Das Verhältnis von Natur und Kultur. Einfluss auf die Entwicklung der wissenschaftlichen Geographie


Hausarbeit, 2016

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Denken in Dualismen: Ein erkenntnistheoretischer Exkurs

3 Natur-Kultur-Dichotomie des 19. Jahrhunderts und ihr Einfluss auf den Gründungsprozess der wissenschaftlichen Geographie

4 Wissenschaftliche Ansätze des „Natur-Machens“ unter Beibehaltung der Dichotomie

5 Grenzen dualistischer Sichtweisen auf das Spannungsfeld zwischen Natur und Kultur

6 Lösungsansätze zur Überwindung der Dichotomie-Falle: Hybride Geographien
6.1 Humanökologie
6.2 Akteur-Netzwerk-Theorie

7 Fazit

Literatur

1 Einleitung

Mit dem Beginn der Auswanderung des anatomisch modernen Menschen aus Afrika und seiner Ausbreitung über die gesamte Erde wurde vor ca. 120.000 Jahren der Startpunkt einer globalen Transformation festgelegt, welche bis heute durch kontinuierliches Fortschreiten gekennzeichnet ist und ihren zumindest vorläufigen, keinesfalls allein linguistischen Höhepunkt in der Benennung des Anthropozäns (Ehlers 2008:9), als eigens der Dominanz des Menschen zugesprochenen Zeitalters, erreicht. Die diesbezüglich mit der Verbreitung des Menschen notwendigerweise verflochtene Ausbreitung seiner Einflusssphäre wurde schon frühzeitig begrifflich von der vom Menschen unabhängigen Umwelt abgegrenzt. So ist der, wissenschaftlich wie alltagssprachlich, vielschichtige Ausdruck der „Kultur“, als Gesamtheit aller vom Menschen geschaffenen Dinge (Whatmore 2002:15), auf das lateinische Vokabular „cultura“ (Gebhardt 2011:1081) zurückführbar, was übersetzt „Bearbeitung, Bebauung“ (Gebhardt 2011:1081) meint. Damit grenzt sich der Kulturbegriff in langer Tradition von der Natur und mit der ihr gedanklich verflochtenen „Gesamtheit aller vom Menschen unabhängigen Gegebenheiten“ (Knox&Marston 2010:934) ab. Das sich aus diesen Definitionen ergebene dichotome Verhältnis von Natur und Kultur spiegelt sich in der Etablierung der wissenschaftlichen Geographie im 19. Jahrhundert (Blotevogel 2011:57, Ehlers 2008:191) mit ihrer in dieser Zeit konstituierten zweigliedrigen Aufstellung wider. So ist die Geographie, welche sich gemäß der ursprünglichen Wortherkunft die Erdbeschreibung (Werlen 2008:84) zu Eigen gemacht hat, seit jeher von der Interdisziplinarität zwischen physischer, die naturwissenschaftliche Sphäre umfassende, Geographie auf der einen und Humangeographie auf der anderen Seite geprägt. Als Schnittstelle zwischen Gesellschaftswissenschaft und Naturwissenschaft, welche nicht wenige Wissenschaftler als die große Stärke des Faches empfinden (Gebhardt et al. 2011:55) ergibt sich damit für die Geographie wie für keine andere Wissenschaft die Möglichkeit der Ergründung von Themenfeldern im Spannungsverhältnis zwischen Natur und Kultur. Doch wird der Versuch, mit der Geographie ein Fach zu etablieren, welches diese Synthese erreicht, nicht paradoxerweise bereits konstitutionell durch die Aufteilung der Geographie in ihre zwei Hauptzweige verhindert? Während die dichotome Unterscheidung von Natur und Gesellschaft als „zentrale Denkfigur der abendländlichen Moderne“ (Gebhardt 2011:1080) für lange Zeit den wissenschaftlichen Diskurs prägte, rückten in den letzten Jahrzehnten Ansichten in den Mittelpunkt der Forschung, wonach das Konstrukt der Dichotomie von Natur und Kultur zunehmend von einer Einheit der beiden Größen abgelöst werden sollte (Gebhardt 2011:1084).

In der vorliegenden Hausarbeit soll nun betrachtet werden, inwiefern einführend angesprochene Dichotomie zwischen Natur und Gesellschaft die Entwicklung der wissenschaftlichen Geographie vom Gründungsprozess bis heute beeinflusste und inwieweit der angesprochene aktuelle Forschungsstand Einklang in die wissenschaftliche Ausrichtung des Faches fand. Hierzu soll in einem vorangestellten Exkurs zunächst der Frage nachgegangen werden, warum in der Wissenschaft überhaupt häufig in Dualismen gedacht wird. Im Folgenden werden in einem geschichtlichen Abriss die dichotomen, wissenschaftlichen Ansätze des Natur-Kultur-Verhältnisses und ihre Einflüsse auf die fachgeschichtliche Entwicklung der Geographie betrachtet. Über die kritische Betrachtung einer strikten Trennung von Kultur und Natur soll anschließend die Brücke zu aktuellen hybriden geographischen Forschungsansätzen geschlagen werden. Hierbei werden beispielhaft die Akteurs-Netzwerk-Theorie nach Latour (2010:24) sowie die Disziplin der Humanökologie beleuchtet, um hierbei die These zu belegen, dass für universelle Betrachtungen im Spannungsverhältnis von Natur und Gesellschaft eine hybride Sicht auf geographische Sachverhalte unabdingbar ist. Dieser Wissensgewinn soll abschließend wieder den Rahmen zur anfangs aufgeworfenen Fragestellung schließen, wie weit formelle Aufstellung der Geographie am aktuellen Forschungsstand ausgerichtet ist.

2 Denken in Dualismen: Ein erkenntnistheoretischer Exkurs

Die Wechselwirkungen im Spannungsfeld zwischen dem Subjekt Mensch und seiner materiellen Umwelt bilden seit der wissenschaftlichen Etablierung des Faches Geographie einen der Schwerpunkte geographischer Untersuchungen (Egner 2008:27). Ein zentrales Gedankenkonstrukt ist hierbei die scheinbar unvermeidliche Trennung der beiden augenscheinlich konträren Begriffe Kultur und Natur (Gebhardt 2011:1080). Während der Begriff Natur in der einschlägigen Literatur oftmals, wie eingangs erwähnt, als „Gesamtheit aller vom Menschen unabhängigen Gegebenheiten“ (Knox & Marston 2008:188) charakterisiert wird, stellt Kultur als die Gesamtheit der „things of human making“ (Whatmore 2002: 15) ein gedankliches Gegenstück dar. Diese „traditionell abendländische Konzeption einer dichotomen Gegenüberstellung von Kultur und Natur“ (Weichart 2003:24) war sowohl zu Zeiten der Disziplingründung, als auch heute ein immanenter Bestandteil der Diskussion geographischer Sachverhalte. Überträgt man den Sachverhalt auf andere Bewusstseinsinhalte wird schnell deutlich, dass dualistische Weltbilder das Denken und Handeln der Subjekte bis heute in verschiedensten Lebens- und Wissenschaftsbereichen in signifikanter Weise prägen. Doch weshalb denken wir – weshalb denkt die Geographie – in Dualismen?

Dazu bedarf es eines kurzen Exkurses zu Forschungsgegenständen der Erkenntnistheorie. Ursprung der Ausbildung dichotomer Weltbilder ist hierbei im antiken Griechenland zu finden. Der Philosoph Sokrates war es hierbei vor allem, welcher der aufkommenden Strömungen der so genannten Philosophie der Skepsis wirksam entgegen treten wollte (Steiner 2014:36), indem er sich bemühte, zu „wahrem und gerechtfertigten Wissen“ (Steiner 2014:36) zu gelangen. Dabei bediente er sich der zwei Wege der Erkenntnisgewinnung, die bereits der Philosoph Parmenides zuvor etabliert (Steiner 2014:36) hatte: „Den der Vernunft und den der Erfahrung“ (Steiner 2014:36). Mit dieser Trennung in eine idealistisch-rationalistische und eine realistisch-empiristische Erkenntnissuche (Steiner 2014:40) hielten weitere Dualismen, etwa zwischen Geist und Materie, Denken und Tun und nicht zuletzt zwischen Kultur und Natur Einzug in die antike Philosophie (Steiner 2014:37) und etablierten sich im Laufe der Zeit gewissermaßen als offensichtlich unanfechtbare Leitkategorien im Denken der Menschen. In den folgenden Jahren der antiken griechischen Philosophie sind es vor allem Platon und Aristoteles, die diesen erkenntnistheoretischen Weg weiterentwickelten und somit, vor allem durch die dualistische Ideenlehre Platons, unsere bis heute währende Gewohnheit formten, die Welt in Dualismen zu entzweien (Steiner 2014:36).

Es ist genau diese gedankliche Grundlage, die bis heute eine „metaphysische Verdopplung unserer Lebenswelt in eine […] menschenunabhängige Welt und in die Welt unserer Wahrnehmungen bzw. Ideen“ (Steiner 2014:40) aufspaltet. Man könnte dies durchaus auf eine Trennung der für die Geographie bedeutungsvollen „Lebenswelt“ in Natur und Kultur übertragen, was nicht zuletzt den Grundstein für die dichotome Aufspaltung der wissenschaftlichen Geographie in Humangeographie und Physischer Geographie darstellt. Beide Disziplinen bedienen sich ihn eigenen Methoden, um zum Erkenntnisgewinn im Sinne Sokrates´ zu gelangen. Wardenga (2002:10) stellt hierbei etwa fest, dass insbesondere der Realismus den erkenntnistheoretischen Horizont der deutschen Geographie bis heute maßgeblich prägt. Doch auch Methoden des Idealismus beeinflussen den geographischen Erkenntnisgewinn im 21. Jahrhundert signifikant. Überaus wichtig bei der Diskussion von Bewusstseinsinhalten im Spannungsfeld zwischen Natur und Kultur ist dabei, dass sich „Sozialgeographie und Physische Geographie […] nicht auf dieselben Darstellungsverfahren und Forschungsmethoden beziehen [dürfen]“ (Werlen 2008:18). Der dichotome Charakter der Geographie hinsichtlich ihrer Methoden zum Erkenntnisgewinn wird besonders deutlich, betrachtet man, dass „Natur-weltliche Zusammenhänge und Prozesse […] als Ausdruck von kausal wirksamen Kräften begriffen werden [können]; sozial-weltliche Wirklichkeiten hingegen […] auch Interpretation und Ausdruck menschlicher Handlungsfähigkeit [sind]“ (Werlen 2008:18).

Inwiefern jene dualistische Sichtweisen im Hinblick auf die geographischen Forschungsgegenstände Natur und Kultur die disziplinhistorische Entwicklung beeinflussten und wie diese Binarität unter dem aktuellen Diskurs zu bewerten ist, soll Gegenstand der folgenden Kapitel sein.

3 Natur-Kultur-Dichotomie des 19. Jahrhunderts und ihr Einfluss auf den Gründungsprozess der wissenschaftlichen Geographie

Dass das Denken in Dualismen mindestens seit der Antike in den Grundfesten menschlicher Theorien manifestiert ist, wurde im vorangestellten Exkurs eingehend analysiert. Doch inwieweit prägte nun die für diese Denkart beispielhafte Dichotomie von Natur und Kultur den wissenschaftlichen Werdegang der Geographie? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen müssen zunächst einmal die Entscheidungsträger, welche bisweilen der Geographie den Weg zu ihrer universitären Etablierung im deutschen Kaiserreich nach 1871 (Blotevogel 2011:57) ebneten, unter der Prämisse untersucht werden, inwieweit diese jene Urväter denn von einer Binarität zwischen menschlicher Kultur und natürlicher Umwelt ausgingen und geprägt wurden.

Begibt man sich auf die Suche nach den geistigen Vätern der Geographie so stößt man mit Alexander von Humboldt und Carl Ritter auf die zwei bedeutendsten Repräsentanten geographischer Forschung des „frühen 19.Jahrhunderts“ (Ehlers 2008:179). Alexander von Humboldt, welcher für seine Forschungsreisen in die gesamte Welt (Ehlers 2008:179), und im Speziellen für die Reiseberichte seiner Südamerikareise (Gebhardt et al. 2011: 52) bekannt ist, prägte mit seinen zahlreichen Publikationen besonders den naturwissenschaftlichen Charakter der Geographie und gilt in diesem Zusammenhang als Begründer der physischen Geographie (Ehlers 2008:179), in dem er es schaffte, dass räumliche Fragen über die Welt in der Folge seines Schaffens „an die Geographie gerichtet“ (Gebhardt et al. 2011: 53) worden. Nichts desto trotz war er als Universalgelehrter (Ehlers 2008:180) immer an einem ganzheitlichen Forschungsansatz interessiert, welcher die Erde als Synthese von physischer und menschlicher Sphäre begreifbar machen sollte. Belege hierfür finden sich sowohl in Humboldts universitärer Vortragsreihe „der Jahre 1827/1828“ (Ehlers 2008:181), in der er sowohl physische als auch anthropologische Aspekte der Geographie thematisierte, als auch in vielen seiner, den integrativen Charakter seiner Forschung wiedergebenden, Buchtitel, allen voran seinem Werk „Kosmos“ (Ehlers 2008:183). Es bleibt also Humboldts Verständnis einer Einheit von Natur und Kultur festzuhalten, welches dennoch einer gedanklichen Trennung der beiden Einflusssphären und damit der Dichotomie von Natur und Kultur unterliegt. Diese gedankliche Trennung wurde in der Epoche der Aufklärung beispielhaft durch Kant vorbereitet, welcher als einer der Wegbereiter Alexander von Humboldts (Beck 1985:14; Beck 1985:303) der physikalischen und anthropologischen Wissenschaft „getrennt voneinander existierende Erkenntnisziele“ (Ehlers 2008:191) zuschrieb. Ebenso wie Humboldt versuchte auch Carl Ritter den Mensch und seine Umwelt, welche nach seinem Verständnis nach gleichen Gesetzen funktionierten (Schach 1996:31), als Einheit zu betrachten (Ehlers 2008:189; Schach 1996:31), verstand allerdings dennoch den Menschen als von der Natur unabhängig (Schach 1996:25). Im Titel seines Werks „Die Erdkunde im Verhältnis zu Natur und Geschichte des Menschen“ (Ehlers 2008:189) kommen diese dichotomen Ansätze beispielhaft zum Ausdruck. Mit dem Ziel „der Konzeption der Geographie als Kulturwissenschaft“ (Schach 1996:43) war Ritter im Vergleich zu Humboldt insgesamt stärker an der Betrachtung der menschlichen Sphäre geographischer Forschung interessiert. Als Vorsitzender der „1828“ (Ehlers 2008:188) gegründeten „Gesellschaft für Erdkunde“ (Ehlers 2008:188), welche beispielhaft für die geographischen Gesellschaften Mitte des 19.Jahrhunderts (Blotevogel 2011:57) stand, welche die Etablierung der wissenschaftlichen Geographie voranbrachten, kann Ritter ebenso wie Humboldt als einer der Wegbereiter der Geographie und ihrer wissenschaftlichen Etablierung angesehen werden. Die trotz des beiderseitig vorhandenen Strebens nach Einheit in den Personen Humboldts und Ritters nahezu personifizierte Trennung der Geographie in physischen und anthropologischen Einflussbereich und die damit verbundene dichotome Trennung zwischen Kultur und Natur setzte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts passenderweise ebenso personifiziert durch die geographischen Hauptvertreter im deutschsprachigen Raum, Friedrich Ratzel und Ferdinand von Richthofen, fort (Ehlers 2008:198). Während es Ratzel als „Begründer der modernen Anthropogeographie“ (Ehlers 2008:199) vermochte, die humangeographische Perspektive gegenüber der bisher stark physisch geprägten Geographie zu stärken, steht ihm gegenüber mit Richthofen ein stärker naturwissenschaftlich geprägter Geograph, welcher in Tradition zu Humboldt beispielsweise mit seinen „Feldforschungen in China“ (Gebhardt et al. 2011:53) die „empirische Forschung in der physischen Geographie“ (Gebhardt et al. 2011:53) weiter vorantrieb. Beide Vertreter der Geographie ihre Zeit stehen symbolisch für die dichotome Ausrichtung des Faches, welche in letzter Instanz auf das wechselseitige Verständnis von Natur und Kultur zurückzuführen ist. Dennoch bemühten sie sich gleichermaßen in Analogie zu Ritter und Humboldt auch um eine Einheit des Faches (Ehlers 2008:198-200), wobei diese Bemühungen nicht mit dem Versuch gleichgesetzt werden dürfen, Themen unter der Prämisse eines fließenden Übergangs zwischen menschlicher und natürlicher Sphäre zu untersuchen. So versteht Ratzel zwar den Mensch in seinem Ursprung als nichts anderes als „ein höher entwickeltes Tier“ (Steinmetzler 1956:64) und besitzt damit auch in Anlehnung an die zu seiner Zeit veröffentlichten Evolutionstheorien Darwins oder Haeckels (Steinmetzler 1956:47) überaus Kenntnis darüber, dass der Mensch als nichts anderes als Teil eines natürlichen Ganzen zu werten ist. Dennoch kommt dieses Wissen in der wissenschaftlichen Praxis der Geographie in ihrer formalen Aufstellung nicht zum Tragen. Daher lässt sich festhalten, dass die dichotome Aufstellung der Geographie begründend auf einem konträren Verhältnis des Menschen zu seiner Natur, eher als fachtheoretisches Problem zu werten ist (Ehlers 2008:210), welches seit der Gründung der wissenschaftlichen Geographie bis heute andauert, und auch zu Gründungszeiten keineswegs auf fehlender bekannter Verbindungen des Menschen zu anderen natürlichen Wesen basierte.

In der Folge der universitären Etablierung der Geographie, welche zeitlich etwa mit der Gründung des deutschen Reichs „1871“ zusammenfällt (Blotevogel 2011:57), standen sich in Bezug auf die Frage, wie das Verhältnis von Natur und Kultur auszuloten sei, mit dem durch Friedrich Ratzel vertretenen Geodeterminismus auf der einen sowie dem Possiblismus auf der andere Seite zwei konträre Strömungen gegenüber. Die Theorie des Geodeterminismus, welcher „häufig auch synonym“ (Werlen 2008:353) mit dem Begriff des Naturdeterminismus gebraucht wird (Werlen 2008:353), erhebt die Natur zu einer die menschlichen Aktivitäten kausal vorbestimmenden Größe (Werlen 2008:353). Dies bedeutet, dass menschliches Dasein und jegliches menschliches Handeln nur noch „als abhängige Folge“ (Blotevogel 2011:57) der physischen Gegebenheiten der Erde und ihrer Natur betrachtet werden. Frei nach dem Motto: Die Natur agiert. Der Mensch reagiert.

Das Gegenkonzept zu Ratzels Theorie lieferte Paul Vidal de la Blache, welcher mit seiner Theorie des Possiblismus die Auffassung vertrat, dass der Mensch eigenständig über die Art seines Handelns entscheide (Werlen 2008:81). Hierbei betont de la Blache im Besonderen die verschiedenen Entscheidungsmöglichkeiten (Werlen 2008:364) des Menschen in seiner natürlichen Umwelt. Daraus ergibt sich die Conclusio, dass die unterschiedliche Ausbildung der menschlichen Kultur nicht etwa als Folge der Mannigfaltigkeit der natürlichen Umwelt, vielmehr jedoch „als Ausdruck (…) differenzierter Lösungen der menschlichen Existenzprobleme“ (Werlen 2008:56) zu interpretieren ist. Trotz aller Gegensätzlichkeit bleibt beiden Theorien eines gemeinsam: Durch ihren Versuch ein Verhältnis zwischen den Größen der Natur und des Menschen zu bestimmen unterliegen sowohl Geodeterminismus als auch Possiblismus gleichermaßen einem dichotomen Gedankenkonstrukt. Insgesamt kann dies, trotz aller Bemühungen um eine Einheit der Darstellung der erdräumlichen Gegebenheiten, für alle geistigen Wegbereiter der Geographie auf ihrem Pfad zur wissenschaftlichen Etablierung festgehalten werden. Dieses Paradoxon muss wohl als logische Konsequenz interpretiert werden, die sich aus dem Anspruch der Geographie die Erde in ihrer Gesamtheit darzustellen einerseits und der damit immer notwendig verbundenen Trennung aller Gegebenheiten in menschlich oder natürlich andererseits ergibt, wie es in der vorliegenden Arbeit bereits als etablierte, unanfechtbare Leitkategorie menschlichen Denkens herausgearbeitet worden ist.

4 Wissenschaftliche Ansätze des „Natur-Machens“ unter Beibehaltung der Dichotomie

Wie aus den bisherigen Ausführungen deutlich wird, sind die Begriffe der Kultur und Natur seit jeher als die zentralen und zugleich komplexesten Begriffe der Geographie zu werten (Knox & Marston 2008:318). Nicht nur für die geistigen Urväter der Geographie wie Humboldt oder Ritter manifestierte sich die Ergründung des Wechselspiels zwischen Kultur und Natur als zentrale Forschungsfrage, auch in der Geographie des 20. und 21. Jahrhunderts erlangte jene Forschungsfrage enorme Popularität. Genannt sei unter der enormen Vielzahl der Forscher und Konzepte exemplarisch hierbei Alfred Hettner, welcher etwa eine Forschungstradition etablierte, in welcher das Zusammenwirken der unterschiedlichsten Naturreiche anhand eines festen Schemas von der anorganischen, zur organischen, bis zur menschlichen Sphäre gedanklich durchdrungen wurde (Zierhofer 2003:197). Im Fokus einer modernen Humangeographie steht heute dennoch vielmehr die Fragestellung, mit welchen Ideen, Aktivitäten und gesellschaftlichen Artefakten unsere natürliche Welt durch uns neu geformt wird (Wahtmore 2005:9). Hinsichtlich eines solchen Tatsachenblicks ist es hierbei von Bedeutung, wie Kultur Raum (space) und Ort (place) formt und wie umgekehrt Raum und Ort die Kultur beeinflusst (Knox & Marston 2008:318). Diesbezüglich soll in diesem Kapitel ein Blickwechsel dahingehend erfolgen, inwiefern Natur als gesellschaftliche konstruiert zu begreifen ist und welche Praktiken einer solchen sozialen Konstruktion zugrunde liegen. Hierfür sollen die Marxistische Tradition des „producing nature“ (Whatmore 2005:9) und die kulturgeographische Tradition „representing nature“ (Whatmore 2005:10) analysiert werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis von Natur und Kultur. Einfluss auf die Entwicklung der wissenschaftlichen Geographie
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Geographie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
24
Katalognummer
V508534
ISBN (eBook)
9783346066985
ISBN (Buch)
9783346066992
Sprache
Deutsch
Schlagworte
natur, kultur, Geographie, Fachgeschichte Geographie, Akteur-Netzwerk-Theorie, ANT, Humanökologie, Natur Kultur Dualismus, Determinismus, Possibilismus
Arbeit zitieren
Lucas Heine (Autor), 2016, Das Verhältnis von Natur und Kultur. Einfluss auf die Entwicklung der wissenschaftlichen Geographie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508534

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