Was ist Kosmopolitismus? Der Bedeutungswandel des Begriffs "Kosmopolitismus" in Europa


Hausarbeit, 2019
7 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Zusammenfassung

Das vorliegende Essay geht dem Begriff „Kosmopolitismus“ nach. Es versucht, ihn klarzulegen und zu beweisen, dass der „Kosmopolitismus“ ein sehr dynamischer Begriff in Europa ist, der verschiedene Bedeutungen im Laufe der Zeit erledigt hat. Diese Arbeit ist daher eine diachronische Untersuchung dieses Begriffs.

Einleitung: Kosmopolitismus – Annäherung an eine Definition

Die Kosmopoliten [...] betrachten alle Völker des Erdbodens als ebenso viele Zweige einer einzigen Familie, und das Universum als einen Staat, worin sie mit unzähligen andern vernünftigen Wesen Bürger sind [...].

Christoph Martin Wieland, Das Geheimnis des Kosmopoliten-Ordens, 1788

Etymologisch stammt der Begriff „Kosmopolitismus“ aus dem Griechischen κόσμος kósmos = ‚Weltordnung, Ordnung, Welt‘ und πολίτης polítes = ‚Bürger‘. Im weitesten Sinne bezieht sich der Kosmopolitismus laut dem Lexikon der Globalisierung auf das Interesse an fremden Ländern und Bevölkerungen.[1] Das Adjektiv kosmopolitisch seinerseits verweist auf ein vielsprachiges Individuum, reisefreudig und neugierig auf die Kultur seiner Mitmenschen.[2] Wir sprechen auch von kosmopolitischen Städten, um diejenigen zu bezeichnen, die Kulturen und Nationalitäten aus aller Welt verbinden.[3] In einem strengeren Sinne bezieht sich der Kosmopolitismus auf eine bestimmte politische Auffassung, die die Einheit der menschlichen Gemeinschaft bestätigt und auf dem konventionellen Charakter der Staaten besteht. Es ist kosmopolitisch näher an der Etymologie des Begriffs, der sich selbst zum Weltbürger ruft und deshalb die Menschheit seiner Heimat vorgezogen ist.

Die verschiedenen Sinndes „Kosmopolitismus“ und deren Implikationen

Kosmopolitismus gibt es in mehreren Versionen.[4] Manche Autoren sprechen von den Formen und andere von den Varianten. Eines ist aber klar, dass sein Sinn viele Modifikationen je nach verschiedenen geschichtlichen Epochen erledig hat. Im Folgenden wird versucht, die Sinndynamik dieses Begriffs hervorzuheben, indem der Blick auf vier Kernepochen fokussiert wird, und zwar die Antike (1), das Mittelalter (2), die Aufklärung (3) und zuletzt die zeitgenössische Zeit (3).

(1) In der Antike: Der stoische Kosmopolitismus

Historisch gesehen, ist die erste kosmopolitische Haltung auf die Antike zurückzugreifen.[5] Sie wurde im antiken Stoizismus[6] gebildet, als sich das mazedonische Reich aus dem vierten Jahrhundert vor der christlichen Ära der bekannten Welt aufzwang. Ein solches Imperium hat einen konkreten politischen Hinweis auf den Glauben gegeben, dass es eine Gemeinschaft unter allen Menschen gibt. Die mazedonische Herrschaft setzte der Herrschaft der autonomen griechischen Stadt ein Ende durch. Es war jetzt jenseits der jeweiligen Städte (in einer Weltstadt, Ort der menschlichen politischen Gemeinschaft), dass man sich bemühen musste, die politischen Ziele zu erreichen.

Der stoische Kosmopolitismus wurde von der Moral ausgeprägt, deshalb wird er häufig auch unter der Bezeichnung von moralischer Kosmopolitismus bekannt. Hier wurde die Welt als eine Cité (Stadt) betrachtet. Für die Stoiker nimmt der Mensch einen herausragenden Platz auf der Welt ein.[7] Der Besitz der Logos bringt ihn fast auf die Ebene der Götter und sichert ihm eine Überlegenheit gegenüber allen anderen Wesen. Das bedeutet, dass der Besitz der Vernunft, wenn sie voll entwickelt ist, den Menschen charakterisiert und die Identität des Menschen in Beziehung setzt. Als Ergebnis erlaubt es uns, an die wesentliche Einheit der Menschheit zu denken. Die Verwandtschaft zwischen Menschen und Göttern ermöglicht es, die Welt als gemeinsame Stadt der Götter und Menschen [8] zu definieren.

Im stoischen Kosmopolitismus wurde der Mensch nicht als ein Zugehöriger einer einzelnen Nation eher als ein Weltbürger angesehen. Diese These basiert auf der Idee der Einheit der Menschheit und der Identität der Menschen zueinander, unabhängig von der Unterscheidung des moralischen Wertes von Individuen, ihrer Herkunftsnation oder einfach ihrer Herkunft. Es gab daher einen radikalen Universalismus unter den Stoikern. Dieser Universalismus behauptet sich trotz der Unterschiede zwischen Griechen und Barbaren, zwischen freien Menschen und Sklaven sowie zwischen Weisen und Unwissenden oder zwischen Tugendhaften und Boshaften. Es gab daher eine gleiche Würde aller Menschen. ANTIPHON, der die „ Aufhebung aller geschichtlich gewordenen nationalen Unterschiede “ und ein „ internationales Gleichheitsideal[9] vertrat, behauptet, dass weder die Differenzierung in Griechen und Barbaren noch irgendwelche sozialen Abstufungen gültig ist. Dadurch insistiert er besonders auf dem Universalismus, wenn er sagt: „ [ ... ] von Natur sind wir alle in allen Beziehungen gleich geschaffen, Barbaren wie Hellenen ... Atmen wir doch alle insgesamt durch Mund und Nase in die Luft aus und essen wir doch alle mit Hilfe der Hände [ ... ]. „ [10]

(2) Im Mittelalter: Der religiöse Kosmopolitismus

Im Gegensatz zum stoischen Kosmopolitismus war der mittelalterliche Kosmopolitismus eher religiös. Er gab das philosophische und politische Äquivalent einer Einheit des christlichen Glaubens, die sich über West- und Osteuropa ausbreitete. Es war auch radikaler als der alte Kosmopolitismus, da er das Festhalten an einem gemeinsamen Glauben voraussetzte.[11] Es war aber auch eher begrenzt und erstreckte sich nur auf die gesamte Christenheit. Der mittelalterliche Kosmopolitismus wurde durch die Verbreitung des humanistischen und republikanischen Ideals des 16. Jahrhunderts und durch den Sieg des Prinzips der Souveränität im 17. Jahrhundert ruiniert. Das republikanische Ideal, damals die Verbreitung des Souveränitätsprinzips in ganz Europa, war Ausdruck einer Rückkehr zum alten politischen Ideal der Stadt. Problematisch beim religiösen Kosmopolitismus war die Tatsache, dass er eine Art von religiöser Diskriminierung bildete, da diejenigen, die nicht Christen waren, galten als nicht kosmopolitisch in diesem Sinne. Diese Auffassung war auch altmodisch, insofern als es ihr nicht gelungen war, Frieden zwischen Völkern zu etablieren, da es noch viele Kriege in Europa gab.[12] Daher entwickelte sich eine neue Form des Kosmopolitismus, und zwar der friedenzentrierte Kosmopolitismus.

[...]


[1] Vgl., Fernand Kreff, Eva-Maria Knoll, Andre Gingrich (Hg.), Lexikon der Globalisierung, Bielefeld: transcript, 2011, S.197

198.

[2] Vgl., Ebd.

[3] Vgl., Ebd.

[4] Pauline Kleingeld, Kants politischer Kosmopolitismus, In: Jahrbuch für Recht und Ethik / Annual Review of Law and Ethics,Vol. 5, Themenschwerpunkt: 200 Jahre Kants "Metaphysik der Sitten" / 200th Anniversary of Kant's "Metaphysics of Morals" (1997), pp. 333-348

[5] Vgl., Derek Heater, World Citizenship and Government. Cosmopolitan Ideas in the History of Western Political Thought, New York, St. Martin’s Press, 1996.

[6] Der Begründer des Stoizismus, ZENO VON ZITION, war Schüler der zynischen Krater von Thebes selbst, der Nachfolger von Diogenes von Sinope. Seine Nachfolger an der Portique School haben eine lange Geschichte der Weltoffenheit.

[7] Vgl., Joachim Ritter, Karlfried Gründer (Hg.) „ Kosmopolit, Kosmopolitismus.“ In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. 13 Bde. Darmstadt 1971-2007, Bd. 4, S.1155-1167.

[8] Vgl., a.a.O., Joachim Ritter, Karlfried Gründer

[9] W. JAEGER, Paideia 1, 1959, S.413. Zitiert nach Joachim Ritter, Karlfried Gründer, S. 14896

[10] Antiphon, VS B 44 B, Col. 2., Zitiert nach Joachim Ritter, Karlfried Gründer, S. 14896

[11] Vgl., a.a.O., Joachim Ritter, Karlfried Gründer

[12] Eine Illustration dafür war folgende Kriege: Merowingischer Bruderkrieg (561–613), Thüringisch-hessischer Erbfolgekrieg (1247–1264), Belagerung und Eroberung von Konstantinopel (1453), Russisch-Litauischer Krieg (1507–1508).

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Was ist Kosmopolitismus? Der Bedeutungswandel des Begriffs "Kosmopolitismus" in Europa
Hochschule
Universität Leipzig  (Global and European Studies Institut)
Veranstaltung
Osteuropa Global
Note
2
Autor
Jahr
2019
Seiten
7
Katalognummer
V509458
ISBN (eBook)
9783346073068
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kosmopolitismus Europa Globalisierung Mittelalter Aufklärung
Arbeit zitieren
Ngoei Nyadao Hamadou (Autor), 2019, Was ist Kosmopolitismus? Der Bedeutungswandel des Begriffs "Kosmopolitismus" in Europa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509458

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Was ist Kosmopolitismus? Der Bedeutungswandel des Begriffs "Kosmopolitismus" in Europa


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden