Gesundheitsberichterstattung als Grundlage der Gesundheitsplanung

Die Darstellung von Kindergesundheit und sozialer Lage


Hausarbeit, 2019
47 Seiten, Note: 2,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 (Lokale) Gesundheitsplanung

3 Soziale Lage und Gesundheit
3.1 Indikatoren für soziale Lage
3.1.1 Einkommen der Eltern
3.1.2 Transferbezug der Eltern
3.1.3 Bildung der Eltern
3.1.4 Herkunft der Kinder
3.1.5 Sozialprofil der Kommune
3.2 Sozialindizes der Gesundheitsministerien
3.3 Soziale Ungleichheit

4 Sozialberichterstattung
4.1 Kommunale Gesundheitsberichterstattung
4.2 Kindergesundheitsberichte allgemein
4.3 Qualitätskriterien

5 Kindergesundheitsberichte
5.1 Exemplarische Beispiele
5.1.1 Kindergesundheitsbericht Oberhausen (2011)
5.1.2 Kindergesundheitsbericht Braunschweig (2006)
5.1.3 Kindergesundheitsbericht Landkreis Leer (2010)
5.2 Analyse im Hinblick auf die Indikatoren
5.2.1 Einkommen der Eltern
5.2.2 Transferbezug der Eltern
5.2.3 Bildung der Eltern
5.2.4 Herkunft der Kinder
5.2.5 Sozialprofil der Kommune
5.2.6 Allgemein
5.3 Eigene Bewertung

6 Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 : Regelkreis "Gesundheit in der Kommune"

Abbildung 2: Soziale Ungleichheit und gesundheitliche Ungleichheit

1 Einleitung

„[Die] Gesundheit von Kindern hängt stark vom sozialen Status der Eltern ab.“ (Sozial­verband VdK Deutschland e.V. 2018)

Doch inwiefern spiegelt sich der Zusammenhang der sozialen Lage und Gesundheit von Kindern in Kindergesundheitsberichten wieder? Über welche Indikatoren kann überhaupt auf die soziale Lage von Kindern geschlossen werden? Sind diese Sozialindikatoren mit einer Verbindung zur Kindergesundheit in den Berichten wiederzufinden und lassen sich Verknüpfungen zwischen den Ergebnissen herstellen?

Diese Hausarbeit geht der Frage „Inwieweit ist ein Zusammenhang zwischen Kinderge­sundheit und sozialer Lage in Kindergesundheitsberichten wiederzufmden? “ nach.

Als Erstes wird die lokale Gesundheitsplanung als umfassender Rahmen der Gesundheits­berichte und somit auch Kindergesundheitsberichte erläutert.

Anschließend folgt das Kapitel über die soziale Lage. Es wird mithilfe des aktuellen Li­teraturstandes ein Katalog von Indikatoren erstellt, der hinsichtlich der sozialen Lage und Gesundheit von Kindern relevant ist. Die ausgewählten Sozialindikatoren werden dann mit den Sozialindizes der Gesundheitsministerien Niedersachsen und Nordrhein-Westfa­len abgeglichen. Zum Abschluss des Kapitels werden die soziale und gesundheitliche Ungleichheit, besonders bei Kindern, dargestellt.

Das vierte Kapitel befasst sich mit der Sozial- und Gesundheitsberichterstattung. Es wird beschrieben, was Gesundheitsberichte und insbesondere Kindergesundheitsberichte aus­zeichnen. Außerdem werden die verschiedenen Qualitätskriterien, anhand derer die Qua­lität solcher Berichte gemessen werden kann, dargelegt.

Anschließend werden im zentralen Kapitel dieser Arbeit drei ausgewählte Kindergesund­heitsberichte aus Oberhausen, Braunschweig und dem Landkreis Leer hinsichtlich ihrer wichtigsten Aspekte beschrieben und zusammengefasst. Darauffolgend findet ein aus­führlicher Vergleich aller Berichte im Hinblick des vorab erstellten Indikatorenkataloges statt. Der Fokus wird dabei stets auf die Frage nach dem Wiederfinden des Zusammen­hangs von Kindergesundheit und sozialer Lage gerichtet.

Nach einer kurzen eigenen Bewertung darüber, was aus dem Vergleich gelernt werden konnte, schließt sich das Fazit der Arbeit an. Das Fazit soll am Ende der Arbeit eine Be­antwortung der eingangs gestellten Fragestellung ermöglichen.

2 (Lokale) Gesundheitsplanung

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein sozialer Rechtsstaat. Dieses Sozialstaatsprinzip ist in Artikel 20 des Grundgesetzes verankert. Es umfasst das Bestreben für eine soziale Ordnung und soziale Sicherheit aller Bürgerinnen zu sorgen. Aus der sozialen Sicherung als Teil der Daseinsvorsorge lassen sich die Gesundheitsvorsorge und Gesundheitssiche­rung als Teilziele ableiten. Dabei soll es allen Personen gleichermaßen möglich sein über einen Zugang zum Gesundheitswesen zu verfügen (vgl. Weth 2013: 87). Aus der soge­nannten „Gesundheit für alle“ heraus orientierte sich das Verständnis von Gesundheit und dessen Förderung neu (vgl. Weth 2013: 88). Der Bund, die Länder und die Kommunen sind demnach verpflichtet benachteiligten Menschen, wie zum Beispiel Erkrankten, Be­hinderten oder alten Menschen eine gesundheitliche Versorgung zu gewährleisten. Sämt­liche Probleme bezüglich mangelnder Verzahnung von Institutionen und neuen Sichtwei­sen in Bezug auf eine gemeindeorientierte Gesundheitsversorgung führten dazu, dass die Bundesländer in den 90er Jahren neue Landesgesundheitsgesetze veranlassten. Die neue Gesetzgebung sollte vordergründig vor allem die Gesundheitsplanung unterstützen (vgl. Weth 2013: 87).

Alle aufgezählten Meilensteine bilden die Grundlage für eine lokale Gesundheitsplanung. Dabei liegt es in der eigenen Entscheidung der Kommunen, wie sie diese ausgestalten. Die Kommunen können in eigener Verantwortung darüber entscheiden, ob sie die Auf­gabe der Gesundheitsplanung komplett selbst in die Hand nehmen und mit welcher Ge­wichtung und in welcher Qualität sie diese durchführen. Oft lassen sich deshalb unter­schiedliche Entwicklungen der lokalen Gesundheitsplanung in den Kreisen und Städten erkennen (vgl. Weth 2013: 88). Die Hauptaufgabe der Gesundheitsplanung ist es, praxis­relevante und handlungsorientierte Konzepte zu entwickeln und zu koordinieren (vgl. Rapp 2009: 3).

Im weiteren Verlauf wird sich grundsätzlich auf die kommunale Gesundheitsplanung fo­kussiert, da sich diese Hausarbeit ausschließlich auf Gesundheitsberichte von Kommunen beziehen wird.

In den letzten Jahrzehnten haben sich die Situationen und Lebensräume der Menschen stark verändert. Unter anderem haben sich eine neue Armut, die mit einer gesunkenen sozialen Teilhabe und geringeren Ansprüchen auf Sozialleistungen einhergeht und eine zunehmende Zahl an alter- und pflegebedürftigen Menschen entwickelt (vgl. Weth 2013: 88,89). Ebenfalls stellen die demografische Entwicklung und die größer werdende Kluft zwischen verschiedenen Gruppen der Gesellschaft das Gesundheitswesen und dessen Pla­nung und Umsetzung vor neue Herausforderungen. Auf die neuen Entwicklungen der Gesellschaft und somit der Kommunen in Richtung einer Spaltung von „guten“ und „be­lasteten“ Teilen wurde mit planerischen Maßnahmen für Stadtteile mit einem besonderen Entwicklungsbedarf, beispielsweise mit dem Projekt „Soziale Stadt“, reagiert. Auf der kommunalen Ebene bedeutete dies eine Neuorientierung und Weiterentwicklung sowohl des öffentlichen Gesundheitsdienstes als auch der kommunalen Gesundheitspolitik. Die Gesundheit sollte stärker als bisher in den Fokus gerückt werden. Eine kommunale Ge­sundheitsplanung gilt nur dann als erfolgreich, wenn ein gemeinsamer und übergreifender Abstimmungsprozess inklusive Koordinierung zwischen allen Verantwortlichen erfolgt (vgl. Weth 2013: 98).

Die lokale Gesundheitsplanung basiert auf dem Prinzip der kommunalen Gesundheitsför­derung (vgl. Weth 2013: 90). Die zentrale Bedeutsamkeit und Bedeutung der Gesund­heitsförderung und der Vernetzung von Maßnahmen, welche bedarfsgerechte Angebote der gesundheitlichen Versorgung liefern werden von Rapp herausgestellt (vgl. Rapp 2009: 3). Die Gesundheitsförderung stellt alle Aktivitäten und Maßnahmen dar, „mit de­nen eine Stärkung der Gesundheitsressourcen- und potentiale der Menschen erreicht wer­den soll“ (Weth 2013: 90). Sie möchte die Gesundheit stärken, indem Bürgerinnen an der Gestaltung ihrer Gesundheitsbedingungen und sozialer Netzwerke aktiv beteiligt sind und Einfluss nehmen. Dafür werden neben dem Verhalten des Einzelnen auch die sozialen und ökologischen Umweltbedingungen in den Blick genommen (vgl. Weth 2013: 90,91). Gesundheitsförderung liegt sowohl im interesse der Kommunen als auch in der Verant­wortung von unterschiedlichen Leistungsträgern wie den Rehabilitationsträgern oder den gesetzlichen Krankenkassen. Das leitende Ziel der Gesundheitsförderung ist es, wesent­liche und nachhaltige gesundheitliche Entwicklungen in der Kommune zu fördern und zu gewährleisten. Diese Entwicklungen sollten stets im Gesamtinteresse der Kommunen lie­gen. Es besteht somit eine Gemeinwohlverpflichtung der Kommunen, die auf die Ge­samtbevölkerung und nicht nur auf bestimmte Zielgruppen ausgerichtet ist (vgl. Weth 2013: 91). Eine gesundheitliche Chancengerechtigkeit für alle Bürgerinnen soll bei der Gesundheitsförderung stets angestrebt werden (vgl. Weth 2013: 92).

Die Gesundheitsförderung agiert in verschiedenen Handlungsfeldern. Besondere Hand­lungsfelder sind beispielsweise die Förderung der Kinder- und Jugendgesundheit oder das Feld der Migration und Gesundheit. Ein Handlungsfeld, das im späteren Verlauf dieser Arbeit relevant wird, ist das Feld der Armut und der sozialen Lage. Durch den Wandel innerhalb der Gesellschaft werden große soziale Probleme hervorgerufen, welche die Menschen immer häufiger an den Rand des Existenzminimums bringen und ihre sozialen Kompetenzen beeinträchtigen. Weth behauptet, dass diese Benachteiligungen schnell zu gesundheitlichen Einschränkungen führen können. Die Kommunen müssten demnach mit Infrastrukturanpassungen und gezielten gesundheitssichernden Maßnahmen reagieren. Es existieren drei unterschiedliche Ansätze, um kommunale Handlungsfelder strukturiert und systematisch festzulegen: die Orientierung an Zielgruppen, an Themen oder am Set­ting (vgl. Weth 2013: 93,94).

Die kommunale Gesundheitsförderung setzt sich zusammen aus der Gesundheitsplanung, der damit verknüpften Durchführung praktischer Maßnahmen und schließlich der Ge­sundheitsberichterstattung (vgl. Weth 2013: 94). Somit lässt sich sagen, dass die Gesund­heitsplanung auf Grundlage der Gesundheitsberichterstattung, geleitet von bestimmten Prioritäten und Zielen, stattfinden soll (vgl. Weth 2013: 97,98). Sie entwickelt auf Grund­lage der Gesundheitsberichte bestimmte Zielvorstellungen für eine angemessene Versor­gung der Bürgerinnen mit Gesundheitsangeboten, sodass die Lebensqualität der Bevöl­kerung verbessert wird (vgl. Rapp 2009: 4). Die Berichterstattung sollte dabei nicht aus­schließlich als Instrument, sondern ebenfalls als Prozess der Entwicklung des Gesund­heitswesens beziehungsweise als Schritt im sogenannten Regelkreis (siehe Abbildung 1) betrachtet werden (vgl. Weth 2013: 97,98).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Regelkreis "Gesundheit in der Kommune"

Diese Hausarbeit und speziell das Kapitel 4.1 wird sich näher mit dem Thema Gesund­heitsberichterstattung befassen. Nun folgt zunächst die ausführliche Darstellung von Ge­sundheit und sozialer Lage.

3 Soziale Lage und Gesundheit

Die Gesundheitsplanung hat grundsätzlich alle Aspekte hinsichtlich der sozialen Lage der Bevölkerung miteinzubeziehen. Somit wird sich dieses Kapitel auf den bisherigen For­schungsstand in der Literatur beziehen, der die Aspekte der sozialen Lage und Gesundheit und den vermutlichen Zusammenhang beider Dimensionen abbildet.

Deutschland gehört zu den Ländern der Welt, die über umfassende sozialstaatliche Siche­rungssysteme verfügen. Dennoch sind sowohl bedeutsame Ungleichverteilungen der Le­bensbedingungen als auch der sozialen Teilhabechancen in Deutschland von Präsenz. So­ziale Ungleichheiten spiegeln sich zum Beispiel durch eine steigende Armutsbetroffen­heit in bestimmten Bevölkerungsgruppen, einem Anstieg der Zahl älterer Menschen mit ungenügender Vorsorge und dem Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungs­oder Erwerbschancen wieder (vgl. Lampert 2016: 168). Der Aspekt der sozialen Un­gleichheit wird in Kapitel 3.3 behandelt.

Bevor auf den vermutlichen Zusammenhang von sozialer Lage und Gesundheit einge­gangen wird, ist eine Definition und Erläuterung der Begriffe „Gesundheit“ und „Soziale Lage“ notwendig.

Zunächst kann die Gesundheit „als körperliches, psychisches und soziales Wohlbefinden [...], das durch individuelle, soziale und gesellschaftliche Hintergründe beeinflusst wird“ (Weth 2013: 90) definiert werden. Die WHO1 stellte im Jahr 1946 einen multidimensio­nalen Gesundheitsbegriff auf, welcher sowohl die körperlichen als auch die psychischen und sozialen Komponenten eines Individuums umfasst. Die Organisation beschreibt Ge­sundheit demnach nicht nur als Abwesenheit von Krankheit, sondern als etwas Positives. Die Vorstellung von Gesundheit als ein zu erreichender Zustand und eine Art Idealvor­stellung, deren Umsetzungsmöglichkeiten unklar bleibt, wird aufgezeigt. Dieser Gesund­heitsbegriff unterzog sich mit der Zeit einem Wandel und wurde im Jahr 1986 von der WHO in der Ottawa-Charta der Gesundheitsförderung neu definiert. Die eher statische Definition wurde zu einem prozess- und ressourcenorientierten Begriff weiterentwickelt, sodass die Gesundheit eines Menschen als ein Mittel des Lebens und eine bei jeder Person unterschiedlich ausgeprägte Ressource galt (vgl. Rapp 2009: 4). Aufbauend auf dem neuen Gesundheitsbegriff werden viele Konzeptionen von gesundheitsbezogenen Projek- ten und Programmen durchgeführt (vgl. Lobnig et al. 1999. In: Rapp 2009: 4). Hervorzu­heben ist, dass die Gesellschaft stets eine gewisse und beachtliche Verantwortung für die Gesundheit der Bevölkerung trägt (vgl. Weth 2013: 90). Die Frage nach Gesundheit steht heutzutage im Mittelpunkt der Gesellschaft. Die Bevölkerung hegt den Wunsch nach ei­nem möglichst langen und beschwerdefreien Leben (vgl. Boeckh 2013: 213). Obendrein „verknüpft sich damit das Leitmotiv vom in allen Lebensphasen aktiven, dynamischen und gesunden Menschen“ (Boeckh 2013: 213). Die Gesundheit wird demnach vom Men­schen als wichtigstes soziales Gut angesehen. Zugleich ist sie die Grundlage und der Zu­gang für eine Integration in die Gesellschaft, individuelle Selbstentfaltung und soziales Wohlergehen (vgl. Boeckh 2013: 213).

Denkt man an den Begriff der sozialen Lage, so kommen einem oft die Klassen- und Schichtbegriffe der Gesellschaft in den Sinn, die jeder Person eine bestimmte Position zuschreiben. Die soziale Lage geht jedoch über diese Annahme hinaus. Sie bezieht jegli­che Dimensionen von sozialer Ungleichheit in diese Positionierung mit ein. Derartige Dimensionen sind beispielsweise Freizeit- oder Umweltbedingungen und Integration (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2012). Der Begriff „sozial“ bedeutet in die­sem Zusammenhang „die Gesellschaft betreffend“. Das heißt, dass soziale Lagen dem Prinzip der Lebenslagen ähneln und somit als Lagenkonzepte eine Grundlage bilden, an­hand derer verschiedene Lebensbedingungen unterschieden werden können. Dieses La­gemodell nimmt die Gesamtbevölkerung auf eine deskriptive Art und Weise in den Blick, konzentriert sich jedoch ausschließlich auf die nach außen sichtbaren Lagen in der Ge­sellschaft (vgl. Mardorf 2006: 71). Mit dem komplexen Konzept der sozialen Lage lassen sich demnach vielzählige Gruppierungen, auch außerhalb des Erwerbslebens, registrie­ren. Sowohl Hausfrauen, Kinder und RentnerInnen als auch beispielsweise Alleinerzie­hende, Facharbeiterinnen oder Studierende lassen sich begreifen (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2012). Soziale Lagen wollen das gesamte Spektrum möglicher Lagen und Sozialstrukturausprägungen der Bevölkerung abbilden. Die Bandbreite und die Un­terschiede zwischen arm und reich, oben und unten sowie privilegiert und benachteiligt werden in den Blick genommen (vgl. Mardorf 2006: 72).

Um nun auf den vermutlichen Zusammenhang von sozialer Lage und Gesundheit zurück­zukommen, lässt sich vor allem ein Punkt deutlich aufführen. Mehrere Studien haben gezeigt, dass Personen mit einem niedrigen Einkommen, einem niedrigem Bildungsni­veau oder einem niedrigem Berufsstatus öfter an Krankheiten oder Beschwerden leiden,

die ihre Gesundheit beeinträchtigen. Diese Personen zeigen häufiger eine schlechtere ge­sundheitsbezogene Lebensqualität. Damit geht einher, dass die Betroffenen über gerin­gere Ressourcen und Kompetenzen verfügen, um jeglichen Belastungen oder Funktions­einschränkungen entgegen zu wirken (vgl. Lampert 2016: 168).

Die nähere Entstehung und die Auswirkungen von sozialer und damit auch gesundheitli­cher Ungleichheit werden in Kapitel 3.3 behandelt. Vorerst wird anhand von typischen Indikatoren für das Konstrukt „soziale Lage“ und dem Sozialindex der Gesundheitsmini­sterien Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen ein Raster erstellt. Mittels dieses Indika­torenrasters können im fünften Kapitel die Kindergesundheitsberichte miteinander ver­glichen werden.

3.1 Indikatoren für soziale Lage

Eine bedeutende Funktion bei der Berichterstattung haben, wie schon genannt, die sozia­len Indikatoren (vgl. Gottschalk/ Weins 2005: 54). Auf jene wird in diesem Kapitel de­taillierter eingegangen sowie eine Festlegung von relevanten Indikatoren in Bezug auf die soziale Lage und gleichzeitig der Gesundheit von Kindern durchgeführt.

Indikatoren im Allgemeinen sind sogenannte Stellvertreter beziehungsweise Anzeiger für bestimmte Sachverhalte (vgl. Burzan 2015: 40). Sozialindikatoren stellen dabei definierte Kennzahlen dar, durch die sich ein soziales Phänomen statistisch abbilden lässt. Sie wer­den somit für nicht direkt messbare soziale Tatbestände konstruiert und wollen soziale Wirklichkeiten empirisch messbar und fassbar machen. Das Ziel ist es hierbei, den be­stimmten Sachverhalt so präzise wie möglich durch die Sozialindikatoren darzustellen und entsprechende Entwicklungen aufzuzeigen (vgl. Gottschalk/ Weins 2005: 54).

Von großer Bedeutung bei der Anwendung von Sozialindikatoren ist es, dass jene gültig und zuverlässig sein müssen. Das heißt, dass die Indikatoren zum einen genau das messen sollten, was sie messen wollen. Zum anderen sollte eine Zuverlässigkeit bestehen, die bedeutet, dass das Messinstrument beziehungsweise die Indikatoren bei wiederholter Messung unter gleichen Bedingungen die gleichen Ergebnisse erbringen (vgl. Gottschalk/ Weins 2005: 54).

Sozialindikatoren haben sich immer auf Individuen und deren Lebensqualität zu beziehen und orientieren sich stets an gesellschaftlichen Zielen (vgl. Joos 2001: 50). Demzufolge sollen nicht die „inputs“ sondern die „outputs“ gesellschaftlicher Prozesse gemessen wer­den (Habich/ Noll 1994. In: Joos 2001: 50). Die sozialen Indikatoren können in objektive und subjektive Indikatoren unterschieden werden. Objektive Indikatoren beziehen sich auf die objektiven Lebensbedingungen. Subjektive Indikatoren hingegen stellen das Wohlbefinden der Individuen dar. Ziel aller Sozialindikatoren ist es, eine soziale Gesamt­rechnung aufzustellen, die über den sozialen Zustand einer Gesellschaft informiert. Die Lebensqualität soll durch sie wissenschaftlich erforschbar gemacht werden. Außerdem soll der Wandel der Gesellschaft oder einzelner Systeme mittels der Indikatoren empi­risch fundierter gekennzeichnet werden (vgl. Joos 2001: 50).

Bei der Entwicklung von Sozialindikatoren ist zu beachten, dass eine begründete Aus­wahl getroffen wird, um den Wandel sowohl der Gesamtgesellschaft als auch einzelner sozialer Bereiche anzeigen zu können. Für die vielen verschiedenen Lebensbereiche, die die Lebensqualität von Individuen beeinflussen, können soziale Indikatoren gebildet wer­den (vgl. Joos 2001: 51). Die Wohlfahrtssurveys2 benennen folgende grundlegende Le­bensbereiche: Wohnen, Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung und Ausbildung, Ge­sundheit, Sozialkontakte, Familie und Haushalt, Freizeit, Öffentliche Angelegenheiten und Politik und Umwelt (Habich 1996. In: Joos 2001: 51).

Um die soziale Lage von Personen veranschaulichen zu können, kann man die Gesell­schaft anhand eines Schichtkonzeptes in untere und obere Schichten unterteilen. Dieses Konzept wird aber aufgrund seines „Oben-Unten-Modells“ stark kritisiert. Nach der Kri­tik stellt es eine lediglich defizitorientierte Perspektive in den Mittelpunkt (vgl. Betz 2008: 123). Neben diesen weit verbreiteten Schichtungsansätzen werden vor allem die Lebenslagentheorien für die Sozialberichterstattung verwendet. Die daraus hervorgehen­den Lebenslagen sind mit den sozialen Lagen gleichzusetzen. „Lebenslagen (werden) im­mer als sozialpolitisch gestaltete bzw. beeinflussbare Lebensverhältnisse verstanden“ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2002. In: Betz 2008: 124). Die Lebenslagen umfassen im Gegensatz zu dem Schichtsystem neben vertikalen auch horizontale Aspekte beziehungsweise Dimensionen sozialer Ungleichverhältnisse (vgl. Betz 2008: 124). Neben der materiellen Dimension ist außerdem im Hinblick auf die In­dikatorenauswahl die immaterielle Dimension wichtig (vgl. Beltz 2008: 125).

Von besonderer Relevanz in Bezug auf die Lebensbedingungen von Kindern ist die Öko­nomie. Dies wird im folgenden Verlauf erneut deutlich. Die Ökonomie gilt als zentrale Stellengröße hinsichtlich der Indikatoren beziehungsweise Sozialindikatoren. Sie hat eine große Wirkung auf die Einstellungen und das Handeln der Kinder. Das bedeutet, dass die subjektiven Wohlbefindensfaktoren, wie Beltz sie nennt, durch die äußeren, objektiven Lebenslagenfaktoren beeinflusst werden (vgl. Beltz 2008: 129).

Häufig verwendete Indikatoren in Bezug auf die Aspekte Gesundheit und soziale Lage sind Bildung, Einkommen, Erwerbsstatus und das Sozialprofil städtischer Räume. Neben diesen Indikatoren werden oft auch Wohnsituation, nationale Herkunft und soziale Schichtzugehörigkeit herangezogen (vgl. Mardorf 2006: 231, 232).

Das Kapitel der Sozialindikatoren und so auch die folgenden vier Unterkapitel beziehen sich ausschließlich auf entsprechende Indikatoren bei Kindern3, da diese später dem Ver­gleich der Kindergesundheitsberichte dienen sollen. Bei Kindern beruht die Zuordnung zu einer sozialen Lage meistens auf den Angaben der Eltern über ihre Ausbildung, beruf­lichen Status oder Einkommen (vgl. Mielck/ Helmert 2016: 504). Der Zugang zu den Sozialindikatoren der Kinder erfolgt somit über die Sozialindikatoren der Eltern.

3.1.1 Einkommen der Eltern

Zentraler Indikator und Hauptdimension, die vor allem die ökonomische Dimension in den Blick nimmt, ist das Haushaltseinkommen (vgl. Beltz 2008: 125). Das Einkommen der Eltern kann infolgedessen als Indikator für die soziale Lage und die Gesundheit von Kindern genutzt werden.

Von Armut betroffene Menschen zeigen ein erhöhtes Risiko für bestimmte Erkrankungen und sind häufiger durch fehlende kompensierende Hilfen in ihrem Alltag eingeschränkt. Das Phänomen Armut spiegelt sich demnach im Gesundheitsverhalten wieder. So ist das Risikoverhalten der Gruppen mit niedrigem Einkommen beispielsweise stärker ausge­prägt und Präventions- oder Gesundheitsförderungsmaßnahmen werden seltener in An­spruch genommen (vgl. Boeckh 2013: 219). Des Weiteren geht Armut mit einer geringe­ren sozialen Unterstützung einher, sodass die Betroffenen belastenden Situationen ohne jegliche Unterstützung von sozialen Netzwerken ausgesetzt sind. Gesundheitliche Prob­leme können hiervon die Folge sein. Der erwiesene Zusammenhang von Armut bezie­hungsweise Einkommen und Gesundheit ist in den letzten Jahren noch deutlicher gewor­den. Die Unterschiede im Gesundheitszustand und -verhalten, die vom Einkommen ab­hängig sind, haben sich vergrößert. Das heißt, die Kluft zwischen den Einkommensgrup­pen ist noch wesentlicher geworden (vgl. Boeckh 2013: 220).

3.1.2 Transferbezug der Eltern

Neben dem Einkommen kann auch der Transferbezug der Eltern als Indikator für die Situation eines Kindes herangezogen werden.

Arbeitslosigkeit sorgt zum einen für ein sehr geringes Einkommen, zum anderen ist sie die Ursache von gesundheitlichen und psychosozialen Belastungen und einer Verminde­rung des Selbstwertgefühls (vgl. Boeckh 2013: 220). Der Bezug von Sozialhilfe ist auch in der Armutsentwicklung immer wieder ein häufig herangezogener Indikator. Die Ver­gangenheit ergab Veränderungen hinsichtlich der Zusammenlegung von Arbeitslosen­geld und Sozialhilfe, sodass der Transferbezug von Personen nur noch einen Ausschnitt der Armutsentwicklung abbildet (vgl. Statistisches Bundesamt 2005). Dennoch stellt der Transferbezug der Eltern einen angemessenen Indikator dar, der auf die soziale Lage des Kindes schließen lässt.

3.1.3 Bildung der Eltern

Ein weiterer wesentlicher Sozialindikator für Kinder ist das Bildungsniveau der Eltern. Es trägt einen entscheidenden Teil zur gesundheitlichen Ungleichheit bei. Bildung ist so­mit eine zentrale Ressource für die Gesundheit eines Menschen. Zum einen ist das Bil­dungsniveau im Hinblick auf den Zugang zu einer erfolgreichen Platzierung am Arbeits­markt wichtig. Zum anderen umfasst das Bildungsniveau Wissen und Handlungskompe­tenzen, die eine gesundheitsförderliche Lebensweise sowie den Umgang mit Erkrankun­gen und Belastungen unterstützen (vgl. Boeckh 2013: 220).

„Eine wichtige Rolle spielen dabei Einstellungen, Überzeugungen und Werthaltungen, die sich bereits früh im Leben unter dem Einfluss der elterlichen Erziehung und der Bil­dungsinstitutionen entwickeln.“ (Lampert et al. 2011: 249. In: Boeckh 2013: 220)

3.1.4 Herkunft der Kinder

Vor dem Hintergrund der stetigen Zuwanderung nach Deutschland ist die Herkunft be­ziehungsweise der Migrationshintergrund der Kinder als nächster Sozialindikator zu nen­nen.

Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind demnach eine stärker zu beach­tende Gruppe, sind häufiger hinsichtlich ihrer sozialen Lage benachteiligt sowie Risiken ausgesetzt. Untermauert werden diese Benachteiligungen durch kulturelle Unterschiede und sprachliche Barrieren der Betroffenen (vgl. Statistisches Bundesamt 2005).

3.1.5 Sozialprofil der Kommune

Als vierter Sozialindikator für die Gruppe „Kinder“ lässt sich das Sozialprofil der Kom­mune, in dem das Kind lebt, aufführen.

Die Kieler Adipositas-Präventionsstudie verdeutlicht die Bedeutsamkeit des Indikators des städtischen Sozialprofils. Durch die Studie wird verdeutlicht, dass der Anteil überge­wichtiger Kinder in den Stadtgebieten mit hoher Verkehrsdichte höher ist als in anderen Stadtteilen. Der Zusammenhang besteht unabhängig vom sozialen Status der Eltern. So­mit spielt nicht nur das individuelle Gesundheitsverhalten der Kinder beziehungsweise der Familie eine wichtige Rolle, sondern auch die Umgebung, in der das Kind aufwächst (vgl. Mielck/ Helmert 2016: 508).

3.2 Sozialindizes der Gesundheitsministerien

Dieses Kapitel befasst sich mit dem Gesundheitsbericht Niedersachsen aus dem Jahr 2002 und dem Gesundheitsbericht Nordrhein-Westfalen, der ebenfalls aus dem Jahr 2002 stammt. Es wurden Berichte aus diesen beiden Bundesländern ausgewählt, um einen Rah­men für die später untersuchten Kindergesundheitsberichte von verschiedenen Kommu­nen zu legen. Bezogen auf die vorab festgelegten und umschriebenen Indikatoren für die soziale Lage und Gesundheit von Kindern wird nachfolgend auf die Sozialindizes beider Gesundheitsberichte mit demselben Fokus eingegangen.

Gesundheitsbericht Niedersachsen

Der Niedersächsische Kinder- und Jugend-Gesundheitsbericht aus dem Jahr 2002 orien­tiert sich mit seiner Struktur an der Gesundheitsberichterstattung. Anhand der Ergebnisse des Berichtes sollen Rückschlüsse und Zusammenhänge hinsichtlich Risikofaktoren und Erkrankungen gezogen werden, sodass gesundheitliche Entwicklungen für die nieder­sächsische Bevölkerung angekurbelt werden können (vgl. Niedersächsisches Ministe­rium für Frauen, Arbeit und Soziales4 2002: 12).

[...]


1 Abkürzung für „World Health Organization/ Weltgesundheitsorganisation“

2 Die Wohlfahrtssurvey ist eine repräsentative Befragung der deutschen Bevölkerung zur Messung der in­dividuellen Wohlfahrt und Lebensqualität

3 Der Begriff „Kinder“ umfasst in dieser Arbeit alle Kinder und Jugendlichen bis zu einem Alter von ein­schließlich 18 Jahren. In den analysierten Kindergesundheitsberichten werden teilweise unterschiedliche Altersgruppen in den Blick genommen.

4 Im Folgenden abgekürzt mit „Nds. Ministerium“

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Gesundheitsberichterstattung als Grundlage der Gesundheitsplanung
Untertitel
Die Darstellung von Kindergesundheit und sozialer Lage
Hochschule
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel  (Soziale Arbeit)
Note
2,0
Jahr
2019
Seiten
47
Katalognummer
V509317
ISBN (eBook)
9783346081827
ISBN (Buch)
9783346081834
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialplanung, Gesundheitsberichterstattung, Gesundheitsplanung, Kindergesundheit, Soziale Lage, Soziale Arbeit, Sozialberichterstattung, Rehabilitation, Prävention
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Gesundheitsberichterstattung als Grundlage der Gesundheitsplanung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509317

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