In der vorliegenden Hausarbeit soll im Folgenden der Frage nachgegangen werden, inwieweit die dichotome Unterscheidung von Natur und Kultur als "zentrale Denkfigur der abendländischen Moderne" Ausgangsbasis des naturschützerischen Denkens und Handelns in Deutschland ist. Dabei soll überprüft werden, ob die Konstruktion von Natur und Kultur als Gegenspieler zu widersprüchlichen Praktiken im Naturschutz beiträgt.
Verschiedene Verwerfungen der (Spät-)Moderne, ausgehend vom Prozess der Industrialisierung , bis hin zur ökologischen Krise "Ende der 1970er-Jahre" sowie die damit verbundenen gesellschaftlichen Antworten, führten in der Öffentlichkeit zu einer Überzeugung in Bezug auf umweltrelevante Fragen, welche als "in starkem Maße ökologisch sensibilisiert" tituliert werden kann.
In diesem Zusammenhang scheint es daher wenig Verwunderung auszulösen, dass der Erhalt von Naturräumen, noch dazu auf Grund seines "hohen ethischen Anspruch[s]", als "wichtige Leistung der Gesellschaft" bewertet wird. Entsprechend bejahten innerhalb einer Umfrage zum Naturschutz "61%" der Befragten die Aussage "Naturschutz ist wichtiger denn je". Umso erstaunlicher mutet das durchaus nicht konsistent positive Image des Naturschutzes in Deutschland an. Vorwürfe wie "diffuse Positionen" oder "unklarer Ziele" bilden dabei nur den Anfang einer Reihe kritischer Punkte an deren Ende der Naturschutz an sich zwar positiv, die naturschützerische Praxis und konkrete Maßnahmen jedoch als negativ und teilweise widersprüchlich konnotiert werden.
Wo liegen die Gründe in der Abwehrhaltung gegenüber der Naturschutzpraxis? Bei näherer Betrachtung von im Naturschutz durchgeführten Projekten kommt in der Tat eine gewisse Inkonsistenz bezüglich angestrebter Zielsetzungen zum Ausdruck: Kritische Stimmen, der Naturschutz schütze einerseits Kultur- anstatt Naturlandschaften, versuche jedoch andererseits den Menschen "auszusperren", um so eine möglichst "unberührte" Natur zu etablieren, lassen den Gedanken aufkommen, der Naturschutz habe ein Verortungsproblem in Bezug auf seine eigene Zielkategorie: der Natur.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Verhältnis von Natur und Kultur
2.1 Erkenntnistheoretischer Exkurs: Denken in Dualismen
2.2 Spätmoderne Positionen
2.3 Zwischenfazit
3 Naturschutz unter der Perspektive dualistischer Sichtweisen
3.1 Historische Entwicklung des Naturschutzes in Deutschland
3.2 Kritik und Replik
3.2.1 Ein Kaleidoskop kritischer Stimmen
3.2.2 Segregation von Mensch und Natur
3.2.3 Naturschutz in Kulturlandschaften – Ein Widerspruch in sich?
3.3 Zwischenfazit
3.4 Perspektivwechsel: Gesellschaftliche Einstellungen zum Naturschutz
4 Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit die dichotome Unterscheidung von Natur und Kultur als zentrale Denkfigur der abendländischen Moderne die Naturschutzpraxis in Deutschland prägt und zu Widersprüchen führt, wobei sowohl das Handeln der Akteure als auch gesellschaftliche Einstellungen analysiert werden.
- Wissenschaftliche Verortung des Natur-Kultur-Dualismus
- Historische Entwicklung und Begründungsmuster des Naturschutzes
- Kritik an Segregationstendenzen im Naturschutz
- Analyse des Umgangs mit Kulturlandschaften
- Empirische Auswertung gesellschaftlicher Einstellungen zum Naturschutz
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Segregation von Mensch und Natur
Mit dem Begriff des „Verbotsnaturschutz“ (REICHHOLF 2010:84) kommt zum Ausdruck, was diverse Kritiker handelnden Akteuren im Naturschutz zum Vorwurf machen: Naturschutz wirke als separierende Trennlinie zwischen Natur und Kultur und entferne den Menschen mehr von seiner Umwelt als ihn mit ihr zu verbinden (WOHLLEBEN 2009:110). Als Beweis werden hierfür die fest in den Schutzstrukturen konservierten Handlungsbeschränkungen angebracht. Betretungsverbote außerhalb der Wege, Lärmverbote, Bade- und Bootsnutzungsverbote (HUPKE 2015:81) stünden beispielhaft dafür, wie insbesondere interessierte Naturfreunde regelrecht ausgesperrt würden (HUPKE 2015:82).
In welchem Ausmaß ist der aktuelle Naturschutz tatsächlich von den von Kritikern angemahnten Segregationstendenzen geprägt? Folgt man der bereits skizzierten historischen Abfolge von Begründungsmustern für einen Schutz von Natur so lässt sich für den Naturschutz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Paradigmenwechsel von einem „statisch-konservierenden Ansatz zum dynamisch-innovativen Ansatz“ (WEIXLBAUMER 2006:19) und damit von der Vorstellung der Segregation von Natur und Kultur hin zu einer integrativen Bewertung beider Kategorien konsternieren (WEIXLBAUMER 2006:19). Insbesondere mit der Etablierung des Nachhaltigkeitsgedankens im Naturschutz, welcher, im Sinne der Betrachtung des Verhältnisses von Mensch und Natur, per Definition der Terminologie als erster explizit integrativer Vorstoß bezeichnet werden kann, der sowohl den „Erhalt der biologischen [als auch der] (…) kulturellen Vielfalt“ (WEIXLBAUMER 2006:19) betont, zeigt sich die zumindest in der theoretischen Ausrichtung vorangebrachte Wende weg von der kritisierten Segregation des Menschen von seiner natürlichen Umwelt. Bei detaillierter Betrachtung der aktuellen Naturschutzverordnungen lassen sich demgegenüber noch immer Tendenzen einer dualistischen Perspektive auf Mensch und Natur lokalisieren. Rechtliche Grundlagen einer solchen polarisierenden Prägung sind in diesem Zusammenhang in diversen Paragraphen des Bundesnaturschutzgesetzes identifizierbar.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die ökologische Sensibilisierung der Gesellschaft und die daraus resultierende Ambivalenz gegenüber der Naturschutzpraxis, welche oft als inkonsistent wahrgenommen wird.
2 Das Verhältnis von Natur und Kultur: Dieses Kapitel erläutert die erkenntnistheoretischen Wurzeln des dualistischen Denkens in der abendländischen Philosophie und diskutiert spätmoderne Ansätze zu deren Überwindung.
3 Naturschutz unter der Perspektive dualistischer Sichtweisen: Hier wird der historische Naturschutz in Deutschland analysiert und spezifische Kritikpunkte wie Segregation und den Umgang mit Kulturlandschaften auf ihre dualistischen Hintergründe geprüft.
4 Zusammenfassung und Fazit: Das Fazit resümiert, dass der Naturschutz in Praxis und gesellschaftlichem Verständnis noch immer stark von einer dualistischen Trennung geprägt ist und plädiert für eine integrative, konsistent neu zu verortende Naturschutzvorstellung.
Schlüsselwörter
Naturschutz, Natur-Kultur-Dualismus, Segregation, Kulturlandschaft, Nachhaltigkeit, Gesellschaftliche Einstellungen, Naturbewusstsein, Umweltschutz, Anthropozän, Humanökologie, Akteur-Netzwerk-Theorie, Wildnis, Dichotomie, Umweltwahrnehmung, Naturschutzpraxis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwieweit das traditionelle dualistische Denken, das Natur und Kultur als Gegenspieler betrachtet, das naturschützerische Handeln und die Wahrnehmung von Naturschutz in Deutschland beeinflusst.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die erkenntnistheoretischen Grundlagen des Natur-Kultur-Dualismus, die historische Entwicklung des Naturschutzes sowie die Kritik an Segregationsmaßnahmen und dem Umgang mit Kulturlandschaften.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzudecken, ob die Konstruktion von Natur und Kultur als Gegenspieler die Grundlage für widersprüchliche Naturschutzpraktiken bildet und wie diese Dichotomie gesellschaftlich verankert ist.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Aufarbeitung philosophischer und geographischer Konzepte sowie eine Analyse historischer und aktueller Studien und Gesetzesgrundlagen, um die Dichotomie im Naturschutz zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in das Verhältnis von Natur und Kultur sowie eine praxisorientierte Analyse des Naturschutzes in Deutschland, inklusive einer Auswertung gesellschaftlicher Einstellungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär durch Begriffe wie Naturschutz, Natur-Kultur-Dualismus, Segregation, Kulturlandschaft, Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Einstellungen charakterisieren.
Warum wird Naturschutz oft als "Verbotsnaturschutz" kritisiert?
Kritiker verwenden diesen Begriff, um auf Maßnahmen hinzuweisen, die den Menschen durch Betretungsverbote oder Nutzungsbeschränkungen von bestimmten Arealen ausschließen und so eine Trennung von Natur und Kultur erzwingen.
Spielt der Begriff der "Wildnis" eine Rolle für die Akzeptanz des Naturschutzes?
Ja, die Studie zeigt, dass eine Mehrheit der Bevölkerung "Wildnis" zwar positiv bewertet, aber diese oft mit der Abwesenheit des Menschen assoziiert, was wiederum die dualistische Trennung im Naturschutz widerspiegelt.
Wie lässt sich der Widerspruch zwischen der Zustimmung "Der Mensch ist Teil der Natur" und der Ausgrenzung aus Schutzgebieten deuten?
Die Arbeit deutet dies als Anzeichen dafür, dass das dualistische Denken in der Bevölkerung zwar existiert, aber oft unbewusst auf spezifische Aspekte angewandt wird, während bei direkten wirtschaftlichen Interessen Akzeptanzdefizite entstehen.
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- Lucas Heine (Author), 2017, Natur und Kultur als Gegenspieler, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508483