"Die Eumeniden" von Aischylos. Funktion und Gestaltung des Redewettstreits zwischen den Erinyen und Apollon


Hausarbeit, 2019
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung: Historische Rahmenbedingungen und Entwicklungsprozess der Rhetorik

2. Rhetorische juristische Gestaltung des Redewettstreits zwischen den Eryninen und Apollon in den Eumeniden des Aischylos
2.1 Ausgangslage
2.2 Juristische Beweistechnik und Einfluss der Rhetorik
2.3 Apollons Rede als Symbol sophistischer Rhetorik

3. Fazit: Funktion des Redestreits in dieser Tragödie

Literaturverzeichnis

1. Einleitung: Historische Rahmenbedingungen und Entwicklungsprozess der Rhetorik

Um die rhetorisch juristische Gestaltung des Redewettstreits zwischen den Erinyen und Apollon in Aischylos Tragödie Die Eumendien angemessen analysieren zu können, erscheint es einleitend sinnvoll, sowohl die allgemeinen historischen Rahmenbedingungen, als auch den Entwicklungsprozess der Rhetorik im 5. Jahrhundert v.Chr. einzubeziehen.

Als ältester der drei großen Tragiker erlebte Aischylos, 525 v.Chr. geboren, eine Übergansphase zwischen archaischer und klassischer Zeit. Damit verbunden waren auch wichtige Ereignisse der athenischen Geschichte, wie die Reform des Kleisthenes 510 v.Chr. die Athen zur Demokratie machte, die Abwehr der Perser 490 und 480 v.Chr. und schließlich die Entmachtung des Areopags 462 v.Chr. durch den kurze Zeit später ermordeten Demokraten Ephialtes.1

Parallel dazu nahm auch die Rhetorik einen besonderen Stellenwert im klassischen Athen des 5. Jahrhunderts ein. Insbesondere die Sophistik brachte einen großen Professionalisierungs- und Theorieschub mit sich.2 Neben der Vertiefung einzelner Aspekte in Theorie und Praxis wurde die Frage nach dem Status der Rhetorik und ihrer Bedeutung für die menschliche Gesellschaft gestellt.3 Die begriffliche Deutung lässt sich dabei am besten im altgriechischen Wort nsiöw (überzeugen) fassen und wurde bereits von Hesiod als göttlicher Moment der wirksamen Rede bezeichnet (Hes. theog. 349). Literaturhistorisch betrachtet finden sich jedoch schon in den epischen Dichtungen Homers, handelnde Figuren die erste Ansätze von rhetorischem Bewusstsein zeigen. In diesem Zusammenhang lässt sich beispielhaft auf die Gesandtschaft zu Achilles in der Ilias verweisen (Hom. Il. 9,180 - 184).

Die Ursprünge der antiken Rhetorik als einer lehrbaren Kunst des Überzeugens, scheinen hingegen in einer späteren Zeit und geografisch im hellenisch besiedelten Sizilien zu liegen. Auch wenn diese Frühzeit der rhetorischen Entwicklung, aufgrund dem Fehlen verlässlicher Zeugnisse etwas im Schatten bleibt, besteht eine grundsätzliche Einigkeit darüber, dass die Syrakusianer Teisias und Korax als erste den Schritt vom individuellen Erfahrungswissen zur lehrbaren Kunst vollzogen (Aristot. rhet. 1402a; Plat. Phaidr. 272d - 273b).

In professionalisierter Form gelangte die Rhetorik jedoch erst im Verlauf des 5. Jahrhunderts, durch den berühmten Sophisten Gorgias, der einst Schüler des Teisias gewesen sein soll, nach Athen.4 Im Gegensatz zu seinem Lehrer soll Gorgias größeren Wert auf die Stilistik gelegt haben, wodurch die Lehre vom Ausdruck zum unentbehrlichen Bestandteil der Rhetorik wurde. Dennoch werden Teisias und Gorgias oft in einem Atemzug genannt. Zum einen weil sie das Stilmittel der Kürze (brevitas) besaßen, andererseits aber auch über die Fähigkeit verfügten unbegrenzt lange über ein Thema sprechen zu können, was nach Ansicht von Kritikern auf eine Vernachlässigung des Gegenstandes und seiner Erfordernisse schließen lässt.5 Außerdem räumten beide laut Platon, in der Argumentation dem Wahrscheinlichen den Vorzug gegenüber einem absolut zu fassenden, zeitlosen Wahren im Sinne der Philosophie ein (Plat. Phaidr. 266d).

In der griechischen Tragödie entwickelte sich schließlich ein Szenentyp, der die rhetorischen Merkmale eines Redewettstreits aufweist. Hierfür haben sich die „Bezeichnungen qywv (Wettkampf), bzw. òywv àwyov (etwa: Kampf der Reden), oder Rededuell“ etabliert.6 Obwohl diese Art der Inszenierung ihren Höhepunkt wohl erst bei Euripides erreicht, beschäftigte sich auch schon Aischylos intensiv mit diesem Phänomen. In seinem 458 v.Chr. aufgeführten Spätwerk Die Eumeniden, lässt sich dies besonders deutlich herausstellen.

2. Rhetorische juristische Gestaltung des Redewettstreits zwischen den Eryninen und Apollon in den Eumeniden des Aischylos

2.1 Ausgangslage

Auf mythischer Ebene zieht sich der rhetorische Konflikt zwischen Apollon und den Erinyen, wie ein roter Faden durch das gesamte Drama.7 Schon in der Parodos (Aischyl. Eum. 149 - 150), stellen die Erynien die Auseinandersetzung als einen Generationenkonflikt unter Göttern dar:

Sohn des Zeus verschlagen bist du! Uns greise Götter überrennst du junger Gott !“

Und kurz darauf (Aischyl. Eum. 162 - 163):

„Und das bereiten jene neuen Götter uns, sie vergewaltigen das Recht!“

Dieser Vorwurf von Respektlosigkeit scheint sich zu erhärten, hatte Apollon die Erinyen schon im Prolog als:

„abscheuliche alte Jungfrauen, denen nie der Götter einer, nie ein Mensch, noch Tier sich eint“

bezeichnet (Aischyl. Eum. 69 - 70). Dabei wird seine Argumentation gegenüber den Erinyen, von Aischylos fast durchgängig als nicht sachbezogen dargestellt. Vielmehr bedient der Gott sich einer solchen Strategie, wie sie auch die antike Rhetorik empfahl für den Fall, dass einem die Sachargumente ausgehen.8 In solch einer Situation sollte man sich auf die persönliche Diffamierung des Gegners konzentrieren. Die Erinyen hingegen wahren die respektvolle Anrede (Aischyl. Eum. 198) und führen das Gespräch sachlicher. Sie weisen ihren Kontrahenten darauf hin, dass er Schuld an dem Geschehen habe und es sich um einen schwerwiegenden Mord handelt (Aischyl. Eum. 202 - 203):

Erinyen: „Du gebotst dem fremden Manne seiner Mutter Mord!“

Apollon: „Ich gebot ihm Rache seines Vaters; sollt ich nicht?“

Das einzige was die Erinyen interessiert, ist das Orest sich an verwandtem Blut vergangen hat und sie als Rachegöttinnen in der Verantwortung stehen. Sie folgen der alten Tradition der Blutgerichtsbarkeit und lassen das Gegenargument des Gattenmords nicht gelten, da nur Orest mit Klytamestra, aber nicht Klytamestra mit Agamemnon verwandt war. Auch Apollons Verweis, dass es sich bei der Ehe um einen geheiligten Bund handelt hilft nichts. Die Hilflosigkeit des jungen Gottes zeigt schließlich sein Verweis auf Athene, die die Sache entscheiden könne und bereitet gleichzeitig den von Aischylos mitten im ersten Epeisodion inszenierten Ortswechsel vor.

[...]


1 Vgl. Zimmermann 2016, S. 8.

2 Vgl. Walde und Weißenberger 2006.

3 Vgl. Walde und Weißenberger 2006.

4 Vgl. Walde und Weißenberger 2006.

5 Vgl. Walde und Weißenberger 2006.

6 Dubischar 2006, S. 14

7 Vgl. Föllinger 2009, S. 120.

8 Vgl. Föllinger 2009, S. 129.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
"Die Eumeniden" von Aischylos. Funktion und Gestaltung des Redewettstreits zwischen den Erinyen und Apollon
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V509048
ISBN (eBook)
9783346086839
ISBN (Buch)
9783346086846
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philologie, Rhetorik, Aischylos, Eumeniden, Argumentation, Juristisch, Redewettstreit
Arbeit zitieren
Kerem Kopuz (Autor), 2019, "Die Eumeniden" von Aischylos. Funktion und Gestaltung des Redewettstreits zwischen den Erinyen und Apollon, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509048

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