Jesu Teufelswahrnehmung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
33 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Der Satan im Alten Testament

3. Der Teufel im Neuen Testament

4. Erste Textstelle: Q 11,15.17-20
4.1 Text und Übersetzung
4.2 Analyse und Interpretation
4.3 Zusammenfassung

5. Zweite Textstelle: Q 12,4f
5.1 Text und Übersetzung
5.2 Analyse und Interpretation
5.3 Zusammenfassung

6. Dritte Textstelle: Lk 10,18
6.1 Text und Übersetzung
6.2 Analyse und Interpretation
6.3 Zusammenfassung

7. Theologisches Resümee

8. Ausblick

Abkürzungen

Literaturverzeichnis

Biblische Quellen

Außerbiblische Quellen

Hilfsmittel

Kommentare

Sekundärliteratur

1. Einführung

Im Neuen Testament wird das Böse oftmals personifiziert und – ohne erkennbaren Bedeutungsunterschied[1] – mit den Lexemen satana/j bzw. dia,boloj bezeichnet. Aus Letzterem wurde im Kirchenlateinischen diabolus/diabulus, im Mittellateinischen diuvalus, im Althochdeutschen „tiufal“, im Mittelhochdeutschen „tiuvel/tievel“ und schließlich unser heutiges Substantiv „Teufel“.[2]

Die meisten heutigen Menschen verbinden den Teufel mit einem als altmodisch erscheinenden Aberglauben, und selbst Theologen wie der ehemalige Tübinger Alttestamentler Herbert Haag fordern seit einigen Jahren den Abschied vom Teufel[3]. Trotzdem glaubten 1991 nach einer internationalen Wertestudie in Westdeutschland immer noch 15 % der Bevölkerung, in den USA sogar 65 % an einen Teufel.[4] In der katholischen Theologie wird seit den 1960-er Jahren die Frage gestellt, „ob der Teufel eine reale, übernatürliche Person ist oder ein Symbol für Sünde oder eine fiktive, aus einem bildhaften hebräischen Denken erwachsene Gestalt“[5].

Jedenfalls werden Epilepsie und Geisteskrankheiten etwa heute auch von Christen nicht mehr als das Ergebnis dämonischer Besessenheit verstanden, obwohl Jesus und seine Anhänger in der Bibel so dargestellt werden, als glaubten sie, dass dies so sei[6]. In unserer Zeit glauben wir nicht mehr daran, dass Krankheit uns als Strafe für Sünden ereilt oder Heilung allein auf Gebete um das Eingreifen Gottes zurückzuführen ist. Gott scheint nicht mehr viel mit Krankheiten und ihrer Heilung zu tun zu haben, wenn es um Viren, Bakterien, Leukämie oder Tumoren geht, die mit Medikamenten, Chemotherapie oder Chirurgie bekämpft werden. Es würde heute als naiv erscheinen, sich in solchen Fällen nur an die Allmacht Gottes zu wenden.[7]

In unserer Arbeit geht es insbesondere um die Teufelswahrnehmung Jesu. Drei einschlägige Textstellen im Neuen Testament, die vermutlich authentische Jesuslogien wiedergeben, werden dazu nacheinander besprochen. Zunächst geben wir jeweils die griechischen Texte aus der Edition von Nestle/Aland wieder und lassen je eine eigenständig erarbeitete deutsche Übersetzung folgen. In den beiden Fällen, bei denen es sich um synoptische Parallelen handelt, die der Spruchquelle Q zuzuordnen sind, haben wir eine detaillierte Rekonstruktion des Q-Textes unternommen.[8]

Bei dieser Rekonstruktion gab es dann eine so wesentliche Übereinstimmung mit der „Critical Edition of Q“ des International Q Project – und zudem hätte eine Begründung der einzelnen, oft Wort-für-Wort-Entscheidungen für den jeweiligen Mt- bzw. Lk-Wortlaut den Rahmen der vorliegenden Arbeit gesprengt[9] –, sodass schließlich deren bislang bestbegründeter wissenschaftlicher Text für die vorliegende Arbeit verwendet wurde. Auch hierauf folgt eine eigenständig erstellte Übersetzung. Die anschließende Analyse und Interpretation beziehen sich dann im Wesentlichen, so vorhanden, nur noch auf den rekonstruierten Q-Text. Abschließend wird jeweils eine Zusammenfassung gegeben.

2. Der Satan im Alten Testament

Die Schriften des Neuen Testaments sind grundsätzlich nur vom Kontext des Alten Testaments her zu verstehen, da dieses die „Bibel“ Jesu und seiner Jünger darstellt. Da das Alte Testament also wesentlich Jesu Teufelswahrnehmung geprägt haben dürfte, wollen wir zunächst ansatzweise die Satansvorstellungen im Alten Testament besprechen.[10]

„Satan“ kommt im AT 27-mal als Nomen (!j"f') und sechsmal als Verb (!j;f') vor.[11] Die Grundbedeutung beim Nomen ist „Widersacher, Gegner“, beim Verb „anfeinden, sich widersetzen, feindlich gesinnt sein“ oder auch „anklagen, beschuldigen“. Da „Satan“ als Nomen und Verb vorkommt, kann das Lexem keinesfalls explizit die Gestaltwerdung des Bösen meinen. Die generelle Gleichsetzung mit dem Teufel wurde erst später – vom Christentum – vorgenommen.

Das Nomen !j"f' findet insbesondere Erwähnung an drei Stellen: Sach 3,1-7; Ijob1f; 1 Chr 21,1. In der Vision Sach 3,1-7 tritt zunächst die historische Person des Jeschua auf, die den (nachexilischen!) Titel des Hohenpriesters trägt. Gegen diesen tritt Satan als Ankläger auf, und zwar im Widerspruch gegen Gott, der ihn zurechtweist.[12]

Im Prolog des Ijobbuches, der aus frühnachexilischer Zeit stammen dürfte, erscheint das Nomen Satan mit Artikel am häufigsten. Der Satan wird als einer der Gottessöhne bezeichnet und gehört damit zum Hofstaat YHWHs, in welchem er eine herausragende Stellung einnimmt. Gott lässt wie ein altorientalischer König seine Untertanen überwachen, weshalb dem Satan die Aufgabe zukommt, die Loyalität der Menschen zu prüfen. Der Satan darf den bei YHWH hoch im Kurs stehenden Ijob – allerdings mit Beschränkung! (nämlich auf den Erhalt Ijobs Lebens) – angreifen. Der Satan ist Gott keinesfalls gleichrangig, sondern deutlich untergeordnet und kann nur auf Erlaubnis YHWHs hin handeln. Der bestimmte Artikel deutet darauf hin, dass es sich in diesem Text bei „Satan“ um eine Funktion, nicht um einen Eigennamen handelt.

Bei den beiden Büchern der Chronik handelt es sich um eine Neufassung der beiden Samuel-Bücher in der Theologie ungefähr des 4. Jahrhunderts v. Chr. Während in 2 Sam 24,1 der Zorn YHWHs entbrennt und dieser David zu einer Volkszählung reizt, erlaubte die Sicht des Chronisten nicht, dass YHWH zunächst einen Menschen verführt, um ihn anschließend zu bestrafen. Daher wird diese „dunkle Seite“ YHWHs in 1 Chr 21,1 auf Satan[13] übertragen, der nun für die Verführung Davids verantwortlich gemacht wird. Man könnte hier von einem abgespaltenen Persönlichkeitsanteil YHWHs sprechen. Satan ist in 1 Chr 21,1 eigenständig; er nimmt keine göttlichen Befehle entgegen und ihm sind auch keine Grenzen für sein Handeln gesetzt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in den älteren Schichten des Alten Testaments Gott selbst für das Böse verantwortlich gemacht wird. Der Gott YHWH wird nicht nur als der einzige Gott, sondern auch als die einzige Macht verstanden.[14] Erst in nachexilischen Texten wird die Satansfigur im Zuge einer stärkeren ethischen Transzendentalisierung allmählich zum personifizierten Bösen. Eine zentrale Rolle spielt der Satan allerdings im AT nicht.

3. Der Teufel im Neuen Testament

Die LXX übersetzt „Satan“ meist mit dem griechischen Wort dia,boloj, was die bereits in Kapitel 1 beschriebene synonyme Verwendung von satana/j (griechische Transkription des hebräischen !j"f') bzw. dia,boloj im Neuen Testament erklärt.

Einen ersten Einblick in die neutestamentliche Zeit geben uns Klein u. a.:[15]

Wo das antike Judentum die Grenzen der menschlichen Möglichkeiten erkennt, fürchtet es teuflisch-dämonische Mächte: im Bereich von Krankheit und Tod, von Naturkatastrophen und Kriegen, überhaupt angesichts der „anderen“ einschließlich der Frevler, Gotteslästerer und Irrlehrer. Diese Furcht teilt auch das Neue Testament in allen seinen Schichten, der historische Jesus nicht anders als Paulus und seine Schüler.

Zu den allgemein-neutestamentlichen Vorstellungen des Bösen schreibt Wehrle[16], dass sie sich

vor allem aus der apokalyptischen Tradition des AT (…) speisen. Der Teufel ist ein gefallener Engel, der zum Anführer einer Schar Dämonen wird. Während aber die Dämonen zweitrangige Geister sind, ist der Teufel die Personifikation des Bösen selbst. Seine Hauptaufgabe besteht darin, so lange und so gründlich wie möglich das Reich Gottes zu verhindern.

Ernst betont, dass das Neue Testament insgesamt keine einheitliche Vorstellung eines personifizierten Bösen kennt.[17] Dies geht schon aus den unterschiedlichen Bezeichnungen hervor: Neben Satan/Teufel stehen in den verschiedenen Büchern auch Dämonen (Mk 7,26; Lk 4,41 par; Lk 11,15 par u. ö.), Beelzebul (Lk 11,15 par u.ö.), Beliar (2 Kor 6,15), Gott dieser Weltzeit (2 Kor 4,4), Antichrist/Antichriste (1Joh 2,18.22; 2 Joh 1,7), Drache (Offb 12,3 u. ö.), Schlange (Offb 12,9 u. ö.), Pseudoprophet/Pseudopropheten (Mk 13,22; Offb 16,13 u. ö.), Pseudochristi (Mk13,22 par; ) und viele andere für das Böse.

Der Teufel und seine Helfershelfer erscheinen in unterschiedlichen Zusammenhängen: als Versucher (Mk 1,13 par), Feind (1 Petr 5,8), Ankläger der Menschen (Offb 12,10) sowie Gewalt über den Tod habend (Hebr 2,14). Sie werden speziell im Gegensatz zum Messias gesehen (2 Kor 4,4; 1 Joh 3,8), teilweise als politische Gegenspieler (Offb 17), andererseits auch als religiöse Verführer und falsche Propheten (Mk 13,22 par; 2 Thess 2,3f).[18] Mittels Dämonen wirkt der Teufel auch Krankheiten (Lk 13,16; Apg 5,16).[19]

Im Zusammenhang mit dem Leben Jesu tritt der Teufel erstmals nach Jesu Taufe auf und versucht vergeblich, Jesus zum Ungehorsam gegen Gott zu verführen (Mk1,12f par). Jesus und seine Jünger begegnen dem Teufel als Verursacher von Krankheit und Tod nicht anders als ihre Zeitgenossen mit den magischen Mitteln der antiken Medizin: Heilungswunder und Exorzismen. Krankheit steht dabei oft in unmittelbarem Zusammenhang mit Sünde (Mk 2,5 par). Der Teufel ist schließlich auch Schuld am Verrat Jesu durch Judas (Lk 22,3; Joh 13,2.27).[20]

Insgesamt kann man allerdings wohl sagen, dass „das Neue Testament mehr an der Erfahrung der Macht der Sünde und ihrer Überwindung interessiert ist als an den Fragen, ob es einen Versucher gibt und wo die Sünde herkommt“[21].

Kommen wir nun aber zu unserer eigentlichen Thematik und untersuchen das Neue Testament näher bezüglich der Frage: Wer oder was war der Teufel für Jesus selbst und welchen Stellenwert hatte er für ihn?

4. Erste Textstelle: Q 11,15.17-20

4.1 Text und Übersetzung

Mt 12,24-28

24 oi` de. Farisai/oi avkou,santej ei=pon\ ou-toj ouvk evkba,llei ta. daimo,nia eiv mh. evn tw/| Beelzebou.l a;rconti tw/n daimoni,wnÅ

25 eivdw.j de. ta.j evnqumh,seij auvtw/n ei=pen auvtoi/j\ pa/sa basilei,a merisqei/sa kaqV e`auth/j evrhmou/tai kai. pa/sa po,lij h' oivki,a merisqei/sa kaqV e`auth/j ouv staqh,setaiÅ

26 kai. eiv o` satana/j to.n satana/n evkba,llei( evfV e`auto.n evmeri,sqh\ pw/j ou=n staqh,setai h` basilei,a auvtou/È

27 kai. eiv evgw. evn Beelzebou.l evkba,llw ta. daimo,nia( oi` ui`oi. u`mw/n evn ti,ni evkba,llousinÈ dia. tou/to auvtoi. kritai. e;sontai u`mw/nÅ

28 eiv de. evn pneu,mati qeou/ evgw. evkba,llw ta. daimo,nia( a;ra e;fqasen evfV u`ma/j h` basilei,a tou/ qeou/Å

24 Die Pharisäer aber, die das hörten, sprachen: Dieser treibt die Dämonen nicht aus, außer mit dem Beelzebul, dem Herrscher der Dämonen.

25 Er aber kannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jede Königsherrschaft, die gegen sich selbst zerteilt ist, wird zur Wüste, und jede Stadt oder jedes Haus, gegen sich selbst zerteilt, wird nicht bestehen bleiben.

26 Und wenn der Satan den Satan austreibt, wurde er in sich selbst zerteilt; wie also wird seine Königsherrschaft bestehen bleiben?

27 Und wenn ich mit Beelzebul die Dämonen austreibe, mit wem treiben eure Anhänger aus? Deswegen werden sie eure Richter sein.

28 Wenn aber ich mit dem Geist Gottes die Dämonen austreibe, so ist die Königsherrschaft Gottes zu euch hingelangt.

Lk 11,15.17-20

15 tine.j de. evx auvtw/n ei=pon\ evn Beelzebou.l tw/| a;rconti tw/n daimoni,wn evkba,llei ta. daimo,nia\ …

17 auvto.j de. eivdw.j auvtw/n ta. dianoh,mata ei=pen auvtoi/j\ pa/sa basilei,a evfV e`auth.n diamerisqei/sa evrhmou/tai kai. oi=koj evpi. oi=kon pi,pteiÅ

18 eiv de. kai. o` satana/j evfV e`auto.n diemeri,sqh( pw/j staqh,setai h` basilei,a auvtou/È o[ti le,gete evn Beelzebou.l evkba,llein me ta. daimo,niaÅ

19 eiv de. evgw. evn Beelzebou.l evkba,llw ta. daimo,nia( oi` ui`oi. u`mw/n evn ti,ni evkba,llousinÈ dia. tou/to auvtoi. u`mw/n kritai. e;sontaiÅ

20 eiv de. evn daktu,lw| qeou/ [evgw.] evkba,llw ta. daimo,nia( a;ra e;fqasen evfV u`ma/j h` basilei,a tou/ qeou/Å

15 Einige aber von ihnen sprachen: Mit Beelzebul, dem Herrscher der Dämonen, treibt er die Dämonen aus! …

17 Er aber kannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jede Königsherrschaft, die in sich selbst zerteilt ist, wird zur Wüste, und Haus fällt auf Haus.

18 Wenn aber auch der Satan in sich selbst zerteilt wurde, wie wird seine Königsherrschaft bestehen bleiben? – Weil ihr sagt, dass ich mit Beelzebul die Dämonen austreibe.

19 Wenn aber ich mit Beelzebul die Dämonen austreibe, mit wem treiben eure Anhänger aus? Deswegen werden sie eure Richter sein.

20 Wenn aber ich mit dem Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist die Königsherrschaft Gottes zu euch hingelangt.

Rekonstruktion des Textes in Q

15 tine.j de. ei=pon\ evn Beelzebou.l tw/| a;rconti tw/n daimoni,wn evkba,llei ta. daimo,nia\

17 eivdw.j de. ta. dianoh,mata auvtw/n ei=pen auvtoi/j\ pa/sa basilei,a merisqei/sa [kaqV] e`auth/[j] evrhmou/tai kai. pa/sa oivki,a merisqei/sa kaqV e`auth/j ouv staqh,setaiÅ

18 kai. eiv o` satana/j evfV e`auto.n evmeri,sqh( pw/j staqh,setai h` basilei,a auvtou/È

19 kai. eiv evgw. evn Beelzebou.l evkba,llw ta. daimo,nia( oi` ui`oi. u`mw/n evn ti,ni evkba,llousinÈ dia. tou/to auvtoi. kritai. e;sontai u`mw/nÅ

20 eiv de. evn daktu,lw| qeou/ evgw. evkba,llw ta. daimo,nia( a;ra e;fqasen evfV u`ma/j h` basilei,a tou/ qeou/Å

15 Einige aber sprachen: Mit Beelzebul, dem Herrscher der Dämonen, treibt er die Dämonen aus!

17 Er aber kannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jede Königsherrschaft, die gegen sich selbst zerteilt ist, wird zur Wüste, und jedes Haus, gegen sich selbst zerteilt, wird nicht bestehen bleiben.

18 Und wenn der Satan in sich selbst zerteilt wurde, wie wird seine Königsherrschaft bestehen bleiben?

19 Und wenn ich mit Beelzebul die Dämonen austreibe, mit wem treiben eure Anhänger aus? Deswegen werden sie eure Richter sein.

20 Wenn aber ich mit dem Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist die Königsherrschaft Gottes zu euch hingelangt.

4.2 Analyse und Interpretation

Der äußerst scharfe Vorwurf in Q 11,15, Jesus treibe die Dämonen mit Beelzebul, dem Herrscher der Dämonen, aus, folgt der extrem kurzen Exorzismuserzählung Q 11,14 – wohl die einzige in der Logienquelle[22]. Jesus durchschaut seine Gegner und antwortet mit einer Rede; er bringt zwei parallele Bilder (Q 11,17) mit anschließender Anwendung (Q 11,18): Kein Reich, auch nicht Satans Reich, hat Bestand, wenn es in sich gespalten ist. Damit ist bewiesen, dass der Vorwurf gegen ihn absurd ist. Anschließend zeigt er den Gegensatz zwischen dem Vorwurf der Dämonenaustreibung durch Beelzebul (Q 11,19) und der Austreibung mit dem Finger Gottes auf (Q 11,20): Antithetisch wird die Herrschaft Satans der Herrschaft Gottes gegenübergestellt. Im Handeln Jesu zeigt sich die Nähe der Königsherrschaft Gottes.

In Q 11,20 dürfte uns ein authentisches Jesus-Logion vorliegen.[23] Lukas gibt höchstwahrscheinlich die ursprünglichere Fassung des Logions wieder; schließlich kann man bei ihm eine „Vorliebe“ für das Wort pneu/ma für den Heiligen Geist feststellen, das er in Lk und Apg zusammen 106 Mal verwendet, in seinem Evangelium etwa dreimal häufiger als Markus. Matthäus hatte hingegen zugunsten der Verknüpfung mit seinem Kontext, in dem sowohl kurz vor (Mt12,18) als auch kurz nach (Mt 12,31) diesem Vers vom pneu/ma die Rede ist, einen guten Grund zur Abänderung. Insofern dürfte evn daktu,lw| qeou/ („mit dem Finger Gottes“) gegenüber evn pneu,mati qeou/ („mit dem Geist Gottes“) den originalen Text wiedergeben.[24]

Nach Meinung der meisten Exegeten handelt es sich bei Q 11,20 um ein anfänglich selbstständiges Logion, das erst später mit dem restlichen Q-Material zur vorliegenden Perikope geformt wurde.[25] Der Spruch erinnert weder an Beelzebul noch an die gegen Jesus gerichteten Vorwürfe; so ist anzunehmen, dass er ursprünglich nicht in den historischen Kontext des Beelzebul-Disputs gehörte.[26]

Dass Q 11,20 nicht ursprünglich mit dem vorausgehenden Vers Q 11,19 verbunden war, ist etwas diffiziler zu zeigen, wird aber vor allem durch den unvermittelten Wechsel der von Jesus hier und dort jeweils mit einer Form von su, angesprochenen Personengruppe einsichtig: in Q 11,19 meint die 2. Person in oi` ui`oi. u`mw/n wohl Gegner Jesu; in Q 11,20 wird mit e;fqasen evfV u`ma/j seinen Anhängern ausgedrückt, dass die Königsherrschaft Gottes zu ihnen hingelangt ist.[27] Außerdem würde Jesus den Anhängern seiner Gegner, sofern Q 11,19 und 11,20 ursprünglich verbunden gewesen wären, zugestehen, dass auch sie in Richtung der Ankunft der Königsherrschaft Gottes wirken – schwer vorstellbar, nicht nur angesichts des weiteren Kontexts, etwa Q 11,23.[28] Q 11,19 könnte der erste Zusatz zum Exorzismusbericht, die erste Antwort auf den Vorwurf gegen Jesus gewesen sein.[29]

Denn Q 11,17f dürfte ebenfalls anfänglich selbstständig tradiert worden sein. Dafür spricht die Existenz einer Mk-Parallele zumindest für Q 11,17b-18; Q 11,17a wird eine redaktionelle Überleitung darstellen.[30] Gegen einen ursprünglichen Zusammenhang von Q 11,20 mit den darauf folgenden Versen steht wiederum, dass Q 11,21f mit der „Parabel vom Starken“ eine Mk-Parallele haben, während diese für Q 11,20 fehlt.[31] Dies alles spricht dafür, dass der Vers Q 11,20, in dem Jesus seine Exorzismen mit der Ankunft der Königsherrschaft Gottes in Verbindung bringt, ursprünglich frei vom überlieferten Q-Kontext tradiert wurde, daher auch separat interpretiert werden muss.

Bevor wir uns aber diesem Einzelvers detaillierter widmen, zuerst noch einmal zur gesamten Perikope Q 11,15.17-20. Zunächst sehen wir an ihr, dass es nicht die hervorstechende Besonderheit Jesu ist, dass er als Exorzist wirkte – das taten andere auch. Jesus trat allerdings mit einem besonderen Anspruch auf, nämlich dem Zusammenhang seiner Exorzismen mit der Ankunft der Königsherrschaft Gottes. Er musste sich gegen den Vorwurf verteidigen, Magie auszuüben, d. h. die Macht von satanischen und nicht von göttlichen Kräften zu haben (vgl. auch die Textparallele Mt 9,32-34).[32] Aus der Kritik seiner Gegner und deren neidischem Vorwurf des Teufelsbündnisses wird aber auch deutlich, dass Jesus als jüdischer Exorzist durchaus erfolgreich war. Die Perikope ist sozusagen eine Apologie der Exorzismen Jesu.[33] Diese dürften eine sogar recht große Bedeutung für sein Selbstverständnis gehabt haben. Theissen/Merz schreiben: „Die Exorzismen gaben ihm das Bewußtsein (oder bestätigten es), an der Schwelle einer neuen Welt zu stehen, in der das Böse endgültig besiegt ist.“[34]

Aus dem Wechseln zwischen Beelzebul, dem Herrscher der Dämonen, und Satan von V. 15 zu V. 18 und zurück in V. 19 kann man eine weitgehende Synonymität der beiden Bezeichnungen des Bösen erschließen.[35] Überhaupt geht aus der Perikope hervor, dass weder Lukas noch Matthäus, aber auch nicht Jesus und seine Jünger die Realität des Teufels und der ihn umgebenden Mächte bezweifeln.[36] Keineswegs wird die Existenz des Teufels oder einer ähnlichen Gestalt geleugnet; Jesus selbst spricht in Q 11,20 von Dämonen, die er austreibt (vgl. auch Kapitel 1 und 3). Allerdings wird damit Teufel und Dämonen auch nicht explizit Macht zugestanden.

Nun soll Q 11,20 separat vom Kontext besprochen werden. Gerade weil wir hier ein authentisches Jesus-Wort vorliegen haben, können wir aus diesem Vers einige Details bezüglich Jesu Teufelswahrnehmung ersehen. Jesus stellt sich als Werkzeug Gottes dar.[37] Ausnahmsweise bezieht er sich selbst in die Rede von der Königsherrschaft Gottes mit ein: evgw. evkba,llw.[38] Seine Exorzismuswunder deutet er eschatologisch.[39] Die grundsätzliche Aussage von V. 20 ist die Nähe der Königsherrschaft Gottes im Handeln Jesu.[40]

Durch das nicht instrumental zu verstehende, sondern semitische evn (vgl. im Hebräischen B.) wird Gott als Urheber der Wundervollmacht Jesu angegeben.[41] Der „Finger Gottes“ kommt nirgends sonst im Neuen Testament vor und ist auch kein geläufiger Ausdruck im Alten Testament[42] (vgl. die wenigen Textstellen Ex8,15; 31,18; Dtn 9,10[43] ). Die Metapher bezieht sich vermutlich auf die deutliche Parallele in Ex 8,15[44] und ist zu verstehen als direktes Eingreifen Gottes selbst in diese Welt[45] – durch Jesus. Jesus stellt sich mit diesem Ausspruch neben Mose und Aaron, die anerkanntermaßen als Boten Gottes bevollmächtigt waren, symbolische Wunder in Verbindung mit Israels Befreiung aus der Sklaverei zu wirken. Dabei ist impliziert, dass Jesus, der das Kommen der Königsherrschaft Gottes verkündigt, nun wie diese bevollmächtigt ist und seine Dämonen­austreibungen eine befreiende Wirkung haben.[46]

[...]


[1] Vgl. Klein u. a., 2002, 117f. „Ein Vergleich … lehrt eindeutig, daß zwischen Satan und Teufel kein Bedeutungsunterschied besteht. Offenbar haben Mt 4,1; Lk 4,2; 8,12 für ihre Leser das hebräische ‚Satan’ regelrecht mit ‚Teufel’ übersetzt“ (118). Auch Ernst, 1967, 269: „willkürlich; eine inhaltliche Verschiedenheit ist nicht zu erkennen“.

[2] Vgl. Drosdowski, 1989, 742 und Kluge/Seebold, 1995, 823.

[3] Vgl. u. a. Haag, 1980.

[4] Vgl. Klein u. a., 2002, 137.

[5] Klein u. a., 2002, 132.

[6] Vgl. etwa Mk 5,8; 9,25. Siehe auch Meier, 1994, 646f.655.

[7] Vgl. Spong, 2004, 22f.

[8] Hierzu haben wir vor allem Lührmann, 1969 und Schulz, 1972 sowie die Evangelienkommentare Luz, 1990 und Bovon, 1996 herangezogen.

[9] Auch steht die Textrekonstruktion zu sehr am Rande des eigentlich zu bearbeitenden Themas.

[10] Vgl. zum gesamten Kapitel, wo nicht anders vermerkt, Wehrle, 2001.

[11] Die einzelnen Stellen finden sich bei Wehrle, 2001, 195.

[12] Vgl. Wehrle, 2001, 198f. Nach anderer These handelt Satan hier nicht als Widersacher Gottes, sondern als Gottes „Beamter“, der die Gerechtigkeit repräsentiere und dessen Rolle klar zu machen habe, dass Gott in diesem Fall Gnade vor Recht ergehen lasse, vgl. Klein u. a., 2002, 116.

[13] Nach Wehrle, 2001, 201 kann das Wort hier, da ohne definiten Artikel, als Eigenname verstanden werden.

[14] Vgl. Klein u. a., 2002, 115.

[15] Klein u. a., 2002, 119.

[16] Wehrle, 2001, 203.

[17] Vgl. Ernst, 1967, X-XII und passim.

[18] Vgl. Ernst, 1967, 269f.293.295.

[19] Vgl. Klein u. a., 2002, 119.

[20] Vgl. Klein u. a., 2002, 119f.

[21] Klein u. a., 2002, 136.

[22] Vgl. Meier, 1994, 648.656, der sich 656f und 661 mit der Frage beschäftigt, ob die Erzählung auf ein historisches Geschehen zurückgeht oder eine schriftstellerische Schöpfung als Einleitung der folgenden Beelzebul-Auseinandersetzung darstellt. Auch Lührmann, 1969, 32 schreibt die „Heilungsgeschichte“ Q zu, da sie bei Mk keine Parallele hat. Weitere Diskussion, mit gleichem Ergebnis, Schulz, 1972, 204.

[23] Vgl. Lührmann, 1969, 33, Meier, 1994, 416f und Bovon, 1996, 174 sowie Bultmann, 1970, 174. Für möglich hält es immerhin Luz, 1990, 256.

[24] Vgl. Lührmann, 1969, 33, Meier, 1994, 410f, Luz, 1990, 255, Bovon, 1996, 167.175 sowie schließlich Schulz, 1972, 205, der in Anm. 218 ein breites Spektrum an Befürwortern und Gegnern dieser These nennt. Auch wenn wir ihnen nicht folgen, so sind doch nicht uninteressant die dort zitierten Argumente gegen die Originalität des evn daktu,lw| qeou/ von Harnack, Lk habe eine gewisse Vorliebe für Anthropomorphismen, und von Schlatter, Lk habe aufgrund des AT geändert.

[25] Vgl. Meier, 1994, 407-411, dessen Argumente in unseren Augen überwiegen. Für Eigenständigkeit vgl. auch Bovon, 1996, 168.174f und Luz, 1990, 256. Schulz, 1972, 206 hält Q, 11,18-20 für nicht ursprünglich selbstständig, aber uneinheitlich; die Zusammengehörigkeit begründet er mit dem dreimalig einleitenden eiv in jedem Vers – was ja aber genauso gut redaktionelle Bearbeitung sein kann. Gegenüber Q 11,17 seien die Verse später hinzugefügt, setzten aber denselben Vorwurf voraus.

[26] Vgl. Bovon, 1996, 174f.

[27] Vgl. Meier, 1994, 409f.

[28] Vgl. Meier, 1994, 410. Auch Bovon, 1996, 260 mit Anm. 62.

[29] Vgl. Bovon, 1996, 168.174.

[30] Vgl. Meier, 1994, 408f sowie Bovon, 1996, 168 und Luz, 1990, 255f.

[31] Vgl. Meier, 1994, 408f. Vgl. auch Bovon, 1996, 168.177, der die Unabhängigkeit auf die Parallele von Q11,21f in EvThom 35 zurückführt.

[32] Vgl. Bovon, 196, 164. 170, Anm. 26: „In der jüdischen Überlieferung wird Jesus dann der Zauberei bezichtigt …“ Der Erfolg der Exorzismen Jesu wird in dem Streitgespräch nicht in Frage gestellt; heutzutage wäre wohl die Feindseligkeit im Zweifel der Wirksamkeit der Exorzismen zu suchen, vgl. 170 und dortige Anm. 30.

[33] Vgl. Bovon, 1996, 168.

[34] Theissen/Merz, 2001, 266.

[35] Zur Identifizierung Beelzebul/Satan Bovon, 1996 zunächst (170): „Daß Beelzebul als ‚Oberster der Dämonen’ bezeichnet wird, bedeutet nicht unbedingt, daß er mit Satan identifiziert werden muß.“ Nach längerer Argumentation kommt aber auch er zum Schluss (171): „Die gegnerische Gruppe identifiziert zweifellos Beelzebul mit diesem apokalyptischen Konkurrenten Gottes, der Satan selber sein muß.“

[36] Vgl. Bovon, 1996, 173.

[37] Vgl. Bovon, 1996, 167.

[38] Vgl. Bovon, 1996, 175.

[39] Vgl. Klein u. a., 2002, 120 und Schulz, 1972, 219.

[40] Vgl. Lührmann, 1969, 33.

[41] Vgl. Schulz, 1972, 208f.

[42] Vgl. Meier, 1994, 411.

[43] Vgl. auch als Parallele zu dieser semitischen Redeweise etwa „Stimme Gottes“ (Dan 9,10) u. a.

[44] Vgl. Meier, 1994, 411.

[45] Vgl. Schulz, 1971, 207.209 und Meier, 1994, 411.

[46] Vgl. Meier, 1994, 411.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

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Jesu Teufelswahrnehmung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Der Teufel. Recherchen über eine neutestamentliche Hauptfigur
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
33
Katalognummer
V50861
ISBN (eBook)
9783638469845
ISBN (Buch)
9783638598224
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Jesu Teufelswahrnehmung ist aufs Engste mit seiner Botschaft von der Königsherrschaft Gottes verbunden. Gegenüber dem zeitgenössischen Judentum fällt besonders Jesu Sichtweise von der Vergegenwärtigung der Königsherrschaft Gottes in seinen Exorzismen auf: Nicht erst für die Zukunft wird das Heil erwartet, sondern das Heil ist bereits jetzt angebrochen, bereits jetzt gegenwärtig. Das besagt insbesondere auch Jesu grundlegende Vision vom Fall Satans aus dem Himmel.
Schlagworte
Jesu, Teufelswahrnehmung, Teufel, Recherchen, Hauptfigur
Arbeit zitieren
Karlheinz Lang (Autor), 2005, Jesu Teufelswahrnehmung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50861

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