 Selbstsorge = Selbstnormalisierung!?
3.3 Ethische Haltung und Sorge um andere

4 Selbstsorge als Zielsetzung der Sozialen Arbeit

Schlussbemerkung

Quellenverzeichnis
Literatur
Sonstige Quellen

„… ein ständiger Balanceakt, schwankend und oszillierend, nicht gänzlich durchrationalisiert, um seine Sensibilität nicht zu verlieren, auch nicht völlig den Gefühlen überantwortet, um eine reflektierte Haltung zu ermöglichen, stark genug, um auch schwach sein zu können, von Selbstzweifeln herausgefordert zur immer neuen Verständigung über sich selbst.“

Wilhelm Schmid 1998, S. 256

Einleitung

Der soziale Wandel in der westeuropäischen Gesellschaft seit Mitte der 1960er Jahren wird in den Geisteswissenschaften oftmals als Pluralisierung und Ausdifferenzierung der Lebensstile sowie mit dem Begriff der Individualisierung beschrieben. Lebensläufe scheinen sich immer flexibler, breiter, offener und entkoppelt von traditionellen Zusammenhängen zu gestalten (vgl. Peuckert 2008: 326ff). Sind diese Erscheinungen Ausdruck einer Wendung der breiten Masse hin zu sich selbst als Individuen? Taucht in der Gesellschaft die Erinnerung an die Erkenntnis wieder auf, deren Fehlen Michel Foucault in einem Interview einst bedauerte, nämlich „daß das entscheidende Kunstwerk, um das man sich bemühen, der entscheidende Bereich, auf dem man ästhetische Werte anwenden muß, man selbst, das eigene Leben, die eigene Existenz ist“ (Foucault 1994: 283)?

In der folgenden Hausarbeit sollen die Grundbausteine einer möglichen Hinwendung zu sich durch das Konzept der „Sorge um sich“, die im engen Zusammenhang mit der „Ästhetik der Existenz“ steht, beleuchtet werden. Darin eingefasst ist eine ethische Grundhaltung, die im Kontext der beschriebenen gesellschaftlichen Tendenzen Ausgangslage für eine Selbstmächtigkeit sein kann, die es nicht versäumt, sich um sich selbst, das Andere und die Anderen zu sorgen.

Nach einer konturierenden Einordnung der Werke, auf welche sich die folgende Hausarbeit hauptsächlich stützt (1. Kapitel), sollen vor deren Hintergrund die wichtigsten Aspekte im Konzept der Selbstsorge beschrieben werden (2. Kapitel). Davon ausgehend interessiert mich im dritten Kapitel, inwiefern sich die Sorge um sich als Praxis der Freiheit verstehen lässt und weshalb und auf welche Weise diese als Ethik aufgefasst werden kann. Für die Sozialpädagogik scheint hierbei besonders interessant, auf welche Weise die Selbstsorge als Kompetenz professioneller Sozialpädagog_innen auch die Sorge um andere einschließt oder sogar begünstigen kann. Daran anschließend sollen im vierten Kapitel mögliche Lesarten für eine ethische Haltung der Sorge um sich in der Sozialen Arbeit sowie diesbezügliche Umsetzungsweisen angedeutet werden. Einigen abschließenden Gedanken und offenen Fragen, denen weiterhin nachzugehen bleibt, werde ich in der Schlussbemerkung Raum geben.

1 Foucault und Schmid

Michel Foucault (*1926, †1984) hatte ab 1970 den Lehrstuhl „Geschichte der Denksysteme“ am Collège de France inne. Die „komplexe Konstellation von Denken, Schrift, Lektüre und Aktion“ (Schmid 1991: 13) bei Foucault beinhaltet und verknüpft Elemente aus Philosophie, historischer Analyse, Soziologie und Psychologie.

Foucaults Erkenntnisinteresse hangelte sich zunächst an Fragen der Verknüpfung von Wissen, Wahrheit und Macht entlang. Anhand historischer Diskurse aus der Geschichte der Psychiatrie, der Medizin u.a. unterzog er die Konstitution von Wissen als Wahrheit und wie diese mit Machtverhältnissen und Machtmechanismen verknüpft ist seiner Analyse. Darin erschien das Subjekt vor allem als Produkt von Machtverhältnissen. Später verlagerte sich Foucaults Interesse stärker auf die Verbindung von Subjekt und Wahrheit und inwiefern sich subjektive Freiheit konstituieren kann. In meinen Ausführungen berufe ich mich primär auf Schriften und Gespräche des ‚späten Foucaults‘ der 1980er Jahre, der dort als „Begründer der Ethik als Lebenskunst“ (ebd.: 11) auftritt.

Stark beziehe ich auch die Weiterentwicklungen des deutschen Philosophen Wilhelm Schmid (*1953) ein. Zum einen geht es in „Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst“ (1991) um seine systematische Aufbereitung des Foucaultschen Werks. Zum anderen erarbeitet er in „Philosophie der Lebenskunst“ (1998) vor dem Hintergrund u.a. der Ansätze Foucaults zur Sorge um sich und ihrer Einbettung in eine Philosophie der Lebenskunst deren Ausformulierung hinsichtlich unterschiedlicher Anwendungsbereiche und bezieht diese auf aktuelle, gesellschaftlich relevante Fragestellungen.

2 Die Sorge um sich

Zu Beginn einer Sitzungsgestaltung zum Thema der Sorge um sich gab ich in die Runde der Studierenden die folgende Sammlung teils von Foucault entliehener Begrifflichkeiten zu lesen, die eine Zuwendung zu sich selbst beschreiben:

„sich um sich selbst kümmern“, „Sorge um sich selbst tragen“, „sich in sich selbst zurückziehen“, „Freude an sich selbst finden“, „Genuss allein mit sich selbst finden“, „in Gesellschaft mit sich selbst bleiben“, „sich selbst Freund sein“, „in sich wie in einer Festung sein“, „sich pflegen“, „sich selbst achten“, „sich an sich selbst begeistern“ (Foucault 2004: 28f)

Die Seminarteilnehmerinnen fassten diese Begriffsansammlung als schön klingend auf. Gleichzeitig wurde bedauert, dass die zum Ausdruck gebrachte Bewegung nicht selbstverständlich sei, sondern des Erkämpfens von (Eigen-)Raum bedürfe. Als weitere Voraussetzung dafür müsse man meistens erst in speziellen Kreisen an eine solche Art des bewussten Selbstumgangs herangeführt werden, eben weil sich diese in ‚unserer Gesellschaft‘ selten von selbst verstehe (vgl. Sonstige Quellen).

Foucault ergänzt in seiner Vorlesung von 1982, dass uns eine gewisse Tradition davon abhalte, die genannten Formulierungen intuitiv als positiv zu bewerten. Entweder erscheine die Haltung, die darin wiedergespiegelt wird, als „ein bewußter ethischer Bruch“, der egoistisch anmutet, da darin „die Bestätigung und Herausforderung eines höchst individuellen und ästhetischen Stadiums“ (ebd.: 29) zum Ausdruck kommt. Oder wir finden darin den „leicht melancholische[n] und traurige[n] Ausdruck eines sich auf sich selbst zurückziehenden Individuums“ (ebd.), das der Welt entflohen ist. In beiden Fällen ist es der Individualismus sowie die damit in Verbindung gebrachte Abkehr von anderen, die uns keine gänzlich bejahende Haltung dazu erlaubt. Diese Perspektive entspringt Foucault zufolge Jahrhunderten strenger Morallehren, die Selbstverzicht und Nächstenliebe als Gebote groß schrieben (vgl. ebd.: 30).

Foucault gräbt die Selbstsorge als philosophisches Grundthema der Antike wieder aus. Seinen Ausarbeitungen gemäß spielt die griechische Losung „epiméleia heautoû“ (Sorge um sich) eine wichtige Rolle von der Zeit der frühen Formen philosophischer Haltung und Askese bei den Griechen bis zu den frühen Formen christlicher Askese. Im Gegensatz zum Gebot „gnothi seauton“ (Erkenne dich selbst) wurde dieses gewichtige Thema in der westlichen Philosophie der letzten Jahrhunderte vernachlässigt und fallen gelassen, was damit einhergeht, dass die Sorge um sich aktuell keine gängige Lebenshaltung bezeichnet.1

Im Folgenden möchte ich nach und nach herausarbeiten, was unter der Sorge um sich zu verstehen ist, wie sich das Subjekt der Selbstsorge konstituiert und worauf die Selbstsorge abzielt.

2.1 Was ist unter der „Sorge um sich“ zu verstehen?

Einleitend bezeichnet die „Sorge um sich“ Foucault zufolge dreierlei. Zum einen ist sie mit einer „allgemeine[n] Haltung sich selbst, den andern und der Welt gegenüber“ (Foucault 2004: 26) verknüpft. Es handelt sich hierbei nicht lediglich um eine innere Einstellung, sondern um eine bewusst gewählte ganzheitliche Seinsweise, eine Kunst des Lebens, die Foucault als Ästhetik der Existenz bezeichnet. Die Ästhetik der Existenz findet in der Haltung, auch Stil der Existenz genannt, nicht nur ihren Ausdruck, sondern ebenso ihren Ursprung. Gemäß der Wandelbarkeit des Lebens ist diese Haltung keineswegs als statische anzusehen. Zur permanenten Pflege und Transformation seiner Haltung verwendet das Subjekt der Lebenskunst Sorge auf sich selbst.

Weiterhin impliziert die Sorge um sich eine bestimmte Art der Aufmerksamkeit und zwar in der Form, den Blick auf sich selbst zu richten, ihn nach innen zu kehren. Hiermit ist bereits die (selbst-)reflexive Denkform der Selbstsorge angesprochen.

Und nicht zuletzt ist die Sorge um sich mit Handlungen verbunden, „durch die man für sich selbst Sorge trägt, durch die man sich verändert, reinigt, verwandelt und läutert“ (ebd.: 27). Hier klingt erneut an, dass die Sorge um sich eine permanente Transformation des eigenen Selbst vorsieht. Wie kann dieses Selbst begriffen werden?

2.2 Das Subjekt der Sorge um sich

Bevor ich genauer beleuchten werde, was Form und Inhalt der Selbstsorge sind, soll zunächst das zugrunde liegende Subjektverständnis geklärt werden, auf dessen Basis auch das „sich selbst“ in der „Sorge um sich (selbst)“ zu verstehen ist. Es geht hierbei um die Sichtweise auf Subjekt als ein individuelles Selbst und wie sich dieses (selbst) konstituiert (vgl. Schmid 1991: 237).

Foucault vertritt keine phänomenologische oder essentialistische Theorie des Subjekts a priori, da er dem Subjekt keine Substanz unterstellt, sondern es als Form bzw. stete Performation sieht (vgl. Foucault 2005: 887). Hiernach ist das Subjekt insofern Subjekt als es „Subjekt von“ ist, also von Handlungen, Beziehungen und Verhalten (vgl. Foucault 2004: 84) – kurzum: das Subjekt ist ein Subjekt der Erfahrung, stets „ein aktuelles Subjekt, das sich in Selbstpraktiken und in der Offenheit der Erfahrung bildet“ (Schmid 1991: 240).2

Das Konzept vom Subjekt als Subjekt der Erfahrung impliziert auch, dass die Dichotomie von Identität und Differenz verworfen wird. Das Subjekt ist niemals „identisch“, denn es gibt nichts dem Subjekt Immanentes, keine Substanz, mit der es identisch sein könnte, im Sinne immanenter Eigenschaften wie Neigungen oder Vorlieben, die es an oder in sich selbst zu erkennen gäbe. Schmid setzt dem Begriff der Identität das Selbst entgegen. Dieses „multiple Selbst“ findet seine Kohärenz im Stil der Existenz (vgl. Schmid 1991: 11). „Entscheidend für die Organisation der Kohärenz […] des Selbst ist nicht das Gleichmaß der Identität, sondern die Abstufung der Ähnlichkeit, Ähnlichkeit im Verhältnis zu sich, zu Anderen und Anderem“ (Schmid 1998: 254). Es ist demnach ein Kernbereich bewusst festgehaltener Eckpunkte vorstellbar, die dem Selbst eine relative Beständigkeit garantieren, um in den „stufenweise weniger festgefügten, inneren und äußeren Peripherien“ (ebd.) Fluktuationsoffenheit zuzulassen.

Das Selbst umfasst zum einen das Ich, das unvermittelt agiert, wahrnimmt und reagiert. Zum anderen gibt es das Sich als Bezugnahme des Ich auf sich selbst, was ein Ausdruck der „epistemischen Selbstbeziehung“ ist, d.h. des erkennenden Bewusstseins von sich selbst (vgl. ebd.: 240). Die Fähigkeit des Selbst zur Selbstbetrachtung ergibt sich aus einer Art Teilung des Selbst in Subjekt und Objekt. Diese beiden Anteile sind weder identisch noch statisch, denn aus dem reflektierenden „Blick von Außen“ (ebd.: 256) geht das Selbst nie unverändert hervor. Jede Selbst-Reflektion geht mit einem Prozess einher, sich selbst zu befinden und zu formen. In dieser Schleife der Selbstgestaltung drückt sich die „ethisch-asketische Selbstbeziehung“ (ebd.: 241) aus.

Kommen wir nun auf die Sorge um sich zu sprechen, so ist sie es, die sich um die Formen der Selbstbeziehung kümmert.

2.3 Was meint „Sorge“ und worauf bezieht sie sich?

Kummer oder Sorge werden im Alltagsverständnis als ängstliche Sorge aufgefasst (vgl. Schmid 1998: 241), der in ihrer Befangenheit eine gewisse Passivität anhaftet, da sich das Subjekt bei ihr mit einer Gegebenheit wie Krankheit, finanzieller Lage, etc. konfrontiert vorfindet. Das Verständnis von Sorge, dem Foucault nachgeht, ist dementgegen die „kluge Sorge“ (lat. cura, gr. epiméleia), die, angetrieben von der ängstlichen Besorgnis, in Aktivität begriffen ist, um sich den eigenen Umständen zuzuwenden und sich ihrer durch Handeln bzw. durch das Erleben von Handlungsfähigkeit zu bemächtigen.

Bei der Selbstsorge (lat. cura sui, gr. epiméleia heautoû) handelt es sich um die kluge Sorge, die sich auf die Beziehung zu sich selbst richtet, sich also gewissermaßen zwischen sich als Subjekt und sich als Objekt aufspannt. Damit sind sowohl die inneren Bedingungen wie Gefühle, Gedanken und Beweggründe gemeint als auch das äußere, gestalt- und leibhafte Selbst (vgl. ebd.).

Dieser Sorge ist die Wahrnehmung seiner selbst vorausgesetzt (selbstrezeptiver Aspekt), um aktiv die Betrachtung seiner selbst (selbstreflexiver Aspekt) ausüben zu können. Die Praktik der Sorge steht im Kontext des Anliegens, sich selbst zu gestalten (selbstproduktiver Aspekt) und bringt eine Lebensform zum Ausdruck, die sich darum kümmert, das eigene Leben als Kunstwerk zu begreifen und ein dementsprechend gestalterisches Sein zu leben, „angeleitet von der Sorge um sich, die das Verhältnis zu sich selbst und zu Anderen organisiert und den Stil der Existenz etabliert“ (Schmid 1991: 252). Dieser Stil wird von der Kultur, die man sich selbst angedeihen lässt, von der Selbstsorge sozusagen permanent „korrigiert“ (vgl. ebd.: 249). Mit der Sorge um sich ist also keine bloße Aufmerksamkeit gegenüber eigenem Befinden gemeint, sondern die stete Sorge um eine reflexive Beziehung zu sich selbst, über die sich das Selbst erst konstituiert, welches somit „Ausgangspunkt und Gegenstand der Sorge“ ist (Schmid 1998: 245; Hervorhebung durch Autor).

Nun stellt sich die Frage, auf welche Weise das künstlerische Subjekt der Selbstsorge dies praktizieren kann.

2.4 Praktizierung von Selbstsorge

Wie ist die Haltung, die im Kontext der Ästhetik der Existenz als Stil ausgeübt wird, zu etablieren, zu gestalten, zu formen? Im Folgenden sollen weniger konkrete Techniken als vielmehr die Prinzipien der Praktizierung der Selbstsorge vorgestellt werden.

Der Aspekt der Selbstsorge, der über Selbstpraktiken und Selbsttechniken zur Selbstmächtigkeit befähigt, ist der asketische. Die Asketik bezeichnet die Gesamtheit der Praktiken im Kontext der Kunst des Lebens. Der Begriff hat durch das christliche Zeitalter eine Bedeutungsverschiebung erfahren, die ihn auf die Übung des Verzichts und der Enthaltsamkeit reduziert, obgleich Askese dem griechischen Ursprung nach lediglich eine Technik der Einübung bezeichnet, „mit deren Hilfe das Selbst sich und das eigene Leben formt und transformiert, und die leiblich, seelisch oder geistig zu vollziehen ist“ (Schmid 1998: 325).

Das Ziel, eine bestimmte Übung immer gewandter ausführen zu können, ist vor allem durch die Regelmäßigkeit, mit der sie durchgeführt wird, zu erreichen. Durch die regelmäßige Einübung einer körperlichen Tätigkeit, eines Verhaltens oder einer Denkweise verdichten sich diese zu Haltungen. Es ist also die zyklische Wiederholung einer Aktivität, durch die das Subjekt zu seinem Stil kommt. Gewohnheiten verleihen Stabilität und Positionierungsfähigkeit in den Machtgefügen, in denen sich das Subjekt befindet. Eine Gewohnheit stellt einen bewusst oder unbewusst festgehaltenen Punkt im Kernbereich des Selbst dar und stellt somit einen Ausgangspunkt zur Verfügung, einen Ort, eine „Wohnung“, von der aus wahrgenommen, reflektiert und gehandelt werden kann. Allerdings ist die Gewohnheit gefährlich, da sie dazu verleitet, Anderes außen vor zu lassen. Im Kontext der Selbstsorge heißt es deshalb stets „wache Sinne zu bewahren für all das, was jenseits des Gewohnten liegt, und so schliesslich über die Gewohnheit selbst zu wachen“ (ebd.: 332). Gleichwohl besteht die Aufgabe darin, „ein Netz von Gewohnheiten zu knüpfen, um in Räumen und Beziehungen wohnen und Lebenskunst pflegen zu können“ (ebd.: 327). Hierbei sind weniger die Gewohnheiten relevant, die das Subjekt auf seinem biografischen Weg unreflektiert verinnerlicht (hat), sondern die „autonomen Gewohnheiten“ (ebd.: 328). Damit sind bewusst gewählte und angeeignete Verhaltensweisen gemeint, die eventuell zunächst im Kontrast zu den kulturell und gesellschaftlich verinnerlichten stehen. Die Bearbeitung existenzieller Gewohnheiten kann eine langwierige Askese erforderlich machen.

[...]


1 Im Gegensatz zur Selbstsorge erscheint der philosophische Imperativ der Selbsterkenntnis alltäglich. Es ist üblich, von der Möglichkeit der Selbsterkenntnis auszugehen, das heißt der Möglichkeit herauszufinden, was den Kern des eigenen Seins ausmacht, um sich aus diesem Selbst-Bewusstsein heraus für eine bestimmte Lebensform zu entscheiden. Dies ist stark verbunden mit der Aufforderung zur eindeutigen Identität, was sich als Grundthema durch moderne Biographien durchzieht.

2 Eine hierzu entgegengesetzte Sichtweise geht von der Existenz des Subjekts als Substanz aus. Das heißt, das Subjekt ist (Existenz) und hat, um zu sein, was es ist, die Erkenntnis nötig, wie es ist (Essenz). Dies beschreibt das Cogito-Subjekt nach Descartes, womit von einem grundsätzlich erkennenden Subjekt ausgegangen wird, das keiner kreierenden Arbeit an sich selbst bedarf, um zu werden, sondern auch schon, bevor es auf eine bestimmte Art und Weise ist, dieses Sein in sich trägt (vgl. Foucault 2004: 31).

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das Konzept der "Sorge um sich". Der Entwurf einer ethischen Haltung in der Sozialen Arbeit
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Problemfelder und Interventionsformen der Sozial- und Rehabilitationspädagogik
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V507604
ISBN (eBook)
9783346058270
ISBN (Buch)
9783346058287
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbstsorge, Foucault, Sorge um sich, Wilhelm Schmid, Haltung, Soziale Arbeit, Sozialpädagogik, Praxis der Freiheit, Ästhetik der Existenz, Individualisierung, Sorge um andere
Arbeit zitieren
Sophia Schmilinsky (Autor), 2010, Das Konzept der "Sorge um sich". Der Entwurf einer ethischen Haltung in der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507604

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