Die Bedeutung des imperialistischen Völkerrechts für die einheimische Bevölkerung. Gewährte es den Indigenen Rechtsschutz?


Seminararbeit, 2019

26 Seiten, Note: 10


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

A. Einleitung

B. Zustand und Methoden des Völkerrechts im Imperialismus
I. Umfang des Völkerrechts zur Zeit des Imperialismus
II. Imperialistisches Völkervertragsrecht
1. Die Generalakte der Kongokonferenz in Berlin von
2. Die Haager Landkriegsordnung von 1899/
3. Zwischenergebnis
III. Völkergewohnheitsrecht
IV. Versuch der Konstruktion eines übergesetzlichen, naturrechtlichen Völkerrechts
V. Zwischenergebnis

C. Die einheimische Bevölkerung in der Rechtspraxis
I. Die Behandlung der einheimischen Bevölkerung
1. Deutsch-Südwestafrika
2. Völkerschauen in Europa und Nordamerika
II. Die koloniale Gerichtsbarkeit für die einheimische Bevölkerung am Beispiel Deutsch-Südwestafrikas
1. Die Gerichtsbarkeit für die Kolonisten
2. Die Gerichtsbarkeit für die einheimische Bevölkerung
III. Sanktionen
IV. Zwischenergebnis

D. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abkürzungsverzeichnis

Abkürzungen richten sich nach Kirchner, Hildebert Abkürzungsverzeichnis der Rechtssprache, 9. Auflage, 2018.

A. Einleitung

Der Kolonialismus vom 19. bis zum 20. Jahrhundert ist einer der dunkelsten Zeiträume der deutschen Geschichte. Obwohl er verglichen mit der kolonialen Expansion anderer europäischer Staaten relativ kurz andauerte, hatte er doch erheblichen Einfluss auf das Leben der einheimischen Bevölkerung und ihrer Nachfahren. Lange Zeit geriet dieser Teil der Geschichte zumindest in der deutschen Bevölkerung in Vergessenheit oder wurde bewusst verdrängt. Mit den von den Nachfahren der damaligen einheimischen Bevölkerung –wie der Herero- gegen die Bundesrepublik eingereichten Klagen gewinnt das Thema der deutschen Kolonialvergangenheit an Aktualität.1 Dabei setzten die damals geschlossenen völkerrechtlichen Verträge der Kolonialmächte die Grundlage für das heutige Völkerrecht.2

Um die heute diskutierten Kolonialverbrechen verstehen zu können, ist es unabdinglich, sich mit der Situation der einheimischen Bevölkerung zur Zeit des Kolonialismus in rechtlicher und praktischer Hinsicht auseinanderzusetzen.

Dies wirft zunächst die Frage auf, woraus sich das Völkerrecht zur Zeit des Imperialismus zusammensetzte und welche Bedeutung es für die einheimische Bevölkerung hatte. Handelte es sich bei dem damaligen Völkerrecht um universell geltendes Recht oder war der Anwendungsbereich beschränkt? Gewährte es den Indigenen subjektiven Rechtsschutz oder waren sie lediglich Objekte des Völkerrechts?

Schließlich spielt neben den theoretischen Erwägungen für das Verständnis der Situation der einheimischen Bevölkerung auch die Rechtspraxis eine erhebliche Rolle. Dabei stellt sich die Frage, wie die einheimische Bevölkerung behandelt wurde und ob bzw. wie ihnen Rechtsschutz gewährt wurde.

In dieser Ausarbeitung sollen in einem ersten Schritt die Quellen des imperialistischen Völkerrechts, dem sog. Ius Publicum Europaeum3, mit Blick auf die einheimische Bevölkerung näher beleuchtet werden (B). Hierbei soll die Generalakte der Kongokonferenz von 1885 einen Schwerpunkt bilden (B II 1). Ferner wird untersucht, ob sich aus dem Völkergewohnheitsrecht (B III) oder aus der Konstruktion eines naturrechtlichen Völkerrechts (B IV) rechtlicher Schutz für die indigene Bevölkerung herleiten lässt. Anschließend wird auf die Situation der Indigenen in der Rechtspraxis eingegangen (C). Der Schwerpunkt soll dabei auf der einheimischen Bevölkerung in Deutsch-Südwestafrika liegen (C I 1). Anhand der Völkerschauen in den europäischen und nordamerikanischen Staaten soll sodann eine soziale Betrachtung anknüpfen (C I 2). Nachdem ein möglicher Rechtsschutz für die Indigenen in den Kolonien, insbesondere in Deutsch-Südwestafrika, erörtert wurde (C II, III), soll abschließend aus den gesammelten Erkenntnissen ein Fazit gezogen werden (D).

B. Zustand und Methoden des Völkerrechts im Imperialismus

Das Völkerrecht des Imperialismus wird auch als sog. „Ius Publicum Europaeum“ bezeichnet. Dies bringt zum Ausdruck, dass die Subjekte des damaligen Völkerrechts hauptsächlich europäische Staaten waren. Die Völkerrechtssubjektivität eines Staates wurde allein von den europäischen Staaten bestimmt, d.h. sie legten fest, wer am Völkerrecht teilhaben durfte und wer nicht. Dabei wurde dem Ius Publicum Europaeum infolge des Kolonisierungsprozesses eine Art vorherrschaftliche Stellung zuteil. Es beanspruchte Allgemeingültigkeit nach der Rechtsauffassung der europäischen Staaten. Diese wollten über das Ius Publicum Europaeum Recht mit Wirkung für die gesamte Welt setzen. Ferner duldete es keine weiteren Formen zwischenstaatlichen bzw. überstaatlichen Rechts neben sich und war damit als exklusive Rechtsordnung zu betrachten. Seinen Ursprung fand es maßgeblich im Westfälischen Frieden von 1648 und den darauf aufbauenden völkervertraglichen Regelungen.4

I. Umfang des Völkerrechts zur Zeit des Imperialismus

Das Ius Publicum Europaeum zeichnete sich durch eine geringe Regelungsdichte und wenig positiv normierte Regeln aus. Ferner herrschte keine einheitliche Ausgestaltung der rechtlichen Beziehungen zwischen den Kolonialmächten und ihren Kolonialvölkern.5 Trotz der bestehenden völkerrechtlichen Verträge, die auch koloniale Gebiete zum Gegenstand hatten, fand die einheimische Bevölkerung kaum Erwähnung. Stattdessen sollte das Völkerrecht des Imperialismus als Mittel der Rechtfertigung kolonialer Expansion dienen.6 Anstelle von Völkerrechtssubjekten wurden die indigenen Gemeinwesen vielmehr als Objekte des Völkerrechts betrachtet. Bei den kolonisierten Gemeinwesen wurde wiederum von den europäischen Staaten zum Teil zwischen „halbzivilisierten“ und „unzivilisierten“ Staaten unterschieden. Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Kategorien erfolgte dabei anhand der Hautfarbe oder rassischen Kriterien. Allein die „zivilisierten“ Staaten sollten die Träger von Rechten und Pflichten des (Völker-)Rechts sein. Auswirkungen hatte dies beispielsweise im Bereich der Rechts- und Geschäftsfähigkeit bestimmter Vorsteher indigener Gemeinwesen zum Abschluss von Verträgen mit europäischen Staaten.7 Im Folgenden sollen ausgewählte völkerrechtliche Verträge des Imperialismus mit Blick auf die indigenen Gemeinwesen und ihre Rechtsstellung analysiert werden.

II. Imperialistisches Völkervertragsrecht

Neben dem ohnehin geringen Umfang positiv normierter völkerrechtlicher Regelungen zur Zeit des Imperialismus, kommt hinzu, dass diese Regelungen zum überwiegenden Teil das Gebiet um die europäischen Staaten betraf.8 Völkerrechtliche Regelungen, die Bezug auf die einheimische Bevölkerung in den Kolonien nehmen, waren rar.9 Beispielhaft soll hier auf die wichtigsten Regelungen damaligen Völkerrechts eingegangen werden, namentlich der Generalakte der Kongokonferenz von 1885 und der Haager Landkriegsordnung von 1899/1907. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit diese Abkommen völkerrechtliche Regelungen zum Schutz der einheimischen Bevölkerung in den indigenen Gemeinwesen in den Kolonien enthalten.

1. Die Generalakte der Kongokonferenz in Berlin von 1885

Die sog. Kongoakte von 1885 wurde von 14 Staaten unterzeichnet und hatte es zum Ziel, wirtschaftliche und territoriale Streitigkeiten zwischen den europäischen Mächten in Afrika zu beseitigen. Hierbei gilt zu beachten, dass die von den Signatarstaaten vereinbarten Regelungen nur für die von der Generalakte betroffenen Gebiete in Afrika galten. Bestimmungen zum Schutz der einheimischen Bevölkerung finden sich in den Art. 6 und 9 der Kongoakte.10

Schon die Überschrift des Art. 6 spricht von den Bestimmungen zum Schutz der Einheimischen. Er regelt die Pflicht der Signatarstaaten zur Erhaltung der einheimischen Bevölkerung, zur Verbesserung ihrer sittlichen und materiellen Lebensgrundlage, zur Bekämpfung der Sklaverei und des sog. „Negerhandels“. Ferner seien die Gewissensfreiheit und die religiöse Duldung gewährleistet. Demgegenüber regelt Art. 9 der Kongoakte das Verbot der Durchlieferung von Sklaven durch das Kongogebiet. Bei den Regelungen zur Bekämpfung von Sklaverei muss allerdings beachtet werden, dass diese nicht jede Form von Sklaverei erfassen. Mit dem Verbot der Sklaverei bezogen sich die Signatarstaaten auf die archaische Form des Sklavenhandels, der sog. „chattel slavery“.11 Hierbei handelt es sich um eine Form der Sklaverei, die das Individuum im formellen Sinne zu einem Eigentumsgegenstand und damit zu einem Handelsobjekt degradiert. Ferner ordnet Art. 9 nur eine Bekämpfung von Sklaverei, nicht aber auch ein Ergreifen von Präventionsmaßnahmen an, wie ein Vergleich mit dem Genfer Übereinkommen betreffend Sklaverei vom 25.09.1926 zeigt. Faktische Formen der Sklaverei wurden hingegen nicht erfasst.12 Hierzu zählen beispielsweise Zwangsarbeit oder bestimmte Zwangspflichten. Gerade Art. 9 ist deshalb nur ein sehr begrenzter Anwendungsbereich zuzuschreiben. Demgegenüber scheint Art. 6 der Akte mit seinem Katalog an Verpflichtungen der Signatarstaaten ein weitaus größerer Anwendungsbereich zuzukommen.

Dies wirft die Frage auf, um welche Art von Schutzvorschriften hinsichtlich der einheimischen Bevölkerung es sich bei Art. 6 und 9 der Kongoakte handelt. Auf den ersten Blick könnte man mit Blick auf den Wortlaut andenken, ob die Regelungen subjektive Rechte der Einheimischen konstituieren. Dann wäre allerdings fraglich, wie diese Rechte durchgesetzt werden können. Der Mangel an Rechtsfolgen bzw. Haftungsregelungen für den Fall eines Verstoßes gegen die festgelegten Pflichten spricht jedoch gegen die Verleihung subjektiver Rechte.13 Vergleicht man die Überschriften der Art. 6 und 9 der Kongoakte, so fällt auf, dass die Signatarstaaten von einer „Erklärung“ hinsichtlich der Regelungen zum Schutz der Einheimischen und des Verbots der Sklaverei sprechen. In der Überschrift des sechsten Kapitels der Kongoakte ist dagegen von einer „Erklärung betreffend die wesentlichen Bedingungen, welche zu erfüllen sind, damit neue Besitzergreifungen an den Küsten des afrikanischen Festlandes als effektive betrachtet werden“ die Rede. Hieraus ergibt sich, dass den Regelungen des sechsten Kapitels, d.h. die Art. 34 f. Kongoakte eine so wesentliche Bedeutung zukommt, dass die völkerrechtliche Wirksamkeit der Okkupationen nach dem Willen der Signatarstaaten von der Beachtung dieser Regelungen abhängen sollte.14 Um solche „wesentlichen Bedingungen“ handelt es sich bei den Art. 6 und 9 Kongoakte nicht. Den Signatarstaaten kann es somit auf deren Einhaltung nicht so sehr angekommen sein, wie bei Art. 34 f. Kongoakte. Ferner zeigen die Regelungen bezüglich zukünftiger Okkupationen an den afrikanischen Küsten, dass den einheimischen Gemeinwesen nicht die Position von Völkerrechtssubjekten zugesprochen werden sollte. Ansonsten würde dies die Handlungsfreiheit der europäischen Staaten im Bereich der Okkupation beschränken.15 Unterstützt wird diese Sichtweise durch die Entstehungsgeschichte der Kongoakte. Bei der Ausarbeitung der Kongoakte kam die Idee auf, den „Häuptlingen“ der indigenen Gemeinwesen Souveränitätsrechte zuzubilligen.16 Dieser Vorschlag wurde jedoch schnell verworfen. Die Kolonialmächte befürchteten, dass hierdurch ihre Handlungsfreiheit für zukünftige Okkupationen eingeschränkt werden und diese dadurch völkerrechtlich vom Willen der „Häuptlinge“ abhängen könnte.17 Ferner ist auch der Rechtsbindungswille der Signatarstaaten zweifelhaft. Nach Unterzeichnung der Kongoakte kam es in der Folgezeit trotz der massiven Unterdrückung einiger einheimischer Gemeinwesen von Seiten der Kolonialmächte nie zu einer Rüge durch einen Signatarstaat.18 Wenn die Art. 6 und 9 Kongoakte weder subjektive Rechte der Einheimischen noch tatsächliche Pflichten für die Signatarstaaten normieren, welche Bedeutung haben die Regelungen aus völkerrechtlicher Sicht dann? Gerade mit der Ächtung der „chattel slavery“ kann ihnen jedenfalls entnommen werden, dass für die europäischen Staaten in Afrika –wenn auch rechtsunverbindlich- zumindest ein gewisser humanitärer Mindeststandard gefördert werden sollte.19 Verdeutlicht wird diese Ansicht durch die Generalakte der Brüsseler Antisklavereikonferenz vom 02.07.1890. Die in ihr enthaltenen Regelungen zur Bekämpfung der Sklaverei bauen auf Art. 9 Kongoakte auf und erweitern diesen. Obwohl die Kongoakte lediglich zwischen den Signatarstaaten Geltung entfaltete, kann aus ihr doch ein allgemeines, sich langsam entwickelndes Rechtsbewusstsein der europäischen Staaten gegen Sklaverei abgeleitet werden.20 Dieses Rechtsbewusstsein sollte später das Niveau des allgemeinen Völkerrechts erreichen.21

2. Die Haager Landkriegsordnung von 1899/1907

Das Abkommen „betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs“ von 1899 und die dazugehörige Anlage von 1907 stellen einen wichtigen Teil des humanitären Völkerrechts dar.22 Zum Abkommen von 1899 traten 51 und zur Anlage von 1907 38 Staaten bei.23 Sie enthalten Regelungen zum Umgang mit Kriegsgefangenen im Kriegsfall, d.h. in der bewaffneten Auseinandersetzung mindestens zweier Staaten.24 Genau dies stellt jedoch bereits den Schwachpunkt der Landkriegsordnung hinsichtlich eines möglichen Schutzes der einheimischen Bevölkerung in den Kolonien dar. Sie galt bis zum In-Kraft-Treten des Zweiten Zusatzprotokolls von 1977 zu den Genfer Abkommen von 1949 ausschließlich für zwischenstaatliche, bewaffnete Konflikte. Dies bedeutet, dass innerstaatliche Konflikte bzw. Konflikte in den Kolonien nicht unter ihren Anwendungsbereich fielen.25 Ihnen fehlte es an der nötigen Völkerrechtssubjektivität.26

3. Zwischenergebnis

Das imperialistische Völkerrecht weist eine geringe Regelungsdichte auf. Insbesondere positiv normierte, völkerrechtliche Regelungen sind rar. Im imperialistischen Völkervertragsrecht lassen sich nur wenige Regelungen mit Bezug auf die einheimische Bevölkerung in den Kolonien finden. Diese verbürgen allerdings keine subjektiven Rechte der Indigenen und gewähren ihnen folglich auch keinen Rechtsschutz. Nichtsdestoweniger lassen sich jedoch zumindest erste Überzeugungen der europäischen Staaten erkennen, die eine bessere Behandlung der Einheimischen intendieren. Diesen Regelungen mangelte es jedoch an Rechtsverbindlichkeit.

III. Völkergewohnheitsrecht

Möglicherweise könnten sich Schutzrechte der einheimischen Bevölkerung aus dem Völkergewohnheitsrecht zur Zeit des Imperialismus ergeben. Beim Völkergewohnheitsrecht handelt es sich um ungeschriebenes Völkerrecht, welches neben dem geschriebenen Völkervertragsrecht auf gleicher Stufe eine Rechtsquelle des Völkerrechts darstellt.27 Welche Voraussetzungen zur Entstehung eines Völkergewohnheitsrechts erfüllt sein müssen sind umstritten. Heute regelt Art. 38 I lit. b IGH-Statut zwei Kernelemente, die zur Entstehung von Völkergewohnheitsrecht notwendig sind. Zum einen bedarf es einer einheitlichen Rechtsüberzeugung (sog. opinio iuris) der Staaten und zum anderen einer allgemeinen Übung (sog. consuetudo) der Staaten.

Bei der einheitlichen Rechtsüberzeugung handelt es sich um die Überzeugung der Staaten über die Rechtsverbindlichkeit einer Rechtsauffassung oder eines Rechtsaktes. Diese Überzeugung muss nach außen erkennbar sein, d.h. sich ausdrücklich oder konkludent äußern.28

Die allgemeine Übung beschreibt hingegen ein einheitliches Verhalten der Staaten im Hinblick auf eine bestimmte Rechtsfrage im Einzelfall, über viele Jahre hinweg.29 Dabei ist die Bedeutung der allgemeinen Übung zur Entstehung eines Völkergewohnheitsrechts sehr umstritten. Der Internationale Gerichtshof (IGH) stellte in seiner Nicaragua-Entscheidung aus dem Jahre 1986 fest, dass die allgemeine Übung ein konstitutives Element des Völkerrechts ist.30 Ohne eine zeitlich relevante, einheitliche Rechtspraxis könne kein Völkergewohnheitsrecht entstehen. Demgegenüber wird allerdings auch die Ansicht vertreten, dass ein zeitlich erheblicher Zeitraum grundsätzlich nicht erforderlich sei. Stattdessen bestünde auch die Möglichkeit der Entstehung von sog. „spontanem“ Völkergewohnheitsrecht.31

Nun stellt sich die Frage, ob mit Blick auf die Kolonien ein solches Völkergewohnheitsrecht zum Schutz der einheimischen Bevölkerung bestand. Gerade im Hinblick auf die unterschiedlich ausgestalteten Rechtsverhältnisse zwischen den Indigenen und den Kolonisten sowie der Rechtsform der Kolonien, sprechen gewichtige Argumente dagegen. Je nach Kolonialmacht und Kolonialgebiet herrschten eine Vielzahl rechtlicher Formen von Kolonien, wie zum Beispiel Protektorate oder Dominions.32 Dies hatte wiederum erheblichen Einfluss auf die Behandlung der Indigenen. Während beispielsweise die Prügelstrafe in Deutsch-Südwestafrika gang und gebe war, blieb die Bevölkerung Deutsch-Samoas von ihr verschont.33 Selbst die in den völkerrechtlichen Verträgen festgehaltenen Pflichten, mit Bezug auf die Indigenen, hatten im Zweifel stets den wirtschaftlichen Interessen der Kolonialmächte zu weichen.34 Es handelt sich lediglich um leere Phrasen. An dem Verhalten der Kolonialmächte kann stattdessen abgelesen werden, dass sie völkerrechtlich nicht bereit gewesen sind, ihre staatlichen Hoheitsbefugnisse zugunsten der Indigenen einzuschränken.35 Dies zeigt, dass es in der Zeit des Imperialismus keine einheitliche Überzeugung der Kolonialmächte davon gab, wie die einheimische Bevölkerung behandelt werden müsse. Mithin können aus dem Völkergewohnheitsrecht keine Schutzrechte der einheimischen Bevölkerung hergeleitet werden.

IV. Versuch der Konstruktion eines übergesetzlichen, naturrechtlichen Völkerrechts

Nichtsdestoweniger könnte man überlegen, ob nicht ein übergesetzliches Völkerrecht anzuerkennen ist, welches nicht zur Disposition der Staaten steht und ihre Handlungsfreiheit begrenzt. Als Naturrecht ist all jenes Recht zu verstehen, das zu allen Zeiten und in allen Teilen der Welt als verbindlich einleuchtet, nicht menschlichen Ursprungs ist und einen Maßstab darstellt, der dem durch Menschen gesetzten Recht Grenzen aufzeigt.36 Die Anerkennung eines solchen Rechts ist allerdings umstritten.

Das 19. und frühe 20. Jahrhundert waren geprägt von einem strengen Rechtspositivismus. Man war überwiegend der Auffassung, dass das ordnungsgemäß innerhalb eines Staates vom Gesetzgeber positiv gesetzte Recht volle Rechtsgültigkeit beanspruche, egal welchen Inhalt es hat.37 Es herrschte der Grundsatz „Gesetz ist Gesetz“. Deshalb könne es sich bei der Idee des Naturrechts lediglich um rechtsunverbindliche Moralvorstellungen handeln.38

Dem kann man entgegenhalten, dass es sich bei dem Akt der positiven Normierung von Recht lediglich um einen formalen Akt handelt. Anhand gewisser Grundprinzipien lässt sich erkennen, dass es neben dem gesetzlich normierten Recht ein natürliches Recht geben muss, welches dann in Erscheinung tritt, wenn ein Gesetzgeber in einem erheblichen, unauflösbaren Widerspruch zu jedem Rechtsempfinden Regelungen erlässt.39 Es gibt einen grundlegenden Maßstab, den der Gesetzgeber zu beachten hat und der ihm Grenzen auferlegt. Diese natürliche Vernunft befähigt den Menschen, eine harmonische gesellschaftliche Ordnung nach moralischen Vorstellungen aufzubauen.40 In diesem Sinne steht das Naturrecht hierarchisch über dem positiv gesetzten Recht und führt zu dessen Ungültigkeit und Unanwendbarkeit, sofern die Regelung als „unerträglich ungerecht“ ist und der natürlichen Gleichheit aller Menschen zuwiderläuft.41

Ein solches aufgrund von natürlichem Recht ungültiges Recht ist beispielsweise die Abwertung menschlichen Lebens auf die Stufe von Sachen. Bezogen auf den Schutz der einheimischen Bevölkerung in den Kolonien bedeutet das, dass beispielsweise die rechtliche Einordnung der einheimischen Bevölkerung als Handelsobjekte naturrechtlich unwirksam ist. Damit ergeben sich allein aus dem Naturrecht für den Kolonialgesetzgeber Grenzen, die auch dem Schutz der einheimischen Bevölkerung dienen können.42

V. Zwischenergebnis

Das Völkerrecht wies zu der Zeit des Imperialismus eine geringe Regelungsdichte auf. Wenn einmal Regelungen in Bezug auf die einheimische Bevölkerung getroffen wurden, sollten diese lediglich wirtschaftliche Interessen zwischen den Kolonialmächten regeln. Subjektive Rechte -auf die sich die Indigenen hätten berufen können- wurden nicht geregelt. Aufgrund der Vielzahl sich stark voneinander unterscheidenden Rechtsverhältnisse in den Kolonien ist in Bezug auf den Schutz der Indigenen auch kein Völkergewohnheitsrecht zu erkennen.

Allein aus dem Naturrecht lassen sich Grundprinzipien herleiten, die der Gesetzgebungsbefugnis der Kolonialmächte Grenzen auferlegen und auch dem Schutz der einheimischen Bevölkerung dienen können.

[...]


1 Kämmerer, Völkerrecht des Kolonialismus, S. 397-399.

2 Anghie, Die Evolution des Völkerrechts, S. 49.

3 Kämmerer, Völkerrecht des Kolonialismus, S. 401.

4 Kampmann, Protegierte und Protektoren, S. 201 ff.; Kämmerer, Völkerrecht des Kolonialismus, S. 399 ff.

5 Kämmerer, Völkerrecht des Kolonialismus, S. 400 ff.

6 Gilbert, Indigenous peoples‘ land rights, S. 41 ff.

7 Dörr, Die Wilden, S. 372 ff.

8 Kämmerer/Föhn, Das Völkerrecht als Instrument der Wiedergutmachung? S. 305 f.

9 Anghie, Die Evolution des Völkerrechts, S. 50 ff.

10 Kämmerer, Völkerrecht des Kolonialismus, S. 399 ff.

11 Vgl. Zeuske, Geschichte der Sklaverei, S. 400 ff.

12 Vgl. Zeuske, Geschichte der Sklaverei, S. 986 ff.

13 Kämmerer, Völkerrecht des Kolonialismus, S. 409 ff.

14 Matthias, Beschränkungen der Gewerbe- und Handelsfreiheit in den deutschen Schutzgebieten, S. 30 ff.

15 Kämmerer, Völkerrecht des Kolonialismus, S. 410 ff.

16 Vgl. Anghie, Die Evolution des Völkerrechts, S. 53 ff.

17 Gründer/Hiery, Die Deutschen und ihre Kolonien, S. 218 ff.

18 Vgl. Anghie, Die Evolution des Völkerrechts, S. 55 ff.

19 Matthias, Beschränkungen der Gewerbe- und Handelsfreiheit in den deutschen Schutzgebieten, S. 30 ff.

20 Kämmerer, Völkerrecht des Kolonialismus, S. 411 f.

21 Kämmerer, Völkerrecht des Kolonialismus, S. 412 ff.

22 Goldmann, Internationale öffentliche Gewalt, S. 24-25.

23 Friedenskonferenz Den Haag, Landkriegsordnung, S. 1 ff.

24 Goldmann, Internationale öffentliche Gewalt, S. 24 ff.

25 Goldmann, Internationale öffentliche Gewalt, S. 24-25.

26 Kämmerer, Völkerrecht des Kolonialismus, S. 399 ff.

27 Urteil vom 26.11.1984, Nicaragua c. États-Unis d’Amérique, fond, arrêt, C.I.J. Recueil 1986, S. 18.

28 Vitzthum, Völkerrecht, S. 131 ff.

29 Jung, Rechtserkenntnis und Rechtsfortbildung im Völkergewohnheitsrecht, S. 170 ff.

30 Urteil vom 26.11.1984, Nicaragua c. États-Unis d’Amérique, fond, arrêt, C.I.J. Recueil 1986, S. 14.

31 Vitzthum, Völkerrecht, S. 131 ff.

32 Adam, Völkerrechtliche Okkupation und Kolonialstaatsrecht, S. 195.

33 Gründer/Hiery, Die Deutschen und ihre Kolonien, S. 210 ff.

34 Anghie, Die Evolution des Völkerrechts, S. 53 ff.

35 Kämmerer, Völkerrecht des Kolonialismus, S. 398 ff.

36 Scheuner, Naturrechtliche Strömungen im Völkerrecht, S. 556 ff.; Bung, Code des Hugo Grotius, S. 127.

37 Alexy, Begriff und Geltung des Rechts, S. 29; Fredericia, Naturrecht im Streit der Meinungen, S. 2.

38 Fredericia, Naturrecht im Streit der Meinungen, S. 2; Foljanty, Recht oder Gesetz, S. 20-21.

39 Von Hein, Paradigmen im internationalen Recht, S. 22 ff.

40 Fredericia, Naturrecht im Streit der Meinungen, S. 2.

41 Foljanty, Recht oder Gesetz, S. 20-21; Geismann, Ethik und Herrschaftsordnung, S. 23 ff.

42 Geismann, Ethik und Herrschaftsordnung, S. 23 ff.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung des imperialistischen Völkerrechts für die einheimische Bevölkerung. Gewährte es den Indigenen Rechtsschutz?
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Kolonialismus und Postkolonialismus im Völkerrecht
Note
10
Autor
Jahr
2019
Seiten
26
Katalognummer
V509434
ISBN (eBook)
9783346071910
ISBN (Buch)
9783346071927
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Völkerrecht, Kolonialismus, Imperialismus, Ius Publicum Europaeum, Kongokonferenz, Naturrecht, Völkergewohnheitsrecht, Deutsch-Südwestafrika, Völkerschau, Einheimische, Eingeborene, Indigene, Herero, Afrika, Rechtspraxis, Rechtsgeschichte
Arbeit zitieren
Johannes Wilhelm Batke (Autor:in), 2019, Die Bedeutung des imperialistischen Völkerrechts für die einheimische Bevölkerung. Gewährte es den Indigenen Rechtsschutz?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509434

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