Das Interview als qualitative Forschungsmethode

Inwieweit hat sich der Islam im Kosovo verändert?


Hausarbeit, 2019

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Die Entwicklung des Islam im Kosovo

2 Begriffsklärung

3 Ursachen und Merkmale islamischer Radikalisierung

4 Auswertung der Interviewausschnitte

5 Methoden und Vorgehen

6 Reflexion des Interviews

7 Fazit und Empfehlung

1 Die Entwicklung des Islam im Kosovo

Aktuelle Schlagzeilen wie „ Kosovo: Islamismus erobert den Balkan “ (Bayernkurier), „ Islamismus im Kosovo auf dem Vormarsch “ (Die Presse) oder „ Kosovo – Radikale Islamisten rekrutieren junge Muslime “ (deutschlandfunk), deuten darauf hin, dass mitten in Europa ein künftiger Hort des weltweiten Islamismus heranwächst. Jedoch ist der Kosovo laut Verfassung ein säkularer Staat, der neutral gegenüber religiösen Glaubensrichtungen ist. Michael J. Totten, ein amerikanischer Auslandskorrespondent aus Portland, berichtet in einem Artikel des City-Journal aus dem Jahr 2008 von seinen Eindrücken, die er im Kosovo sammeln konnte. Es gäbe nicht mehr verschleierte Frauen im Kosovo als in Manhattan und auch keine Spur einer genderspezifischen Apartheid. Zudem ginge man mit Alkohol genauso offen um, wie in jedem anderen westeuropäischen Land auch. Bis auf die Minarette gäbe es kein Anzeichen, dass 95,6% der kosovarischen Bevölkerung muslimisch ist. Darüber hinaus gehören 2,2% der Bevölkerung der römisch-katholischen Kirche an, während der orthodoxen Kirche lediglich 1,5% (Indexmundi 2017) angehören. Xhabir Hamiti, Professor der Islamwissenschaften an der Universität Pristina, beschreibt die Situation wie folgt: „Here people are Muslims, but they think like Europeans“. Ein amerikanischer Polizist erzählt, dass sich die Kosovo-Albaner als „Muslim[s] Lite“ identifizierten. Nach Angaben weiterer einheimischer gilt den Menschen die Religion vielmehr als eine – wenn auch wichtige – Privatangelegenheit und wird nicht öffentlich zur Schau gestellt. Unter der osmanischen Herrschaft konvertierte eine Vielzahl von Christen zum Islam, jedoch verwurzelte sich die Religion nie besonders stark. Nun stellt sich die Frage, was im letzten Jahrzehnt dazu geführt hat, dass der radikale Islam im Kosovo einen solchen Einfluss gewinnen konnte. Man könnte dies mit der Enttäuschung der Bevölkerung über die EU, der großen Perspektivlosigkeit innerhalb des Landes und der Arbeitslosigkeit in Verbindung setzen. Die Unzufriedenheit und Aussichtslosigkeit der Menschen, bedingt durch eine Arbeitslosenquote von über fünfzig Prozent und einer Jugendarbeitslosenrate von über achtzig Prozent, ist ein möglicher Impulsgeber für diesen Trend (Andrej 2017). Von extremer Armut betroffen sind etwa 17%, welche von weniger als 94 Cent pro Tag leben müssen. Etwa 45% der Bevölkerung lebt in absoluter Armut und muss mit weniger als 1,42 € pro Tag auskommen. Auch wenn man die Misere auf den Straßen der Großstädte des Kosovo nicht auf den ersten Blick erkennt, ist ein stetig wachsender islamistischer Einfluss festzustellen. Laut Feilicke spielen diesbezüglich Prediger aus Saudi-Arabien eine tragende Rolle (Feilicke 2017).

Ziel dieser Arbeit ist es, zu überprüfen, ob tatsächlich ein neuer Islamismus und eine islamische Radikalisierung im Kosovo stattfindet. Anhand meines Interviews werden aktuelle Tendenzen zum neuen Islamismus bzw. Prozesse der islamischen Radikalisierung im Kosovo analysiert. Zunächst werden Ursachen für Radikalisierung aufgezeigt. Als Grundlage für die Analyse dient eine Orientierungshilfe für Haupt- und Ehrenamtliche in der Arbeit mit geflüchteten Personen, die von der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes herausgegeben wurde. Diese hat eine Liste von Merkmalen aufgestellt, die es möglich machen sollen eine Radikalisierung zu erkennen. Anhand sorgfältig ausgewählter Interviewausschnitte wird untersucht, ob die Merkmale auf die Erfahrungen des Befragten zutreffen. Anschließend wird sowohl die Methode der Datenerhebung, als auch die Interviewform vorgestellt. Zur Sprache kommen außerdem die Leitfadenerstellung und die Interviewdurchführung. Außerdem wird die Interviewperson vorgestellt. Darüber hinaus werden einige Interviewausschnitte herangezogen, die interpretiert werden, um feststellen zu können, ob die Merkmale auf die Schilderungen des Befragten zutreffen. Abschließend wird über das Interview reflektiert und es werden Probleme, die dabei entstanden sind, aufgezeigt.

2 Begriffsklärung

Um einen besseren Einblick in das Themenfeld zu erhalten, ist es notwendig zunächst einige wichtige Begriffe wie Extremismus, Islamismus, Salafismus und Jihadismus zu klären.

„Als extremistisch werden solche Bestrebungen bezeichnet, die den demokratischen Verfassungsstaat und seine fundamentalen Werte, seine Normen und Regeln ablehnen und darauf abzielen, die freiheitliche demokratische Grundordnung [oder Teile von ihr] abzuschaffen und sie durch eine nach den jeweiligen Vorstellungen formierte Ordnung zu ersetzen. Gewalt wird dabei häufig als ein geeignetes Mittel zur Durchsetzung der eigenen Ziele gutgeheißen, propagiert und sogar praktiziert.“ (Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes 2018: 8).

Der Islamismus ist eine Sammelbezeichnung für eine politische Auffassung und Handlung, die im Namen des Islam auf eine gänzlich religiös legitimierte Gesellschafts- und Staatsordnung abzielt. Dabei wird die Religion für politische Zwecke und Ziele instrumentalisiert. Die verfolgten Ziele stimmen keineswegs mit der freiheitlich demokratischen Grundordnung überein. Es wird beabsichtigt den Islam zur verbindlichen Leitlinie für das komplette gesellschaftliche Leben zu machen, was zur Folge hätte, dass es keine Trennung zwischen Staat und Religion gäbe. In welchem Ausmaß dies praktiziert wird ist unterschiedlich. Einige Gruppen versuchen „ihre Gesellschaftsordnung im Rahmen der geltenden Gesetze zu verwirklichen“, andere „sind offen für die Begehung von Straftaten bis hin zur Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele“ (Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes 2018: 7).

Als Salafisten gelten diejenigen, die sich an den ersten drei Generationen der Muslime, die „rechtschaffenen Altvorderen“, orientieren. Ihr Ziel ist es genauso zu Leben wie es der Prophet Muhammad im 7. Jahrhundert als richtig beschrieben habe. Das entscheidende ist hierbei, dass sich die Salafisten unmittelbar am Wortlaut der heiligen Schrift des Islams orientieren. Sie bilden eine Minderheit unter den Muslimen. Außerdem verstoße

„jeder Versuch, das wortwörtliche Verständnis der Formulierungen in Koran und Sunna zu hinterfragen und sie nach den dahinterstehenden Werten und Zielen zu befragen, wie es in der islamischen Geistesgeschichte über Jahrhunderte verbreitet war und für die meisten Muslime heute noch üblich ist, gegen die Unveränderlichkeit der göttlichen Botschaft“ (Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes 2018: 8f).

Im Salafismus ist man überzeugt, dass sie den einzig wahren Islam kennen und leben. All diejenigen, die eine andere Art von Islam praktizieren, gelten für sie als „Abweichler“ oder gar als „Ungläubige“. Darüber hinaus verfolgen sie das Ziel eine islamische Gesellschaftsordnung zu errichten. Dies erfolgt entweder durch Missionierung von Ungläubigen oder gar mittels Gewalt. Letzteres ist besonders im jihadistischen Salafismus verbreitet. Dieses Phänomen ist laut der Polizeilichen Kriminalprävention die „dynamischste islamistische Bewegung“ mit einer Mitgliederzahl von etwa 9700 Personen in Deutschland.

Der Jihadismus kennzeichnet sich besonders durch seine Bereitschaft zur Gewaltanwendung. Darunter fallen Gruppierungen wie der „Islamische Staat“ (IS) und die „al-Qaida“ (Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes 2018: 9). Sie verbreiten ihre Ideologie mehrheitlich im Internet und rufen zum bewaffneten Kampf gegen, wie sie sagen, „Feinde des Islams“ auf. Ihre Zielgruppe ist Jugendliche und junge Erwachsene, welche sie dazu bringen wollen gegen die Ungerechtigkeit und Unterdrückung der Muslime zu kämpfen. In ihrer Internetpropaganda lassen sich eine Menge Bilder von Gewalt, unschuldigen Opfern und Krieg finden. Sie versprechen den Menschen Heldentum, Abenteuer und die Aussicht als Märtyrer ins Paradies zu kommen. Ein weiterer wichtiger Begriff ist Radikalisierung. Dieser wird im Folgenden näher erläutert. Laut Bundeskriminalamt bezeichnet der Begriff Radikalisierung

„die zunehmende Hinwendung von Personen oder Gruppen zu einer extremistischen Denk- und Handlungsweise und die wachsende Bereitschaft, zur Durchsetzung ihrer Ziele illegitime Mittel, bis hin zur Anwendung von Gewalt, zu befürworten, zu unterstützen und/oder einzusetzen.“ (BKA)

3 Ursachen und Merkmale islamischer Radikalisierung

Radikalisierungsverläufe sind komplex, dennoch ist es möglich sie verstehbar zu machen. Das Modell der 5 Bausteine der Radikalisierung bietet eine Erklärung, warum Menschen zu Extremisten werden. Der erste Baustein ist die Frustration. Dies betrifft besonders Menschen die Erwartungen haben und Ansprüche stellen und bei deren Umsetzung scheitern. Hinzuzufügen sind „persönliche Identitätskonflikte“ und „Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen“ (Neumann 2017: 48). Der zweite Baustein ist der Drang und emotionale Bedürfnisse. Gemeint ist das Bedürfnis nach einer starken Identität, Gemeinschaft, Bedeutung, Ruhm und Abenteuer. Außerdem sind Ideen von Bedeutung, denn diese sind essentiell um Radikalisierung zu begründen. Sie werden benötigt, um politische Gewalt zu rechtfertigen und auch die Richtung und den Anstoß dafür zu liefern. Wichtig ist zudem, dass ihre Funktion darin besteht, „einen Schuldigen zu identifizieren […], eine Lösung zu formulieren […], und zur Mitarbeit zu motivieren“ (Neumann 2017: 49ff). Der nächste wichtige Faktor sind die Leute. Der Grundgedanke hierbei ist, dass Menschen, die uns wichtig sind, unser Handeln beeinflussen. Im Positiven durch Liebe, Verpflichtung und Attraktion. Im Negativen hingegen durch Zwang, Furcht und Druck. Um Radikalisierung verstehen zu können, ist es unabdingbar sich mit sozialen Phänomenen und Prozessen zu befassen. Darunter fallen Netzwerke und Gegenkulturen, „aus denen extremistische und terroristische Gruppen ihre Mitglieder rekrutieren, die Kleingruppen und Cliquen, in denen sich Zusammenhalt und der Wille zum Handeln bilden, und die charismatischen Anführer, die neue Unterstützer an sich binden und die Autorität besitzen, um gewalttätige Aktionen religiös und ideologisch zu legitimieren“. Der letzte Baustein ist die Gewalt, welche lediglich als Konsequenz und nicht als Ursache für Radikalisierung gilt. In den Augen derer, die Gewalt ausüben, dient sie vielmehr als Verteidigung oder Revanche. Von Relevanz ist hierbei, dass sich Gewalt „durch Erfahrung, Praxis und Wiederholung „normalisiert““ (Neumann 2017: 50).

Im Folgenden gilt es aufzuzeigen, wie sich eine Radikalisierung erkennen lässt. Laut der Polizei-Beratungsstelle sind für Außenstehende Radikalisierungsprozesse nicht immer unmittelbar zu erkennen, bedingt durch das Fehlen allgemeingültiger Anzeichen. Radikalisierung ist demnach oft ein schleichender Prozess, der in einem Wechselspiel aus eigenen Erfahrungen, Kontakten mit extremistischen Szenen und dem Konsum von Propaganda entsteht. Hinzu kommen individuelle Erfahrungen des Einzelnen, sowie die familiäre Prägung und der Konsum von Propaganda über das Internet und in den sozialen Medien. Die Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes hat dennoch eine Liste von Merkmalen herausgearbeitet, die das Abgleiten in die Radikalität erkennen lässt. Hierzu gehört zum einen die Beschäftigung mit islamistischen Inhalten, d.h. der Besuch von Veranstaltungen salafistischer Prediger und zum anderen der regelmäßige Besuch salafistischer Moscheen. Darüber hinaus kann der Konsum islamistischer Internetpropaganda und jihadistischer Kampflieder ein Merkmal für die Radikalisierung des Islams sein. Außerdem wird die abrupte Änderung des äußeren Erscheinungsbildes, sowie das kompromisslose Einfordern besonders strenger religiöser Normen und Riten angeführt. Des Weiteren werden Missionierungsversuche im sozialen Umfeld, die oft von sehr charismatischen salafistischen Predigern vorgenommen werden. Sie sind es die eine intensive Anziehungskraft auf Jugendliche ausüben, denn sie bieten den Jugendlichen eine „Anlaufstelle und Orientierung in einer vermeintlich unübersichtlichen Welt“ (Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes 2018: 11). Ein weiterer Aspekt ist die Agitation in Feindbildern und Schwarz-Weiß-Mustern. Überdies weisen auch Abschottungstendenzen gegenüber vermeintlich „Ungläubigen“ und einer „unislamischen“ Umwelt, welche mit abrupten Kontaktabbruch im sozialen Umfeld einhergehen. Weitere Merkmale sind die Verwendung von verbotenen Symbolen und die Abwertung von Andersgläubigen und Angehörigen anderer Konfessionen. Darüber hinaus wird der takfirismus genannt. Dieser beschreibt den Umstand, dass andere Muslime als Ungläubige bezeichnet werden, sobald eine geringfügige Abweichung der Orthodoxie erkannt wird. Ansonsten beschäftigen sich die Betroffenen sehr stark mit dem Tod, dem Paradies, klagen über Ungerechtigkeit und priorisieren besonders die Werte Ehre und Stolz (Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes 2018: 23). Auf dieser Grundlage lässt sich bereits die Analysedimension benennen, nämlich Radikalisierung. Die Fragekomplexe können in Bezugnahme auf die Merkmale erstellt werden. Zum einen ist es von Relevanz etwas über die Herkunft, Bildung, Familienverhältnisse und dem Lebensstandard der Person herauszufinden, um feststellen zu können, ob der- oder diejenige eher dazu geneigt wäre sich extremistischen Denk- und Verhaltensweisen zu beugen. Außerdem muss in Erfahrung gebracht werden, ob die Person/en sich mit extremistischen Inhalten, wie zum Beispiel mit islamistischer Internetpropaganda beschäftigen oder aber auch Tätigkeiten, wie Besuche von Veranstaltungen salafistischer Prediger, ausüben. Darüber hinaus muss ein Augenmerk auf Veränderungen im äußeren Erscheinungsbild und besonders in den Denk- und Verhaltensweisen des Einzelnen gelegt werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Interview als qualitative Forschungsmethode
Untertitel
Inwieweit hat sich der Islam im Kosovo verändert?
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Politikwissenschaft und Soziologie)
Veranstaltung
Das Interview als qualitative Forschungsmethode
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V507709
ISBN (eBook)
9783346072849
ISBN (Buch)
9783346072856
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interview
Arbeit zitieren
Valentina Kameraj (Autor), 2019, Das Interview als qualitative Forschungsmethode, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/507709

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Interview als qualitative Forschungsmethode



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden