Platons Dialog "Phaidon". Lernzusammenfassung für das Staatsexamen

Exzerpt zu Torsten Menkhaus' Platon-Kommentar: "Eidos, Psyche und Unsterblichkeit" (2003)


Zusammenfassung, 2014

33 Seiten, Note: 1,2

Alexander Meyer (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Hinführung
Der „Phaidon“ und seine Rahmenhandlung
„Einübung in den Tod“ ist Befreiung der Seele
Die Apologie des Sokrates: Die philosophische Lebensform
Die Gegenstände des reinen Denkens

II. Die Dynamis des Werdens und das Entstehen der Dinge aus ihrem Gegenteil
Vorbemerkung
Die Grundlagen der platonischen Seelenkonzeption
Sokratische Zuversicht und materialistische Skepsis
Die Beweiskraft der „Aufenthaltshypothese“ und das Werden aus dem Entgegengesetzten

III. Die Dynamis der Anamnesislehre
Der Kontext von Seelenexistenz und Wiedererinnerung
Nachvollzug und Kritik des Anamnesisarguments
Die Notwendigkeit der Annahme des Intelligiblen

IV. Die Angleichung durch die Ähnlichkeit mit den Eide
Das Entstehen und Vergehen in der Natur als Zusammensetzung und Trennung
Eine „Weltanschauung“: Die zwei Arten des Seienden
Der ontologische Status der Seele als besondere Auszeichnung gegenüber dem Körperlichen
Die philosophische und unphilosophische Lebensführung

V. Die Mitte des Dialogs – Die Einwände des Simmias und Kebes, die Warnung vor der Misologie und die Widerlegung des Simmias
Die Mitte des Dialogs
Der „Harmonie-Einwand“ des Simmias
Der „Weber-Einwand“ des Kebes
Die Warnung vor der Misologie
Die drei Widerlegungen des Sokrates gegen den Harmonie-Einwand des Simmias

VI. Der Philosophiehistorische Exkurs des „Phaidon“ und das Hypothesis-Verfahren
Die Kausalerklärungen einiger Naturphilosophen
Die Nous-Lehre des Anaxagoras und die Auswirkungen
Die „zweitbeste Fahrt“ als „Flucht in die Logoi“
Das Hypothesis-Verfahren und die Hypothesis des Eidos

VII. Der Beweis für die Unsterblichkeit der Seele auf der Grundlage der Lehre von den Eide
Teilhabe und Ausschließung gegensätzlicher Eide
Die Annahme von „Komplexionen“
Die Anwendung auf die Seele: Der Versuch des Nachweises ihrer Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit

VIII. Einfügung: Kurze Darstellung des Unsterblichkeitsmotivs im „Phaidros“ als Erweiterung der letzten Argumentation im „Phaidon“

Finale Bemerkungen

Literaturangabe:

I. Hinführung

- Seele ist im Phaidon eine Art „Seelensubstanz“, die sich dem Bereich der unsterblichen Wesenheiten annähert und zuordnet.
- Platon denkt die Psyche vornehmlich als Vermittlungsinstanz von Gegensätzen, von Sein und Werden, von Eidos und Einzelding.
- Der Phaidon stellt eine Zäsur im Denken von Platon dar, weil zum ersten Mal definitorische Aussagen zur Psyche getroffen werden.
- Im Phaidon wird zum ersten Mal das Eidos [Pl. Eide] von seinen gegenständlichen Exemplifizierungen im sinnlichen Bereich der Erfahrung abgehoben und als das Wahre und Göttliche und der Meinung nicht Unterworfene (84a) gekennzeichnet.
- Eidos als ein „Urbild“ oder „Original“ oder eben „Leitbild“ der ihm zugeordneten sinnlichen Exemplifizierung.

Der „Phaidon“ und seine Rahmenhandlung

- Im „Phaidon“ werden kollektiv-wissenschaftliche und individuell-existentielle Motive an Sokrates dargestellt.
- Platon verbindet im „Phaidon“ eigenes Denken mit der griechischen Tradition (Orphik).
- Das Rahmengespräch ist mehrfach vom Geschehen distanziert: Räumlich (erzählt wird nicht in Athen, sondern in Phlius), zeitlich (einige Zeit nach der Hinrichtung). Dadurch bekommt das Gespräch des Sokrates etwas Zeitloses. Überdies soll der Leser direkt mit einbezogen werden.
- Der Platonische Dialog ist eine eigene literarische Kunstform (philosophische Inhalte und literarische Form bilden zusammen eine Einheit) und kein Traktat.
- Anwesende Personen sowie der Ort verweisen auf pythagoreische Anklänge im Denken Platons.
- Simmias und Kebes sind pythagoreische Mathematiker aus Theben.
- Stimmung der Anwesenden ist seltsam ambivalent: eine ungewohnte Mischung aus Lust und Betrübnis.
- Das Hauptgespräch beginnt mit der Schilderung des guten Gefühls, welches Sokrates beim Lösen der Fesseln überkommt (Vgl. spätere Trennung von Leib und Psyche). Überleitung zur Tatsache, dass Sokrates in der Gefangenschaft mit der Versifizierung einiger Fabeln des Aisopos angefangen hat.
- Sokrates schildert in diesem Kontext die Übergänge von Angenehmem und Unangenehmen, damit wird in nuce schon das ontologische Problem von Werden und Sein und die Frage nach der Notwendigkeit von Übergängen qualitativer Gegensätze etabliert.
- Beide Momente, d.h. Unangenehmes und Angenehmes (Dualismus), sind am Scheitel miteinander verknüpft. Der Scheitel liegt außerhalb ihrer Sphäre, nämlich bei Gott.
- Religiöse Dimension: Durch den religiös bedingten Aufschub der Hinrichtung kann Sokrates überhaupt erst dichten, d.h. Musenkunst, betreiben, die als Form einer Reinigung und Entsühnung versteht. Der Auftrag wurde ihm im Traum zugetragen (göttlicher Auftrag des Dichtens).
- Sokrates wird als ein dem Staatskult und den Göttern gehorsamer und wohlgefälliger Mann dargestellt. Sokrates begreift sein Handeln als Auftrag des Gottes Apollon. (Apollon als Gott der Einsicht und des Wissens; Apollon war auch „Musenführer“
- Sokrates wird mit Theseus parallelisiert: Theseus als Retter Athens im Mythos, Sokrates als Retter Athens im Logos.
- Sokrates wird zum Dichter: Die musischen Künste gehen ohnehin immer schon auf eine kulturelle Sorge, Pflege und Reinigung des Seelischen aus.
- Sokrates bittet darum, dass man dem Dichter Euenos Bescheid gibt, er solle ihm bald in den Tod nachfolgen. - Überleitung zur eigentlichen Erörterung von Körper und Seele, Tod und Leben.

„Einübung in den Tod“ ist Befreiung der Seele

- Sokrates lehnt – in Übereinstimmung mit dem Pythagoreer Philolaos – aus religiösen Gründen den Freitod ab.
- Dass die Menschen zu einer Herde der Götter gehören (pythagoräische Auffassung), erwähnt Sokrates vor allem für Kebes und Simmias. Aus dieser Herde dürfen die Menschen nicht einfach fliehen.
- Selbstmord wird als eine Verletzung der Pflicht gegenüber den Göttern abgelehnt.
- Dass der Mensch Eigentum der Götter ist, wird im Dialog nicht weiter hinterfragt.
- Der Tod ist für Sokrates die Trennung von Körper und Seele. Das Totsein beschreibt den Zustand, in dem die Psyche allein für sich und getrennt vom Körper ist.
- Der wahre Philosoph sieht im Tod nicht sein Ende, sondern Ziel, Erfüllung und Vollendung seines Lebens, denn erst im Tod erhält die Seele die Möglichkeit befreit vom Körper zu sein.
- Erst im Tod ist für die Seele die Erkenntnis des in Wahrheit Seienden möglich: Schau der ewigen Wahrheiten.
- Der Körper mit seinen Bedürfnissen behindert den Menschen in der Erkenntnis der letzten Wahrheiten zu sehr.
- Sokrates vertritt deshalb die Ansicht, dass das gesamte Bestreben des Philosophen auf die Befreiung der Knechtschaft der sinnlich-körperlichen Begierden und Lüste abzielen sollte (64d). Sinnliche Wahrnehmung versus reines Denken.
- Wahre Erkenntnis wird der Philosophie entweder nie oder erst nach dem Tod erreichen.
- Philosophie ist im „Phaidon“ aber mehr als nur eine intellektuelle Beschäftigung. Sie ist eine Lebensanschauung, die den Menschen, der ihr folgt, ganzheitlich beansprucht. Das „In-der-Philosophie-sein“ ist eine menschliche Lebensform, in der man steht und die einen zutiefst ergreift.
- Philosophie ist anhaltend, weil der Mensch sich auf den Tod zubewegt: meditatio mortis.
- Wahres Erkennen ist jedoch für den suchenden Menschen nur dann möglich, wenn er bereit ist, nicht länger auf den Körper mit seinen den Sinnen verhafteten Bedürfnissen zu hören.
- Philosophie = Einüben in den Tod (Tod = Absterben der körperlichen Lüste).
- Sokrates' Hoffnung, der Tod sei die Befreiung der Psyche, ist nur dann gerechtfertigt, wenn die Seele unsterblich ist.

Die Apologie des Sokrates: Die philosophische Lebensform

- Für die Festigung, d.h. Begründung seiner Hoffnung, übernimmt Sokrates wissentlich Entlehnungen aus der Orphik und den Lehren der akusmatischen Pythagoreer.
- Sokrates lässt sich vor Simmias und Kebes auf eine „Apologie“ vor seinen „wahren Richtern“ ein.
- Definition des Todes (wie im Dialog Gorgias): Dissoziation der beiden „Wesensbestimmungen“ (Körper und Seele) des Menschen. [Dualistische Wesensbestimmung des Menschen: Körper und Seele]
- Philosophie wird der Seele zugeordnet: Durch die Führung der Philosophie kann und soll sich der Mensch vielmehr vom Körperlichen abwenden und dem Geistigen (Seelischen) zuneigen, und zwar schließlich und endlich mit dem Ziel, sich von der Gemeinschaft mit allem Körperlichen völlig zu lösen. – Die Philosophie arbeitet auf rein Geistiges hin.
- Die philosophische Lebensführung fordert ein Sich-Loslösen vom Körperlichen und eine Orientierung zum Geistigen hin.
- Der philosophische Mensch jagt der Wahrheit hinterher.
- Die Einsicht in die Wahrheit ist aufs engste mit dem prädestinierten Seelenvermögen verknüpft, dem die prinzipielle Möglichkeit der Erkenntnis „intelligibler Gegenstände“ zugestanden wird, mit denen die Psyche als Erkenntnisorgan in ähnlicher Art und Weise korreliert wie der Körper bzw. dessen Sinnesorgane mit den wahrnehmbaren Gegenständen der Sinnenwelt.

Die Gegenstände des reinen Denkens

- Wenn die Psyche für sich selbst ist, kann ist folgende Gegenstände denken: das „Gerechte“, das „Schöne“, das „Gute“, die „Größe“, die „Gesundheit“, die „Stärke“
- Das Wesen dieser Gegenstände kann erst im und durch das Denken zum Ausdruck gebracht werden.
- [Weil die intelligiblen Gegenstände rein und unvermischt sind, muss auch die Psyche als Erkenntnisvermögen möglichst rein und unvermischt sein.]
- Der dem „wahrhaften Philosophen“ eigentümliche Eifer im Streben nach Wahrheit und Erkenntnis wird von Platon mit der Intention der „Reinigung und Loslösung“ der Psyche von den körperlichen Bedingtheiten und Einflüssen verknüpft.
- Die „Reinigung der Psyche“ geschieht bei Platon nicht durch einen mysterisch-kultischen Brauch oder durch eine religiös-sakrale Handlung, vielmehr wird der Ritus durch den Logos ersetzt, der als das Ergebnis der Bemühung einer intellektuellen Ausgerichtetheit begriffen werden darf.
- Reinigung wird hier mit der „Aufklärung“ durch philosophisches Denken gleichgesetzt.
- Die Bezeichnung ousia nimmt eine elementare Stellung für die platonische Auffassung vom Eidos ein.
- Menschliches Bemühen um Einsicht ist jederzeit ein Bemühen um Aletheia; die menschlichen Sinneswahrnehmungen sind aber zutiefst vage und unsicher, so dass ihnen keine Wahrheit zugeschrieben werden kann.
- Etwas „wie es als es selbst ist“ zu erfassen, ist nur intellektuell möglich.
- Zusammenfassung der Vorstellung über die Psyche im Phaidon:
- Die Seele ist die Voraussetzung für Wahrnehmen-Können und Denken-Können. Sie ist also Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnisgewinnung.
- Die Seele wird zwar durch die Wahrnehmungswelt gewissermaßen affiziert und ein Stück weit dirigiert, die eigentliche „Thematisierung“ der intelligiblen Gegenstände geschieht aber durch die Psyche selbst.
- Die Seele hat zwar eine Affinität zu den Eide, aber sie muss sich dennoch von diesen „wahrhaft Seienden“ differenzieren.
- Die Seele steht z w i s c h e n den beiden Bereichen, da sie sowohl in die wechselhafte Sinnenwelt, als auch in das immerwährende Ideenreich gehört.
- Kebes greift die materialistische Ansicht der „Vielen“ auf, d.h. Kebes leugnet im Namen der „Vielen“ die individuelle Fortdauer der Psyche.

II. Die Dynamis des Werdens und das Entstehen der Dinge aus ihrem Gegenteil

Vorbemerkung

- Erster Beweis (70c-72e): Der erste Beweis setzt mit der Erwähnung der Palingenese (Wiederverkörperung der Seele durch Seelenwanderung) als Lehr- und Glaubensinhalt einer althergebrachten Tradition orphisch-pythagoräischer Herkunft.
- Anschließend leitet Sokrates auf eine spekulative Gegensatzlehre über, in der alles Werden und Entstehen zwischen zwei Extremen geschieht, und zwar derart, dass sich Bewegung und Gegenbewegung immer wiederkehrend und ablösend ergänzen. (z.B. „Sterben“ und „Aufleben“)
- Sokrates' Auffassung: Die Seelen wechseln unaufhörlich zwischen Tot-Sein und Lebendig-Sein hin und her, und wäre dies nicht so gegeben, so müsste letztlich alles Leben dem endgültigen Tod entgegengehen.
- „Totsein“ im herkömmlichen Sinn kommt der Seele nicht zu, eher markiert dieser Zustand für die Psyche nur eine Periode des Verharrens zwischen zwei Phasen des „Lebendigseins“.

Die Grundlagen der platonischen Seelenkonzeption

- Basis von Platons Seelenlehre ist die Dichotomie des Menschen von Körper und Seele.
- Das „Seelenhafte“ im Menschen wird von Platon als Auslöser der Verwirklichung und Ausschöpfung der wesenhaften Möglichkeiten und Fähigkeiten gedacht.
- Die geistigen Selbstverwirklichungstendenzen des Menschen (Seele) können erst einsetzen, wenn die physiologischen Grundbedürfnisse gesichert sind (Körper).
- Nach der Interpretation Platons zeichnet überwiegend die Psyche den Menschen aus: Platonisch von der Psyche zu handeln bedeutet demnach, den Prozess der Identitätsfindung des Menschen zu reflektieren und über den Prozess der Selbstkonstitution nachzudenken.
- Die Seele ist für Platon nicht ausschließlich dem Menschen zugehörig, vielmehr ist sie ihm ein umfassend-kosmisches Vermögen, denn jeder Körper, der in sich selbst aus sich selbst bewegt wird, ist nach Platons Auffassung „beseelt“.
- Funktion der ungewordenen und unsterblichen Psyche ist die Selbstbewegung, Selbstbestimmung und Wirkung.
- Die Psyche ist eine kosmische Macht und nicht auf menschliches Leben beschränkt.
· Die Psyche durchwaltet und beherrscht alles, wie beschaffen sie an sich selbst ist, wie über ihre Gestalt, ihr reines An-sich-Sein, zu reden sei, das bleibt der menschlichen Erkenntnis eigentlich verhüllt; es bedarf einer göttlichen Untersuchung.
- Im Phaidon wird die Frage nach der Wesensart der Psyche im Zusammenhang mit der Erörterung der Lehre vom Eidos zu einem thematischen Schwerpunkt und einer der zentralen philosophischen Erkundungen Platons überhaupt. Die Eide können nur durch etwas erkannt werden, das ihnen ähnlich und wesensverwandt ist. Für die Psyche bedeutet das, dass sie ähnliche Qualitäten wie die Eide besitzen muss, nicht aber, dass sie selbst ein Eidos ist.
- Der Phaidon beinhaltet vier Beweisführungen für die Unsterblichkeit der Seele; die beiden ersten Argumente sind auf engste voneinander abhängig, so dass sie als „Beweis“in zwei Schritten angesehen werden dürfen.

Sokratische Zuversicht und materialistische Skepsis

- In den „Beweisen“ geht es um den Versuch des zweifelsfreien Nachweises, dass das Sterben des Menschen nicht das Ende der menschlichen Existenz überhaupt ist.
- Sokrates ist der Ansicht, dass das vermeintliche Lebensende nur eine Art Übergang zu einem erfüllten und glücklichen jenseitigen Dasein ist.
- Kebes und Simmias wünschen weitreichendere Darlegung der Seelenproblematik: Kebes greift die volkstümliche Meinung der „Vielen“ auf, indem er der Furcht Ausdruck verleiht, die Psyche könne beim Tod wie ein „Rauch oder Hauch“ zerstieben und sich in „Nichts“ verflüchtigen. (Vulgärmaterialistische Behauptung)
- Kebes' Auffassung, dass die Seele „selbst für sich“ und losgelöst vom Körper nicht bestehen kann, steht der Auffassung von Sokrates diametral entgegen.
- Die Beweisführung im Phaidon zielt nicht auf einwandfreie, logische Stringenz ab, sondern es geht um den Nachweis der Unsterblichkeit der Seele im Sinne der Wahrscheinlichkeit (wahre Meinung vs. Wissen)

Die Beweiskraft der „Aufenthaltshypothese“ und das Werden aus dem Entgegengesetzten

- Sokrates entgegnet dem Einwand des Kebes mit der Interpretation einer altüberlieferten Rede (orphisch-pythagoräische Überlieferung), wonach die Seele der Verstorbenen in den Hades kommen und von dort wieder ins Leben zurückkehren. Wenn sich nun beweise ließ, dass die Lebenden aus nichts anderem entstehen als aus den Verstorbenen, so wäre nach der Meinung des Sokrates die Seelenexistenz im Hades sichergestellt.
- Nach der Definition des Phaidon ist die selbstständig Existenz des Psyche ab ovo gewiss, und folglich auch die Seelenverortung in einem Jenseitsbereich, schließlich müssen sich die Seelen nach dem Ableben irgendwo befinden. [Diese Prätention des Sokrates bleibt unbegründet. – Aufenthaltshypothese]
- Sokrates hat bereits in der Apologie entdeckt, dass der Tod für ihn kein Übel ist. (In der Apologie ist der Tod entweder ein empfindungsloser Zustand wie ein traumloser Schlaf oder eine Reise der Psyche zu einem Ort, an dem sich alle Toten aufhalten.
- Sokrates versucht seine Aufenthaltshypothese durch eine allgemeine Theorie des Entstehens zu bekräftigen.

Erster Beweis im Phaidon (Antapodosisargument)

- Der erste Beweis der Unsterblichkeit der Seele stützt sich auf den doppelten Kreislauf des Werdens und spielt auf die Lehre der Metempsychosean. (Gegensätze entstehen aus Gegensätzen ist ein Gemeinplatz der griechischen Naturphilosophie. Die Struktur des Beweises knüpft an die heraklitische Gegensatzlehre an).
- Sokrates transferiert das Kreislaufmodell auf die Ebene der allumfassenden Natur, d.h. für Sokrates entsteht in der Physis Entgegengesetztes aus Entgegengesetztem. In seiner Argumentation vereint Sokrates routiniert die eher religiös motivierte Lehre der Wiedergeburt mit Ansätzen der Naturphilosophie. Die alte orphische Lehre wird damit rational begründet, insofern sie sich als Spezialfall des generellen Naturgesetzes der zyklischen Ableitung der Gegensätze aus ihren Gegensätzen erweist.
- Der jeweilige Übergang, dass aus Entgegengesetztem Entgegengesetztes entsteht, wird als „Werden“ bezeichnet.
- Es gibt für Sokrates zwei Arten des Werdens oder Entstehens (durch Analogiebildung verdeutlicht): Schlafen – Aufwachen – Wachsein // Wachsein – Einschlafen – Schlafen.
- In Analogie zum Schlafen bzw. Wachsein verhält sich das Lebendigsein bzw. Totsein: Lebendigsein entsteht aus dem Totsein, Totsein entsteht aus dem Lebendigsein. Allerdings ist nur Letzteres in der alltäglichen Erfahrung evident.
- Sokrates möchte Kebes' Einwand der Verflüchtigung der Seele nach dem Sterben entgegenwirken: Das zwischen Totsein und Lebendigsein anzusetzende Stadium wäre das Wiederaufleben im Geborenwerden. Somit wird von Sokrates versucht, der Dissoziation von Psyche und Körper und der von Kebes angesprochenen Konsequenzen der „Verflüchtigung“ der Seele in ein „Nichts“ durch eine Assoziation und Uniformierung im Kreislauf des Leben entgegenzuwirken.
- Entscheidend ist, dass durch das Kreislaufargument kein Zustand an sich entsteht, sondern ein Zustand an etwas. Das Wachen und das Schlafen sind Zustände des Menschen, analog hierzu sind das Leben und das Totsein Zustände der Psyche. So wie der Mensch den Umschwung von Wachen und Schlafen unbeschadet übersteht, so soll auch die Psyche die Wendung vom Leben in den Tod unbeschadet überstehen.
- Leben ist demnach der Zustand des Miteinanders des Seelischen mit dem Körperlichen; das Totsein ist lediglich das Stadium der Distanziertheit von allem Körperlichen.
- Platon möchte deutlich machen, dass jede Vollendung am Gegenteil sich an einem Zugrundeliegenden vollzieht. Das Zugrundeliegende kann nicht der Körper sein, da dieser nach dem Tod zerfällt; das Zugrundeliegende kann nur die Psyche sein.
- Der Schlafende erwacht aus seinem Schlaf wieder; in Analogie dazu soll die vorübergehend isoliert existierende Seele wieder in einen neuen Körper eintreten.
- Nach Ablauf einer bestimmten Zeit verlässt die Psyche den Körper wieder, existiert einige Zeit vom Körper losgelöst, um schließlich in einer dauernden Wiederholung erneut in einen Körper einzutreten. – Schlafen und Wachsen sind zwei Zustände, zwischen denen der Mensch sich hin und her bewegt, aber dass auch Lebendigsein und Totsein zwei Zustände der Seele sind, zwischen denen sie sich hin und her bewegt, das wird auf solche Weise weder bewiesen noch auch nur wahrscheinlich gemacht, sondern einfach vorausgesetzt. (Bröcker, 1990).
- Wenn es keinen gesetzmäßigen Kreislauf des Geschehens gäbe, müsste irgendwann alles Werden und alles Leben aufhören. (Bekräftigung des Antapodosisargument) [Dem griechischen Denken war es zutiefst fremd, dass es möglicherweise unbegrenzte Ressourcen in der Natur gibt. Ein stetig linearer Werdensprozess kam für die Griechen also nicht in Frage.]
- Platons dargelegte Dynamis des Werdens: Es handelt sich um einen zyklischen, in sich zurückkehrenden Prozess, um eine Wandlung, die stets in immerwährender Bewegung auf ihren Anfang zurückbezogen bleibt.
- Der Antapodosisbeweis macht in seinem Zyklus-Charakter deutlich, dass alles Seiende die Regel der Veränderung mit ihrer zyklischen Notwendigkeit nicht durchbrechen kann. Auch das Denken besitzt seine eigene prozyklische Struktur, jedoch in vollkommenerer Weise, da das Denken sich in der Reflexion über den erfassten Denkgegenstand auf sich selbst zurückbeziehen kann.
- Der Antapodosisbeweis bleibt formal betrachtet unzulänglich, weil er z.B. nicht zwischen den verschiedenen Arten von Gegensätzen unterscheidet.
- Kritik am ersten Beweis: 1.) Der Mangel des Beweises steckt offenkundig darin, dass die zu beweisende Behauptung zu ihrem eigenen Beweis herangezogen wird, denn die Existenz der Verstorbenen im Hades, die erst bewiesen werden soll, wird bereits als Gegensatz zum Leben vorausgesetzt. 2.) Platon unterscheidet nicht eindeutig zwischen den verschiedenen Arten des Werdens, zumal es durchaus eine zu beachtende Differenz zwischen dem Werden einer Substanz und dem Werden einer Beschaffenheit gibt, z.B. Das Gegenteil von heiß ist kalt; aber was ist das Gegenteil eines Baums oder eines Tisches? 3.) Im Antapodosisbeweis fehlt im Hinblick auf die Entstehung des Lebewesen „Mensch“ die notwendige Differenzierung von „nicht lebendig“ und „tot“. Zwar gelangt ins Leben nur was vorher nicht lebte, was doch keineswegs besagt, dass es zuvor „tot“ sein musste. [Gadamer (1973) spricht sogar von einer Unangemessenheit an das eigentlich zu Beweisende: „Was an dem Beweis auffällt, ist seine klare Unangemessenheit an das eigentlich zu Beweisende.“]

III. Die Dynamis der Anamnesislehre

Der Kontext von Seelenexistenz und Wiedererinnerung

- Platon selbst scheint das Argument vom „Kreislaufcharakter des Werdens“ nicht sonderlich überzeugend gefunden zu haben, denn er fügt ein weiteres Argument hinzu, um die Skepsis zu entkräften. Wäre das erste Argument schon überzeugend, bräuchte man eigentlich kein zweites. (Vgl. Gauss 1958)
- Die gesamte Darlegung steht immer noch vor dem Hintergrund des Nachweises, dass die Seelen bereits v o r der Geburt im Hades sind.
- Der zweite Beweis geht nicht – wie der erste Beweis – von einer naturgegebenen Gesetzmäßigkeit aus, sondern er bezieht sich auf ein Phänomen des menschlichen Geistes: Kebes verweist auf einen Zusammenhang zwischen der Existenz der Seelen der Gestorbenen und dem Satz, dass alles Lernen Wiedererinnerung sei. – Bemerkenswert ist, dass die Anamnesis-These urplötzlich und ohne jeglichen Zusammenhang zum bisher Erörterten von Kebes zur Diskussion gestellt wird. [Simmias muss an diese Lehre wiedererinnert werden. Ironie]

[...]

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Platons Dialog "Phaidon". Lernzusammenfassung für das Staatsexamen
Untertitel
Exzerpt zu Torsten Menkhaus' Platon-Kommentar: "Eidos, Psyche und Unsterblichkeit" (2003)
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,2
Autor
Jahr
2014
Seiten
33
Katalognummer
V509384
ISBN (eBook)
9783346071293
Sprache
Deutsch
Schlagworte
platons, psyche, eidos, platon-kommentar, menkhaus, torsten, exzerpt, staatsexamen, lernzusammenfassung, phaidon, dialog, unsterblichkeit
Arbeit zitieren
Alexander Meyer (Autor), 2014, Platons Dialog "Phaidon". Lernzusammenfassung für das Staatsexamen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509384

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