Exegese von Abrahams Prüfung und Isaaks Opferung (Gen 22,1-19)


Hausarbeit, 2019

31 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

1. Einleitung

Vorliegende Arbeit widmet sich der Exegese von Gen 22,1-19, der beinahe­Opferung Isaaks. Die Methode der Exegese ist von unbedingter Bedeutung für die Theologie. So liegt es in der Verantwortung einer minuziösen Analyse sakraler Texte, neue Bedeutungsebenen herauszuarbeiten und ihren historischen Entstehungskontext offenzulegen. Besonders im Bezug auf sakrale Texte ist dieses Prozedere sehr relevant, da nur durch eine historisch-kritische Bearbeitung dieser Texte einer ideologischen Vereinnahmung vorgebeugt werden kann. Hierfür implementiert die Exegese ein beeindruckendes Repertoire an Einzelschritten, welche über das Herausarbeiten der einzelnen Überlieferungsschichten noch hinausgeht. So wird im Falle der Exegese alttestamentlicher Texte auch das historisch-kulturelle Umfeld des alten Israels betrachtet, um unterschiedliche Einflüsse auf das Alte Testament herausarbeiten zu können. Dieses breitgefächerte methodische Repertoire stellt weiterhin eine Notwendigkeit dar, um alttestamentliche Texte angemessen diskutieren zu können. So muss sich stets ins Bewusstsein gerufen werden, dass es sich um Texte handelt, die zeitlich, räumlich und kulturell weit von unserem heutigen sowie westlichen kulturellen Konventionen sowie Denkweisen entfernt sind.

Für vorliegende Exegese fiel die Wahl auf die Beinahe-Opferung Isaaks, da die Erzählung ein bemerkenswert dramatisches Element beherbergt. Die Aufforderung JHWHs an Abraham, seinen einzigen Sohn als Bezeugung seines Glaubens zu opfern, wirkt wie ein Motiv aus vor-monotheistischen Zeiten. So stellt sich die Frage, inwiefern eine solche Tat theologisch zu legitimieren wäre. Dementsprechend dürfte sich besonders die Arbeit an der Traditionsgeschichte als durchaus interessant erweisen, um eine ähnliche Motivik in den Umweltkulturen und -religionen des alten Israel ausfindig zu machen. Auf der Handlungsebene des Textes stellt besonders das Verhalten Abrahams einen interessanten Aspekt dar. So changiert er auf den ersten Blick zwischen einer gewissen Gleichgültigkeit, seinen Sohn zu opfern, da er keinen Moment des Haderns zeigt. Andererseits könnte V.8 auch von Abrahams Gottvertrauen zeugen, dass er weiß, dass JHWH Isaaks Opferung letztgültig nicht einfordern wird.

2. Erste Textbeobachtungen und Eindrücke

Die erste Sichtung der Perikope evoziert das Verständnis, dass JHWH Abraham einen Glaubensbeweis abverlangt und dabei wohl den wertvollsten Besitz eines Menschen einverlangt: Die Brandopferung seines einzigen Sohnes (vgl. Gen 22,2). Ohne Umschweife macht sich Abraham auf und bereitet das Brandopfer vor. Erst kurz bevor Abraham Isaak mit einem Messer „schlachten“ (Gen 22,10) will, erscheint ein Engel und hält Abraham von der Tat ab (vgl. Gen 22,11f.). Daraufhin empfängt Abraham den Segen JHWHs (vgl. Gen 22,17f.). Es erscheint, als wäre diese Perikope auf großes Gottvertrauen aus, welches das Individuum zu einer gar unmenschlichen Tat bewegen kann. Jedoch wird die Tat in letzter Sekunde entschärft und Abraham wird mit einem Segen belohnt, da er, unter welch großen Aufopferungen auch immer, dem Worte JHWHs gefolgt wäre, unter dem Vorbehalt, dass er nicht ohnehin davon ausgeht, dass JHWH in letzter Konsequenz die Opferung einfordert.

Im Kontext der näheren Abrahamerzählung wirkt die Perikope um Isaak im Hinblick auf die Handlung recht lose eingebettet. So setzt sie nach dem Bundesschluss zwischen Abraham und Abimelech bei Beer-Scheba ein (vgl. Gen 21,32) und ist von ihr zeitlich deutlich abgegrenzt: „Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm“ (Gen 22,1). Dennoch ist die Beinahe­Opferung Isaaks im Hinblick auf die Vita Isaaks chronologisch sinnvoll eingebunden. So wird in Gen 21,1-5 von der Geburt Isaaks berichtet. Dementsprechend ist von einem noch recht jungen Alter Isaaks auszugehen, was durch das passive Verhalten Isaaks in Gen 22,1-19 komplementiert wird. Die einzige Handlung Isaaks beläuft sich auf eine verunsichert wirkende Nachfrage, wo denn das Brandopfer sei (vgl. Gen 22,7b), ohne Bewusstsein darüber, dass er selbst das angedachte Opfer ist. Auf Gen 22,1-19 folgt der Tod Saras, Abrahams Frau. Daraufhin erzählt Gen 24,67 von der Eheschließung zwischen Isaak und Rebekka. Anhand dieser Textstelle lässt sich die Diskussion um Isaaks vermeintlich junges Alter in Gen 22,1-19 noch erweitern. Dies könnte über einen Altersvergleich von Abraham vorgenommen werden. So wird Abraham zum Zeitpunkt von Isaaks Geburt als 100-jährig bezeichnet (vgl. 21,5), jedoch erschöpft sich die nächste Alterbeschreibung Abrahams in Gen 24,1 auf: „Abraham war alt und hochbetagt“. Doch nicht nur die Frage nach Isaaks passivem Verhalten bzw. jungem Alter stellt sich, sondern auch die Frage nach der Ambivalenz der beiden Handlungsträger der

Erzählung. So ist die Figur Abrahams zu hinterfragen, welche in keinem Vers einen Moment des Zweifelns über die Opferung seines Sohnes zum Ausdruck bringt bzw. ein so großes Vertrauen in Gott besitzt, dass er davon ausgeht, dass Isaak letzten Endes nicht geopfert werden muss. Interessant hierzu gestaltet sich Gen 22,5b. So sagt Abraham zu seinen Knechten, dass er nach dem Anbeten wieder mit seinem Sohn zurückkehren wird. Insgesamt hinterlässt die Perikope ein moralisch recht ambivalentes Bild der Figur Abraham. Gleiches kann von der Rolle JHWHs behauptet werden, der Abraham das wohl größte Opfer abverlangt.

Auch traditionsgeschichtlich wirkt das Motiv der Opferung des erstgeborenen Sohnes äußerst ergiebig, sodass zu erhoffen ist, einige Parallelen aus den Umweltreligionen und -kulturen zutage fördern zu können, um so die Verwurzelung des Textes in der altisraelitischen Kultur und Religion besser nachvollziehen zu können. Literarkritisch erscheint Gen 22,1-19 auch einige Erkenntnisse zu verbergen, jedoch nicht aufgrund vieler Brüche, sondern aufgrund der starken Kohärenz. Der Text wirkt, zumindest oberflächlich betrachtet, wie aus einem Guss. Zumindest Gen 22,1-13 wirkt wie eine geschlossene Erzählung, welche punktuell durch die Ortsätiologie (Gen 22,14) gebrochen wird. Nach der Ortsätiologie schließt die Perikope mit der Segensverheißung (Gen 22,15-18) sowie der Rückkehr Abrahams und Isaaks (Gen 22,19).

Diese vermeintlichen Brüche im Text stellen einen ersten Gliederungsansatz dar, welcher sich jedoch um eine Gliederung der narratologischen Komposition erweitern lässt. So lässt sich m.E. Gen 22,1-5 als Einleitung der Perikope betrachten. Abraham wird von Gott auf die Probe gestellt (vgl. Gen 22,1f.) bereitet alles für die Abreise vor und macht sich auf den Weg (vgl. Gen 22,3). In V.4 kommt Abraham mit seinem Gefolge am Ort der Opferung an und trennt sich von seinen Knechten (vgl. Gen 22,5). Daraufhin bereitet er alles für die Brandopferung Isaaks vor (vgl. Gen 22,6), woraufhin ein Dialog zwischen Vater und Sohn dargestellt wird (vgl. Gen 22,7f.). In V.9 und 10 erreicht die Perikope ihren narratologischen Höhepunkt, indem Abraham Isaak auf den Altar bindet, das Messer ergreift und kurz davor ist, Isaak zu „schlachten“. V.11-12 stellt ein retardierendes Moment da, indem der Bote des Herrn erscheint und die Situation entschärft, wobei ein alternatives Brandopfer in Form eines Widders in V.13 gefunden wird. V.14 stellt eine Ortsätiologie dar, an die der Segen anschließt (vgl. Gen 22,15-18). V.19 stellt den Schluss der Perikope dar, in dem kurz die Heimreise Abrahams nach Beer-

Scheba geschildert wird, wohlgemerkt ohne dass Isaak in diesem Vers Erwähnung findet.

3. Übersetzungsvergleich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten1

Auffallend an den drei verwendeten Varianten ist zunächst, dass sie in Anbetracht der Vielzahl von Versen terminologisch zum größten Teil identisch sind. Doch bereits im ersten Vers offenbart sich ein bedeutsamer Unterschied. So verwenden die Elberfelder- und die Zürcher Bibel die Termini Probe und prüfte, während die Lutherbibel den Begriff versuchte verwendet. Die Bedeutung von Versuchung impliziert eine negative Konnotation im Sinne einer gewissen Hinterlist, wenn es mit einer expliziten Prüfung oder Probe verglichen wird. So umschreibt der Duden das Verb mit: „jemanden in Versuchung führen (jemanden zu etwas Unrechtem verlocken)“.2 In V.5 und 12 wird für die Umschreibung Isaaks in der Zürcher- sowie Lutherbibel die Bezeichnung Knabe verwendet, während in der Elberfelder Junge zu lesen ist. Diese Differenz könnte Aufschluss über das Alter Isaaks bieten, so impliziert Knabe einen jungen Mann, während Junge auf eine Person im Kindesalter verweist.3 Ein weiterer beachtenswerter Unterschied ist in V.12 aufzufinden. So spricht der Engel zu Abraham in der Zürcher Bibel, dass er gottesfürchtig sei, während sowohl die Elberfelder- als auch die Lutherbibel schreiben, dass Abraham Gott fürchtet. Interessant hierbei ist, dass gottesfürchtig gleichbedeutend ist mit „in der Ehrfurcht vor Gott lebend und danach trachtend, seine Gebote zu erfüllen [,..].“4 Dahingegen impliziert fürchten per se, vor etwas oder jemandem Angst zu haben.5

Auffallend ist, dass einige verwendete Termini negative Konnotationen aufweisen. Bspw. schwingt beim in der Lutherbibel verwendeten versuchte eine Art Hinterlistigkeit mit, welche der eigentlichen Natur JHWHs Vorhaben a priori negativen Charakter verleiht. Dementsprechend wäre an dieser Stelle die Elberfelder oder Zürcher Bibel vorzuziehen, um eine objektive Betrachtung zu gewährleisten. Ähnliches lässt sich über die Verwendung von Gott fürchten konstatieren, doch in diesem Falle findet diese Wendung Verwendung in der Lutherbibel als auch in der Elberfelder Variante. Die Verwendung gottesfürchtig ist in diesem Falle vorzuziehen, da dieser Begriff nicht direkt negative Assoziationen weckt und der Thematik der Erzelternerzählungen eher entspricht.6 Aufgrund dieser Erkenntnisse wird für die vorliegende Exegese auf den Text der Zürcher Bibel zurückgegriffen, da dieser eine objektivere Betrachtung der Erzählung ermöglicht.

4. Textkritik

Laut des BHS-Apparates stellt V.13 eine relevante Abweichung zwischen dem Masoretischen Text und der LXX dar.7 Dementsprechend sollen im Folgenden beide Varianten gegenübergestellt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Für den Übersetzungsvergleich werden die relevanten Begriffe bzw. Textpassagen innerhalb der Tabelle unterstrichen und in der folgenden Erläuterung diskutiert.

2 https://www.duden.de/rechtschreibung/Versuchung [Zugriff: 18.03.2019].

3 https://www.duden.de/suchen/dudenonline/Junge [Zugriff: 18.03.2019].

4 https://www.duden.de/rechtschreibung/gottesfuerchtig [Zugriff: 18.03.2019].

5 Vgl. https://www.duden.de/suchen/dudenonline/f%C3%BCrchten [Zugriff: 18.03.2019].

6 Vgl. Westermann, Claus, Genesis (BK.AT 2), Neukirchen-Vluyn 21989, 438.

7 Biblia Hebraica Stuttgardensia, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart (Hg.), Stuttgart 1977, 32.

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Details

Titel
Exegese von Abrahams Prüfung und Isaaks Opferung (Gen 22,1-19)
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
31
Katalognummer
V508896
ISBN (eBook)
9783346072634
ISBN (Buch)
9783346072641
Sprache
Deutsch
Schlagworte
exegese, abrahams, prüfung, isaaks, opferung
Arbeit zitieren
Peter Meenken (Autor), 2019, Exegese von Abrahams Prüfung und Isaaks Opferung (Gen 22,1-19), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/508896

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