Zur Aufführungspraxis der Fastnachtsspiele


Hausarbeit, 2002

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsangabe

Einleitung

1. Nürnberger Praxis
1.1 Die Kontrolle des Nürnberger Rates
1.2 Zusammenschluss als Schauspielgruppe
1.3 Rahmenbedingungen
1.4 Ausstattung
1.5 Darstellungsweise
1.5.1 Kostümierung
1.5.2 Körperliche Abnormitäten
1.5.3 Gestik und Mimik
1.6 Ablauf
1.6.1 Eigentliches Spiel
1.6.2 Schlusstanz
1.7 Entwicklung zum „Typus des neuzeitlichen Dramas“

2. Lübecker Praxis

3. Schlussbetrachtung

Literaturangaben

Einleitung

Im Spätmittelalter entstanden in zahlreichen Städten der heutigen Bundesrepublik Deutschland sogenannte „Fastnachtsspiele“, welche zur Karnevalszeit von kleinen Handwerkergruppen aufgeführt wurden. Nürnberg und Lübeck waren die zwei Ballungsorte dieses Parts des Fastnachtstreibens.[1] Heutiges Problem der Analyse der Lübecker Spiele ist jedoch, dass keines der etwa 100 dort entstandenen Spiele handschriftlich und nur ein Einziges im Druck überliefert ist.[2] So ist es auch schwierig, Aussagen über die Vorführungspraxis zu machen, da keine Regieanweisungen oder Ähnliches zur Verfügung stehen. Insgesamt sind 144 Fastnachtsspieltexte überliefert, wovon 108 aus Nürnberg stammen.[3] Aus diesem Grund wird der Hauptteil dieser Arbeit sich mit den Nürnberger Fastnachtsspielen beschäftigen. Dennoch sind auch dort die Quellen für die Bearbeitung der vorliegenden Thematik dürftig. Man empfand die Fastnachtsspiele als so eng mit der allgemeinen Fastnacht verbunden, dass nur besondere Vorkommnisse protokolliert wurden.[4]

1. Nürnberger Praxis

1.1 Die Kontrolle des Nürnberger Rates

Der Rat war die Regierung der Stadt Nürnberg. Eine wichtige Aufgabe dieses Rates war es, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten.[5] So bemühte sich der Rat auch in der Fastnachtsspieltradition, seinen Einfluss geltend zu machen und die Spiele in Schranken zu halten. Jedes Stück musste angemeldet und genehmigt werden.[6] In den Ratsprotokollen von Nürnberg kann man nachlesen, dass es 1487 bewilligt wurde, „in Rottweise ze lauffen und Reimen zugebrauchen“. 1483 wurde erlaubt, „in der Vasnacht [...] zu geen und zuchtige reimen zu gebrauchen“ und 1486 gestattete der Rat Hans Folz, „ein ziemlich vaßnachspil mit reymen ze haben“. Durch solche Reglements versuchte der Rat darauf einwirken, wem diese Belustigungen vergönnt waren und wer explizit dazu ermahnt werden musste, nicht zu unflätige Texte vorzutragen. Den Schauspielern wurde außerdem verboten, Masken zu tragen, um nicht durch Anonymität über die Stränge schlagen zu können.[7] Dies grenzt das Fastnachtsspiel vom sogenannten Schembartlauf, einem Maskenzug, ab, worin von der Wissenschaft oft der Ursprung der Fastnachtsstücke gesucht wurde.[8]

Der Nürnberger Rat übte in konfessionspolemischen Anspielungen eine scharfe Zensur aus, um Aufruhr und Streit zu vermeiden, sowohl unter den Nürnberger Bürgern, als auch mit den politischen und wirtschaftlichen Partnerstädten.[9] Dennoch nahmen es viele Handwerker und Gesellen mit der Meldepflicht nicht so genau, so dass es vorkam, dass der Rat von bestimmten Spielen erst erfuhr, nachdem sie aufgeführt worden waren. So konnte die Zensur zumindest teilweise umgangen werden.[10]

1.2 Zusammenschluss als Schauspielgruppe

Die Darsteller waren zumeist Handwerksgesellen, die in den unterschiedlichsten Gewerben tätig waren.[11] So dokumentierte der Nürnberger Rat 1486 die Anmeldung zum Fastnachtsspiel der Goldschmiedegesellen und Knappen und 1487 der Malerlehrlinge.[12] Doch nicht selten fanden sich auch Patriziersöhne unter den Schauspielern. Die Gruppe kam speziell zu den Proben und Auftritten zusammen, so dass der Zusammenschluss völlig zufällig und einmalig war.[13] Dies spricht gegen die durch Tradition festgeschriebene Burschenschaft, welche in der Vergangenheit von Wissenschaftlern oft mit den Fastnachtsspielen in Verbindung gebracht wurde.[14]

Die jungen Bürger gruppierten sich um einen Spielführer, den sogenannten Hauptmann. Der Hauptmann war ebenfalls städtischer Handwerker und höchstwahrscheinlich der Einstudierer der Stücke. Seine weitere Aufgabe war es, den Rat um Erlaubnis zu bitten, mit der Fastnachtsspielgruppe umherziehen zu dürfen.[15] Zumeist hatte der Hauptmann nichts mit der Dichtung dieser Fastnachtsspiele zu tun. Doch einige Verfasser, wie zum Beispiel der Barbiermeister Hans Folz, ließen es sich nicht nehmen und fungierten zusätzlich als Leiter der Gruppen.[16]

Grundsätzlich kamen auch die Dichter der Fastnachtsspiele aus dem Nürnberger Handwerksgewerbe, so dass sie in das alltägliche Leben der Stadt tief integriert und damit verbunden waren.[17] Dadurch konnten sie diese Erfahrungen in ihre Stücke einfließen lassen. Dies blieb jedoch nicht immer ohne Nachspiel. Aus den Ratsprotokollen von 1487 lässt sich ersehen, dass zwei Männer namens Wolf Keczel und Oßwalt für je einen Monat eingesperrt wurden, da sie in einem Fastnachtsstück Hans Zamasser als Narren verhöhnt hätten.[18] Dies ist ein Beispiel für den Versuch des Nürnberger Rates, das Fastnachtstreiben in seinen Grenzen zu halten.

1.3 Rahmenbedingungen

Die Schauspieler trafen sich am Abend oder den Abenden unmittelbar vor Aschermittwoch, um, von Wirtshaus zu Wirtshaus ziehend, ihre Stücke den Nürnberger Einwohnern zu präsentieren.[19] Dies lässt sich eindeutig aus den Spielanfängen und -schlüssen erkennen, in denen meist der Wirt selbst angesprochen wird, wie z.B. bei Hans Rosenplüts „Das lustige Gerichtsspiel“, das einsteigt mit den Versen

Got gruß den wirt und sein gesind

Und wen ich frolich hynnen find![20]

Die Darsteller fanden dabei ein Publikum vor, das alle Altersklassen und Stände umfasste und miteinander bekannt war.[21] Dies erhöhte die Komik des Beobachtens, da man als Schauspieler trotz der Rolle immer noch als „Zunftgeselle X“, als Bruder oder Freund angesehen wurde.[22] Der Trubel des Fastnachtstreibens wurde durch das Eintreten der Schauspielgruppe unterbrochen und da in einem Wirthaus keinerlei Bühne existierte, wurden Tische, Stühle und Bänke zur Seite gerückt, so dass auf der entstandenen freien Fläche das Spiel stattfinden konnte (Eine solche Bühnenart wird Simultanbühne oder Stubenbühne genannt)[23]. Die Zuschauer gruppierten sich um die Darsteller herum, es gab also keine eindeutige Abgrenzung von Beobachter und Beobachtetem. Ort- und Zeitlosigkeit verstärkten diesen Eindruck noch zusätzlich, so dass sich alle Anwesenden weder zeitlich noch räumlich voneinander unterschieden, sondern ausschließlich durch die Rolle, die die Spieler während des Stückes innehatten.[24]

[...]


[1] Vgl.: D. Wuttke (Hrsg.): Fastnachtsspiele des 15. und 16. Jahrhunderts. S. 441.

[2] Vgl.: Ebd. S. 449.

[3] Vgl.: Ebd. S. 441.

[4] Vgl.: E. Catholy: Das Fastnachtsspiel des Spätmittelalters. S. 139.

[5] Den Rat in Nürnberg bildeten 45 Patrizier und acht einfache Bürger. Die wichtigsten Mitglieder des

Nürnberger Rates waren die sieben Ältesten und die drei Hauptmänner. Einer der Hauptmänner

stellte als sogenannter Losunger das Oberhaupt der Regierung. Ihre Aufgabe war es, die Märkte und

Bauten zu beaufsichtigen und für Ordnung zu sorgen.

[6] Vgl.: D. Wuttke (Hrsg.): Fastnachtsspiele des 15. und 16. Jahrhunderts. S. 443.

[7] Vgl.: W. Lenk: Das Nürnberger Fastnachtsspiel des 15. Jahrhunderts als Dichtung. S. 9f.

[8] Vgl.: D. Wuttke (Hrsg.): Fastnachtsspiele des 15. und 16. Jahrhunderts. S. 443.

[9] Vgl.: Ebd. S. 455.

[10] Vgl.: W. Lenk: Das Nürnberger Fastnachtsspiel des 15. Jahrhunderts als Dichtung. S. 11.

[11] Vgl.: D. Wuttke (Hrsg.): Fastnachtsspiele des 15. und 16. Jahrhunderts. S. 443.

[12] Vgl.: W. Lenk: Das Nürnberger Fastnachtsspiel des 15. Jahrhunderts als Dichtung. S. 11.

[13] Vgl.: D. Wuttke (Hrsg.): Fastnachtsspiele des 15. und 16. Jahrhunderts. S. 443.

[14] Vgl.: W. Lenk: Das Nürnberger Fastnachtsspiel des 15. Jahrhunderts als Dichtung. S. 11-14.

[15] Vgl.: D. Wuttke (Hrsg.): Fastnachtsspiele des 15. und 16. Jahrhunderts. S. 443.

[16] Vgl.: W. Lenk: Das Nürnberger Fastnachtsspiel des 15. Jahrhunderts als Dichtung. S. 9.

[17] Vgl.: Ebd. S. VI.

[18] Vgl.: Ebd. S. 10.

[19] Vgl.: D. Wuttke (Hrsg.): Fastnachtsspiele des 15. und 16. Jahrhunderts. S. 442.

[20] Vgl.: Ebd. S. 21

[21] Vgl.: Ebd. S. 448.

[22] Vgl.: J. Merkel: Form und Funktion der Komik im Nürnberger Fastnachtsspiel. S. 92.

[23] Vgl.: D. Wuttke (Hrsg.): Fastnachtsspiele des 15. und 16. Jahrhunderts. S. 442.

[24] Ortlosigkeit: Der Handlungsraum des Spiels wird dem Ort, an dem das Spiel vorgeführt wird,

angepasst; alle Handlungsorte sind gleichzeitig auf der Spielfläche vorhanden.

Zeitlosigkeit: Die gespielte Zeit ist gleichzeitig die Spielzeit.

(Vgl.: J. Merkel: Form und Funktion der Komik im Nürnberger Fastnachtsspiel. S. 92.)

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zur Aufführungspraxis der Fastnachtsspiele
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V50883
ISBN (eBook)
9783638470018
ISBN (Buch)
9783638764803
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aufführungspraxis, Fastnachtsspiele
Arbeit zitieren
M.A. Nicole Nieraad (Autor), 2002, Zur Aufführungspraxis der Fastnachtsspiele, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/50883

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