Moskau. Das dritte Rom


Hausarbeit, 2015

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung:

1. Die Idee der Translatio Imperii im Moskauer Russland
1.a. Das erste Rom
1.b. Das zweite Rom

2. Die Entstehung der Theorie/des Mythos vom dritten Rom

3. Wirkungen der Theorie vom Dritten Rom nach dem 16. Jahrhundert

4. Hypothesen der Fortwirkung der „Dritten Rom-Theorie“ nach dem Ende des Zaren/Kaiser-Reiches

Literatur:

1. Die Idee der Translatio Imperii im Moskauer Russland.

Für die christliche Kaiserherrschaft sowohl im oströmisch-byzantinischen Reich war in der historischen Abfolge der Weltreiche, die in der mittelalterlichen Geschichtsauffassung vorgegeben war, die Fortdauer des römischen Reiches ein tragendes Element der Legitimität. .Die Rom-Idee und der daraus resultierende Gedanke einer „translatio imperii“ hatten in der Traditionsgeschichte des russisch-orthodoxen Kulturkreises keine vergleichbare Entsprechung. Als in der Umbruchphase nach der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 den Herrschern in Moskau ohne eigenes Zutun eine Führungsrolle innerhalb der orthodoxen Ökumene zufiel, vermieden sie es geflissentlich, in der internationalen Politik als Nachfolger der byzantinischen Kaiser zu agieren. Die von dem Mönch Filofej von Pskov ( 1465-1542) formulierte Idee „Moskau, das Dritte Rom“ wurde zwar nie als offizielle Staatsideologie rezipiert, in ihrer Intention hatte sie aber unverkennbare Auswirkungen auf das erwachende Selbstbewusstsein der Moskauer („Heiliges Russland“) und den russischen Messianismus des 19. Jahrhunderts. Darauf wird später noch dezidiert eingegangen.

Die bereits in der Antike verbreitete Vorstellung von „Roma aeterna“, mit dem Glauben, dass die Stadt Rom und ihre Macht niemals untergehen werden, wurde in vielfältiger Weise vom späteren Christentum aufgegriffen und philosophisch-theologisch interpretiert.. In den Machtkämpfen zwischen Rom und Byzanz, die nicht immer nur religiöse Auseinandersetzungen waren, stellten die oströmischen Byzantiner das „ zweite Rom“, das sie auch als das neue und wahre Rom bezeichneten. Es stellte sich einem „vergeistigten“ Rom des Westens gegenüber, in dem ein kompromissloses Papsttum sich mit hoch-theologischen dogmatischen Lehren auseinandersetzte.1

1.a. Das erste Rom.

Befassen wir uns nun erst einmal zum besseren Verständnis und als Grundlage weiterer Ausführungen mit den ersten beiden Roms.

Die Auffassung, dass Rom unser aller geistiges Vaterland sei, ist als Variante des Gedankens vom ewigen Rom zu sehen. In zahlreichen Aussprüchen und Zitaten wird dies manifest: „ Rom ist und war allen Vaterland“ oder das Imperium sei „ allein das Vaterland aller Völker auf dem ganzen Erdkreis“ ( Plinius der Ältere). Bei den heidnischen Römern war der Glaube, dass Rom nicht untergehen werde, religiös begründet. Im Mittelpunkt dieses Mythos, stand Vergils schon in der Antike verehrtes Werk, die Aeneis, worin der Dichter schildert, wie die Gründung Roms als Verwirklichung eines Plans der Götter vor sich geht. „ Ewig dauert das Reich, das ich gab“, lässt er im ersten Buch Jupiter sagen, der den Schutz der Stadt verbürgt. Die antike Rom-Idee wird von den christlichen Römern aufgenommen und erfährt eine christlich-religiöse Transformation und geht in das christliche Weltbild ein.

Augustinus, der große Denker des Christentums, nimmt diesen Gedanken ebenfalls auf, in dem er die Überzeugung ausspricht, das das „Fortleben“ Roms durch den „Jungbrunnen“ des Christentums gewährleistet wird. Er weist damit den Weg zur Berufung „der neuen Völker“ (Barbaren) durch deren Christianisierung.

Der Romgedanke hat den Niedergang dieser Stadt überdauert und bis zum heutigen Tag die Geschichte des Abendlandes in mannigfaltiger Auswirkung beeinflusst.

Karl der Große hat mit der Würde des römischen Kaisertums in Anknüpfung und Fortführung an das antike Rom diesen Gedanken wieder aufgenommen. Daraus entstand dann später das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“. Hier leitet sich auch der Primats-Anspruch des Bischofstuhls von Rom ab und der Universalitätsanspruch des römischen Reichs, das heißt des Reichs, das sich jeweils als Rechtsnachfolger des alten römischen Imperiums betrachtete. Zwischen Kirche als religiöser Gemeinschaft einerseits und staatlicher, volklicher Gemeinschaft andererseits hat man klar unterschieden. Man sah in der Kirche eine bloße geistige religiöse Einheit, die eine Vielfalt von Völkern und Staaten umfasste. Die Rivalität der beiden Machtzentren religiöser und weltlicher Art, die eng miteinander verknüpft waren, weil sie sich gegenseitig bedingten, (Papst-und Kaisertum) fanden ihren sichtbaren Ausdruck im Investiturstreit des Mittelalters, in dem es um das Primat des Einen über den Anderen ging.

1.b. Das zweite Rom.

Im Jahr 395 n.Chr. kommt es zur Teilung des römischen Reiches. Nachdem Kaiser Konstatin nach Erringung der Alleinherrschaft im Jahr 330 v.Chr. den Grundstein zu einer römischen Hauptstadt des Ostens gelegt hat und nachdem er und seine Nachfolger bis Theodosius das Christentum zur Staatsreligion umgewandelt hatten, hat sich die Rom-Idee in der politischen und kirchlichen Auseinandersetzung mit dem Westen um den Besitz des „wahren Rom“ herausgebildet. Schon Konstantin nimmt die prophetischen Worte Vergils über die künftige Weltbedeutung des römischen Imperiums für sich, für die neue Hauptstadt des Reiches in Anspruch (Konstantinopel) Der Verkünder der christlichen Idee von Kaiser und Reich, Bischof Eusebius von Caesarea wird zum Wortführer dieser Gedanken. Konstantins Herrschaft gilt ihm als irdisches Abbild des himmlischen Reiches, weshalb Reich und Kirche einander nah sein müssten. Hier entsteht zum ersten Mal die Gefahr von Vermischung zwischen Staat und Kirche durch die Theorie des „Gottkaisertums“. Konstantin gilt nach Untergang des weströmischen Reiches fortan als der legitime Nachfolger des Augustus. Er habe das römisch-christliche, das letzte Weltreich der Zeitgeschichte errichtet und sei kraft göttlichen Ratschlusses—wie seine legitimen Nachfolger auf dem Thron Konstantinopels—der berufenen Sachwalter Christi.

Der Romgedanke stellt in Byzanz einen weltumspannenden Anspruch, den Anspruch des östlichen Kaisertums auf die ihm rechtmäßig zustehende römische Weltherrschaft dar. Die Auseinandersetzung zwischen Osten und Westen, zwischen byzantinischem Kaisertum und Papsttum, später auch zwischen östlichem und westlichem Kaisertum dreht sich immer wieder um die Berechtigung zum Tragen dieses Titels. Allerdings war der kirchliche Ehrenvorrang Roms unter den Kirchen schon bei Gründung Konstantinopels gefestigt. Konstantin hält sich aber für den wahren Herrn der Kirche. Diese Tradition in der Vereinigung von Kirche und Kaisertum wird Staatstheorie des oströmischen Reiches.

Mit der Festlegung auf dem Reichs-Konzil von Chalcedon von 451 n. Chr., dass dem Bischofstuhl von Konstantinopel der gleiche Rang, wie der des Bischofs von Rom zukommt, wird der Grundstein des Zerwürfnisses zwischen Ost-und Westkirche gelegt. Mit dem Untergang Westroms kommt die Theorie der Vorrangigkeit des oströmischen Bischofsstuhls zur Geltung. Der Vorrang des „Neuen Rom “ als Rechtsnachfolger des alten, untergegangenen Rom. Der Romgedanke, ursprünglich primär religiös begründet, wurde in Byzanz ins Politische gewendet und diente zur Abwehr der westlichen Erneuerungsbewegung, in der Karls des Großen Kaiserproklamation einen Markstein bildete. Die Theorie vom neuen Rom suchte man aber auch rechtlich zu stützen, durch Beweisgründe staatsrechtlicher Art, nachdem Konstantin der Große das Kaisertum von Rom auf Konstantinopel übertragen habe. Es ist der Gedanke der „Translatio Imperii“ , bei dem man die Tatsache, dass Konstantin in Konstantinopel nur einen 2. Senat gegründet hatte, unberücksichtigt ließ. Das Bewusstsein, Träger des römischen Reiches zu sein, ist in der byzantinischen Reichsidee bis zum Untergang im Jahr 1453 lebendig und beherrschend geblieben. Es war ständig die Grundlage des byzantinischen Staatsdenkens, und diese Grundlage war für Ostrom eine politische Realität von größter Wichtigkeit. Der Gedanke der „Translatio Imperii“ wird in der Begründung des Dritten Rom wieder eine zentrale Rolle spielen.2

2. Die Entstehung der Theorie/des Mythos vom dritten Rom.

Am Ende des 9.Jahrhunderts wird Kiew Hauptstadt der sogenannten „RUS“.

Großfürst Wladimir der Heilige führt das Christentum ein, öffnet sein Land dem byzantinischen Einfluss, womit eine machtvolle Ausweitung der byzantinischen Kultursphäre einsetzt. Zwischen 1019 und 1054 lässt Großfürst Jaroslaw der Weise in Kiew prächtige Kirchen nach dem Vorbild von Byzanz erbauen. Ein Metropolit mit Sitz in Kiew wird eingesetzt und der Ritus der Ostkirche mit der slawischen Kirchensprache und Liturgie übernommen. Durch Zwistigkeiten unter den fünf Söhnen des Großfürsten Jaroslaw bilden sich allmählich zahlreiche selbstständige Fürstentümer heraus.

1147 findet Moskau erstmalige Erwähnung. Juri Dolguriki errichtet auf einer Anhöhe an der Moskwa eine Festung, die ein Zwanzigstel des heutigen Kremls umfasst. 1220-50 schlägt Dschingis-Khan die russischen Fürsten vernichtend. Sein Enkel Balu macht Russland tributpflichtig und gründet das Tatarenreich „Khanat der Goldenen Horde“ an der unteren Wolga. Ab 1330 entwickelt sich Moskau zunehmend zum Zentrum der russischen Staatsidee. Mit dem Ende des Tatarenjochs um 1480 endet auch die Isolation zu Westeuropa und der kulturelle Niedergang Russlands.

Im Jahr 1393 schrieb der Patriarch Antonios von Konstantinopel einen Brief an den Moskauer Großfürsten Vasilij I.. Darin segnet er seinen lieben Sohn, dem er sich als geistlicher Vater und Lehrer verpflichtet wisse. Deshalb müsse er es rügen, wenn der Großfürst ihm nicht in allem die alten Ehren erweise und seine Abgesandten nicht achte. Auch der Name des Kaisers (gemeint ist der von Byzanz) werde in Russland nicht erwähnt und es ginge das Wort um: „ Wir haben eine Kirche aber einen Kaiser haben wir nicht und erkennen wir nicht an.“ …..“Das ist nicht gut. Der heilige Kaiser hat in der Kirche einen hohen Rang. Er ist nicht dasselbe, wie andere Landesfürsten und Herren.“ Der Patriarch führt aus, dass es unmöglich ist, dass Christen eine Kirche haben ohne den Kaiser, denn beide sind nicht zu trennen. Er erinnert an das Petrus-Wort: „ Fürchtet Gott, ehret den Kaiser.“

Gemeint ist der Kaiser von Byzanz. Es ist in diesem Schreiben noch die alte kirchliche Ordnung deutlich angegeben. Das Moskauer Großfürstentum steht als christlich-orthodoxer Staat in geistlicher Abhängigkeit von Byzanz. Der Patriarch von Byzanz setzt das Haupt der russischen Kirche, den Metropoliten ein. Der byzantinische Brief von 1393 scheint nun auf eine gewisse Veränderung des alten hierarchischen Systems und auf eine Lockerung der russischen Beziehungen zu Konstantinopel hinzudeuten. 1393 ist auch das Jahr der Eroberung der Bulgaren-Hauptstadt Trnovo durch die Türken, der letzten Etappe der Unterwerfung der beiden südslavischen Staaten. Die serbischen und bulgarischen „Kaiser“ verschwinden wieder. Anerkannt durch Byzanz waren sie nie. So sind—neben der älteren Gründung des westlichen Kaisertums—die Beispiele entstanden, von denen der Patriarch von Konstantinopel im Jahr 1393 schrieb, das „christliche Fürsten sich wider Natur und Gesetz den Namen Kaiser beigelegt haben.“ 3

Machen wir nun einen kleinen Zeitsprung.

Ein Werk der russischen Literatur, der sogenannte „ Russische Chronograph“ von 1512, eine Zusammenfassung der Weltgeschichte, spricht vom Wechsel der Reiche, von der ewigen Stadt und weist auf Russland als auf das Land hin, das über die anderen Länder werde erhöht werden. Der Mönch Filofej ( griechisch Philotheos) eines Pskover Klosters erwähnt um 1524 in mehreren seiner Briefe die Vernichtung alter, mächtiger Reiche; die Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453 betrachtet er als Warnung an die Christenheit. An einer Stelle eines Briefes sagt er ohne gedankliche Vermittlung zum Vorhergehenden:

„ Ich möchte noch einige Worte über das bevorstehende orthodoxe Reich unseres Herrschers sagen; er ist auf Erden der einzige Zar über die Christen, der Führer der apostolischen Kirche, die anstatt in Rom und in Konstantinopel in der gesegneten Stadt Moskau steht. Sie allein leuchtet auf der ganzen Welt heller als die Sonne. Denn wisse, du Frommer: Alle christlichen Reiche sind vergangen, statt ihrer steht allein das Reich unseres Herrschers gemäß den prophetischen Büchern; das ist das russische Reich. Denn zwei Rome sind gefallen, aber das dritte steht, und ein viertes wird es nicht geben.“

Und er spricht weiter vom apokalyptischen Weib, das mit der Sonne bekleidet ist; es sei aus dem alten Rom geflohen, das durch die apollinarische Häresie gefallen sei ( gemeint ist hier die Annäherung der beiden Kirchen Ost-und Westroms in der Zeit kurz vor dem Fall Konstantinopels). „ Das Weib floh zum neuen Rom, das ist die Stadt Konstantins. Aber auch dort fand es keine Ruhe, denn sie hatten sich auf dem achten Konzil mit den Lateinern vereint; die Kirche von Konstantinopel wurde zerstört. Aber das Weib floh zum dritten Rom, das ist das neue, große Russland…“.

Die Auffassung, dass es ein viertes Rom nicht geben werde, stützt sich wohl vor allem auf die Bibelstellen in Daniel 7,8 und 24 und IV. Esra 12, 22 f., vielleicht auch auf die Dreizahl an sich. Die alte Lehre von der ewigen Stadt war aus der byzantinischen Chronik des Manasses über die bulgarische Übersetzung in den Russischen Chronograph von 1512 eingegangen und hatte den Pskover Mönch beeindruckt.

Er mag jene Gedanken gekannt haben, die von Bulgaren nach der Unterwerfung ihrer Heimat unter die Osmanen nach Russland übertragen worden waren, nämlich Vorstellungen vom Übergang der Tradition Ostroms auf ein slawisches Reich, das die Nachfolge von Byzanz antritt.. Es ist bemerkenswert, welche Stellung zur Kirche Filofej dem Großfürsten zuweist. Er nennt ihn Zar, bezeichnet ihn als „ Zügelhalter des heiligen göttlichen Throns der ökumenischen apostolischen Kirche“, hält ihn für den rechtmäßigen Nachfolger des Großfürsten Vladimir und Jaroslavs des Weisen, womit die Verbindung zum Altkiever -Reich geschaffen ist. Wie nach der byzantinischen Staatstheorie der Kaiser durch die Jahrhunderte hindurch auch der Herr der Kirche gewesen ist, so ist für Filofej der Moskauer Großfürst das Haupt der russischen Kirche. Die Sätze, in denen der Mönch vom dritten Rom spricht, stehen im Zusammenhang mit bestimmten Zitaten aus der Apokalypse, und es scheint daher nicht unmöglich, das er das baldige Weltenende erwartete und annahm, das das dritte Rom, mit dem die Weltgeschichte zu Ende gehe, nicht lange dauern werde.4

[...]


1 Hösch, Edgar: Die Idee der Translatio Imperii im Moskauer Russland, Europäische Geschichte online, Artikel, Zugriff: 15.9.15, Seite 1.

2 Lettenbauer, Wilhelm: Moskau-Das Dritte Rom, München, 1961, Seite 9-24.

3 Schaeder, Hildegard: Moskau-Das Dritte Rom, Darmstadt, 1957, Seite 2-6.

4 Lettenbauer, Wilhelm: Moskau-Das Dritte Rom, München, 1961, Seite 51-55.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Moskau. Das dritte Rom
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Europäische Geschichte)
Veranstaltung
Russische Geschichte
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V508857
ISBN (eBook)
9783346076809
ISBN (Buch)
9783346076816
Sprache
Deutsch
Schlagworte
moskau
Arbeit zitieren
Ullrich Michael Rasche (Autor), 2015, Moskau. Das dritte Rom, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508857

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