Die Abwertung des Fremden als vermeintlicher Schutz der eigenen Identität


Essay, 2018

10 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Der Begriff der kulturellen Identität
2.2. Die Notwendigkeit der Abgrenzung
2.3. Die vermeintliche Bedrohung durch Fremdartiges
2.3.1. Pauschalisierung und kollektive Abwertung als Schutzmechanismus
2.3.2. Das Projizieren von eigenen negativen Erfahrungen
2.4. Die Weiterentwicklung der eigenen Identität

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Um in unserer heutigen Welt der Globalisierung erfolgreich zusammenzuleben, ist ein Verständnis für andere Kulturen unabdingbar. Historisch betrachtet galt das „Fremdsein“ und „Anderssein“ schon oft als Grundlage für Hass, Vertreibung oder gar Kriege. Das Fremde sei gefährlich, unbekannt und daher von Grund auf als schlecht zu bewerten. Dass dieser Irrtum immer noch in den Köpfen einiger Menschen verankert ist, zeigt der Rechtsruck in der aktuellen politischen Situation in Europa. Die Tatsache, dass rechtspopulistische Parteien in Deutschland erfolgreich sein können, zeigt, dass die Ablehnung des Fremden und Unbekannten Realität ist und wahrscheinlich auch vorerst bleiben wird. Die Motive hierfür sind vielschichtig. Um sie verstehen zu können und zu erkennen, was dahintersteckt, werde Ich in dieser Arbeit zunächst den Begriff der kulturellen Identität, sowie die kulturellen Rahmenbedingungen erläutern. Darauf aufbauend werde Ich zeigen, warum die Abwertung des Fremden als vermeintlicher Schutz der eigenen Identität keinen Bestand hat.

Ich möchte damit dazu beitragen, die Beweggründe für diese Art der Ablehnung ans Licht zu bringen und den Ursprung solchen Denkens nachvollziehbar zu machen. Dies stellt dabei keineswegs eine Rechtfertigung dar, sondern soll dem Verständnis des Gegenübers dienen, und damit genau das tun, was bei Fremdenhass nicht getan wird. Denn durch Ablehnung kann die eigene Identität nicht geschützt werden, sie kann aber durch den Austausch und neue Erfahrungen weiterentwickelt werden, wenn man sich dem nicht verschließt und sich offen begegnet.

2. Hauptteil

2.1. Der Begriff der kulturellen Identität

Zu Beginn werde ich genauer auf den Identitätsbegriff eingehen. Als persönliche Identität versteht man die Eigenschaften, die eine Person ausmachen, also ihre Eigentümlichkeiten und Unverwechselbarkeit. Kein Individuum gleicht dem anderen, daher unterscheiden sich logischerweise auch die Identitäten. Als kulturelle Identität versteht man nun das Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten Gruppe, einer Kultur. Identität ist dabei kein starrer Begriff, sondern wandelbar. Es muss stets die Balance zwischen Kontinuität, also der konstanten Komponente der eigenen Identität, sowie Wandelbarkeit gefunden werden. Hartmut Rosa bringt das in einem seiner Beiträge wie folgt auf den Punkt:

„Wer daher strikt an einem Identitätsentwurf festhält, läuft Gefahr, […] sich als nicht anpassungsfähig zu erweisen. Wer dagegen ganz im jeweiligen Kontext aufgeht, ohne seine Unverwechselbarkeit zu bewahren, verliert seine Kohärenz […]“[1].

Es ist also durchaus natürlich und auch notwendig, seine Identität weiterzuentwickeln und sich an neue Situationen anzupassen. Die persönliche Identität bildet und entwickelt sich vor dem Hintergrund der eigenen Kultur und deren Einfluss. Die Möglichkeiten der kulturellen Identitätsbildung sind dabei vielfältig. In modernen Gesellschaften gibt es nicht bloß eine Kultur, mit der sich ein Individuum identifiziert, sondern mehrere Gruppen, die je nach Lebensbereich voneinander separiert wahrgenommen werden: der Sportverein, die Religion, die Partei und viele mehr.

Karl-Heinz Flechsig spricht deshalb von sogenannten „kulturellen Bezugssystemen“, mit denen sich Menschen identifizieren.[2] Ein Individuum kann sich solch einem Bezugssystem mal mehr, mal weniger zugehörig fühlen. Die Zahl dieser als Bezugssysteme bezeichneten Gemeinschaften ist in modernen Gesellschaften sehr groß. Man ordnet sich selbst oder wird von anderen in solche Gemeinschaften zugeordnet, je nach Lebensbereich oder Umfeld, hier kann einmal mehr der Aspekt der Wandelbarkeit erwähnt werden. Flechsig bezeichnet die Pluralität der Identifikationsmöglichkeiten als „vieldimensionalen kulturellen Raum“.[3] Es ist also offensichtlich, dass der Begriff der kulturellen Identität sehr komplex wahrzunehmen ist, da es eine Vielzahl an kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten gibt. Damit einher geht jedoch notwendigerweise auch der Aspekt der Abgrenzung. Man befürwortet etwas Bestimmtes und identifiziert sich damit, wodurch man sich auch von Andersartigem abgrenzt. Ich möchte nun zeigen, warum diese Art der Abgrenzung für die Identitätsbildung unvermeidlich ist und wieso sie trotzdem großes Konfliktpotential in sich birgt.

2.2. Die Notwendigkeit der Abgrenzung

Um zu verstehen, wie aus dieser Abgrenzung eine kategorische Abwertung des Fremden entstehen kann, muss zunächst der Prozess der Identitätsbildung und die Rolle, die die Abgrenzung von anderem dabei spielt, aufgezeigt werden. Indem man für sich eigene Wertvorstellungen, Vorlieben oder Lebensstile entwickelt, differenziert man sich automatisch von Gegenteiligem. Hartmut Rosa formuliert das sehr passend: „Nichtsdestotrotz verläuft die Bestimmung der je eigenen Identität […] über die definitorische Abgrenzung von Anderen, Differenten oder Fremden“[4].

Diese Form der Abgrenzung meint allerdings noch keine bewusste Abwertung im Sinne von Fremdenhass. Würde es nämlich bei dieser mit der Identitätsbildung einhergehenden Abgrenzung bleiben, wäre dies zunächst kein Problem. Die Gefahr besteht erst darin, dass daraus eine bewusste rigorosere Abwertung des Fremden entstehen kann. Das ist dann der Fall, wenn Andersartiges, das nicht mit der eigenen Identität übereinstimmt, als Bedrohung wahrgenommen wird. Genau hieraus können Konflikte entstehen, wenn sich Menschen in ihrer eigenen Identität und deren Stabilität bedroht fühlen. Dann kommt es zu einer vermeintlichen Schutzreaktion, indem das Fremde konsequent abgelehnt wird. Diese irrationale Angst vor dem eigenen Identitätsverlust und mögliche Gründe dafür sind das Thema der nächsten Abschnitte.

[...]


[1] Rosa, Hartmut: Identität. In: Handbuch interkulturelle Kommunikation und Kompetenz. Grundbegriffe-Theorien-Anwendungsfelder. Hrsg. v. Jürgen Straub, Arne Weidemann, Doris Weidemann. Stuttgart 2007, S. 48f.

[2] vgl. Flechsig, Karl-Heinz: Kulturelle Orientierungen. Internes Arbeitspapier 1/2000. In: Homepage des Instituts für Interkulturelle Didaktik Göttingen URL: http://wwwuser.gwdg.de/~kflechs/iikdiaps1-00.htm. Eingesehen am: 07.03.2018

[3] vgl. Flechsig, Karl-Heinz: Kulturelle Orientierungen. Internes Arbeitspapier 1/2000. In: Homepage des Instituts für Interkulturelle Didaktik Göttingen URL: http://wwwuser.gwdg.de/~kflechs/iikdiaps1-00.htm. Eingesehen am: 07.03.2018

[4] Rosa, Hartmut: Identität. In: Handbuch interkulturelle Kommunikation und Kompetenz. Grundbegriffe-Theorien-Anwendungsfelder. Hrsg. v. Jürgen Straub, Arne Weidemann, Doris Weidemann. Stuttgart 2007, S. 49.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Die Abwertung des Fremden als vermeintlicher Schutz der eigenen Identität
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
10
Katalognummer
V508611
ISBN (eBook)
9783346068491
ISBN (Buch)
9783346068507
Sprache
Deutsch
Schlagworte
abwertung, fremden, schutz, identität
Arbeit zitieren
Emanuel Arzig (Autor), 2018, Die Abwertung des Fremden als vermeintlicher Schutz der eigenen Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508611

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