Günther Anders prometheische Scham und ihre Aktualität für das 21. Jahrhundert

Die Auswirkungen der Technisierung auf den Menschen


Seminararbeit, 2019

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung/Problemstellung

2 Methode: Übertreibung und Montage

3 Die Frage nach dem Wesen des Menschen: Anders Anthropologie skizziert

4 Die prometheische Scham
4.1 Begriffsklärung
4.2 Desertion des Menschen ins Lager der Geräte
4.3 Antwort auf diese Problematik: Human Engineering:
4.3.1 Gleichschaltung mit den Geräten:
4.3.2 Die Perversion von Angebot und Nachfrage
4.3.3 Dehumanisierung: Der Initiationsritus des Roboter-Zeitalters:
4.3.4 Hybride Demut: Zum Akt der Selbstverdinglichung
4.3.5 Die Malaise der Einzigartigkeit:
4.4 Anders Vorwegnahme naheliegender Kritik: Behandlung von 3 Bedenken gegen die prometheische Scham:
4.4.1 Die prometheische Scham ist absurd:
4.4.2 Die prometheische Scham ist unsichtbar:
4.4.3 Die prometheische Scham ist trivial:

5 Konklusion: Was bleibt von der prometheischen Scham im 21. Jahrhundert?

Literaturverzeichnis

1 Einleitung/Problemstellung

Technische Geräte durchziehen und dominieren den Alltag des modernen Menschen im 21. Jahrhundert wie nie zuvor in der Geschichte des Menschen und nichts deutet daraufhin, dass diese Bewegung sich in Zukunft verlangsamen, zum Stillstand kommen oder sich gar umkehren wird. Dabei sind technische Apparate heutzutage nicht nur ein Mittel, das unsere Umwelt und unsere Handlungen umgestaltet und beeinflusst, sondern sie wirken auch auf das „Wesen“ des Individuums selbst auf eine Weise, die in Zusammenhang mit Gentechnik alla Designer-Babys und KI im Sinne von künstlichen und technischen Prothesen-Gliedern und -Organen dazu veranlasst, trans- und posthumanistische Theorien und Konzepte als reale Möglichkeiten in Betracht zu ziehen und zu analysieren. Es erscheint daher essentiell, die Auswirkungen auf den Menschen, die die Infiltrierung des menschlichen Alltags mit Technik nach sich zieht, aus philosophischer Perspektive zu betrachten.

Dazu gilt es zunächst grob zu umreißen, was unter dem Begriff „Technik“ aus wissenschaftlicher Sicht verstanden werden kann. In der Antike wird Technik (griech. techne) als „Kunstfertigkeit beim Erzielen einer speziellen (Höchst-) Leistung“ (Fischer 1998, S.414.) verstanden, welche Talent voraussetzt, und deren Ziel in der Nutzung, Erweiterung und Ergänzung der Natur liegt. Im Unterschied dazu steht die moderne Auffassung der Technik als „die Gesamtheit der Einrichtungen und Verfahren zur Erschließung und Nutzung der natürlichen Stoff- und Energieressourcen sowie die dabei praktizierte Anwendung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse für die zivilisatorische Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen“. (Fischer 1998, S. 414.)

Was hier deutlich mitschwingt und in der griechischen Fassung noch nicht vorhanden ist, ist der Aspekt der Ausbeutung der Natur durch den Menschen, der über den bloßen Nutzen hinausgeht, und stattdessen der Beherrschung der Natur sowie der Erweiterung menschlicher Macht dient. Dieser neue Technikbegriff ist ein Produkt der Frühen Neuzeit und entsteht im Zuge der Industrialisierung, als die Technik im Verbund mit den Naturwissenschaften sowie ab dem 19. Jahrhundert auch mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem eine kaum zu bremsende Entwicklungsdynamik entfaltet. (Dries 2009, S.9.)

Die Verbindung von Technik, Naturwissenschaften und Wirtschaft führt im Verlauf des 20. Jahrhunderts sowohl zu einem enormen Wohlstandszuwachs fürbreite Bevölkerungsschichten und einer starken Technisierung des Alltagslebens, als auch zunehmend zu Störfaktoren, von Stromausfällen bis hin zu lebensbedrohlichen Super- GAU-Szenarien, welche den weit verbreiteten Fortschrittsoptimismus immer wieder erheblich erschüttern und nachhaltig beeinträchtigen. (Dries 2009, S.9.) Zweifel werden laut und Diskussionen um die möglichen Kehrseiten und Gefahren des technischen Fortschritts und führen zur Gründung der philosophischen Disziplin der Technikphilosophie (Dries 2009, S.9.), mit deren Fragen sich neben zahlreichen anderen fähigen Denkern als einer der ersten auch der deutsch-jüdische Philosoph, Literat und Gesellschaftskritiker Günther Anders beschäftigt. Anders betrachtet das Thema Technik insbesondere unter der Fragestellung, ob und inwiefern der Mensch der Mensch noch „als Subjekt seiner Technik(en) verstanden werden kann“ (Fischer 1998, S.433.) und hält seine Elaborationen in dem zweibändigen Werk Die Antiquiertheit des Menschen fest, dessen erster Band 1956 veröffentlicht wird, während der Folgeband aufgrund der unsteten Lebensumstände von Anders sowie zahlreicher andere Projekte erst 1980 erscheint.

Wenn die Frage nach der Subjektivität der Technik aufgeworfen wird, wird zugleich die gängige Unterscheidung von Mensch und Artefakt in Frage gestellt. Denn während bis ins 19. Jahrhundert der Mensch im Unterschied zum Artefakt als fähig gilt, sich „Zwecke [zu] setzen und unter Einsatz entsprechender Mittel verfolgen“(Dries 2009, S.9.) zu können, sodass daraus resultierende Effekte dem Mensch zwar zugerechnet werden können, dem Artefakt aber nicht, stellt sich durch die immer eloquenteren, technischen Neuerungen im 20. Jahrhundert (Dries 2009, S.9.) nun die Frage, ob und wieviel Subjektivität man unter diesem Aspekt der Technik zurechnen und in der Folge dem Menschen in einer zunehmend von Technik beherrschten Welt aberkennen muss. Anders stellt in diesem Zusammenhang die These auf, dass „die Technik im 20. Jahrhundert zum Subjekt der Geschichte“ wird und sich damit „zur herrschenden gesellschaftlichen und politischen Macht“ (Dries 2009, S.10.) mausert, während sie den Menschen zu einem altmodischen, antiquierten Wesen macht, welches im Vergleich zu seinen technischen Errungenschaften stets hinterherhinkt. Damit nimmt Anders eine äußerst kritische Haltung in Bezug auf Technik und Kultur ein, deren Ursache er „in der Veränderung des Menschen durch seine eigenen Produkte“ (Dries 2009, S.10) verortet.

Während Anders sein kritisches Bild einer sich zunehmend technisierenden Welt im 20. Jahrhundert entwickelt, haben bis heute vielleicht seine Beispiele an Aktualität verloren, nicht jedoch seine Fragestellungen. Es wird im Rahmen dieser Seminararbeit hingegen die These aufgestellt, dass Anders Theorie der prometheischen Scham in einer Zeit, in der Virtual-Reality- Brillen, gehirn-gesteuerte Prothesen zum Alltag gehören und die rapide wachsenden, technologischen Möglichkeiten von Gentechnik und Biomedical Engineering trans- und posthumanistische Theorien beflügeln so aktuell und diskussionswürdig wie nie sind. Daher wird in dieser Seminararbeit zunächst ein kurzer Einblick in Günther Anders ungewöhnliche Methode: Übertreibung und Montage Arbeitsweise gegeben, um danach eine grobe Skizze seiner Überlegungen zur Anthropologie des modernen Menschen zu zeichnen. Anschließend wird darauf aufbauend seine Theorie der prometheischen Scham dargelegt, um schließlich deren Aktualität für technikphilosophische Fragestellungen von heute zu prüfen.

2 Methode: Übertreibung und Montage

Anders bedient sich bei der Untersuchung seiner Problemstellungen einer Methode, die er als „Übertreibung in Richtung Wahrheit“ (Anders 1956, S. 175) bezeichnet. Als Schüler Husserls steht Anders in der philosophischen Tradition der Phänomenologie, ist aber überzeugt, dass Husserls Verständnis einer Phänomenologie auf die komplexen Phänomene der Moderne nicht mehr anwendbar ist. Anders betrachtet viele moderne Geräte als zu komplex oder zu ausdruckslos bzw. zu abstrakt, um ihrem Wesen nach erfasst zu werden. (vgl. Anders 1980, S.423.) Damit meint er, dass man ihnen nicht mehr ansieht, worum es sich bei ihnen eigentlich handelt bzw. wozu sie eigentlich da sind. Daher bedient sich Anders zur philosophischen Wahrnehmung von heute der Phantasie, während er die prognostische Hermeneutik der Produkte als Methode verwendet, worin er das vorausschauende Verstehen sieht, welches Effekte und Wirkung eines Produkts bzw. Geräts vorwegnimmt. (vgl. Anders 1980, S. 425.) Dabei vergleicht sich Anders selbst mit einer Art (spät-)modernem Seher in einem antiken Verständnis, der „das Innenleben technologischer Strukturzusammenhänge“ seziert und danach strebt „deren individuelle und kollektive Bedeutung zur Sprache zu bringen“ (Schraube 1998, S.11) und so anhand einer Rückübersetzung Wesen und Wirkung der Dinge an die Überfläche zu fördern. Inspiriert wird Anders dabei von Berthold Brechts Verfremdungseffekt aus dem Theater, bei der die Illusion eines Theaterstücks durchbrochen wird, um die zentrale Aussage der Handlung hervorzuheben, sowie von John Heartfields politischen Fotomontagen, dessen Technik er so zusammenfasst: „Erfinde, um zu entdecken“(Anders 1984, S.179.).

3 Die Frage nach dem Wesen des Menschen: Anders

Anthropologie skizziert In seinem Frühwerk beschäftigt sich Anders mit der menschlichen Anthropologie und entwickelt auf diesem Gebiet eine Position, die sein gesamtes späteres Werk, also auch die Schriften zur Technikphilosophie inklusive der Theorie über die prometheische Scham nachhaltig prägt. Im begrenzten Rahmen dieser Seminararbeit wird daher versucht, eine grobe Skizze der Anders'schen Verortung des Menschen in der Welt zu geben. Anders stellt Kants philosophische Grundsatzfrage Was ist der Mensch? neu, indem er die Kant'sche Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis und Heideggers Frage nach dem spezifischen Sein des Menschen kombiniert und so zur folgenden Problemstellung gelangt: Welche Position muss der Mensch in der Welt einnehmen, damit er überhaupt Erfahrungen machen kann? Er versucht durch die Beschäftigung mit dieser Frage die Beziehungen von Subjekt und Objekt zu klären und damit über die Untersuchung erkenntnistheoretischer Grundbedingungen hinaus ein anthropologisches und ontologisches Fundament für diese Beziehungen zu schaffen. (Dries 2009, S. 24.)

Im Gegensatz zum Menschen verortet Anders dabei das Tier als immer schon in seiner (Um- )Welt vorhanden, da es sich anhand seiner bloßen Instinkte erfolgreich in dieser bewegt und dabei ohne wirklichen Erkenntnisgewinn auskommt. Der Mensch hingegen zeichnet sich ontologisch durch „einen bestimmten Grad der der Abgehobenheit [...] von der Welt“ (Anders 1930, S.5.) aus, welche ihn zum Nachdenken über die Welt befähigt, und diese ursprüngliche Abgetrenntheit von der Welt, während er sich gleichzeitig doch innerhalb ihrer bewegt, macht ihn dabei erst zum Individuum. Denn gerade, weil der Mensch der Welt grundsätzlich als Fremder gegenübersteht, „ist er auf keine Lebensweise festgelegt“ (Dries 2009, S.25.), was bedeutet, dass sein Wesen durch seine Weltfremdheit (Anders 1930, S.7.), also durch seine Unbestimmtheit, bestimmt ist.

Diese negative Bestimmung einer Natur des Menschen nennt Anders den anthropologischen Defekt (Anders 1930, S.7ff.) und folgert aus dieser Grundposition die menschliche Freiheit, die er als Weltoffenheit bezeichnet, denn nur seine naturgemäße Unbestimmtheit befähigt den Menschen sich und seine Um(-Welt) frei zu gestalten. Das bedeutet zudem, dass dem Menschen, der ursprünglich abgetrennt von der Welt existiert, keine Lebensform a priori zugeteilt bzw. mitgegeben sein kann und er sich diese daher a posteriori, also im Nachhinein anhand von Erfahrung und Praxis selbst erarbeiten muss - in dem Bestreben, den Abstand zwischen sich und der Welt zu verringern. In diesem Sinne entwickelt der Mensch mithilfe der Erfahrung eine Superstruktur der Welt, sozusagen eine zweite Welt über die Welt und gestaltet diese nach seinen eigenen Bedürfnissen, um zu kompensieren, dass er sich nicht wie selbstverständlich in der Welt zurechtfindet bzw. die Welt seinen Ansprüchen a priori nicht entspricht. (Anders 1949, S. 25.) Die Superstruktur dieser künstlichen Welt des Menschen ist dabei in permanentem Wandel begriffen, da der Mensch die Formen und Regeln seines Zusammenlebens stetig nach eigenen Maßstäben ändern und wieder herstellen muss, weil er als immer Anderer, der seine Bestimmung erst selbst erarbeiten und in der Reflexion stetig erinnern und weiterentwickeln muss, auch in diesen Welten nur zeitweilig zu Hause ist. Anders fasst das Verhältnis des Menschen zur Welt in seiner Pathologie de la liberté folgendermaßen zusammen: „Künstlichkeit ist die Natur des Menschen und sein Wesen ist Wandelbarkeit“ (Anders 1936/37, S. 22.).

Dabei fluktuiert der Mensch ununterbrochen zwischen den Zuständen seiner ursprünglichen Weltfremdheit und der nachträglich einholenden Weltoffenheit und produziert zwischen diesen Polen seine Geschichte. Obwohl fremd von der Welt, bleibt der Mensch jedoch in existenzieller Weise auf dieselbe angewiesen, wofür Anders den Hunger als bestes Beispiel sieht. Im konstanten Nebeneinander von Weltbedürftigkeit und Weltoffenheit wird dem Menschen durch Selbstreflexion, zu der ihn seine Weltabgeschiedenheit befähigt, sein ambivalentes Verhältnis zur Welt bewusst, die durch seine Weltfremdheit verschuldet. Das darin enthaltene Paradoxon „niemals Gerade-ich sein zu wollen und doch immer Gerade-ich sein zu müssen“ (Anders 1930, S.46. Anm. 14) führt zu einer tiefgreifenden Erschütterung im Menschen, die Anders als Schock der Kontingenz bezeichnet.

Dieser Schock der Kontingenz löst beim Menschen Ekel vor dem eigenen Dasein aus, resultiert vor allem aber in Scham sowie kompensatorisch im Streben nach Macht und Ruhm. Dieser Begriff von Scham spielt in Anders Technikphilosophie insgesamt eine große Rolle. Sie wird als Störung der Selbstidentifizierung gesehen, bei der sich der sich schämende Mensch als zugleich identisch mit sich und nicht identisch mit sich begegnet (vgl. Anders 1956, S. 65ff.), ein Zustand, der mit der ambivalenten ontologischen Situation des Menschen übereinstimmt. Der Mensch ist zugleich distanziert von der Welt und gleichzeitig auf sie angewiesen und schämt sich gerade deshalb, weil er nichts gegen oder für seine Abhängigkeit tun kann, durch die er ebenso kontingent ist, wie alles andere in der Welt Seiende. Nach Anders reagiert der Mensch auf diesen Schock der Kontingenz auf zwei idealtypische Arten. Einerseits beschreibt er den historischen Menschen, der dem Paradox seiner Freiheit zu entgehen versucht, indem er seinen Ursprung akzeptiert und seine Identifikation selbst in Angriff nimmt (Anders 1936/37, S.51.) Er verdichtet seine Erfahrungen im Nachhinein zu seiner Biografie, die so ein Faktor seiner Identität wird, der diese stabilisiert. So gelingt es dem historischen Menschen durch die Konstruktion einer Lebensgeschichte den Schock der Kontingenz abzuwehren und diese zur Kontinuität umzuformen. Als Preis für diese Identitätsstiftung verliert er dabei jedoch seine absolute, ursprüngliche Freiheit. (Dries 2009, S.29.) Diese Art von Mensch sieht Anders in der (post-)modernen Welt jedoch im Aussterben begriffen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Günther Anders prometheische Scham und ihre Aktualität für das 21. Jahrhundert
Untertitel
Die Auswirkungen der Technisierung auf den Menschen
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Seminar Technikphilosophie: Neue Technologien und Körperbilder
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
19
Katalognummer
V508846
ISBN (eBook)
9783346100009
ISBN (Buch)
9783346100016
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Technikphilosophie, prometheische Scham, Günther Anders, Philosophie des 20. Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Marina Molnar (Autor:in), 2019, Günther Anders prometheische Scham und ihre Aktualität für das 21. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508846

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