Räumliches Erinnern im Roman "Il giardino dei Finzi-Contini" von Giorgio Bassani


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Il giardino dei Finzi-Contini (1962) - Einführung in das Werk

2. EinGedächtnisausRäumen
2.1 Prolog: Besichtigung der Etrusker Gräber
2.2 Ferrara: die erzählte Stadt
2.3 II giardino
2.4 Magna domus

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:

1. Il giardino dei Finzi-Contini (1962) - Einführung in das Werk

II giardino dei Finzi-Contini ist ein Initiations- Roman aus dem Jahre 1962, der das italienische Erzählen nach 1945 nachhaltig geprägt hat. Geschrieben von Giorgio Bassani spiegelt der Roman das Erinnern des italienischen Neorealismus, ein Sich-Erinnern zwischen Zeugnis und Fiktion, wider. Historischer Kontext des Romans ist Faschismus und die Rassengesetzgebung, die in der Erzählweise als historische Dimension als äußere, empirische Geschichte in dem Erzählten hervortritt. Dem gegenüber stehen als eine Art Innenraum, die Ereignisse, die sich in der Familie Finzi-Contini und im direkten Umfeld des Ich-Erzählers zutragen. Durch Verweise wie „prima che scoppiase l’ultima guerra1 ‘aoder „come i bunkers di cui i soldati tedeschi hanno spar so invano l ’Europa durante quest ’ultima guerra “2 wird der historische Rahmen bereits zu Beginn des Romans durch den Ich-Erzähler thematisiert. Der Spagat zwischen persönlichem Erinnern und kulturellem Gedächtnis bzw. historischer Wirklichkeit zieht sich durch den gesamten Roman. So bildet die Stadt Ferrara sowohl einen Realraum als auch einen Mentalraum des faschistischen Italiens bis in die 50er-Jahre, bildet den Schauplatz eines Sich-Erinnerns, das zugleich historisch, persönlich und traumatisch ist.

Der Aufbau des Romans ist symmetrisch: Er besteht aus einem Prolog, vier Teile und einem Epilog. Die Erzählung erfolgt als Erinnerung in einem Zeitabstand von 20 Jahren, die einzelnen vier Teile folgen einem Jahreszeitenablauf. Teil eins erzählt einen verzögerten Sommer, Teil zwei Herbst, Teil drei Winter und der vierte und abschließende Teil schließlich den Frühling/Sommer des Jahres 1939. Die Erzählform wechselt zwischen dem „io“3 des Ich-Erzählers und dem „noi“4 als Kollektiv. Die Stimme des Ich-Erzählers ist intradiegetisch und wechselt zwischen persönlichem Erinnern und dem Ich als Vertreterstimme der Juden. Der eigentliche Handlungseinsatz beginnt mit dem fünften Kapitel und der Begegnung des Ich-Erzählers mit Micól im Jahre 1929.

Il giardino dei Finzi-Contini ist ein Familienroman, denn er erzählt die Geschichte einer Familie zu dieser Zeit. Der Roman ist jedoch gleichzeitig auch ein Konstrukt historischen Erinnerns und Wiedererzählens, denn er erzählt die Geschichte einer Stadt zu dieser Zeit. Nicht zuletzt ist er ein Initiations-Roman, denn im Verlauf des Romans vollzieht sich ein Wandel am Ich, ein Wandel des Ich-Erzählers.

2. Ein Gedächtnis aus Räumen

2.1 Prolog: Besichtigung der Etrusker Gräber

Der Prolog nimmt aufgrund seines vorausweisenden Charakters eine zentrale Stellung im Roman ein. Bassani ebnet durch den Prolog den Impuls und die Thematisierung des Erinnerns, die Erinnerung an den Ausflug im Jahre 1957 in dessen Zusammenhang der Ich­Erzähler die Grabbeigaben der Etrusker besichtigt hatte. Anhand des Prologes führt der Autor das Grabmotiv der Nekropole in den Roman ein. Der Prolog ist deshalb so bedeutend für das weitere Verständnis des Romans, da sich der Grabbesuch bzw. das Grabmotiv als Leitmotiv durch den gesamten Roman ziehen.

Der Ich-Erzähler rahmt seine Erzählung durch Prolog und Epilog ein, erneut wird der Zeitabstand zum Erzählten deutlich: „da molti anni desideravo scrivere dei Finzi-Contini“5, den tatsächlichen Auslöser der Imagination bzw. den Beweggrund zum Erzählen -„l’impulso, la spinta a farlo veramente6 markiert der Besuch der Grabstätte. Weiterhin fällt auf, dass der Ich-Erzähler sich innerhalb des Prologes verschiedener Erzählebenen bedient, die unterschiedlich weit vom eigentlichen Erzählzeitpunkt entfernt liegen. Der Wunsch zu schreiben, die etruskische Nekropole, das Leben der Etrusker7, der zweite Weltkrieg8, die Jugend des Ich-Erzählers „io riandavo con la memoria agli anni della miaprima giovinezza"9 bis schließlich vorausweisend der Tod Albertos im Jahr 1942 sowie das Schicksal der übrigen Finzi-Contini „deportati tutti in Germania nell’autunno del ’43“10 benannt wird. Die verschiedenen Erzählebenen verdeutlichen einerseits den Zeitabstand des Romans zum Erzählten, andererseits die Zeitenthobenheit des Totenkultes als eine Art Ewigkeitsglaube. Die Erinnerung an die Toten durch die Grabstätten, durch das Grab ist jeglicher Zeit enthoben. Das kulturelle Gedächtnis, das kulturelle Sich-Erinnern durch den Totenkult gibt Hoffnung auf Kontinuität und spendet Trost gegen die „malinconia“11 des Todes entgegen jeder Zeitrechnung und jedes in Vergessenheit Geratens : „[...]anche gli etruschi sono vissuti, invece, e voglio bene anche a loro come a tutti gli altri “12. Die Wortwahl „voglio bene “13 ist zugleich eine Aufforderung, ein Anliegen des Autors: Den Toten durch diese Riten Pietät und Liebe entgegenzubringen, ihrer zu gedenken, sich ihrer zu erinnern. An diesem Beispiel wird Bassanis Poetik deutlich: Der Autor ruft durch sein Werk dazu auf, eine Kultur nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und trägt durch Literatur dazu bei. Wiedererzählen, damit Rassendiskriminierungen, Konzentrationslager und der Versuch des Auslöschens einer Kultur - die der Juden im zweiten Weltkrieg - nicht vergessen und nicht tot geschwiegen werden.

Die Ähnlichkeitsbeziehung, die Bassani in seinem Prolog zwischen den Etruskern und den Juden herstellt, wird im Dialog zwischen Giannina und ihrem Vater deutlich: „secondo te erano piu antichi gli etruschi o gli ebrei?“14. Genauso gibt es aber auch Differenzen zwischen beiden Kulturen: Die zeitliche Einordnung und Distanz zu den zwei Kulturen auf der einen Seite „tombe di piü di quattro o cinquemila anni fr“15, die Frage nach der „malinconia“ hinsichtlich beider Kulturen und des Zeitabstandes zu den Toten auf der anderen Seite: „perché le tombe antiche fanno meno malinconia di quelle piü nuove?“16. Der Antwort des Vaters:

“I morti da poco sono piu vicini a noi, e appunto per questo gli vogliamo piu bene.

Gli etruschi, vedi, è tanto tempo che sono morti“- [...] “che è come se non siano mai vissuti, come se siano sempre stati morti.“17

wirken die Riten des Totenkultes, der Grabschmückung und vor allem der Grabbeigaben entgegen. Es wird durch Gegenstände bzw. Dinge des alltäglichen Lebens versucht, die Erinnerung an die Toten am Leben zu halten. Dieser Ewigkeitsglaube im Grab („l’eternita non doveva piü sembrare un’illusione“18 ), die Vorstellung des Grabes als „seconda casa“19 spendet Trost gegen die „malinconia“20 des Todes und die Vergänglichkeit des Seins. Das Grab wird zum Haus, denn „almeno li nulla sarebbe mai potuto cambiare“21. In diesem Zusammenhang unterstreicht der Ich-Erzähler die große Differenz bzw. Unähnlichkeit zwischen den beiden Kulturen: Im Gegensatz zu den Etruskern haben die Juden keine Grabstätte, keinen Ort der Ruhe oder der Zuflucht („quell’angolo di mondo difeso, riparato, privilegiato “22 ), sie wurden in Massen vernichtet und ob es irgendeine Art der Bestattung in den Konzentrationslagern gab, ist fraglich: „chissä se hanno trovato una sepoltura qualsiasi“23. So wurde lediglich der Sohn Alberto im Familiengrab der Finzi- Contini beigesetzt und nur ihm, der eines „natürlichen“ Todes gestorben ist, wurde „il riposo perpetuo“ 24 zuteil. Den übrigen Familienmitgliedern wurde jegliche Grabesruhe oder Hoffnung auf Kontinuität verwehrt, sie wurden als Teil der Kultur der Juden ausgelöscht. Das Ritual des Totenkultes als Art des Sich-Erinnerns ist von großer Bedeutung für den weiteren Verlauf des Romans, denn der Prozess des Sich-Erinnerns des Ich-Erzählers ist ein Sich- Erinnern in Räumen und Dingen. Bilder, Alltagsgegenstände oder Zimmer schaffen die Basis für das Erzählen, sie halten den Roman als Ganzes zusammen. So beschreibt der Ich-Erzähler die Etrusker-Gräber folgendermaßen: ,,[...]fidati oggetti della vita di tutti i giorni, zappe, funi, accette, forbici, vanghe, coltelli, archi, frecce, perfino cani da caccia e volatili di palude “25. Es sind Gegenstände mit denen die Angehörigen die Gräber der Verstorbenen gefüllt haben; es sind Dinge, die einen Ort der Toten am Leben erhalten: „ci si era presi cura di far scendere molte delle cose che rendevano bella e desiderabile la vita“26. Hier wechselt der Ich-Erzähler wiederum in die Meta-Ebene und zieht den Vergleich zum Familiengrab der Finzi-Contini, das er als hässlich beschreibt („una tomba brutta“27 ). Der Prolog lässt sich dadurch auf verschiedenen Erzählebenen verstehen. Das Grab dient als Leitmotiv und ist gleichzeitig auslösendes Moment für den Beginn der Erzählung. Der Prolog dient zudem zur historischen Einordnung, der Ich-Erzähler benutzt den Vergleich von etruskischen Gräbern und deutschen Bunkern während des zweiten Weltkrieges, um zu verdeutlichen, dass beide Kulturen sich dahingehend ähneln, dass sie radikale, absolute Umwälzungen politischer Verhältnisse und Gesetze erlebt haben: „Tutto, si, stava cambiando“28 oder „il mondo non erapiü quello d’una volta“29 untermauern diesen Gedanken der Ähnlichkeit. Es wird zudem deutlich, dass der Roman keine rein fiktive Erzählung darstellt, sondern auf den zweiten Weltkrieg, sprich den deutschen Nationalsozialismus bzw. den italienischen Faschismus Bezug nimmt.

Der Prolog verbindet den äußerlichen Rahmen der Geschichte mit der inneren Sphäre des Privaten bzw. Persönlichen, indem der Ich-Erzähler die bereits angekündigten Protagonisten Finzi-Contini zum Ende des Prologes der Reihe nach namentlich erwähnt.

Dadurch wird erneut die doppelte Dimension des Außen-und Innen als Merkmal der Erzählung hervor gehoben.

Die Besichtigung der Grabbeigaben bzw. der Grabstätte der Etrusker unterstreicht ferner die Problematik der Erinnerung an den Holocaust. Der Autor bedient sich der kulturgeschichtlichen Bedeutung des Grabes als fundamentale Institution menschlicher Gedächtniskulturen und seiner Funktion als Erinnerungsort. Die fehlenden Gräber der ermordeten Juden offenbart die Lücke in der Erinnerungskultur des Holocaust. Dieses Pendeln zwischen Kontinuitätsstiftung und fehlender Erinnerungskultur ist ein wichtiges Motiv innerhalb des Prologes. In diesem Zusammenhang regt der Roman zur Reflexion über die Gedächtnis-und Erinnerungsfunktion von Literatur an.

2.2 Ferrara: die erzählte Stadt

Der Roman II giardino dei Finzi-Contini verwendet Erinnerungsorte, um die Erzählung der Familiengeschichte der Finzi-Contini zu konkretisieren. Die namentliche Nennung des Erzählortes, der italienischen Kleinstadt Ferrara, trägt zu dem Ziel der Konkretisierung der Handlung bei. Ein Ort, Ferrara, wird literarisch mit einer Geschichte verknüpft. Zudem erreicht der Autor durch die Verwendung eines realen Ortes, dass die Stadt Ferrara im Bewusstsein des Lesers mit dem historischen Ereignis des Holocaust verknüpft und im kollektiven Gedächtnis verankert wird31. Die erzählten Orte der Stadt Ferrara, wie zum Beispiel Straßennamen (via Mazzini32 ) oder Plätze (corso Ercole I d’Este33 ) entsprechen der Wirklichkeit. Der Ich-Erzähler beschreibt diese Erinnerungsorte eindringlich und ausführlich, dem Leser wird eine detaillierte, bildhafte Vorstellung der aufgesuchten Orte vermittelt: „Quando stava di casa in ghetto, al numero 24 di via Vignatagliata, nella casa dove, resistendo alle pressioni dell’altezzosa nuora trevigiana impaziente di traslocare al piu presto al Barchetto del Duca“34.

Durch die exakten Ortsbeschreibung wird ebenfalls die bewusst initiierte geografische Isolation und Abgrenzung vom jüdischen Ghetto der Finzi-Contini verdeutlicht: [...]„prendesse la decisione di trasferire la moglie Josette e se stesso in una parte della citta cosi fuori mano, insalubre oggi, figuriamoci allora!, e per di piu cosi deserta, malinconica, e soprattutto inadeguata?“35. Die Familie distanziert sich bewusst sowohl geografisch als auch durch charakterliche Gepflogenheiten, Sprache36 und Benehmen: „gentili sempre ma distanti, continuavo in fondo a ignorarlo, si comportava in maniera opposta alla mi. Die geografische Lage des Anwesens der Familie unterstreicht diesen Punkt ([...]„sull’assurdo isolamento nel quale vivevano“37.

Das erzählte Ferrara wird als wirklichkeitsgetreue Darstellung der realen Stadt Ferrara präsentiert. Im Roman wird die Erinnerung des Ich-Erzählers durch das Aufsuchen von Orten hervorgerufen. So wird durch den Tennisclub Tennis Eleonara d’Este38 eine Art „historischer Ort“ genannt, der nicht nur persönliche Erinnerung stiftet, sondern mit dem Verbot der Mitgliedschaft für die Juden und somit mit den damals um sich greifenden Rassengesetzten

[...]


1 Bassani, Giorgio: Il giardino dei Finzi-Contini, Giangiacomo Feltrinelli Editore, Milano 2012

2 ebd. , S.11.

3 ebd., S.9.

4 ebd. , S.51.

5 ebd., S.9.

6 ebd.

7 ebd., S.12.

8 ebd., S.13.

9 ebd.

10 ebd.

11 ebd., S.11.

12 ebd.

13 ebd.

14 ebd., S. 11.

15 ebd., S. 10.

16 ebd., S.11.

17 ebd.

18 ebd., S. 12.

19 ebd.

20 ebd., S.11.

21 ebd., S.13.

22 ebd., S.12.

23 ebd., S.13.

24 ebd.

25 ebd., S.12.

26 ebd.

27 ebd., S.13.

28 ebd., S.12.

29 ebd.

30 vgl. ebd. S.13.

31 Frandini, Paola: Giorgio Bassani e il fantasma di Ferrara, Manni, Milano 1972, S. 16.

32 Bassani, S. 28.

33 ebd., S.17.

34 ebd., S. 21.

35 ebd., S.20.

36 vgl. ebd., S., 33.

37 ebd., S.32

38 ebd., S.48.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Räumliches Erinnern im Roman "Il giardino dei Finzi-Contini" von Giorgio Bassani
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
23
Katalognummer
V508546
ISBN (eBook)
9783346073259
ISBN (Buch)
9783346073266
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Räumliches Erinnern, Erinnern, Holocaust, Il giardino dei Finzi-Contini, Ferrara, Prolog
Arbeit zitieren
Marielle Kreienborg (Autor:in), 2016, Räumliches Erinnern im Roman "Il giardino dei Finzi-Contini" von Giorgio Bassani, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508546

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