"Underworld" von Don DeLillo und die Betrachtung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anhand von Resten

Den Abfall der Geschichte ausgraben


Hausarbeit, 2019

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der Abfall der Geschichte und die geheimen Geschichten des Abfalls
2.1 “Everything I see is garbage” – Ein Überblick über die Facetten des Müllmotivs
2.2 Die Kehrseite der Konsumkultur
2.3 Müllmonumente und Ruinen der Gesellschaft

3 Was vom Kalten Krieg übrig bleibt
3.1 Atommüll
3.2 Opfer eines Krieges, der nie stattgefunden hat

4 Die Reste zusammensetzen
4.1 Montagetechnik und Müllkunst
4.2 „Everything is connected“ – Bindeglieder zwischen den Fragmenten

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Konvolut N seines Passagen-Werks hat Walter Benjamin zwei aufeinanderfolgende Fragmente mit dem Stichwort „Abfall der Geschichte“ versehen.1 In Don DeLillos 1997 erschienenem Roman Underworld kommt dem Geschäftsmann Viktor die Erkenntnis: „[W]aste is the secret history, the underhistory, the way archaeologists dig out the history of early cultures, every sort of bone heap and broken tool, literally from under the ground.”2 Unter der offiziellen Geschichte der großen Ereignisse, wie sie die Geschichtsbücher darstellen, liegt eine geheime Geschichte verborgen, die man erst ausgraben muss, eine Untergeschichte, wie es in Underworld heißt, bzw. eine Gegengeschichte, wie sie in der Forschung teilweise genannt wird.3 Der Roman entfaltet auf über achthundert Seiten eine solche Untergeschichte der Vereinigten Staaten von Amerika von 1951 bis in die 1990er Jahre, der Zeit des Kalten Krieges und den ersten Jahren danach. Duvall schreibt, eine Archäologie dieser Zeit müsse dem Roman zufolge auf den Müllkippen in der Nähe der urbanen Gebiete ausgeübt werden.4 Archäologische Ausgrabungen auf modernen Müllhalden durchzuführen ist nicht abwegig, sondern wurde im Rahmen des Garbage Projects der Universität von Arizona bereits getan. Die archäologische Untersuchung von Müll wird „Garbology“ genannt.5 Beck sieht Underworld gewissermaßen als eine literarische Version dieser Disziplin6 und Dini bezeichnet DeLillo, der sich bereits in seinen vorigen Romanen mit dem Thema Müll auseinandergesetzt hat, als „ironic garbologist“.7 In diesem Sinne findet in Underworld mit Gauthiers Worten eine Ausgrabung der amerikanischen Geschichte statt.8 Aus dem, was DeLillo dabei zutage fördert, entsteht „a collection of […] marginal people, places, and scraps, which are quickly receding into the opaque margins of society”.9 Durch ihre Verwendung kommen diese Reste im Sinne Benjamins zu ihrem Recht.10

Diese Arbeit folgt Don DeLillo auf den berühmten Müllhaufen der Geschichte, von dem er Vergessenes, wie Duvall schreibt, aufsammelt und zurückholt,11 und analysiert, wie er die Geschichte Amerikas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anhand der dort gefundenen Reste in den Blick nimmt. Betrachtet werden hierzu der tatsächliche Abfall als Motiv, das sich durch den gesamten Roman zieht, die fatalen Überbleibsel des Kalten Krieges sowie die Art und Weise, wie DeLillo all diese Reste verbindet und miteinander in Beziehung setzt und welches Gesamtbild daraus entsteht.

2 Der Abfall der Geschichte und die geheimen Geschichten des Abfalls

2.1 “Everything I see is garbage” – Ein Überblick über die Facetten des Müllmotivs

Nick, eine zentrale Figur des Romans und die einzige, aus deren Sicht in der ersten Person Singular erzählt wird, arbeitet bei einer Abfallmanagementfirma. Auf einer Konferenz unterhält er sich mit seinem Kollegen Sims darüber, wie sich dessen Sichtweise auf Müll verändert hat, seit er in der Branche tätig ist:

“From the first day I find that everything I see is garbage. […] The subject follows me. I went to a new restaurant last week, nice new place, you know, and I find myself looking at scraps of food on people’s plates. Leftovers. I see butts in ashtrays. And when we get outside.“

„You see it everywhere because it is everywhere.“

„But I didn’t see it before.“

„You’re enlightened now. Be grateful,“ I [Nick] said. (S. 283)

Dem Lesenden des Romans ergeht es ähnlich, denn auch auf den Seiten von Underworld ist Abfall allgegenwärtig. In der Forschung gilt er deshalb zurecht als eines der zentralen, wenn nicht das zentrale Motiv des Romans.12 Dini zufolge wird Underworld weithin sogar als „the twentieth centurys’s defintive waste novel“ angesehen.13 Wie Huang schreibt: „The novel’s narrative develops on the background of ubiquitous but interconnected waste of various kinds.”14 Im Folgenden wird ein kurzer Überblick über die Arten von Müll, die in Underworld auftauchen, gegeben.

Da ist zunächst Müll in seiner physischen und alltäglichen Form, der die Straßen von Harlem und der Bronx ziert (vgl. S. 55, S. 238 f.), im Shay-Haushalt rigoros getrennt (vgl. S. 89, S. 102 f; S. 119, S. 803 f.) und von Nicks Firma weiterverarbeitet wird. Nicks Arbeit beleuchtet die kommerzielle Seite des Mülls. Er und seine Kollegen verdienen ihren Lebensunterhalt mit der Verwaltung desselben, sie sind „waste giants“, die „universal waste“ (S. 88) verarbeiten. Gleichzeitig bewegt sich das Geschäft mit dem Abfall am Rande der Legalität und Sims spekuliert über Verbindungen der Firma zur Mafia, die ins Abfallgeschäft involviert ist (vgl. S. 280). Weitere Gerüchte, mit denen Sims sich befasst, kreisen um ein ominöses Schiff, das in keinem Hafen anlegen darf und von dem man vermutet, es könne mit Giftmüll beladen sein (vgl. S. 279). „[W]aste is the best-kept secret in the world“, erfährt Nick auf einer Konferenz (S. 281). Während sich zahlreiche Gerüchte und Geheimnisse um gefährlichen Müll ranken, dient Abfall in Underworld auch dazu, private Geheimnisse aufzudecken: Hoover und sein FBI beschlagnahmen heimlich den Müll von Verdächtigen, um darin nach Beweisen zu suchen, und ersetzen ihn durch simulierten Abfall (vgl. S. 557 f.). Die sogenannte „garbage guerilla“ setzt zum Gegenschlag an und versucht, Hoovers Haushaltsabfälle zu entwenden (vgl. S.557 f.).15

Müll, insbesondere giftiger Müll, nimmt überhand, und es fließt eine Menge Geld, um ihn so bequem und so weit weg wie möglich verschwinden zu lassen. Ein Entwicklungsland „will take a fee amounting to four times its gross national product to accept a shipment of toxic waste” (S. 278) und ein Freund von Manx ist gegen Bezahlung bereit, sein Auto mit Abfall zu füllen und diesen illegal in der Bronx zu entsorgen (vgl. S. 361 f.). Während die Armen den Abfall der Wohlstandsgesellschaft gegen Geld auf sich nehmen, sind die Wohlhabenden bereit, für bestimmten Abfall eine Menge zu zahlen. So kann man in einer Straße in San Francisco, die „The Float“ genannt wird, neben dem tiefgefrorenen Müll von Filmstars (Vgl. S. 319) und weiteren kuriosen Überresten Baseballmemorabilien kaufen, bei denen es sich oft um alte vergilbte Papierstücke wie Eintrittskarten handelt (vgl. S. 321 f.). Memorabilien gehören zu den wiederkehrenden Motiven in Underworld. Das wichtigste Beispiel hierfür ist der Baseball, den Bobby Thompson beim Spiel der Giants gegen die Dodgers 1951 in die Zuschauerränge schlägt und den Nick später für 34.500 Dollar kauft, den man aber auch wie Kavadlo als „piece of expensive, exquisite junk“16 bezeichnen könnte. Der Ball ist ein Stück Müll, das zum einen kommerziellen Wert als Überbleibsel eines berühmten Baseballspiels und zum anderen persönlichen Wert erlangt hat, indem seine Besitzer private Erinnerungen damit assoziieren, die nichts mit dem Spiel zu tun haben (vgl. S. 132, S. 191 f; S. 615). Big Sims nennt diese Art von Müll „melancholy junk from yesteryear“ (S. 99). Der leidenschaftliche Baseballsammler Marvin unterscheidet zwischen „major collectors looking for big history“ (S. 174) die sich z. B. für Gegenstände aus dem Nationalsozialismus interessieren, und den Dingen, die er sammelt, und von denen er sagt: „This is history, back-page“ (S. 174). Dies ist die Art Geschichte, die Kunden in Thommys Memorabilienladen treibt, um Müll zu kaufen: „[C]ustomers come here largely for the clutter and the mess. It’s a history they feel they’re part of.“ (S. 322) Es ist „the people’s history“ (S. 60), um die es auch DeLillo in Underworld geht.

Wie Wallace schreibt, dreht sich ein Großteil der Handlung um „the underside of history, the abjected ‚wastes‘ of consumer society.“17 Bei Kavadlo heißt es: „[T]he novel’s explicit subject is waste, literal and figurative“.18 Beide spielen darauf an, dass Abfall im Roman nicht nur in Form unbrauchbarer Objekte, sondern auch im übertragenen Sinne auftaucht. Ein wichtiger Fokus sind beispielsweise aus der Gesellschaft Ausgestoßene, die von dieser wie Abfall behandelt werden. Dass sich aus dem Wort Abfall bzw. Müll noch weitaus mehr Bedeutungen ableiten lassen, ist auf die Vielseitigkeit des englischen Begriffes waste zurückzuführen. In einem der Abschnitte, in denen er als Ich-Erzähler fungiert, denkt Nick selbst über dieses Wort nach: „Waste is an interesting word that you can trace through Old English and Old Norse back to the Latin, finding such derivatives as empty, void, vanish and devastate.“ (S. 120) Das Wort waste existiert im Englischen sowohl als Substantiv als auch als Adjektiv und Verb und umfasst neben Abfall eine Vielzahl an Bedeutungen, von denen einige für die Handlung von Underworld wichtig sind. Es kann sich beispielsweise auf verödete, zerstörte und unbewohnbare Gegenden wie Wüsten und die heruntergekommenen Gebäude in der Bronx beziehen, die zentrale Handlungsorte des Romans darstellen.

Darüber hinaus zieht Kavadlo die Verbindung zur umgangssprachliche Redewendung getting wasted, die sich einerseits im Sinne von sich die Kante geben auf Alkohol und Drogen und andererseits in der Bedeutung jemanden umlegen auf Mord beziehen kann.19 Beide Themen finden sich in Underworld wieder. Nick vermutet über das Verschwinden seines eigenen Vaters: „They took him out to the marshes and wasted him“ (S. 106). Die Morde des Texas Highway Killers werden immer wieder aufgegriffen und dass er selbst George Manza erschießt ist ein Teil seiner Vergangenheit, den Nick zu verbergen versucht. Seine Art, schmerzhafte Erinnerungen zurückzuhalten, vergleicht Osteen mit seiner Arbeit in der Müllverwaltung20 und findet für unangenehme Erinnerungen den passenden Begriff „emotional waste“.21 Es handelt sich bei den Traumata, die verschiedene Figuren des Romans belasten, wie Huang schreibt, um „waste of the symbolic order“.22 Für Kavadlo steht Manza zudem mit der zweiten Bedeutung von getting wasted im Zusammenhang, da er heroinabhängig ist. Drogen spielen im übrigen Roman immer wieder eine Rolle. Als Beispiel seien hier die Abhängigen erwähnt, um die sich Schwester Edgar und Schwester Grace in der Bronx kümmern. Drogen und Müll liegen zudem auf einer weiteren sprachlichen Ebene nah beieinander: Gerüchte, dass das Geisterschiff Heroin geladen haben könnte, entstehen aus einem „mixup over a word“ (S. 329). Das Schiff transportierte „treated human waste“ (S. 330), es handelte es sich mit anderen Worten um „a boatload of shit“ (S. 330), gleichzeitig eine der vielen Bezeichnungen für Heroin.

2.2 Die Kehrseite der Konsumkultur

Weitere Übersetzungsmöglichkeiten für den englischen Begriff waste lauten verschwenden bzw. Verschwendung, was in engem Zusammenhang mit dem übermäßigen Konsum steht, dem der Abfall im Roman als Kehrseite gegenübergestellt wird. Die Wichtigkeit des Konsums ist fest in der amerikanischen Ideologie des Kalten Krieges verankert. Dini zufolge wurde Konsumismus mit Patriotismus gleichgesetzt.23 Der Kalte Krieg sei durch die Steigerung des Konsums mitfinanziert worden.24 Wallace, die in ihrem Aufsatz vor allem die Darstellung der 1950er und 1990er in Underworld betrachtet, sieht Kommodifizierung und Konsum als integrale Bestandteile der Geschichte der 1950er und insbesondere deren Selbstdarstellung an.25 Die Konsumkultur dieser Ära wird besonders in zwei Szenen in Underworld zur Schau gestellt. Die erste ist der Prolog, in dem ein Zuschauer Seite für Seite voller Werbeanzeigen aus einem Magazin reißt und auf die unteren Ränge fallen lässt:

Baby food, instant coffee, encyclopedias and cars, waffle irons and shampoos and blended whiskeys. […] And the resplendent products, how the dazzle of a Packard car is repeated in the feature story about the art treasures of the Prado. It is all part of the same thing. Rubens and Titian and Playtex and Motorola. […] In a country that’s in a hurry to make the future, the names attached to the products are an enduring reassurance. Johnson & Johnson and Quaker State and RCA Victor and Burlington Mills and Bristol-Myers and General Motors. These are the venerated emblems of the burgeoning economy, easier to identify than the names of battlefields or dead presidents. (S. 39)

Der Ausschnitt zeigt die tiefe Verankerung von Marken, Konsum und Werbung in der amerikanischen Kultur. Sowie der Zuschauer, der die Seiten wirft, sich dadurch mit den anderen Zuschauern verbunden fühlt, verbinden die Produkte und ihre Namen die Nation und gehen in ihre Geschichte ein. Sie warden, wie Wallace schreibt, „the common language, the shared history, and the shared national identity of the crowd.”26

Identifikation mit Produkten und deren Namen spielt auch in der zweiten Szene, einem Fragment aus Teil 5, das die Überschrift „October 8, 1957“ trägt und bereits zuvor in The New Yorker unter dem Titel „Sputnik“ veröffentlicht wurde,27 eine entscheidende Rolle. Das Fragment porträtiert den Alltag der Demings, dem Klischee einer amerikanischen Vorstadtfamilie in den 1950ern. Sie leben in einer Gegend, in der alles neu ist, in einem neuen Haus, gefüllt mit neuen Produkten. Wallace vergleicht das Fragment über die Demings passenderweise mit einer Werbepause innerhalb des Romans, da es eine Fülle von Markennamen und werbeartigen Farbbeschreibungen der aufgezählten Objekte enthält:28 Mutter Erika ist im Haus mit den „mikado yellow walls with patina green fleecing“ (S. 518) damit beschäftigt, Speisen mit Jell-O zubereiten, die den „two-tone Kelvinator“ (S. 514) in „cameo-rose and pearly dawn“ (S. 518) füllen. Wenn Sohn Eric diesen öffnet, präsentieren sich die in glänzende Folie verpackten und mit bunten Logos bedruckten Produkte als „a world unspoiled and ever renewable“ (S. 518). Insbesondere für Erika sind all die neuen Objekte und ihre Bezeichnungen enorm wichtig, da sie ihr eine Identifikationsmöglichkeit geben: „All the things around her were important. Things and words. Words to believe in and live by.” (S. 520) Wallace zufolge zeigt das „Sputnik“-Fragment, wie die Warenkultur in den Narrativen über den Reichtum der 1950er Jahre zum Sinnbild für die amerikanische Kultur wird.29

Eric erinnert sich später gegenüber Matt: „The placid nineteen-fifties. […] It was all kitchens and cars and TV sets.“ (S. 410) Matt hingegen, der in der Bronx aufgewachsen ist, hat andere Erinnerungen an die 1950er und erklärt Eric: „I was somewhere else.“ (S. 410) Wie Wallace schreibt, hält Underworld genau dieses „somewhere else“ fest.30 Dem Roman geht es nicht darum, die offizielle Nachkriegsgeschichte des Wohlstands und seiner glänzenden Warenwelt zu bestätigen. DeLillo bemüht sich vielmehr, deren Schattenseite aufzuzeigen. Das Fragment über die Familie Deming ist die einzige Stelle im Buch, die die 1950er so zeigt, wie sie später in Erinnerung gehalten werden. Es ist als Parodie oder Satire auf das offizielle Narrativ der 1950er Jahre und die damit verbundene Nostalgie zu verstehen.31 Zudem wird die dunkle Seite der 1950er auch in der Beschreibung des Deming-Haushalts auf mehrere Arten sichtbar. Erstens bereitet der russische Satellit Erika Unbehagen. Zweitens werden die scheinbar harmlosen Gegenstände vielfach aufgrund ihrer Namen, Formen oder Farben mit Waffen in Verbindung gebracht,32 was einen Hinweis auf die Verbindung von Konsumkultur und Militärapparat gibt. Drittens sind zwischen den Absätzen Warnhinweise eingestreut, wie sie auf diversen Verpackungen z. B. von Reinigungsmitteln oder auf Sprühdosen zu finden sind.33

Der übrige Roman weist durchgehend auf die Schattenseite der Warenideologie der 1950er hin, nämlich auf die meterhohen Müllberge, die der Geltungskonsum der Nachkriegszeit verursacht.34 Nick und seine Frau können nicht umhin, in allen Produkten bereits deren Kehrseite zu sehen: „Marian and I saw products as garbage, even when they sat gleaming on store shelves, yet unbought.” (S. 121) So wie die mit Werbeanzeigen bedruckten Magazinseiten als Abfallregen zu Boden fallen, werden auch die Dinge, die sie anpreisen, sich eines Tages auf den Müllkippen und Schrottplätzen der Nation häufen. Keskinen bezeichnet Müllabladeplätze treffend als Archive, deren Müllschichten die Spuren des Konsumentenlebens bewahren.35 Für Wolf sind Müllhalden ebenfalls Archive bzw. Gedächtnisse der Zivilisation.36 Im Roman selbst hat der Müllexperte Jesse Detwiler den Zusammenhang zwischen der amerikanischen Kultur, dem Massenkonsum und den daraus entstehenden Abfallbergen bereits begriffen und nimmt seine Studenten mit auf „garbage dumps and make[s] them understand the civilization they live in. Consume or die. That’s the mandate of the culture.“ (S. 287)

2.3 Müllmonumente und Ruinen der Gesellschaft

Ähnliche Erkenntnisse kommen Nicks Kollegen Brian, als er die Mülldeponie Fresh Kills auf Staten Island und die Türme des World Trade Centers in deren Hintergrund erblickt. Er spürt „a poetic balance between that idea and this one” (S. 184), da alle Waren sowie die für ihren Transport benötigte Infrastruktur eines Tages als Abfall enden werden. Er fühlt sich erleuchtet, da ihm die Wichtigkeit seiner Branche bewusst wird. Es ist „this delicate effort to fit maximum waste into diminishing space” (S. 184), der garantiert, dass die Bevölkerung weiterhin eifrig konsumieren und die Wirtschaft ankurbeln kann.37 Während unablässig mehr Müll in Fresh Kills aufgehäuft wird, stellt Brian sich vor, „he was watching the construction of the Great Pyramid at Giza – only this was twenty-five times bigger” (S. 184). Dies entspricht tatsächlich der Größe, die Fresh Kills, eine der größten Mülldeponien der Welt, Rathje zufolge bis zu ihrer Schließung erreichen sollte.38 Laut Humes ist Fresh Kills neben der Chinesischen Mauer das einzige menschengemachte Bauwerk, das ohne Vergrößerung aus dem Weltall sichtbar ist.39 Trotz ihres gigantischen Ausmaßes erscheint die Müllkippe Brian als Geheimnis und er fühlt sich als Eingeweihter. Dini sieht Brians angebliche Erleuchtung als falsch an, da ihm nicht bewusst ist, dass das größter Geheimnis von Fresh Kills ist, dass der dort aufgehäufte Müll alle Menschen, die ihn verursacht haben, überdauern wird.40 Die Mülldeponie ist ein riesiges stinkendes Monument, das die Konsumkultur der Nachwelt hinterlässt. Statt einbalsamierten Pharaonen werden zukünftige Archäologen dort Fastfoodverpackungen, Zeitungspapier und Kondome finden (vgl. S. 185).

Wie Dini schreibt, sind Müllkippen Artefakte.41 Sie werden von Menschen geplant, gebaut und gefüllt. Nicks Kollege Sims z. B. designet „landfills that were prettier than pastel malls“ (S. 92). „We built pyramids of waste above and below the earth” (S. 106), reflektiert Nick seine Arbeit. Mülltheoretiker Detwiler sieht voraus, dass die menschengemachten Mülllagerungsstätten eines Tages ebensolche Touristenattraktionen wie die Pyramiden von Gizeh sein werden:

The more toxic the waste, the greater the effort and expense a tourist will be willing to tolerate in order to visit the site. […] Design gorgeous buildings to recycle waste and invite people to collect their own garbage and bring it with them to the press rams and conveyors. Get to know your garbage. And the hot stuff, the chemical waste, the nuclear waste, this becomes a remote landscape of nostalgia. Bus tours and postcards, I guarantee it. (S. 286)

Ein Teil dieser Fantasien ist im Epilog bereits umgesetzt. Nick beschreibt das Recycling-Zentrum als einen Ort, der Kinder begeistert, wenn sie ihn mit ihren Eltern oder Lehrern besichtigen. Seiner Meinung nach fühlen sich auch die Erwachsenen nach einem Besuch dort besser, wenn sie gesehen haben, wie all ihr Abfall ordentlich aufbereitet wurde (vgl. S. 809 f.).

Reisebusse voller Touristen tauchen in Underworld jedoch zunächst an anderer Stelle auf: Während einer ihrer Versorgungstouren bei den Ärmsten der Bronx begegnet den beiden Nonnen Schwester Edgar und Schwester Grace ein Bus mit der Aufschrift „ South Bronx Surreal “ (S. 247; Hervorhebung im Original), aus dem mit Kameras bewaffnete europäische Touristen auf den Bürgersteig vor die verfallenen Gebäude treten und die dort lebenden Menschen in ihrem Alltag betrachten. Während Grace sich darüber empört, glaubt Edgar, die Bronx-Touristen zu verstehen: „You travel somewhere not for the museums and sunsets but for ruins, bombed-out terrain, for the moss-grown memory of torture and war.” (S. 248) Es sind die Überreste von Katastrophen und Leid, an denen die Touristen interessiert sind. Heise vermutet, dass keine andere urbane Region Amerikas durch die unausgeglichene Entwicklung in der Nachkriegszeit so sehr heruntergekommen ist wie die Bronx.42 Die South Bronx zeichnen sich zum Ende des Kalten Krieges hin durch „lost streets, a squander of burnt-out buildings“ (S. 238), „hillocks of slashed tires laced with thriving vine“ (S. 239), “demolished buildings” (S. 239) und “boarded shops and closed factories” (S. 247) aus. Weite Teile des Romans spielen in der Bronx und zeigen, wie sich der Bezirk seit Nicks und Matts Kindheit in den 1950ern verändert und nach dem Kalten Krieg als „ruins of the postwar urban underworld, the wreckage of an older Fordist economy – the rapid obsolescence of forms of human labor and production now piled up as debris from the storms of history and progress“43 zurückbleibt.

Die Gegend, in der sich die Nonnen um Bedürftige kümmern, wird „The Wall“ genannt und als „tuck of land adrift from the social order“ (S. 239) beschrieben. Für Huang stellt sie das Sinnbild der urbanen Ruine dar.44 Hier leben Heroinabhängige, Bettler, Prostituierte und Jugendliche ohne Eltern, „a society of indigents subsisting without heat, lights or water“ (S. 242). Viele von ihnen leiden an Infektionskrankheiten wie AIDS. Überall liegt Müll herum, dessen Lagerung anders als auf Fresh Kills nicht von Computern geplant und genauestens überwacht wird. Dennoch lässt sich auch an den Müllschichten, die sich in den verlassenen Hinterhöfe der Bronx stapeln, die Geschichte des Stadtteils ablesen: „a landscape of vacant lots, filled with years of stratified deposits – the age of house garbage, the age of construction debris and vandalized car bodies, the age of moldering mobster parts.“ (S. 238) Zeigt die Mülldeponie auf Staten Island die Geschichte der Konsumkultur und des Überflusses, lässt sich aus den Müllanhäufungen in der Bronx die Geschichte des Zerfalls eines Stadtteils herauslesen. Für McGowan wird die South Bronx zu einer Touristenattraktion, weil sie selbst den Status eines Abfallobjekts eingenommen hat, da die kapitalistische Wirtschaft die Region hat verarmen lassen.45

[...]


1 Benjamin, W.: Das Passagen-Werk. S. 575 f.

2 DeLillo, D.: Underworld. S. 791. Im Folgenden werden Zitate aus diesem Werk durch im Text in Klammern angegebene Seitenzahlen gekennzeichnet.

3 Vgl. Beck, J.: Dirty Wars. S. 235; S. 249; Beier, C.: Postmoderner Realismus. S. 224; Gauthier, M.: Amnesia and Redress in Contemporary American Fiction. S. 42; Wolf, P.: Baseball, Garbage and the Bomb. S. 84.

4 Vgl. Duvall, J. N.: Excavating the Underworld of Race and Waste in Cold War History. S. 260.

5 Vgl. Rathje, W.: Rubbish! S. 14; Beck, J.: Dirty Wars. S. 234; Dini, R.: Consumerism, Waste, and Re-Use in Twentieth-Century Fiction. S. 146; Humes, E.: Garbology. S. 168.

6 Vgl. Beck, J.: Dirty Wars. S. 234.

7 Dini, R.: Consumerism, Waste, and Re-Use in Twentieth-Century Fiction. S. 146.

8 Vgl. Gauthier, M.: Amnesia and Redress in Contemporary American Fiction. S. 42.

9 Isaacson, J.: Postmodern Wastelands. S. 40.

10 Vgl. Thums, B.: Im Zweifel für die Reste. S. 547; Benjamin, W.: Das Passagen-Werk. S. 574.

11 Vgl. Duvall, J. N.: Don DeLillo’s Underworld. S. 66.

12 Vgl. Huang, H.: Toward a psychoanalytic Ethics of Waste. S. 120; Isaacson, J.: Postmodern Wastelands. S. 33; Kavadlo, J.: Recycling Authority. S. 387.

13 Dini, R.: Consumerism, Waste, and Re-Use in Twentieth-Century Fiction. S. 165.

14 Huang, H.: Toward a psychoanalytic Ethics of Waste. S. 111.

15 Sowohl die Gerüchte um das Müllschiff als auch die Ermittlungsmethode des FBI und die Idee einer „garbage guerilla“ beruhen auf wahren Begebenheiten. Vgl. Wilcox, L.: Don DeLillo’s Underworld and the Return of the Real. S. 124; Rathje, W.: Rubbish! S. 17–19.

16 Kavadlo, J.: Recycling Authority. S. 389.

17 Wallace, M.: “Venerated Emblems”. S. 369.

18 Kavadlo, J.: Recycling Authority. S. 387.

19 Vgl. Ebd.

20 Vgl. Osteen, M.: American Magic and Dread. S. 226.

21 Ebd. S. 227.

22 Huang, H.: Toward a psychoanalytic Ethics of Waste. S. 112.

23 Vgl. Dini, R.: Consumerism, Waste, and Re-Use in Twentieth-Century Fiction. S. 152.

24 Vgl. Ebd. S. 153.

25 Vgl. Wallace, M.: „Venerated Emblems”. S. 368.

26 Ebd. S. 367.

27 Vgl. Ebd. S. 369.

28 Vgl. Ebd. S. 370.

29 Vgl. Ebd.

30 Vgl. Ebd. S. 375.

31 Vgl. Ebd. S. 372; Heise, T.: Urban Underworlds. S. 246.

32 Vgl. Wallace, M.: “Venerated Emblems”. S. 374.

33 Vgl. Dini, R.: Consumerism, Waste, and Re-Use in Twentieth-Century Fiction. S. 167.

34 Vgl. Gauthier, M.: Amnesia and Redress in Contemporary American Fiction. S. 59; McMinn, R.: Sin and Atonement. S. 45.

35 Vgl. Keskinen, M.: To What Purpose is This Waste? S. 70.

36 Vgl. Wolf, P.: Baseball, Garbage and the Bomb. S. 77.

37 Vgl. Dini, R.: Consumerism, Waste, and Re-Use in Twentieth Century Fiction. S. 162.

38 Vgl. Rathje, W.: Rubbish! S. 4.

39 Vgl. Humes, E.: Garbology. S. 13.

40 Vgl. Dini, R.: Consumerism, Waste, and Re-Use in Twentieth Century Fiction. S. 164.

41 Vgl. Ebd. S. 161.

42 Vgl. Heise, T.: Urban Underworlds. S. 239.

43 Ebd. S. 240f.

44 Vgl. Huang, H.: Toward a psychoanalytic Ethics of Waste. S. 121.

45 Vgl.: McGowan, T.: The Obsolescence of Mystery and the Accumulation of Waste. S. 138.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
"Underworld" von Don DeLillo und die Betrachtung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anhand von Resten
Untertitel
Den Abfall der Geschichte ausgraben
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Epistemologien des Restes
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
25
Katalognummer
V509283
ISBN (eBook)
9783346077714
ISBN (Buch)
9783346077721
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Don DeLillo, Underworld, USA, Geschichte, Kalter Krieg, Müll, Reste, Abfall, Walter Benjamin, Montage
Arbeit zitieren
Anne Zeiß (Autor), 2019, "Underworld" von Don DeLillo und die Betrachtung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anhand von Resten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509283

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