Die Arbeit betrachtet aus philosophischer Perspektive die Auswirkungen auf den Menschen, die die Infiltrierung des menschlichen Alltags mit Technik nach sich zieht.
Der Autor stellt die These auf, dass Günther Anders Theorie der prometheischen Scham in einer Zeit, in der Virtual-Reality-Brillen und gehirngesteuerte Prothesen zum Alltag gehören und die rapide wachsenden technologischen Möglichkeiten von Gentechnik und Biomedical Engineering trans- und posthumanistische Theorien beflügeln, so aktuell und diskussionswürdig sind wie nie. Zunächst wird ein kurzer Einblick in Günther Anders Arbeitsweise gegeben, um danach eine grobe Skizze seiner Überlegungen zur Anthropologie des modernen Menschen zu zeichnen. Anschließend wird darauf aufbauend seine Theorie der prometheischen Scham dargelegt, um schließlich deren Aktualität für technikphilosophische Fragestellungen von heute zu prüfen.
Die Verbindung von Technik, Naturwissenschaften und Wirtschaft führt im Verlauf des 20. Jahrhunderts sowohl zu einem enormen Wohlstandszuwachs für breite Bevölkerungsschichten und einer starken Technisierung des Alltagslebens, als auch zunehmend zu Störfaktoren, welche den weit verbreiteten Fortschrittsoptimismus immer wieder erheblich erschüttern und nachhaltig beeinträchtigen. Zweifel werden laut um führen zur Gründung der philosophischen Disziplin der Technikphilosophie, mit deren Fragen sich Günther Anders beschäftigt. Anders betrachtet das Thema Technik insbesondere unter der Fragestellung, ob und inwiefern der Mensch der Mensch noch als Subjekt seiner Technik(en) verstanden werden kann. Während Anders sein kritisches Bild einer sich zunehmend technisierenden Welt im 20. Jahrhundert entwickelt, haben zwar seine Beispiele an Aktualität verloren, nicht jedoch seine Fragestellungen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung/Problemstellung
2 Methode: Übertreibung und Montage
3 Die Frage nach dem Wesen des Menschen: Anders Anthropologie skizziert
4 Die prometheische Scham
4.1 Begriffsklärung
4.2 Desertion des Menschen ins Lager der Geräte
4.3 Antwort auf diese Problematik: Human Engineering:
4.3.1 Gleichschaltung mit den Geräten:
4.3.2 Die Perversion von Angebot und Nachfrage
4.3.3 Dehumanisierung: Der Initiationsritus des Roboter-Zeitalters:
4.3.4 Hybride Demut: Zum Akt der Selbstverdinglichung
4.3.5 Die Malaise der Einzigartigkeit:
4.4 Anders Vorwegnahme naheliegender Kritik: Behandlung von 3 Bedenken gegen die prometheische Scham:
4.4.1 Die prometheische Scham ist absurd:
4.4.2 Die prometheische Scham ist unsichtbar:
4.4.3 Die prometheische Scham ist trivial:
5 Konklusion: Was bleibt von der prometheischen Scham im 21. Jahrhundert?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Relevanz der "prometheischen Scham" von Günther Anders im Kontext der modernen, technisierten Welt des 21. Jahrhunderts. Dabei wird analysiert, wie sich der Mensch durch die Unterwerfung unter technische Ideale selbst verdinglicht und welche Auswirkungen dieser Prozess auf die menschliche Freiheit und Identität hat.
- Philosophische Anthropologie des modernen Menschen bei Günther Anders
- Analyse der "prometheischen Scham" als Folge technologischer Überlegenheit
- Human Engineering und die Transformation des menschlichen Leibes
- Kritische Reflexion von Trans- und Posthumanismus im 21. Jahrhundert
- Die Spannung zwischen menschlicher Unbestimmtheit und maschineller Funktionalität
Auszug aus dem Buch
4.1 Begriffsklärung
Ausgehend von dieser anthropologischen Verfassung des modernen Menschen konstruiert Anders im ersten Teil der Antiquiertheit des Menschen nun das Phänomen der prometheischen Scham in Referenz an den griechischen Mythos des Titanen Prometheus, der als Demiurg die ersten Menschen aus roter, schwarzer, gelber und weißer Tonerde nach dem Vorbild einer Götterstatue geformt hat. Den Atem erhält der Mensch dabei von Athene, während Prometheus ihm eine Seele gibt und ihn alles lehrt, was er zum Leben braucht. Als Nahrung für die Seele gibt Zeus den Menschen den Schlaf. Beim Dankesritual für Zeus behält Prometheus das wertvolle Fleisch aber für die Menschen ein und opfert nur Knochen und Sehnen. Zeus schickt den Menschen aus Rache Pandora mit ihrer Büchse, die mit allen Übeln der Menschheit wie Krankheit, Hunger, Schmerzen gefüllt ist. Die einzig gute Gabe ist am Boden der Dose verborgen: die Hoffnung, doch die gönnt Zeus den Menschen nicht und lässt Pandora die Dose schließen, bevor diese entweichen kann. (Schwab 2011, S.7f.) Der Mensch wird in diesem Mythos sozusagen als ein Produkt des Prometheus dargestellt, ein Produkt, dass er plant, physisch konstruiert und programmiert, weiter verbessert und verfeinert und sich in Sorge um sein Wohlergehen selbst kompromittiert, indem er Zeus Zorn auf sich zieht. In dieser Weise betrachtet, hat Prometheus sehr viel mit Anders Bild des modernen Menschen und dessen Verhältnis und Verhalten seinen Produkten gegenüber gemeinsam. Anders Theorie von der prometheischen Scham denkt die Geschichte jedoch weiter und fragt danach, was passiert, wenn Prometheus seine Geschöpfe über den Kopf wachsen.
Angelehnt an diesen Mythos konstruiert Anders daher die prometheische Scham als “Die Scham vor der beschämend hohen Qualität der selbstgemachten Dinge”. (Anders, 1956, S.23.) Der moderne Mensch schämt sich also im Angesicht seiner Schöpfung geworden statt gemacht worden zu sein und fragt: Wer bin ich schon?
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung/Problemstellung: Die Einleitung beleuchtet die zunehmende Technisierung des Alltags und führt in die philosophische Fragestellung ein, ob der Mensch angesichts seiner eigenen Produkte noch als Subjekt seiner Handlungen gelten kann.
2 Methode: Übertreibung und Montage: Dieses Kapitel erläutert Anders’ Ansatz der "Übertreibung in Richtung Wahrheit" und der "prognostischen Hermeneutik" als Instrumente zur Erfassung technologischer Phänomene.
3 Die Frage nach dem Wesen des Menschen: Anders Anthropologie skizziert: Hier wird Anders' anthropologische Grundannahme der "Weltfremdheit" des Menschen sowie der resultierende "Schock der Kontingenz" dargelegt.
4 Die prometheische Scham: Dieses zentrale Kapitel analysiert die Scham des Menschen vor der Überlegenheit der selbst geschaffenen Maschinen, das Phänomen des Human Engineering und die kritische Auseinandersetzung mit möglichen Einwänden gegen diese Theorie.
5 Konklusion: Was bleibt von der prometheischen Scham im 21. Jahrhundert?: Das Fazit überträgt Anders’ Thesen auf aktuelle Entwicklungen wie den Posthumanismus und mahnt zur kritischen Reflexion über den Verlust menschlicher Freiheit zugunsten maschineller Ideale.
Schlüsselwörter
Günther Anders, prometheische Scham, Technikphilosophie, Anthropologie, Human Engineering, Verdinglichung, Schock der Kontingenz, Posthumanismus, Weltfremdheit, Technisierung, Identität, Freiheit, Moderne, Maschinenwelt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Technikphilosophie von Günther Anders und fokussiert sich dabei auf seine Theorie der "prometheischen Scham" sowie deren Relevanz für das 21. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den zentralen Themen gehören die anthropologischen Grundlagen bei Anders, die Auswirkungen von Technik auf das menschliche Selbstverständnis sowie die kritische Reflexion des Strebens nach technischer Optimierung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, zu zeigen, dass Anders' Analysen zur Verdinglichung des Menschen durch die Technik in einer Ära von KI und biomedizinischer Optimierung hochaktuell sind und einen kritischen Blick auf den Verlust menschlicher Freiheit ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden philologischen und philosophischen Analyse des Werks von Günther Anders, insbesondere seiner Hauptschriften, um daraus Schlüsse für aktuelle technikethische Diskurse zu ziehen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodische Einführung, die anthropologische Herleitung bei Anders, die detaillierte Darlegung der prometheischen Scham inklusive Phänomenen wie Human Engineering sowie die Auseinandersetzung mit Kritik an dieser Theorie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie prometheische Scham, Anthropologie, Technikphilosophie, Verdinglichung, Freiheit und Posthumanismus.
Was bedeutet der Begriff "Desertion des Menschen ins Lager der Geräte"?
Er beschreibt das Phänomen, dass der Mensch seinen eigenen Leib aufgrund seiner Unzulänglichkeit und Starrheit im Vergleich zu dynamischen, technischen Systemen ablehnt und versucht, sich diesen durch "Human Engineering" anzupassen.
Warum hält Anders die "Malaise der Einzigartigkeit" für ein Problem?
Der Mensch empfindet seine eigene Sterblichkeit und Unersetzbarkeit im Gegensatz zur Serienproduktion und Ersetzbarkeit von Maschinen als Mangel, was zu einer Bildsucht und dem Versuch führt, sich selbst wie ein technisches Produkt reproduzierbar zu machen.
- Arbeit zitieren
- Marina Molnar (Autor:in), 2019, Günther Anders prometheische Scham und ihre Aktualität für das 21. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508846