(Selbst-)Inszenierung durch Mode am Hof des Sonnenkönigs Louis XIV.

Welchen politischen und gesellschaftlichen Stellenwert besaß die Mode am französischen Königshof?


Hausarbeit, 2018
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

1. Inhaltsverzeichnis

1. Inhaltsverzeichnis

2. Einleitung

3. Mode im spanischen und französischen Herrschaftsmodell

4. Mode als ein Baustein der königlichen Selbstinszenierung

5. Mode als Herrschaftsinstrument
5.1. In Korrelation mit dem Alltag in Versailles
5.2. Reglementierungen
5.3. Die richtige Robe für den passenden Anlass

6. Die Mode der Höflinge
6.1. Damenmode
6.2. Herrenmode
6.3. Schleife à la Valière oder Robe à la Montespan?

7. Fazit

8. Abbildungsverzeichnis

9. Literaturverzeichnis

2. Einleitung

“Il ne veut rien tel que l’a fait la nature, pas même l’homme ; il le faut dresser pour lui, comme un cheval de manège ; il le faut contourner à sa mode, comme un arbre de son jardin.”1

Jean-Jaques Rousseau 1762, S. 1f

Diese Aussage aus Rousseaus „Émile ou de l’éducation“ entstand 1765, trifft aber ebenso den Zeitgeist während der Regierung von Louis XIV. Den Menschen zu dressieren, gelang bei Hof unter anderem durch einstudierte Bewegungen, Tagesabläufe und Rangfolgen. Diese Aspekte wurden zuvorderst durch die Mode geregelt, der dadurch ein hoher Stellenwert zuteilwurde.

Einleitend betrachte ich die französische im Gegensatz zur spanischen Mode. Dies soll aber der einzige Ausblick ins französische Ausland bleiben, obgleich es vielerlei Einflüsse aus anderen Ländern gab und die französische Mode ihrerseits sich in fast ganz Europa ausbreitete. Für die Mode am Hof ist dies aber eher nebensächlich. Die Wirtschaft möchte ich aus eben diesem Grund ebenfalls außer Acht lassen, auch wenn Louis XIV. und sein Finanzminister Colbert zahlreiche Gesetze erdachten, um den Import von Gütern zu schwächen und die französische Wirtschaft zu stärken, was sich vor allem auf die Luxus- und Textilindustrie bezog.2

Vielmehr geht es um die Erscheinung des Königs Louis XIV. selbst, als auch die seiner Hofleute. Wie gelang es Louis XIV. durch Mode seine innerpolitische Macht zu steigern und zu festigen? Um diese Frage zu beantworten werden, gilt es nicht nur, die Kleidung des Königs und ihre Relevanz für die Sichtbarmachung seines politischen Körpers zu untersuchen. Ebenso wichtig ist die Betrachtung der Kleider der Mitglieder des Hofes. Diese wurden gleichermaßen vom König bestimmt wie seine eigene Mode und fügten sich ein in das Spiel um Prunk und éclat, Grazie und Geschick und die Gnade des Königs und damit verbunden Aufstieg und Fall, welches den gesamten Hof umfasste.

Daher lege ich den Fokus vor allem darauf, wie Mode den Alltag in Versailles und die Rangfolge bei Hof bestimmte und welchen Regeln sie unterlag.

3. Mode im spanischen und französischen Herrschaftsmodell

Bevor der französische Hof unter Louis XIV. seine Stellung als führende Kultur in Europa behaupten konnte, war es der spanische Hof, der seine Kultur und damit auch seine Mode erfolgreich an andere europäische Königs- und Adelshöfe exportierte.3 Dieses Kapitel soll in knappen Worten die spanische Mode des 16. und 17. Jahrhunderts vorstellen und darlegen, inwiefern sich die neue französische Mode von dieser unterschied.

Europa wurde zu dieser Zeit durch große historische Umwälzungen gepragt. Die spanischen Könige hatten sich gegen den Islam durchgesetzt und Aragonien und Kastilien unter christlichem Glauben vereinigt. Weltliche und christliche Macht waren nun untrennbar verknüpft, eine tiefgreifende Veränderung, die auch einen ästhetischen Ausdruck finden musste. 4 Dies begann mit dem Bau des Escorial 1574, ein streng den Grundregeln der göttlichen Mathematik folgendes Bauwerk. Die ideale, klare Form und der symmetrische Grundriss sollten jegliche Ablenkung von Gott vermeiden. Diesem Prinzip folgten auch das Hofzeremoniell und die Mode. So, wie der Escorial ideale Maße hatte, sollten auch die darin wandelnden Körper in eine ideale Form gebracht, also von der göttlichen Mathematik geformt werden. 5

Wie sollte dies anders geschehen als durch Mode? Die Schnittmuster der spanischen Kleidung folgten geometrischen Formen, also Quadrat, Kreis und Dreieck, die auch die Erscheinung der Kleidung bestimmten.6 Die Mode bot die Möglichkeit, die Unzulänglichkeit der menschlichen Gestalt zu vertuschen. Der Mensch als Produkt der rohen Natur sollte unter der künstlichen, also höherwertigen Schöpfung gänzlich verschwinden. Dies musste ein französischer Gesandter lernen, als er der Gemahlin Philipps IV. Lyoner Seidenstrümpfe schenken wollte und daraufhin belehrt wurde, dass Königinnen von Spanien keine Beine besäßen.7

So wurde beispielsweise der weibliche Oberkörper in die ideale Form eines Dreiecks gebracht, wobei das Korsett in der Taille so eng wie möglich geschnürt und die Schulterpartie zusätzlich ausgepolstert wurde. Der Unterkörper wurde durch einen mit Rosshaar und Filz verstärkten Reifrock zu einem Kegel geformt. Männer trugen an den Oberschenkeln zu Kugeln ausgestopfte Hosen zur Strumpfhose. Die Ärmel sowohl der Frauen als auch der Männer wurden mit Watte in eine keulenartige Form gebracht, die an den Schultern ihren größten Umfang hatte und zu den Handgelenken hin zulief. Hände und Hals wurden komplett bedeckt und mit Spitzenmanschetten und gesteiften Leinen- oder Spitzenkrägen dekoriert.8 Diese Geschlossenheit und Steifheit der Form wurde durch die Farbe noch verstärkt. Auf aufwendig hergestelltem und daher kostbarem schwarzen Grund glänzten goldene Aufnäharbeiten und Stickereien, während das Gesicht weiß geschminkt wurde.9

Anders als in Spanien ist in Frankreich die Kirche der weltlichen Macht untergeordnet und hat längst nicht so einen großen Einfluss. 10 Während Heinrich IV. noch die spanische Tracht als ein Symbol von Macht adaptierte, 11 grenzte sich Louis XIV. immer stärker davon ab. Vor allem zu Beginn dieses Wandels schaffte er durch Prunk und „ éclat “ (Jones 2004, 19), was etwas Unerwartetes, Beeindruckendes, Extraordinäres meint, einen bewussten Gegensatz zum spanischen Vorgängermodell.12

Besonders treffend wird der Unterschied auf einem Gemälde von Antoine Mathieu herausgestellt, welches das Treffen zwischen Louis XIV und Philip IV am 7. Juni 1660 zum Anlass der Hochzeit Louis‘ mit der spanischen Infantin Maria Theresa zeigt. Die Kleidung hat auf diesem Gemälde einen Stellenwert, der dem der Personen in nichts nachsteht, wie ihre deutliche Ausgestaltung beweist. Zur rechten befindet sich der spanische Hof in seiner Mode, die im Vergleich zu den französischen Vertretern auf der linken Bildseite schon fast als schlicht zu bezeichnen ist. Philipp IV. trägt zwar eine reich vergoldete Weste und Mantel, auch der schwarze Stoff war wie schon erwähnt sehr kostbar, seine Erscheinung tritt jedoch neben dem mit Federn, Rüschen, Schleifen und dergleichen geschmückten Louis XIV. in den Hintergrund. Hier stehen sich jedoch nicht nur zwei Moden gegenüber, sondern zwei ihnen zugrundeliegenden Maxime, Gravität und christliche Seriosität auf der spanischen Seite und Prunk und repräsentatives Zurschaustellung auf der französischen.13

4. Mode als ein Baustein der königlichen Selbstinszenierung

So, wie Louis XIV. der erste Mann im Staat war bzw. durch seinen berühmten Ausruf l’etat c’est moi, mit diesem untrennbar verschmolz14, soll auch hier die Mode des Königs selbst zuvorderst behandelt werden. Das Bild, das Louis XIV. von sich und seiner Herrschaft schuf, wurde über zahlreiche Kanäle manifestiert und verbreitet. Einige von ihnen, wie zum Beispiel bildende Künste in Form von Gemälden, Druckgrafiken, Münzen und Statuen oder Festumzüge korrelieren mit der Mode, da sie ihnen immanent ist. Wegen des engen Fokus auf Mode werden diese und anderen Arten der Inszenierung jedoch allenfalls am Rande erwähnt.

Wie schon erwähnt, diente die Kleidung dazu den natürlichen Körper zu vertuschen und zu erhöhen. Unglücklicherweise lässt sich anhand des natürlichen Körpers, die Rolle seines Besitzers nicht ablesen; unabhängig von sozialen Stellungen sind alle mit ähnlichen, überdies unzulänglichen Körpern ausgestattet.15

Im 16. Jahrhundert fügten daher elisabethanische Kronjuristen in einem Rechtssatz König/innen zusätzlich einen transzendental-politischen Körper hinzu.16 Während der natürliche Körper des/der Königs/Königin wie alle anderen auch der Natur unterworfen war und ältlich, kränklich oder anderweitig unzureichend sein konnte, war der übermenschliche Körper frei von solchen Mängeln.17 Dieser unsichtbare, politische Körper inkorporiert den geringeren, natürlichen18, ist aber selber unsterblich19 und verleiht der Person des/der Königs/Königin absolute Vollkommenheit, unabhängig von Alter und Krankheit.20

Um diesen politischen Körper sichtbar zu machen, bedarf es der Mode. In seinen Memoiren erwähnt Louis du Rouvroy, duc de Saint-Simon, dass die Erscheinung des Königs oberste Priorität habe. Zum Kauf eines wertvollen Diamanten trotz leerer Staatskassen betont er, dass der Erwerb unerlässlich sei, denn man müsse bedenken, dass der Diamant nicht nur den König schmücke, sondern bei Verzicht einen anderen Käufer schmückte, was ungleich peinlicher sei.21

Seinen kostbaren Schmuck setzte der König sehr gekonnt ein, und zwar in solcher Höhe, dass man ihn genau vor Augen hatte, wenn man sich vor dem König verbeugte.22, 23 Saint-Simon beschreibt zum Beispiel Edelsteine an den Schuhen und am Knieband. Der Hut, der immer in der Hand getragen wurde war ebenfalls reich geschmückt mit Edelsteinen, Goldborte und Federn. Oft kleidete der König sich in verschiedenen Brauntönen – eine Farbe, die er besonders schätzte – manchmal auch in schwarzem Samt und mit einer roten, blauen oder grünen Weste aus Atlas. Die Kleidung des Königs war stets mit Gold- oder Silberstickereien überzogen und mit feiner Spitze geschmückt. Bei Festen und dergleichen Veranstaltungen, derer es im Hofstaat zahlreiche gab, trug er über dem Rock ein blaues Ordensband, das mit Brillanten im Wert von 8–10 Millionen Franken versehen war.24 Den Eindruck, den die Erscheinung des Königs bei solchen Anlässen auf sein Publikum machte, vermittelt eine Kammerzofe der Königinmutter, die den König bei seinem Einzug nach Paris am 26.08.1660 mit seiner neu angetrauten Frau beschreibt: „like the men whom the poets represented to us as transformed into gods. His coat was embroidered with gold and silver, as fine as it should be, given the dignity of the person wearing it […] the grandeur which he showed in his person made him admired by all.” (Mansel 2005, 1)

Die besondere Bedeutung der Mode wird auch dadurch verdeutlicht, dass Louis XIV. 1669 ein separates Departement gründete, welches allein für die Garderobe des Königs zuständig war. Geleitet wurde es von dem grand maître, wohlgemerkt das einzige Amt, das Louis XIV. in seinem Haushalt neu einführte. Außerdem gehörten zu dem Departement zwei maîtres de la garde-robe, vier premiers valets de garde-robe, die alle drei Monate gewechselt wurden und 16 valets de garde-robe sowie zahlreiche Diener, Schneider und Händler. Die Kleider des Königs waren so zahlreich, dass sie im Erdgeschoss von Versailles drei Räume einnahmen.25

Diese Sichtbarmachung des politischen Körpers, der königlichen Würde und damit die Erinnerung an die Aufgaben des Königs, wurde jeden Tag beim lever erneuert,26 einem Ritual das schon seit dem 10. Jahrhundert existierte, von Louis XIV. aber ausgeschmückt wurde.27

Beim lever der französischen Könige war genau festgelegt, wer anwesend und dem König behilflich sein durfte. Die erste Gruppe durfte das Prunk-Schlafzimmer, das der König eigens für das Zeremoniell aufsuchte, betreten, sobald dieser seine Perücke angelegt hatte. Schon die zweite Gruppe zeigte ihm Stoffproben, aus denen der König diejenigen auswählte, aus denen die Garderobe für den nächsten Staatsanlass angefertigt werden sollte. Dem lever beiwohnen zu dürfen, war eine große Ehre, vor allem, weil dies der Moment war, in dem man den König um die Gewährung von Privilegien bitten konnte.28

5. Mode als Herrschaftsinstrument

5.1. In Korrelation mit dem Alltag in Versailles

Bevor Louis XIV. seinen Hofstaat in Versailles zentrierte, unterhielt er einen Wanderhof, der von Schloss zu Schloss zog und ungefähr 100 – 200 Höflinge zählte. 29 1682 erfolgte der Umzug in das Schloss von Versailles. 30

Der Versailler Alltag war trotz der beengten Umstände – 1682 war der Hofstaat schon auf das zehnfache der vorherigen Zahl angewachsen31 – von Luxus, Prunk und Festen bestimmt. Was im ersten Moment nach sorglosem Vergnügen klingt, war für den Adel in Versailles jedoch Pflicht und mit immensen Ausgaben verbunden, welche die Höflinge stets vor neue Herausforderungen stellte. Saint-Simon berichtet davon nach dem Tod des Königs: "In allem liebte er Glanz, Verschwendung, Fülle. Es war wohl berechnet, dass er die Sucht, ihm hierin nachzueifern, in jeder Weise begünstigte. Er impfte sie seinem ganzen Hofe ein. Wer alles daraufgehen ließ für Küche, Kleidung, Wagen, Haushalt und Spiel, der gewann sein Wohlwollen. [...] Indem er den Luxus gewissermaßen zur Ehrensache und für manche zur Notwendigkeit machte, richtete er nacheinander alle zugrunde, bis sie schließlich einzig und allein von seiner Gnade abhingen." (Weigand 1922, 241) Als besondere Auszeichnung galten Hofdienste, die der König nach seinem Ermessen vergab, wie zum Beispiel beim schon erwähnten lever.32 Um diese Gnade nicht zu gefährden, war es unbedingt erforderlich, sich streng an das Zeremoniell und die Etikette des Hofes zu halten.33 Diese begann bei der richtigen Körperhaltung und Bewegung, der Sprache und der Mode. Schöne Formen, Farben und Stoffe gaben dem edlen Habitus den nötigen Rahmen. Eleganz und Selbstbeherrschung bestimmten über Aufstieg und Fall.34 Durch diesen Kodex wurde der Hof von Versailles nach und nach zu einer autonomen Gesellschaft, zu der es immer schwerer wurde, Zutritt zu erlangen, wenn man mit ihren Sitten nicht von Kindheit an vertraut war. 35

[...]


1 nichts will er [der Mensch] so, wie es die Natur gebildet hat, nicht einmal den Menschen; man muss ihn wie ein Schulpferd für ihn abrichten; man muss ihn wie einen Baum seines Gartens nach der Mode des Tages biegen.

2 Jones 2004, S. 31.

3 Kathe 1981, S. 124.

4 Bombek 1994, S. 131.

5 Bombek 1994, S. 135.

6 Bombek 1994, S. 139.

7 Alewyn 1989, S. 42.

8 Bombek 1994, S. 140.

9 Bombek 1994, S. 141.

10 Bombek 1994, S. 165.

11 Bombek 1994, S. 145.

12 Jones 2004, S. 19.

13 Mansel 2005, S. 1.

14 Kantorowicz 1957, S. 28.

15 Alewyn 1989, S. 45.

16 Kantorowicz 1957, S. 1.

17 Kantorowicz 1957, S. 31.

18 Kantorowicz 1957, S. 32.

19 Kantorowicz 1957, S. 1.

20 Kantorowicz 1957, S.29.

21 Bombek 1994, S. 185.

22 Montespan Bd.2 1829, S. 95.

23 Bombek 1994, S. 172.

24 Weigand [Hg.] 1922, S. 270.

25 Mansel 2005, S. 5.

26 Bombek 1994, S. 171.

27 Bombek 1994, S. 170.

28 Bombek 1994, S. 169.

29 Kathe 1981, S. 60.

30 Kathe 1981, S. 102.

31 Jones 2004, S. 20.

32 Kathe 1981, S. 109.

33 Elias 1969, S. 173.

34 Bombek 1994, S. 177.

35 Elias 1969, S. 317.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
(Selbst-)Inszenierung durch Mode am Hof des Sonnenkönigs Louis XIV.
Untertitel
Welchen politischen und gesellschaftlichen Stellenwert besaß die Mode am französischen Königshof?
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
22
Katalognummer
V508699
ISBN (eBook)
9783346069498
ISBN (Buch)
9783346069504
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mode, Inszenierung
Arbeit zitieren
Sophie Schmidt (Autor), 2018, (Selbst-)Inszenierung durch Mode am Hof des Sonnenkönigs Louis XIV., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508699

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