Verzerrungen und Fehler bei Beurteilungen und wie man sie vermeiden kann


Hausarbeit, 2018
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Funktionen, Vor- und Nachteile von Leistungsbeurteilungen

3. Beurteilungsverzerrungen
3.1. Beurteilungsverzerrungen und ihre Entstehung
3.2. Exkurs Pygmalion-Effekt
3.3. Vermeidung von Beurteilungsverzerrungen

4. Zusammenfassung und Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Das Leben dreht sich stets um Beurteilungen und Bewertungen. „Wie schmeckt das Essen?“, „Ist mir kalt?“, „Steht mir diese Hose?“, sind nur einige harmlose Beispiele für den täglichen, ununterbrochenen Bewertungsprozess eines jeden Menschen. Wichtiger, als die passende Kleidung zu finden, ist die Bewertung anderer Menschen. Auch das geschieht täglich und überall und führt zu gegenseitiger Zuneigung oder Abneigung in den vielfältigen menschlichen Beziehungen.

Eine weitere Stufe höher geht die offizielle Bewertung im Bereich der Arbeit und Bildung. Wenn Lehrpersonen die schulische Leistung von Kindern und Jugendlichen beurteilen, kann dies weitreichende Konsequenzen haben. Besonders im Übergang der Primar- zur Sekundarschule und spätestens beim Verlassen der Schule und dem Einstieg ins Berufsleben, wird viel Wert auf die Bewertung einzelner, menschlicher Lehrpersonen gelegt. Das Adjektiv menschlich lässt bereits darauf schließen, dass die Bewertung, meist in Form von Noten, Fehler und Verzerrungen enthalten und nicht frei von beinflussenden Faktoren sein kann.

Diese Art von Beurteilungen, Verzerrungen und Faktoren, sowie deren Entstehung werden im Folgenden beleuchtet und außerdem Ideen für die Vermeidung solcher aufgegriffen.

Der Zweck dieser Arbeit ist die Bewusstmachung der unvermeidlichen Existenz beeinflussender Faktoren und der fehlerhaften Menschlichkeit eines jeden, um mit diesem Wissen besser reflektieren, und Beeinflussungen entgehen zu können. Denn auch wenn viele Prozesse der schulischen Bewertung, wie die alltäglichen, unbewusste Prägungen haben, kann das Wissen über diese positive Auswirkungen haben.

2. Funktionen, Vor- und Nachteile von Leistungsbeurteilungen

Prüfungen zur Feststellung eines Leistungsniveaus, wurden in Europa im 18.- Und 19.-Jhr. zum Eintritt in den öffentlichen Dienst eingeführt. Damit war eine Chancengleichheit gegeben, denn jeder Bürger hatte die Möglichkeit, die Prüfung anzutreten und zu bestehen. Sozialer Aufstieg war von da an und ist bis heute stark, jedoch nicht ausschließlich, abhängig vom individuellen Lernerfolg (Jürgens & Lissmann, 2015). Die Einführung von Zensuren und Zeugnissen in den Schulalltag, wie wir sie heute kennen, erfolgte Anfang des 20.-Jhr., zusammen mit der Eröffnung der gemeinsamen Grundschule. Sie dienten dazu, nach Beendigung der Grundschule zu entscheiden, wer folglich auf die Realschule und wer auf ein Gymnasium gehen sollte. Weiterführend wurde das Abschlusszeugnis der Volksschule als Qualifikation für den Einstieg in bestimmte Berufsausbildungen erforderlich (Tillmann & Vollstädt, 2000).

Die Hauptaufgabe von Zeugnissen ist somit die Selektion von Schülerinnen und Schülern, von Kindern und Jugendlichen. Mit dem Erwerb eines bestimmten Abschlusses werden Türen für weitere Bildungswege geöffnet oder geschlossen. Jedes Jahr wird aufs Neue entschieden, ob ein Schüler oder eine Schülerin in die nächste Stufe versetzt wird, oder das Schuljahr wiederholen, möglicherweise gar eine Schulform herab gestuft wird. „Hierbei handelt es sich um innerschulische Ereignisse, die sich jedoch aus außerschulischen Erwartungen, aus funktionalen Erfordernissen erklären“ (ebd, S.29). Neben der Selektionsfunktion, die auch als „Berechtigungsfunktion für sozialen Aufstieg“ bezeichnet wird (Jürgens & Lissmann, 2015), ist die Qualifikationsfunktion die Erlaubniserteilung, eine bestimmte Tätigkeit auszuüben (ebd.), was zum Beispiel auch die Führerscheinprüfung verfolgt. Nur wer diese besteht, darf Auto fahren. In Deutschland gibt es viele weitere Tätigkeiten, für die verschiedene Arten von Prüfungen zur Ausübung qualifizieren.

Die Selektions- und Qualifikationsfunktionen werden in der Literatur der Gruppe der gesellschaftlichen Funktionen zugeordnet. Eine weitere Gruppe, die der pädagogischen Funktionen, beinhaltet andere Aufgaben von Noten und Zeugnissen (Tillmann & Vollstädt, 2000).

Zu den pädagogischen Funktionen zählt die Informationsfunktion, die die Qualität des Lehr- und Lernerfolgs herausstellen und somit zur Verbesserung beitragen soll. Der Lehrperson wird damit eine Rückmeldung zur eigenen Lehrtätigkeit gegeben. Bei Misserfolg kann dementsprechend über eine Veränderung in der Unterrichtsplanung und -gestaltung nachgedacht werden. Den Eltern soll deutlich gemacht werden, ob ihre Kinder mehr Unterstützung und Förderung, möglicherweise auch Disziplin benötigen als bisher. Am größten jedoch könnte der Effekt der Informationswiedergabe bei den Schülerinnen und Schülern selbst sein. Rückmeldungen über die eigene Leistung könnten im besten Fall Funktionen von Anreiz und Sanktionen haben. Folglich würden gute Noten belohnend wirken, während schlechte Noten zur Verbesserung des Lernverhaltens motivieren (ebd.).

Die Entwicklungsfunktion zielt auf die Optimierung des individuellen Lernerfolgs ab. „Beispielsweise werden erreichbare Ziele vereinbart und individuelle Fortschritte anerkannt. Außerdem kann die Anzahl der Beurteilungen individuell verschieden sein“ (Jürgens & Lissmann, 2015).

Die vielfältigen Funktionen scheinen ausschließlich vorteilhaft zu sein, wenn sie ihre Aufgaben denn erfüllen, zur Optimierung des Lehren und Lernens und zu einer berechtigten Selektion führen. Doch beinhaltet dieses System auch viele Tücken und potenzielle Probleme. Durch die Forderung nach Chancengleichheit muss gewährleitstet sein, dass eine Leistungsbeurteilung nach vergleichbaren Kriterien existiert. Dies ist aber nur möglich, wenn ausschließlich kognitive Leistungen geprüft werden, wie es bei einem Mathe- oder Vokabeltest der Fall ist. Dabei kann jedoch dem Wunsch nach individueller Förderung nicht ausreichend nachgegangen werden (Tillmann & Vollstädt, 2000). Eine individuelle Förderung und vor allem die Beurteilung individueller Leistungen zum Beispiel in Form von „verbalen Lernberichten“ (ebd., S.32) würde viel mehr Zeit in Anspruch nehmen (ebd.) und gerade in der heutigen Zeit, in der alles schneller gehen soll, was auch die Einführung von G8 beweist, keinen Platz finden. Zeugnisse, die als Form einer Leistungsbeurteilung über einen längeren Zeitraum hinweg mehrere Bewertungen zusammenschließen (Jürgens & Lissmann, 2015), können keiner individuellen Beurteilung der Leistungen gerecht werden, da sie nur aus Zahlen bestehen. Kinder und Jugendliche aber benötigen häufig mehr, als nur eine Note in Form einer Zahl, um für eine bessere Lernleistung motiviert zu werden (Tillmann & Vollstädt, 2000).

Da das Abitur teilweise nicht mehr als Qualifikation für ein Studium ausreicht, sondern der Notendurchschnitt des Abiturs für den Zugang zu vielen Studiengängen ausschlaggebend ist, entsteht ein Leistungsdruck, dem viele Schülerinnen und Schüler mit Frustration begegnen, anstatt dem Prinzip der Anreizfunktion Folge zu leisten.

Die Problematiken die allein durch die Vergabe von Zensuren und Zeugnissen entstehen können, scheinen noch gravierender, wenn man bemerkt, dass die in der Einführung angedeutete menschliche Subjektivität der Lehrpersonen, die verantwortlich für die Beurteilung der Schülerinnen und Schüler sind, noch gänzlich außer Acht gelassen worden ist. Im Folgenden werden die möglichen Schwierigkeiten von Leistungsbeurteilungen im Zusammenhang mit den Lehrpersonen erläutert.

3. Beurteilungsverzerrungen

Die Leistungsbewertung entsteht aus einem langwierigen Prozess, dem die Leistungsfeststellung, sowie die Leistungsmessung voranstehen. Eine Leistungsfeststellung basiert auf objektiven Beobachtungen des Schülerverhaltens[1] und wird ohne Bewertung beschrieben (Jürgens & Lissmann, 2015). Die Leistungsmessung findet im Rahmen von Leistungskontrollen, wie z.B. einem Test oder einer Klassenarbeit statt, die „unter Beachtung testtheoretischer Gütekriterien entwickelt wurd[e] (ebd., S.69). Jeder einzelnen Leistung, sei es die beobachtete mündliche Mitarbeit oder das Ergebnis eines Tests, wird schließlich eine Bewertung in Form einer Note zugewiesen. Die Endnote auf dem Zeugnis besteht aus allen gesammelten Bewertungen und wird daher als Leistungsbeurteilung bezeichnet (ebd.). Auf allen Schritten dieses Prozesses können Störfaktoren eintreten, die die Beobachtungen, Messungen und Bewertungen beeinflussen.

3.1. Beurteilungsverzerrungen und ihre Entstehung

Objektiv Beobachten ist für den Menschen im Grunde nicht möglich, da er immer und überall seine gesammelten subjektiven Erfahrungen mit sich trägt, die im Gedächtnis wie ein Filter wirken. Je nach Erfahrungen der einzelnen Lehrperson, nimmt diese Schülerverhalten anders wahr (Langer,Langer & Theimer, 2000). Durch Erfahrungen entstehen Stereotype im Gedächtnis, die uns helfen sollen, die Welt einfacher zu verarbeiten, indem wir Gruppierungen bilden, zu denen wir neue Informationen hinzufügen können. Durch das stereotype Denken entstehen Erwartungen gegenüber unseren Mitmenschen, von denen wir meinen sie zu einem Stereotypen zuordnen zu können (Degner, Meiser & Rothermund, 2009). In der Beobachtung von Schülern spielen diese Erwartungen eine große Rolle, denn Informationen werden auf Basis des Stereotyps entsprechend in „zutreffend“ oder „unzutreffend“ kategorisiert. Wenn eine Lehrperson beispielsweise bezüglich der Herkunft eines Schülers Vorurteile entwickelt hat, so wird sie unbewusst jenes Verhalten von Schülern dieser Herkunft, welches in die Schublade des Stereotyps hineinpasst, mehr gewichten. Verhalten und Informationen, die diese Vorurteile widerlegen könnten, werden eher ausgeblendet. „Durch […] eine Vielzahl [von] Studien wird deutlich, dass uns unsere als „objektiv“ erscheinende Wahrnehmung bereits einen Streich spielt, weil wir die Tendenz haben zu sehen, was wir (aufgrund unserer Stereotype) erwarten“ (ebd., S.84).

[...]


[1] Hier und im Folgenden wird zur besseren Lesbarkeit auf die weibliche Form verzichtet. Gemeint sind jedoch stets Schülerinnen und Schüler beider Geschlechter.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Verzerrungen und Fehler bei Beurteilungen und wie man sie vermeiden kann
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V508890
ISBN (eBook)
9783346073471
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beurteilungsverzerrung, Beurteilungsfehler, Mündliche Noten, Benotung
Arbeit zitieren
Katharina Mysliwiec (Autor), 2018, Verzerrungen und Fehler bei Beurteilungen und wie man sie vermeiden kann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508890

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