Biografiearbeit mit Trennungs- und Scheidungskindern. Besteht eine Notwendigkeit der Aufarbeitung?


Hausarbeit, 2018
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biografiearbeit – allgemein
2.1. Biografiearbeit als Methode
2.2. Biografiearbeit mit Kindern (und Jugendlichen)
2.3. Biografiearbeit mit Trennungs-/ Scheidungskindern

3. Trennungs- und Scheidungskinder – aktuell
3.1. Häufigste Problemlagen
3.2. Zugang und Verortung

4. Notwendigkeit von Biografiearbeit mit Trennungs-/ Scheidungskindern

5. Zusammenfassung und Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Ein, für den Bereich der Sozialarbeit in Deutschland, eher neues und auch innovatives Handwerkszeug ist die Biografiearbeit. Sie ist weder als Therapie anzusehen noch als einfaches Instrument des Fotoalbum gestaltens. In Großbritannien wird schon lange biografisch, vor allem in der Jugendhilfe, gearbeitet. Verschiedene Herangehensweisen und Methoden werden in dieser Arbeit vorgestellt und zunächst in Bezug zu Kindern und Jugendlichen gesetzt. Des Weiteren wird auf die spezifische Thematik von Trennungs- und Scheidungskindern eingegangen und aktuelle Zahlen kurz vorgestellt. Anhand mehrerer einschlägiger Literatur, beispielsweise das neueste Buch von Ingrid Miethe „Biografiearbeit“ (2017), werden Inhalte, Methoden und Anwendungsbereiche kurz erklärt. Die Standardwerke für Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen, liefern Birgit Lattschar in Zusammenarbeit mit Irmela Wiemann sowie die Vorreiter in diesem Bereich Tony Ryan und Rodger Walker. Ziel der Arbeit ist die Beantwortung der eingangs gestellten Frage: Besteht eine Notwendigkeit von Biografiearbeit mit Trennungs-/Scheidungskindern? Aus den vorab erläuterten Methoden und Zusammenhängen von Biografiearbeit und dem Fakt der Trennung/Scheidung der Eltern, entwickelt sich im Laufe dieser Arbeit die Erkenntnis daraus. Diese Arbeit stellt allerdings kein umfassendes Werk dar. Es kommt nur mittels bereits verfasster Literatur, kurz und prägnant sowie ohne Umschweife und lange Erläuterungen zur Beantwortung der Frage.

2. Biografiearbeit – allgemein

Die Arbeit an (s)einer Biografie muss immer von zwei Seiten betrachtet werden. Einerseits stellt sie das Ziel dar, Krisen und Wendepunkte des eigenen Lebens zu betrachten und sich mit der eigenen Lebensgeschichte zu befassen. Und andererseits ist es die aktive Anleitung zum biografischen Arbeiten mit einer Person oder auch Gruppe. Hier geht es hauptsächlich um ersteres. Das Sozialarbeiterische an und mit der Biografiearbeit wird teilweise nur kurz erwähnt.

Birgit Lattschar und Irmela Wiemann erläutern, zu Beginn ihres Buches, Biografiearbeit wie folgt: „Biografiearbeit ist eine strukturierte Methode in der pädagogischen und psychosozialen Arbeit, die Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und alten Menschen ermöglicht, frühere Erfahrungen, Fakten, Ereignisse des Lebens zusammen mit einer Person ihres Vertrauens, zu erinnern, zu dokumentieren, zu bewältigen und zu bewahren.“ (Lattschar, Wiemann, 2008, S. 13). Diese Aussage stellt eine von vielen Definitionen von Biografiearbeit im Allgemeinen dar. Sie beinhaltet jedoch für den Bereich der Sozialen Arbeit alle wichtigen Aspekte. Denn hierbei geht es vor allem darum effektiv mit dem Gegenüber über Vergangenes zu kommunizieren, sodass gerade die Zielgruppe der Kinder „[…] die Chance […] haben, [sich] eine solide Zukunft aufzubauen.“ (Ryan, Walker, 2007, S. 11).

Dabei ist unter anderem die Teilnahme aller Beteiligten (Herkunftsfamilie, Erzieher, Pflegefamilie, Jugendamtsmitarbeiter, etc.) erforderlich. „Während ein ‚Lebenslauf‘ eher objektivierbare Daten enthält, umfasst die Biografie auch die emotionale Entwicklung und Auseinandersetzung mit kritischen Lebensereignissen.“ (ebd.). Die Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft soll nicht nur besprochen werden, sondern beinhaltet als Ziel ein konkretes Produkt. Das kann ein Lebensbuch sein, Briefe, gemalte Bilder, Grafiken oder andere Erinnerungen, welche somit eine Dokumentation des Lebens darstellen. Mit Hilfe des Erstellens dieses Produktes gelingt es dem Menschen besser zu verstehen. Außerdem zeigt es Beständigkeit und Verbindlichkeit, sodass das eigene Sein und die Erlebnisse konserviert werden und bei Bedarf immer wieder betrachtet werden können. Dennoch muss biografisches Arbeiten nicht mit einem Produkt an sich enden, so Ryan und Walker 2007: „[…] – es ist mehr der Prozess als nur das Produkt, von dem die involvierten Kinder und Jugendlichen am meisten profitieren.“ (ebd. S. 14). Ein biografisches Datum erhält erst eine Bedeutung mit dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen (vgl. Miethe, 2017, S. 12). „Das heißt, dass Biografien immer subjektive Wirklichkeiten und Wahrheiten sind, die immer auch nur für die jeweilige Person stimmen.“ (ebd., S. 16). Daher geht es in der Biografiearbeit „[…] nie um die Rekonstruktion von Fakten bzw. dessen Realitätsgehalt, […] [sondern] um das Verstehen des ‚Eigen-Sinns‘ biografischer Äußerungen.“ (ebd., S. 21).

2.1. Biografiearbeit als Methode

Wie im Folgenden beschrieben, ist Biografiearbeit eine Arbeitsmethode und kein therapeutisches Modell (vgl. Ryan, Walker, 2007, S. 12). Entstanden ist die Biografiearbeit aus drei Hauptrichtungen der Wissenschaften; Sozial- und Erziehungswissenschaft, (Psycho-) Therapie und Psychologie sowie Geschichtswissenschaft. So entstanden auch die verschiedenen Methoden aus mehreren Gesinnungen. Für Ingrid Miethe „[…] stellt Biografiearbeit einen pädagogischen Ansatz dar, für den auf eine breite Vielfalt an Methoden zurückgegriffen wird, die in den unterschiedlichsten pädagogischen, soziologischen, historischen oder therapeutischen Feldern entwickelt wurden.“ (Miethe, 2017, S. 24). Aus diesen Entstehungskontexten unterscheidet sie drei Gruppen von Methoden: unspezifische Methoden, Modifizierte Methoden und Eigenständige Methoden. Die unspezifischen Methoden arbeiten zwar mit biografischen Elementen, werden allerdings nicht kennzeichnend für die Biografiearbeit genutzt, so z.B. Übungen zum Kennenlernen. Bei den modifizierten Methoden handelt es sich um Methoden, die bereits in anderen wissenschaftlichen Bereichen genutzt werden und in der Biografiearbeit übernommen wurden oder anwendbar gemacht wurden, so z.B. die Genogrammanalyse. Wohingegen bei den eigenständigen Methoden entweder komplett neue Verfahrensweisen bei der Durchführung von Biografiearbeit entwickelt wurden oder aber in Anlehnung an überlieferten Methoden so starke Änderungen vorgenommen wurden, dass sie nun als eigenständig für die Biografiearbeit entwickelte Methoden gelten. Ein Beispiel dafür ist die Anlehnung der Oral History für die entstandenen Erzählcafés. Die tatsächlich angewandten Methoden lassen sich aber mehrfach in ihrer Arbeitsweise unterscheiden und gruppieren: Narrative Methoden, Kreative Methoden, Einbezug von Medien, Visualisierende Methoden, Lernen am Modell, Rollenspiele und Aufstellungsarbeit, um nur einige zu nennen. Die Fülle und Vielfältigkeit der Modelle von Biografiearbeit kann

hier nur benannt, aber nicht näher beschrieben werden. Generell kann allerdings gesagt werden, dass bei der Verwendung der Methoden die Vorbildung des Anwenders immer eine große Rolle spielt. Vor allem, da die Möglichkeit besteht mit den Methoden der Biografiearbeit, welche oftmals aus der Therapie abgeleitet sind „zu tief“ zu gehen und unbewusste Anteile hervorzuholen. „Jede Methode ist eine „Methode der Wahl“. Die Entscheidung für oder gegen eine Methode hängt ab von der konkreten Gruppe oder Einzelperson mit der gearbeitet wird, den eigenen Vorkenntnissen und der eigenen (kritischen) Überprüfung mit welchen Methoden professionell gearbeitet werden kann und mit welchen (noch) nicht.“ (Miethe, 2017, S. 45). Auch an den Zielgruppen können die verschiedenen Methoden nicht festgemacht werden: „Einerseits lassen sich zwar Zielgruppen für Biografiearbeit beschreiben, wie z.B. Erwachsene, Alte, Kinder und Jugendliche. Gleichzeitig sind viele Ansätze aber zielgruppenübergreifend konzipiert, […]“ (ebd. S. 101). Im Folgenden werden wesentliche Spezifikationen in der Anwendung von Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen erklärt.

2.2. Biografiearbeit mit Kindern (und Jugendlichen)

Die Zielgruppe Kinder und Jugendliche ist in Deutschland noch ein sehr junger Bereich und erreicht vor allem die Kinder- und Jugendhilfe. Hier fand sie auch ihre Verbreitung. In Großbritannien wurde biografisches Arbeiten bereits 1980 praktiziert und ist inzwischen Standard, wenn Kinder fremd untergebracht sind (vgl. Lattschar, Wiemann, 2008, S. 24). Es betrifft demnach vor allem jene Kinder und Jugendliche, die getrennt von ihren Eltern oder Elternteilen (demnach auch Trennungs- und Scheidungskinder) leben, in Pflegefamilien, im Heim oder als Adoptivkinder aufwachsen, da hier leibliche Verwandte fehlen und somit die Beantwortung von Fragen über die eigene Herkunft und Lebensgeschichte oft schwer zu beantworten sind. „Biografiearbeit ist ein Versuch, Teile dieser Vergangenheit den Kindern, die getrennt von ihrer originären Familie oder Familienangehörigen sind, zurückzugeben. Das gemeinsame Zusammentragen der Tatsachen dieses Lebens und der wichtigsten Personen darin, hilft ihnen zu beginnen, ihre Vergangenheit anzunehmen und mit diesem Wissen in die Zukunft zu gehen.“ (Ryan, Walker, 2007, S. 13).

Hauptsächlich umfasst Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen Informationen zum familiären, sozialen, kulturellen und religiösen Umfeld, dient dem Wahrnehmen und Festhalten von Gefühlen und beinhaltet das Kennlernen von wichtigen Personen sowie Zukunftswünsche des Kindes. Eines der am häufigsten angewandten Verfahren ist die Erstellung eines sogenannten Lebensbuches. Es dient am meisten in der Kinder- und Jugendhilfe: „Fragen zur eigenen Herkunft, die ein leibliches Kind normalerweise innerhalb der eigenen Familie stellen kann, sind für Pflege- und Adoptivkinder nicht so leicht zu beantworten und erfordern zusätzliche Bemühungen.“ (Miethe, 2017, S. 126). Hierbei übernimmt die Biografiearbeit vor allem eine „überbrückende“ Funktion. Nämlich das Darstellen der unterschiedlichen Teile der eigenen Lebensgeschichte mit den durchlaufenen Stationen (Herkunftsfamilie, Heim, Pflegefamilie, etc.). Wichtig hierbei ist, dass jegliche Darstellungen und Ergebnisse der Biografiearbeit dem Kind gehören und nur bei ausdrücklichem Wunsch weggeschlossen aufbewahrt werden, jedoch jederzeit für das Kind zugänglich gemacht werden können.

In welchem Alter Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen begonnen werden sollte, kann nicht konkret festgelegt werden. Hierbei entscheidet zumeist die Einstellung und der Hintergrund, warum biografisch gearbeitet werden soll. Laut Rath in Miethe 2017 haben Kinder unter 8 Jahren kaum autobiografische Kompetenzen. Birgit Lattschar und Irmela Wiemann konstatieren in ihrem Buch „Mädchen und Jungen entdecken ihre Geschichte“ jedoch, dass man mit Kindern jeden Alters biografisch arbeiten kann. So kann bereits mit Säuglingen und Kleinkindern informativ über ihre Herkunft gesprochen werden, sodass sie zu einer Selbstverständlichkeit wird (z.B. immer wieder erzählen, dass es adoptiert wurde und wie es in die Familie kam). Außerdem hilft das sammeln von Erinnerungsstücken und behalten von Fotos für spätere Fragen. Für den Anwender selbst, sollte „Biografiearbeit […] erst zu dem Zeitpunkt begonnen werden, an dem man die Methode wirklich verstanden hat und sich die Zeit nehmen kann, sie mit dem Kind umzusetzen. Wir schulden es den Kindern, so viel Sorgfalt wie möglich walten zu lassen.“ (Ryan, Walker, 2007, S. 12). Grundsätzlich wird nirgends ein konkretes Alter angegeben, ab welchem Kinder oder Jugendliche überhaupt in der Lage sind autobiografische Erzählungen zu äußern. Das hängt von vielen individuellen Faktoren ab. Aber sie verstehen es anscheinend ab jedem Alter: „Dass Säuglinge bereits die Sprache und vor allem ihren emotionalen Gehalt verstehen, daran besteht nach Ergebnissen der modernen Säuglingsforschung kein Zweifel.“ (Lattschar, Wiemann, 2008, S. 47). Wichtig ist die Methode, das Alter und das Interesse des Kindes in die Überlegungen über biografisches Arbeiten einzubeziehen und das eine vom anderen abhängig zu machen. Im Sinne von: wann wird wie über was „biografiert“. „Es gibt keine Gebrauchsanweisung für die Biografiearbeit, das Kind ist jedoch immer der Schlüssel dafür.“ (Ryan, Walker, 2007, S. 19). Deshalb liegt es auch in der Verantwortung des Erwachsenen, dem Kind oder Jugendlichen nicht die eigene Betrachtungsweise aufzudrängen (ebd.). „Biografiearbeit ist eine wirkungsvolle Möglichkeit, bei Kindern und Jugendlichen ein positives Selbstkonzept zu fördern und somit zur psychischen Widerstandsfähigkeit (Resilienz) beizutragen. Kinder und Jugendliche können sich durch Biografiearbeit selbst besser kennenlernen, ihre ungewöhnliche Lebensgeschichte besser in ihr Leben integrieren und Lebensfreude auf ihre Zukunft entwickeln.“ Irmela Wiemann in Hölzle und Jansen, 2011, S. 121. Oder, wie im Vorwort des Buches ‚Mädchen und Jungen entdecken ihre Geschichte‘ von Irmela Wiemann und Birgit Lattschar (S.5) geschrieben steht: „Durch Biografiearbeit bekommen sie [, die Kinder und Jugendlichen die von ihren Eltern oder Elternteilen getrennt leben,] die Chance, ihre Geschichte und ihre aktuelle Lebenssituation zu verstehen. Seelische Energie wird frei für andere Entwicklungsaufgaben.“. Im Gegensatz dazu erschwert oder verhindert „[e]in Aufwachsen ohne hinreichende Anerkennung, unter deklassierten Lebensbedingungen, in ressourcenarmen sozialen Netzwerken […], eine tragfähige Identität verbunden mit Selbstwert, Anerkennung und Wirksamkeit zu entwickeln. Hier setzt Biografiearbeit mit kreativ-ressourcenorientierten Verfahren an […].“(Hölzle und Jansen, 2011, S. 23), sodass es dem Kind möglich ist, durch das Erzählen und Verstehen der eigenen Geschichte Selbstwirksamkeit zu erfahren. Eine der wichtigsten Resilienzfaktoren für Kinder und Jugendliche um ihr Leben gut bestreiten zu können. Weitere Bedingungen von biografischem Arbeiten, wie der Ort oder auch ob in einer Gruppe gemeinsam mit anderen biografiert wird, hängt ebenso von individuellen Gegebenheiten ab. „Biografiearbeit kann einzeln oder in Gruppen oder als Kombination aus beidem stattfinden. In Pflege- und Adoptivfamilien ist sie häufig in den familiären Alltag eingebunden, aber auch ambulant, in einer Tagesgruppe oder Beratungsstelle, ist die Arbeit sinnvoll.“ (Lattschar, Wiemann, 2008, S. 67). So können die in dieser Arbeit in den Fokus gestellten ‚Trennungs- und Scheidungskinder‘ auch zumeist erreicht werden. Dazu werden in Punkt 3.2. genauere Angaben gemacht und Überlegungen dargestellt.

2.3. Biografiearbeit mit Trennungs-/ Scheidungskindern

Wie bereits festgestellt wurde, eignet sich biografisches Arbeiten vor allem für fremdplatzierte Kinder und Jugendliche. Es ist aber auch für Kinder einsetzbar, die bei ihrem alleinerziehenden Elternteil, in Stief- und Patchworkfamilien leben oder nach der Trennung und Scheidung der Eltern (vgl. Lattschar, Wiemann, 2008, S. 29). Es ist vor allem schwer Erfahrungen und Erinnerungen zu dokumentieren, welche als leidvoll, traurig oder gar traumatisch angesehen werden. Aus diesem Grund besteht beispielsweise ein Fotoalbum zumeist nur aus schönen Erinnerungen, glücklichen und fröhlichen Ereignissen. Dennoch ist es wichtig und notwendig „[…], die gesamte Vergangenheit eines Kindes respektvoll anzuerkennen.“ (Ryan, Walker, 2007, S. 12) und gemeinsam mit ihr zu arbeiten.

Gerade bei Lebensumbrüchen oder kritischen Ereignissen kann Biografiearbeit bei der Verarbeitung und lückenlosen Aufarbeitung von Gefühlen und Erlebnissen unterstützen. „Dazu gehören einschneidende, ungeplante und unvorhersehbare Lebensereignisse wie Verlust- und Trennungserlebnisse (z.B. Trennung von den leiblichen Eltern, oder wichtigen Bezugs- und Identifikationsgruppen) […]“(Hölzle und Jansen, 2011, S. 35). Die Trennung oder Scheidung der Eltern stellt also ein solches Ereignis dar. Wenn der Kontakt zur anderen Seite der Familie abgebrochen ist fehlen auch hier Informationen. Diese benötigt das Kind oder der Jugendliche jedoch bei der Entwicklung seiner Identität. Identität besteht kurz gesagt aus zwei Teilen: dem Ich-Gefühl, also der Einzigartigkeit und dem Wir-Gefühl, dem Zugehörigkeitsgefühl zu einer oder mehreren anderen sozialen Gruppen (vgl. Hölzle und Jansen, 2011, S. 36ff.). So kann dieses Gefühl durch die Trennung oder Scheidung der Eltern beeinträchtigt werden. Christina Hölzle nennt in ihrem Beitrag zu Gegenstand und Funktion von Biografiearbeit (vgl. Hölzle und Jansen, 2011, S. 38) ein Beispiel. Darin wird deutlich, dass eine junge Frau mit Migrationshintergrund ins Wanken geraten könnte, wenn sie sich weder der eigenen Kultur noch der neuen Kultur zugehörig fühlt. Dieses Gefühl kann auf Kinder übertragen werden, welche nicht wissen, ob sie nun der Familie des Vaters oder der der Mutter angehören, oder sogar nur noch eine Seite der Familie übrig bleibt, obwohl die zweite Seite vom Kind gewünscht wird. Hinzu kommt, dass dieses Gefühl der Zerrissenheit dem Kind nicht einmal bewusst ist. Denn „[d]ie Annahme, dass unsere Biografie nicht nur aus bewussten und damit manifest erzählbaren Anteilen besteht, sondern auch Erfahrungen in verschiedenen Schichten der Biografie abgelagert bzw. verdrängt sind, [ist] eine zentrale theoretische Grundlage für Biografiearbeit.“ (Miethe, 2017, S. 53). Bei Trennungs- und Scheidungskindern kann davon ausgegangen werden, dass z.B. ein Elternteil „immer fehlt“ und nie beide gleichzeitig vorhanden sind, sodass Teile der eigenen Biografie fehlen und nicht vollständig abrufbar sind. Ist das der Fall, oder muss man sich mit Hilfe Anderer die eigene Biografie erarbeiten, macht es laut Ingrid Miethe 2017 (vgl. S. 53) Sinn sich in Form der Biografiearbeit mit der Eigenen zu beschäftigen. Trennung oder Scheidung der Eltern kann auch als Krise bzw. Bruch mit dem alten Leben bezeichnet werden und Biografiearbeit sollte auch deshalb zur Bearbeitung und Verarbeitung angewandt werden. Denn „[s]ie kann […] im Umgang mit solchen Lebensereignissen unterstützen und es ermöglichen, dass Kinder und Jugendliche diese Erfahrungen als Teil ihres Lebens akzeptieren lernen.“ (Miethe, 2017, S. 130). Wichtig zu wissen ist auch, dass Menschen unterschiedliche Bewältigungskonzepte im Laufe ihres Lebens entwickeln und somit der Eine besser und der Andere schlechter mit der Trennungssituation der Eltern umgehen kann. Entscheidend ist nicht der Fakt der Trennung, sondern das Gefühl und was es in dem Kind auslöst, mit allen Konsequenzen für seine Zukunft. Im Rahmen von Identitätsentwicklung hat Biografiearbeit des Weiteren die Funktion „[…] das Subjekt zu unterstützen, sich selbst im Fluss der eigenen Lebensgeschichte zu verstehen.“ (Hölzle und Jansen, 2011, S. 50).

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Details

Titel
Biografiearbeit mit Trennungs- und Scheidungskindern. Besteht eine Notwendigkeit der Aufarbeitung?
Hochschule
Fachhochschule Potsdam
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V508632
ISBN (eBook)
9783346075857
ISBN (Buch)
9783346075864
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Biografiearbeit, Biographiearbeit, Scheidung, Trennung, Kinder, Aufarbeitung
Arbeit zitieren
Ulrike Schütze (Autor), 2018, Biografiearbeit mit Trennungs- und Scheidungskindern. Besteht eine Notwendigkeit der Aufarbeitung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508632

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