Die Verständlichkeit politischer Rhetorik. Wie beeinflusst das lexikalische Niveau die Akzeptanz politischer Erklärungen?


Hausarbeit, 2018
34 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

lnhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Politische Rhetorik
2.1 Politische Rhetorik und Kommunikation
2.2 Politische Rhetorik und Legitimität

3 Theoriebildung
3.1 Niveau des Vokabulars als Einflussfaktor
3.1.1 Verständlichkeit aufgrund niedrigen Niveaus des Vokabulars
3.1.2 Glaubwürdigkeit aufgrund hohen Niveaus des Vokabulars
3.2 Weitere Einflussfaktoren

4 Forschungsdesign
4.1 Auswahl der Probanden
4.2 Aufbau des Experimentes
4.3 Design des Treatments
4.4 Befragung zur Soziodemografie
4.5 Pre-Test
4.6 Operationalisierung der Variablen

5 Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Hinweis: Zugunsten der besseren Repräsentation aller Geschlechter bei gleichzeitiger Erhaltung der Lesbarkeit werden in dieser Arbeit komplett zufällig das generische Maskulinum und das generische Femininum verwendet. In beiden Fällen („Politiker“; „Politikerin“) sind alle Geschlechter gemeint.

1 Einleitung

„Das Interesse an politischen Inhalten geht immer mehr zurück, was auch damit zu tun hat, dass uns das Erklären von Politik oft nicht gelingt“, konstatierte Peter Altmaier bereits 2012 und auch im Jahre 2018 ist die implizierte Problematik aktueller denn je (vgl. Kercher 2013: 18). Auch eine Repräsentativbefragung der TNS Infratest kam zu einem konformen Ergebnis: über 50% der 3021 Befragten finden die Sprache der Politiker unverständlich. Und in einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Universität Hohenheim stimmten nur 28% der Befragten zu, dass die Kommunikation der Politiker gut verständlich aufgebaut sei. (vgl. ebd: 17f.) So steht der Vertrauensverlust der Bürgerinnen auf der einen Seite, der auf der anderen Seite nicht zuletzt durch immer wechselnde Rhetorikversuche erklärt werden kann. Politische Rhetorik ist aktueller denn je. In Deutschland spricht man nicht nur im Kontext der AfD von einer „Verrohung“ der Sprache (vgl. Höhne 2018, Spiegel Online), in den USA ist ein Mann zum Präsidenten gewählt worden, der laut einiger Analysen den Wortschatz eines Achtjährigen benutzt (vgl. Shugerman 2018, The Independent). Die sprachlichen Ausgestaltungen des Agenda Settings werden zahlreich angewendet und getestet, sie reichen von Betroffenheitssuggestion, Dramatisierungen und Übertreibungen, ausschmückenden Beispielen, Augenzeugenberichten, Zitaten und Expertenmeinungen hin zu Moralisierungen oder gar Skandalisierungen (vgl. Grieswelle 2000: 43). Doch wofür nützt dieser Aufwand, die politisch-rhetorischen Formulierungen immer wieder anzupassen und zu ändern? Charters-Black fasste es folgendermaßen in Worte: “The most important behavior by which leaders mobilise their followers is their linguistic performance. In democratic frameworks it is primarily through language that leaders legitimize their leadership“ (Charteris-Black 2005: 1). Demnach ist es nachvollziehbar, dass Politiker ständig auf der Suche nach rhetorischen, glaubwürdigen und zustimmungsfähigen Überzeugungsmitteln sind. Mit Blick auf die erwähnten Umfrage-Ergebnisse sollten jedoch nicht nur stilistische Mittel in diese Überlegungen einbezogen werden; vielmehr sollte die Relevanz des sprachlichen Niveaus im Rahmen politischer Rhetorik betrachtet werden. Dies soll in der vorliegenden Arbeit auf der Ebene des Wortes geschehen.

Zunächst wird die Bedeutung der politischen Rhetorik und dazugehöriger Konzepte erläutert. Anschließend wird der Fokus auf das lexikalische Niveau der Rhetorik gelegt und erklärt, wie sich die Zustimmung der Bürger zu politischen Erklärungen durch das Variieren desselben beeinflussen lässt. In einem empirischen Ansatz soll dann dargelegt werden, wie diese Erwartungen anhand eines Experimentes getestet werden könnten.

2 Politische Rhetorik

Über die Bedeutung der Rhetorik in der Politik lässt sich nicht nur in den alten Schriften Aristoteles‘ lesen, sie „wirkt in die Gegenwart hinein, indem einzelne Ansätze wiederbelebt bzw. innovativ weitergeführt und so fruchtbar gemacht werden für die Analyse und Lösung gegenwärtiger Probleme“ (Grieswelle 2000: 1). Die Nähe zwischen Politik und Rhetorik wird dann deutlich, wenn es um Fragen der Praxis und des Pragmatischen geht und allem voran um die Frage, wie Wähler zu gewinnen und Menschen zu beeinflussen sind (vgl. ebd.: 18). In diesem Überzeugungsprozess spielen in Zeiten der Massenmedien, in denen jede einzelne Bewegung an Millionen von Menschen übertragen werden kann, eine Menge Faktoren eine Rolle. Letztendlich geht es in den seltensten Fällen um „apodiktische Behauptungen, absolutes Wissen, wissenschaftlich begründete Wahrheiten“ (ebd.), sondern um viel mehr: Eine ausführliche Analyse politischer Rhetorik verlange „die Reflexion über Status, Funktion, Muster und Struktur sowie Adressierung von Argumenten und Argumentationen“ (ebd.: 8) und dürfte darüber hinaus Mimik und Gestik, Authentizität, moralische Überzeugungen, Benehmen und ästhetische Urteilskraft nicht vernachlässigen (vgl. ebd.: 16). Neben diesen Faktoren sollte ebenfalls die gedankliche Gliederung, die emotionale Tonalität und stilistische Mittel und Formulierungen Eingang in die Untersuchung finden. Wie bereits erwähnt, soll die vorliegende Arbeit jedoch davon explizit Abstand nehmen; der Fokus wird im weiteren Verlauf und insbesondere im experimentellen Teil darauf liegen, all diese Faktoren politischer Erklärungen außenvorzulassen und einzig auf das lexikalische Niveau zu achten.

Trotzdem erscheint es sinnvoll und gar notwendig, die Relevanz der politischen Rhetorik in ihren Funktionen zu beleuchten und anhand dreier Punkte den Rahmen der Forschungsfrage aufzuspannen. Im Folgenden soll also kurz erläutert werden, welche Rolle die politische Rhetorik für die Kommunikation zwischen Bürgerinnen und Politikerinnen spielt, wie sich die politische Herrsc haft durch Rhetorik legitimieren lässt und inwiefern politische Rhetorik auch eine Frage von Kompetenzen ist.

2.1 Politische Rhetorik und Kommunikation

Demoskopische Umfragen zeigen regelmäßig, dass 70-90% der Befragten der Meinung seien, Politikern könne man nicht glauben. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Handlungen der Politiker und die Erwartungen der Wähler an eben diese Handlungen an einem bestimmten Punkt auseinanderdriften. Diese Problematik im „Politiker-Bürger-Dialog“ liegt laut Klein und Diekmannshenke weniger in einer mangelhaften Wahrnehmung seitens der Politiker, sondern äußert sich eher durch die geringe Zustimmung zu deren erklärten Handlungen auf Seiten der Adressaten. (vgl. Klein und Diekmannshenke 1996: 4) Durch Sprache und Rhetorik der Politiker werden Zustimmung und Zugehörigkeit ebenso wie Abgrenzung hergestellt (vgl. Mikfeld und Turowski 2014: 16), wobei die

Kunst der politischen Rhetorik natürlich vor allem darin liegt, „im Medium der Öffentlichkeit Zustimmungsbereitschaften zu erzeugen“ (Grieswelle 2000: 19). Da politische Angelegenheiten in demokratischen Ordnungen nicht unantastbar und unveränderbar sind, wird den Bürgerinnen die Möglichkeit eröffnet, auf diese Einfluss zu nehmen und sie mitzugestalten. Nach Sarcinelli finden Zustimmung und Begründung ihre Realisierung „durch und im Rahmen politischer Kommunikation“ (Sarcinelli 2009: 85). Die Öffentlichkeit - und deren Zustimmung zu politischen Erklärungen – agiere als ein intermediäres System, das „das Handeln politischer Institutionen, das Verhalten politischer Akteure und >damit den gesamten@ politischen Prozess“ maßgeblich ausmacht und beeinflusst, indem es zwischen Politikern und Bürgern für einen Austausch sorge. Sie stellt somit „einen unentbehrlichen Faktor im Prozess der politischen Willensbildung aller freiheitlichen Systeme dar“ (ebd. 89). Ohne Kommunikation könne Politik nicht stattfinden, so sind Kommunikation und Demokratie zwei Seiten einer Medaille. Dabei sind politische Erklärungen das Mittel, das auf Seiten der Politikerinnen am einfachsten und effektivsten zur Kommunikation dient.

2.2 Politische Rhetorik und Legitimität

Weiterhin ist politische Rhetorik vor allem dann von Bedeutung, wenn es um die Frage nach Legitimität von Herrschaft geht. So argumentiert Grieswelle beispielsweise, dass politische Rhetorik vor allem als Einflussnahme zu begreifen ist und entsprechend in den Zusammenhang mit Macht und Herrschaft eingeordnet werden sollte (vgl. Grieswelle 2000: 26). Allem voran also diene die Rhetorik der „Rechtfertigung von Herrschaft und der Beschaffung von Legitimität“ (ebd. 28), indem sie die Politik immer wieder darstellt und präsentiert und dabei auch die inkludierten Werte und Normen vermittelt (ebd. 33).

Nach Sarcinelli meine Legitimität die „soziale Anerkennungswürdigkeit eines Gemeinwesens und seiner Herrschaftsordnung“ (Sarcinelli 2009: 85), die in einer Demokratie durch freie, wiederkehrende Wahlen überprüft und sichergestellt wird. Eine demokratische Herrschaft sei also wie bereits erwähnt zustimmungsabhängig und gleichzeitig öffentlich begründungs- und rechenschaftspflichtig (vgl. ebd.: 57). Er spricht weiterhin von einem „Doppelcharakter von Legitimität“: Auf der einen Seite würden akteursseitige Vermittlungsprozesse stehen, die zur Rechtfertigung politischer Herrschaftsansprüche Kommunikation benötigen, um diese durchzusetzen (vgl. ebd.: 95). Gleichzeitig sind die herrschenden Akteure auf die Öffentlichkeit als prüfende Instanz angewiesen, die Erwartung, Zustimmung oder Ablehnung kommunizieren muss und dadurch das gesellschaftliche und politische System unter ständigen Lernzwang stellt (vgl. ebd.: 301). Auch das Konzept der „demands for accountability“ von Schönbach geht davon aus, dass Legitimation maßgeblich durch politische Rhetorik entstünde: Bürger möchten einen Teil ihrer Verantwortung an Politiker abgeben, um diese bei unerwünschten Ereignissen in Rechenschaft ziehen zu können (vgl. Schönbach 1990: 5). Grose et al. erläutern weiterhin, dass diese accountability zwingend die Kommunikation zwischen Wählern und Gesetzgebern (bzw. Politikern) über deren Handlungen braucht und implizieren damit die Pflicht auf Seiten der Politiker, ihre Handlungen erklären zu müssen (vgl. Grose et al. 2015: 724), da sonst Legitimität dieser Handlungen in Frage stünde.

Die Bürger-Politiker-Kommunikation, die durch politische Rhetorik stattfindet, gelte demnach nicht zuletzt aus Gründen der Legitimation als Staatsaufgabe und als Grundmechanismus demokratischer Politiken (vgl. Sarcinelli 2009: 71). Demnach wird dieser Grundsatz auch im Deutschen Grundgesetz (vgl. Artikel 20, GG: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“) festgehalten.

2.3 Politische Rhetorik und Kompetenz

Ein weiterer Aspekt, der durch politische Rhetorik deutlich wird und gleichzeitig mitbestimmt, inwieweit eine politische Linie oder eine politische Erklärung Anklang und Zustimmung findet, ist die Frage nach Kompetenz. Die Qualifizierung für politisches Entscheidungshandeln beschränkt sich nicht auf die Verknüpfung von politischen Programmen mit entsprechenden politischen Rolleninhabern, sondern auch die Kompetenz der Entscheidungsbeteiligten. Diese Kompetenz kann sich auf verschiedene Bereiche beziehen; so spricht man von Sach- oder Fachkompetenz, Organisations-, Vermittlungs- oder Durchsetzungskompetenzen. (vgl. Sarcinelli 2009: 126) Im Feld der Politik jedoch kommt es vornehmlich auf Darstellungs- und Vermittlungskompetenzen an (vgl. ebd.: 127). Erfolgreiches Handeln – also das Überzeugen und Beeinflussen der Wählerschaft – wird maßgeblich von der Fähigkeit beeinflusst, „in Fragen der Praxis, des Pragmatischen und Nützlichen, gut begründet zu argumentieren“ (Grieswelle 2000: 5). Oft reichen logische oder empirische Belege nicht aus, um die Wähler von einem Anliegen zu überzeugen; vielmehr bräuchte es „die Kunst des rhetorischen Argumentierens in ihrer ganzen Breite“, um politische Erfolge zu erzielen (vgl. ebd.). Weiterhin seien jene politischen Akteure am geschicktesten darin, Aufmerksamkeit zu generieren, denen Kompetenz zugeschrieben würde. Grieswelle beschreibt die politische Rede als eine höchst komplexe Aufgabe, ausgehend von einem umfassenden Fragen- und Handlungsansatz. So sind Adressant, Adressat, Kontext, Intention und Wirkung allesamt Variablen, die beachtet werden müssten und derer man mithilfe sprachlicher Kompetenz gerecht werden müsse. (vgl. ebd.: 9).

Auch Weber argumentierte 1919 in seinem Aufsatz „Politik als Beruf“ für politische Rhetorik als Kompetenz: Politikerinnen müssten ihrer Gefolgschaft „Rechthaberei“ bieten, weil ein gutes Erklären der eigenen Handlungen und Entscheidungen gefragt sei. Dementsprechend sei die Fähigkeit gefordert, auch dann gut argumentieren zu können, wenn die Gegenposition sehr stark scheint - die Gefolgschaft muss gehalten und im besten Fall vergrößert werden. (vgl. Weber 1919: 410 ff.)

3 Theoriebildung

Nachdem im vorangegangenen Teil die generelle Relevanz politischer Rhetorik erläutert wurde, soll nun ein Blick darauf geworfen werde, welche Gestaltungsmöglichkeiten dieser Rhetorik welche Konsequenzen haben. Genauer: Wie müssen Politikerinnen ihre Aussagen und Erklärungen formulieren, um Zustimmung zu generieren? Bereits 1977 stellte Edelman in „Political Language – Words That Succeed and Policies That Fail“ heraus, dass es für ein und dieselbe inhaltliche Aussage verschiedene Möglichkeiten gibt, diese zu formulieren und damit den öffentlichen Diskurs – und die Zustimmungsbereitschaft – zu beeinflussen. (vgl. Edelman 1977) Rhetorik kann in die unterschiedlichsten Aspekte und Elemente aufgeschlüsselt werden, doch anders als es in einem Großteil der bisherigen Literatur der Fall ist, soll diese Untersuchung in der vorliegenden Arbeit nicht auf inhaltlicher, sondern auf rein lexikalischer Ebene stattfinden. Fokussiert wird nicht, welchen Einfluss das Image der Politikerinnen einnimmt (vgl. Benoit 2015) oder wie fähig sie ganz allgemein artikulieren und folglich erklären (vgl. Bennett 1980). Auch soll es keine Rolle spielen - wie von Edelman angenommen, - ob die Beeinflussung der öffentlichen Meinung anhand von eingesetzten Stilmitteln oder unterschiedlicher Kontextualisierung geschieht. (vgl. Edelman 1977: 9ff.)

Wenn im Folgenden der Frage nachgegangen wird, wie die „Gewinnung von Akzeptanz unter Rückgriff auf glaubwürdige, zustimmungsfähige Überzeugungsmittel“ (Grieswelle 2000: 18) aussehen kann, soll überprüft werden, welcher Einfluss dem verwendeten Sprachniveau – oder genauer: dem benutzten Vokabular – als ein solches Überzeugungsmittel zugesprochen werden kann. Dementsprechend wird zunächst erläutert, inwiefern das Sprachniveau bzw. das Niveau des Vokabulars ein Erklärungspotenzial besitzt. Daraufhin wird in einem nächsten Schritt genauer betrachtet, welche Effekte von einem niedrigen bzw. hohen Niveau des Vokabulars erwartet werden können und welche andere Einflussfaktoren bei einer empirischen Untersuchung beachtet werden müssen.

3.1 Niveau des Vokabulars als Einflussfaktor

Im vorangegangenen Teil zu politischer Rhetorik wurde bereits eingängig erläutert, warum der Sprache im politischen Kontext solch eine große Bedeutung zukommt. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ – dieses Zitat von Ludwig Wittgenstein deutet an, warum auch das Sprachniveau in Untersuchungen zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung nicht vernachlässigt werden darf. Denn auch wenn Fachsprachen in der Politik und Wissenschaft nicht nur verbreitet sind, sondern auch gemeinhin akzeptiert werden, zeigt sich zum Beispiel durch unterschiedliche Initiativen für Leichte Sprachen dennoch ein Bedürfnis nach einer anderen, leichteren Form der Kommunikation. (vgl. Seitz et al. 2014: 35) Solche Initiativen richten sich nicht nur an geistig beeinträchtigte Personen, sondern generell an Personen, die mit dem Fachwort-Jargon Verständnisprobleme haben. Die Relevanz liegt außerdem nicht nur auf Seiten der Bürgerinnen, sondern gleichermaßen bei den Politikerinnen selbst. Denn Sprache ist „ein mächtiges Instrument, das die Komplexität von Information mindern oder steigern kann“ und damit auch Einfluss auf die Attraktivität politischer Meinungen besitzt (ebd.: 33). Für die Politik stellt sich demnach die Frage, wie eine angemessene Kommunikation auszusehen hat; diese Überlegungen sind dabei immer durchzogen vom Wetteifern um Zustimmung der Wähler (vgl. Kercher 2013: 25). Das grundsätzliche Dilemma für die Parteien und Politiker liegt aber in einem „breiten Adressatenspektrum“, das es „kommunikativ zu bedienen“ gilt (Klein und Diekmannshenke 1996: 9). So segmentieren sich die Wähler zunächst durch Medium, Themen und Meinungen, lassen sich zusätzlich aber in unterschiedliche Gruppen einordnen: Junge und Alte, Männer und Frauen, Gebildete und weniger Gebildete, Experten und Laien, Betroffene und Nicht-Betroffene, Befürworter und Gegner, Interessierte und Uninteressierte (vgl. Grieswelle 2000: 41, Klein und Diekmannshenke 1996: 9). All diese Gruppen haben nicht nur generell meist unterschiedliche Wahr nehmungen darüber, was relevant, informativ und vor allem verständlich ist; es unterscheiden sich immer auch die Bereiche, in denen die Zielgruppe mitsprechen kann, sind es doch vor allem moralische und sonstige evaluative Fragen, die in der Politik am meisten Gewicht haben (vgl. Grieswelle 2000: 41), kann und will sich bei normativen Themen eine wesentlich größere Gruppe zu Wort melden. So sind die Politiker anscheinend stets konfrontiert damit, die Erklärungen den vielfältigen Funktionen und Situationen angemessen zu formulieren und haben dann die Wahl, eine einfach verständliche Sprache zu verwenden oder eine anspruchsvollere (vgl. ebd.: 372).

Bei der Untersuchung des Einflusses von unterschiedlichem Sprachniveau auf die Zustimmung zu politischen Erklärungen gilt es, diese politische Information (in Form der Erklärung) in ihrer Qualität einzustufen. Nach Grice (1989) lässt sich diese Qualität in drei verschiedenen Bereichen prüfen: in (Sinn-)Verständlichkeit („intelligibility“), in Gültigkeit („validity“) und in Bedeutung („significance“) (vgl. Grice 1975). Innerhalb dieser Gebiete könne laut Vössing (2018) jeweils unterschieden werden, ob es sich um „component (fact) claims“ handelt oder um „connection (argument) claims“ handelt; also ob entweder eine Aussage per se anhand der Kriterien bewertet wird oder der kausale Zusammenhang zweier oder mehrerer Aussagen. (vgl. Vössing 2018) Mit Blick auf das Sprachniveau bewegt sich die weitere Untersuchung im Rahmen der „fact intelligibility“; es soll also die Verständlichkeit der Aussage an sich überprüft werden, nicht die Verständlichkeit des Kontextes. Auch die Sinnverständlichkeit oder die -unverständlichkeit von Politikern kann dabei unterschiedliche Dimensionen haben. Im Folgenden wird jedoch wie bereits erwähnt nur das lexikalische Niveau betrachtet, wobei damit die Sinnverständlichkeit gleichbleibt.

3.1.1 Verständlichkeit aufgrund niedrigen Niveaus des Vokabulars

Wie bereits angerissen, kann das lexikalische Niveau grob in zwei genau Ausprägungen unterschieden werden: eine anspruchsvolle, fachspezifische Sprache als hohes Niveau und auf der anderen Seite eine einfache, klar verständliche Sprache als niedriges Niveau. Die Entscheidung der Politikerinnen, welche Sprache verwendet werden soll, ist demnach abhängig von deren Einschätzung des Verständnisses des Publikums. Wenn also von einem „Übergewicht von [beispielsweise] Laien im Publikum“ auszugehen ist, müssen sich die „Öffentlichkeitsakteure auf eine begrenzte Verständigungsfähigkeit des Publikums einstellen“ (Grieswelle 2000: 40). Die Verständigungsschwierigkeiten beziehen sich jedoch nicht nur auf Laien; so kam die Studie „Sprichst du Politik?“ beauftragt durch die Friedrich-Ebert-Stiftung zu dem Ergebnis, dass gerade Jugendliche die gegenwärtige politische Kommunikation oft als unverständlich und zu sehr mit Fremdwörtern durchsetzt empfinden (vgl. Fackelmann et al. 2011: 1). Sei also eine höhere Verständlichkeit das Ziel, so „dient eine klare, präzise, konkrete und eindeutige Ausdrucksweise (z. B. indem man geläufigere Wörter bevorzugt […])“ (Schach 2018: 92) dazu, dieses zu erreichen. Auch Siller schlussfolgert, dass für eine angemessene Verständlichkeit notwendigerweise auch auf „Fachidiotikum“ verzichtet werden müsse (vgl. Siller 2014: 237). Damit übereinstimmend argumentiert auch Nickel, dass leicht verständliche, anschauliche, vertraute oder einfache Wörter, das Umgehen von Abstrakta und das Vermeiden von Fach- und Fremdwörtern die Verständlichkeit auf lexikalischer Ebene vereinfache (vgl. Seitz et al. 2014: 28). Der Zusammenhang zu einer steigenden Zustimmungsrate bildet sich schließlich hieraus: Um ein möglichst „hohes Überzeugungspotential zu erreichen“, müsste allerdings die Verständlichkeit maximiert werden (Kercher 2013: 29); „Verständlichkeit fördert die Glaubwürdigkeit, da sie die Rezeption und Informationsverarbeitung erleichtert“ (Schach 2018: 260). Daraus ergibt sich zusammenfassend folgende Hypothese:

H1: Ein niedriges lexikalisches Niveau erhöht die Zustimmung zu politischen Erklärungen.

Die erhöhte Zustimmung kann dabei auf der einen Seite durch ein erhöhtes individuelles Verständnis erklärt werden, auf der anderen Seite wäre auch eine größere Reichweite der politischen Erklärung denkbar: Je einfacher die Erklärung formuliert ist, desto größer wird die Gruppe der Personen, die diese Erklärung verstehen kann. Welcher der beiden Ansätze zutreffender ist, kann mithilfe des Experimentes untersucht werden.

3.1.2 Glaubwürdigkeit aufgrund hohen Niveaus des Vokabulars

Lässt sich durch sprachliche Gestaltung auf der einen Seite die Verständlichkeit erhöhen, so kann auf der anderen Seite durch eine entsprechende Wortwahl von höherem lexikalischem Niveau genauso das Gegenteil erreicht werden - durch eine fachspezifische Ausdrucksweise (vgl. Schach 2018: 167) die oft als das Kennzeichen der Politiksprache angesehen wird (vgl. Kercher 2013: 25). Die „(Gesamt- )Verständlichkeit von Politikern [steht dabei] teilweise in einem inversen Verhältnis zu ihrer Überzeugungskraft: So führt die Verwendung komplexer Begriffe […] häufig zu einer Steigerung der wahrgenommenen Expertise des Kommunikators“ (Kercher 2013: 31). Auch Schach erläutert die aufwertende Wirkung von Fremd- und Fachwörtern, „indem sie Expertentum indizieren“ (Schach 2018: 106). Weil „expertness“ und Vertrauenswürdigkeit als Faktoren von Glaubwürdigkeit gelten, erscheinen Aussagen, die Fachwissen vermitteln, fundierter und glaubwürdiger. Und „textliche Merkmale, die zu diesem Faktor gehören, sind beispielsweise eine der Situation angemessen fachliche Wortwahl“ (ebd.: 260). Daraus lässt sich folgende Hypothese ableiten, die genau das Gegenteil der ersten Hypothese voraussieht:

H2: Ein hohes lexikalisches Niveau erhöht die Zustimmung zu politischen Erklärungen.

3.2 Weitere Einflussfaktoren

Wenn die beiden aufgestellten Hypothesen in einem experimentellen Vorgehen geprüft werden sollen, gibt es einige weitere Faktoren zu beachten, die auf die Zustimmung der Bürgerinnen Einfluss nehmen könnten, aber nicht sollen. Diese Einflüsse lassen sich aufteilen in zwei Komponenten: „die Merkmale der jeweiligen Botschaft und die betroffenen Rezipienten in ihren Voraussetzungen“ (Kercher 2013: 20). Zu diesen Variablen werden keine eigenen Hypothesen gebildet; sie werden viel mehr als Kontrollvariablen in das Experiment aufgenommen.

Einflussfaktoren auf Seite der Rezipienten

So muss allem voran beachtet werden, dass die Bürgerinnen in keinem Fall über ein einheitliches Bildungsniveau verfügen werden, die Bildung aber ausschlaggebend für das Verständnis von politischen Erklärungen ist. Bildung bezieht sich hierbei nicht nur auf die Schulbildung als solche; gleichermaßen sind politisches Wissen und Sprachkompetenzen relevant. (vgl. Kercher 2013: 20) Um auszuschließen, dass das Verständnis von allgemeinen Leseschwierigkeiten beeinträchtigt werde, müsste unter anderem darauf kontrolliert werden.

Zusätzlich kann die individuelle Parteipräferenz die Zustimmung beeinflussen, weil sie die Glaubwürdigkeit des Politikers maßgeblich verstärkt oder mindert. Bürger, die beispielsweise Mitglied einer Partei sind, würden dazu neigen, der eigenen Partei und ihren Repräsentanten pauschal ei ne Richtigkeit der Aussagen zu attestieren und demnach der politischen Erklärung zuzustimmen (vgl. Klein und Diekmannshenke 1996: 8). Auch Vorurteile über andere Parteien oder ideologische Präferenzen können die Zustimmung bestimmen; „ob eine Äußerung wahr ist, hängt in der Politik oft vom Standpunkt ab“ (ebd.: 9).

Einflussfaktoren auf Seiten der Botschaft und Adressanten

Politische Sprache ist nicht zuletzt deshalb so schwierig zu formulieren, weil sie in den meisten Fällen auch normative und emotionale Elemente enthält (vgl. Mikfeld und Turowski 2014: 18). So gibt es wie bereits erwähnt Bereiche, in denen sich das Publikum viel eher eine eigene Meinung bilden kann, weil die persönliche Relevanz der Thematik größer ist oder das Thema allgemein als sehr bürgernah gilt. Außerdem fördern gewisse, emotionale Wörter die Akzeptanz (vgl. Kercher 2013: 27). Dementsprechend ist die Zustimmung zu politischen Erklärungen in nicht unerheblichem Maße davon abhängig, um welches Thema es sich handelt und wie intensiv die Botschaft bereits im Voraus verarbeitet wurde (vgl. ebd.: 32).

Ein weiterer Aspekt, der ganz grundsätzlich die Chancen der Akzeptanz zu politischen Erklärungen beeinflusst, soll hier kurz umrissen werden, auch wenn er für das im Folgenden konzipierte Experiment nicht relevant sein wird. So beeinflussen Politiker den Wahrnehmungs- und Zustimmungsprozess maßgeblich selbst: Dabei spielen nicht nur Optik und wahrgenommene Attraktivität eine Rolle, sondern auch die erlangte Glaubwürdigkeit durch beispielsweise bisherige Medienpräsenz und natürlich die allgemeine Formulierung der Erklärungen in formalen und rhetorischen Gesichtspunkten. (vgl. Kercher 2013: 32) In gleichen Maßen wird die Zustimmung zu politischen Erklärungen von der allgemeinen Einstellung der Befragten zu den Politikern per se beeinflusst, wäre eine allgemeine Ablehnung der Politiklinie denkbar (vgl. Kercher 2013: 19).

Auch der politische Stil sollte an dieser Stelle erwähnt werden und legt den Fokus erneut auf die Formulierung: „Für Stilfragen erscheint in der Mediengesellschaft jedenfalls hohe Aufmerksamkeit gesichert, wenn sie mit Regelverstößen, mit dem Nichteinhalten von Konventionen, kurz: wenn sie mit dem Besonderen und nicht mit dem Üblichen verbunden sind.“ Demnach ziele „der Einsatz von Stilmitteln nicht nur auf die Generierung von Aufmerksamkeit, sondern auch auf die Durchsetzung einer bestimmten Politik“ (Sarcinelli 2009: 101). Sprachstile sind dabei immer auch abhängig von Kultur, kann eine bildlichere, persönlichere und religiös gefärbte Formulierung in der einen Kultur wirksamer sein, während in einer anderen ein sachlicher, objektiver Stil verlangt wird (vgl. Schach 2018: 94).

„Zur gesamten Glaubwürdigkeit trägt auch das subjektiv wahrgenommene Vertrauen in das Verbreitungsmedium – Zeitungen, Fernsehen oder Internet – bei“ (ebd.: 364). Abgesehen von dem entgegengebrachten Vertrauen in die Medien, nehmen diese auch grundsätzlich unterschiedlich Einfluss auf die Rezipienten. So spielt beispielsweise in visueller Übertragungsform die Optik und Attraktivität eine Rolle, während Erklärungen in Textform mit mehr Zeit wahrgenommen und überdacht werden können, als dies auch in Audioformaten möglich ist.

[...]

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Details

Titel
Die Verständlichkeit politischer Rhetorik. Wie beeinflusst das lexikalische Niveau die Akzeptanz politischer Erklärungen?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Political Explanations and Public Opinion
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
34
Katalognummer
V508614
ISBN (eBook)
9783346068316
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politische Erklärungen, Öffentliche Meinung, Meinungsbildung, Erklärungen, Politik, Öffentlichkeit, Forschung, Forschungsdesign, Interview
Arbeit zitieren
Larissa Oppermann (Autor), 2018, Die Verständlichkeit politischer Rhetorik. Wie beeinflusst das lexikalische Niveau die Akzeptanz politischer Erklärungen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508614

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