Eine kulturhistorische Untersuchung zur Bedeutung ägyptischer Fayence von der prähistorischen bis zur römischen Zeit und ihrer Ausbreitung außerhalb Ägyptens


Akademische Arbeit, 2018

71 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Baukunst

Mobiliar und Gebrauchsgegenstände

Götterfiguren

anthropomorphe Figuren

Spielwaren

zoomorphe Figuren

Gefäße

Schmuck

religiöse Weihgaben

Amulette

funeräre Verwendung

Schlussbetrachtung

Einleitung

Bei Fayence handelt sich um eine Art Quarzkeramik, welche zu Beginn des vierten Jahrtausends aufkam und auf die braune Tonkeramik folgte. Der Unterschied zur Tonkeramik besteht aus dem porösen Kern, welcher grau-bläulich bis weiß ist, sowie auch darin, dass es die erste Keramik ist, welche glasiert wurde, und zwar blau bis blaugrün. Der Name Fayence leitet sich von der Tonkeramik der italienischen Stadt Faenza her, wobei auch die Bezeichnungen Quarzfrittenkeramik, SiO2-Keramik, Kieselkeramik vorhanden sind, doch die Begriffe Ägyptische Fayence oder Quarzkeramik konnten sich am stärksten durchsetzen. Im Altägyptischem wurde Fayence ṯḥnt genannt, was „die Glänzende“ oder „die Strahlende“ bedeutet. Dabei werden, aufgrund der reflektierend-leuchtenden Eigenschaft, Bezüge zur Sonne, deutlich, obgleich es dennoch als Mineral galt, da es mit dem Determinativ für Mineralien determiniert wurde. Folglich ist die Assoziation mit der Sonne eine Beschreibung der optischen Eigenschaft des Materials, wobei die weibliche Endung von Interesse ist. Bezüge zum Himmel sind denkbar, da Fayenceobjekte oft aquatische Konnexionen besitzen und der Himmel laut altägyptischer Auffassung ein großer Ozean war. Zudem ist auch die Bezeichnung ḫsbd jr.tj, also künstlicher Lapislazuli, belegt. Somit dürfte Fayence als Imitat des Lapislazuli ein einfacherer Weg gewesen sein, an diesen Stein zukommen, obgleich bekannt war, dass es nicht echt war. Fayenceobjekte wurden meist in Modeln hergestellt, doch für die genaue Herstellung geben die Quellen nichts Genaues her. Nur das Wirken des Künstlers Irtisen, ca. um 1800 vChr, sowie eine Darstellung aus dem Grab des Gaufürsten Ibi (700 v.Chr.) verraten einige Details. Demnach lässt sich die genaue Herstellungsprozedur nur mit Mitteln der experimentellen Archäologie und chemisch-technischen Analysen nachvollziehen. Das Material der Fayence an sich besteht aus Quarzmehl, Soda und Salzpflanzenasche; die Glasur, welche die Leuchtkraft ermöglichte, besteht aus Alkalisilikaten, welche die Mischung zusammenhalten. Seit dem 14. Jhdt. V.Chr. Model betätigt, um kleine Schmuckgegenstände zu formen, keine Dreh- oder Töpferscheibe, während Figuren von der Hand geformt wurden[1].

Die älteste Werkstatt befindet sich in Abydos in der Nähe eines Chontamenti-Tempels, und in dieser wurden wohl die Fayenceobjekte des Alten Reichs und der ersten Zwischenzeit hergestellt. Nahe der nördlichen Pyramide in Lischt wurde 1920-1921 von dem Metropolitan Museum of Art New York eine Werkstatt gefunden, dessen früheste Produkte in die 12. und die spätesten in die 20. Dynastie datieren. Im Neuen Reichs wurde in Malqata unter Amenophis lll eine Fayencewerkstatt betrieben, welche unter Echnaton nach Achet-Aton verlegt wurde. Weitere Werkstätten befanden sich in Gurob, Qantir (unter Ramses ll), Tell El-Jahudiya (20. Dynastie) und Naukratis (Spätzeit). Fayence galt als Luxusgut, und neben Gold und wurde mit der Freude und guten Gedanken verbunden. Dies verdeutlicht bereits das Schriftzeichen für Fayence, da es ein Firmament darstellt, aus welchem Tautropfen oder Papyruspflanzen heruntergleiten. Diese stehen jeweils für Feuchtigkeit, ein Lebensgarant, und Frische. Zudem erinnert dies an Strahlen. Die Frische und die fruchtbare Vegetation alludieren auch auf die regenerative Natur. Somit sind das Blau des Himmels und das Grün der Natur vereint und besaßen die Semantik von Lebenselixier, Wiedergeburt, sowie des unsterblichen Kreislaufs der Natur[2].

Ziel dieser Arbeit ist es einen Überblich darüber zu geben, wie Fayence im alten Ägypten verwendet und in welche Arten von Objekten diese verarbeitet wurde. Dabei werde ich einige ausgewählte Artefakte hinsichtlich kulturgeschichtlicher, kunsthistorischer oder technischer Aspekte analysieren. Zudem werde ich Beispiele nennen, welche in der Antike schon in andere Länder gebracht wurden und den Hintergrund und Weg ihrer Verbreitung eruieren.

Verwendung in der Baukunst

In der 0. bis 2. Dynastie sollten Fayencefliesen die bis dahin üblichen Mattenbehänge ersetzen, und dem Grab somit regenerative Eigenschaften zukommen und die Motive ewiglich verewigen lassen[3]. Diese Fliesen wurden handgeformt und vor dem Brand gestaltet[4]. Laut Hayes wurden aus Fayence geformte Fließen in den Deckwerken der Gräber, Paläste und Tempeln der ersten Dynastie verwendet und imitierten dabei Schilfmatten, mit welchen frühere Bauten bedeckt wurden[5]. Es ging hierbei also darum, ein etabliertes, derzeit bekanntes Muster zwar zu reproduzieren, doch da das bislang verwendete Material sich scheinbar als nicht sehr stabil und haltbar bewies, versuchte man dies in einem anderen Material wiederzugeben, welches länger und besser halten würde. Dabei wählte man Fayence, wobei zu der Zeit nachweislich auch Stein hierfür viel Verwendung fand. Allerdings gebietet es der Vorsicht, in Fayencefließen der Frühzeit verewigende Charakteristika hineinzudeuten, zumal aus dieser Zeit keine verlässlichen Quellen vorliegen, welche Aufschluss darüber geben, dass Fayence bereits in der Thinitenzeit schon als Material der Fruchtbarkeit gesehen wurde und Wiedergeburt versprechen sollte.

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Abbildung 1 Fayencefliesen aus den Kammern der Pyramide des Djoser, Altes Reich, dritte Dynastie, Sakkara, Metropolitan Museum of Art New York City 48.160.1

Diese Fayencefliesen entwickelten sich zu Fayencekacheln, welche frühestens seit der dritten Dynastie verwendet wurden, um die unterirdischen Gänge der Djoser-Pyramide und des Südgrabs, die sogenannten blauen Kammern, auszuschmücken (Abb.1). Dabei wurden 36 000 ca. 6 cm lange Fayencefliesen aufgewendet. Die Vorderseite der Kacheln ist bläulich glasiert und leicht konvex, während die Rückseite weiß, da unglasiert, und flach ist und auch einen rechteckigen Zapfen aufweist, durch welchen jeweils ein Loch gebohrt wurde; durch das Loch wurde eine Schnur gefädelt, um die Kacheln an die Wand anbringen und in Zapfenloch befestigen zu können. In dieser blauen Kammer ist eine Wand mit solchen Paneelen versehen, welche mit Djedpfeilern bekrönt sind. Da das Zeichen Beständigkeit bedeutet, ist hierbei eine erste Berührungsstelle zwischen den Bereichen Fayence und Ewigkeit greifbar. Auch umgeben die Fayencekacheln eine Scheintür, sowie bekleiden diese auch das dazu gehörige Mattengerölle. Dabei wird angenommen, die Fayencekacheln imitieren Mattenbehänge aus Schilf, also die vergängliche und leichtgewichtige innenarchitektonische Ausstattung aus der Zeit[6]. Allerdings ging es bei den Fayencekacheln wohl um mehr als nur Scheinarchitektur, wohl aufgrund der regenerativen Bedeutung der Fayence, und zusätzlich ist in den Pyramidentexten davon die Rede, dass der Pharao in einem Schilffeld im Jenseits wiedergeboren würde, weswegen die Modellierung von Schilf durch die Kacheln als Simulierung dieses jenseitigen Orts gedeutet werden[7]. Es ist wohl nicht verkehrt, von chthonischen Konnotationen auszugehen, denn Fayence wurde ausschließlich in den unterirdischen Gängen angebracht, und im unterirdischen Bereich befindet sich auch die königliche Grabkammer. Folglich sind es vor allem Bezüge zum Jenseits und zur Wiedergeburt. Rein verewigende Merkmale kommen allein nicht nur der Fayence zu, denn diese Charakteristika trägt auch das Baumaterial Stein, denn dieser sollte dem Grabmal ewige Währung versprechen[8].

Fayencefragmente aus dem Totentempelkomplex des Raneferef sind zwar nur noch fragmentarisch erhalte, doch die erhaltenen Stücke geben Hinweise auf große Schritte, welche in der Technik und bildlichen Gestaltung durchgenommen wurden, denn die Fayencefliesen sind nun mit konkreten, polychromen Motiven bebildert. Es finden sich als Motive der König stehend mit Zepter und Keule, ein Anch-Zeichen entgegennehmend, thronend mit Göttin, welche ihm wohl Leben spendet, wobei letzteres Motiv Parallelen mit einer Szene aus dem Tempel des Pepi ll findet. Weitere zeigen den König, wie ihm ein Anch-Zeichen an die Nase gehalten wird, sowie auch wie er von einer männlichen Gottheit umarmt wird, wie es ebenso im Tempel des Pepi ll vorkommt[9].

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Abbildung 2 Einlage mit anthropomorphem Dekor, Mittleres Reich,13. Dynastie, Lischt, Metropolitan Museum of Art 2018.133

In Lischt wurden zahlreiche Ziegel aus Fayence gefunden, welche wohl Wände der Gebäude und Tür- und Fensterrahmen zierten. Diese gehörten wohl zur Gestaltung privater Häuser. Die blauglasierten Ziegel sind mit Personendarstellungen oder Hieroglyphen in Relief dekoriert. In der Nähe der Pyramide des Amenehmhet l in Lischt wurde ein Architekturziegel aus Fayence gefunden, welcher den ausländischen Namen Khendjer in Hierogylphen trägt[10]. Einige dieser Einlagen und Ziegel wiesen auch figürliche Dekore auf[11] (Abb.2).

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Abbildung 3 Fliese aus dem Palast dem Amenophis lll, 18. Dynastie, Malqata Metropolitan Museum of Art, 17.10.1a,

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Die Praxis polychromer Bebilderungen der Fayencefliesen, wie sie im Tempel des Raneferef vorkommen, wurden vor allem in Bauten der 18. Dynastie wieder aufgegriffen. So kam Fayence in Malqata im Amuntempel, sowie in der Palastanlage, zur Verwendung[12]. Dabei wurde sie vor allem an Türdurchgängen, Fenstern und Balkonen verwendet, wo sich als Motive Lotusblüten, Weintrauben und Farbleitern wiederfinden[13]. Vom Tordurchgang des Palastes ist ein Inschriftenband bekannt, dessen Fläche aus Fayence und die Hieroglyphen aus Gips geformt wurden[14]. Es herrschte also glänzende, Fayence-Architektur vor. Dies könnte mit dem Aufkommen und Verstärken der Sonnentheologie zusammenhängen, da es sich bei den Orten der Anbringung vor allem um liminale, nach außen gewandtem Orte handelt, wobei die Wahl der Orte auch die vermehrte Sonneneinstrahlung einen größeren Strahleneffekt hergibt. Auch wird ein ästhetischer Effekt erzielt, da durch die bestärkte Reflexion des Sonnenlichts Gloriolen erzeugt wurden. Bei der Deckengestaltung des Palasts in Malqata sind vor allem auf Gold geformte Spiralmuster (Abb. 4), zwischen denen Rindsköpfe herkommen und an ägäische Vorbilder erinnern, zu nennen[15]. Hierbei wurden also die Materialien Fayence und Gold miteinander kombiniert. Bei den Rindsköpfen handelt es sich Hayes zu Folge um Referenzen auf Hathor, und die Sonnenscheibe zwischen den Hörnern wurde zur Rosette umgestaltet[16]. Auch wurde im Palast des Amenophis lll eine Wand mit Naturszenerien beschmückt, welche nur noch fragmentarisch erhalten ist. Solche Fragmentstücke aus Fayence zeigen unter anderem schwimmende Enten, wohl ein Detail einer Szene eines Sees[17] (Abb. 3).

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Abbildung 5 Fliesenfragment aus Achet-Aton, Metropolitan Museum of Art 26.7.941

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Abbildung 6 Traubenmodell aus Achet-Aton, 18. Dynastie, Metropolitan Museum of Art 07.230.34

Auch in den Palästen von Amarna wurden Fayencefresken für die Fußböden verwendet, sowie auch für farbenfrohen Naturbildnisse. Diese Fliesen waren großflächige Einlagen, welche auf den Boden eingelegt wurden. Die Verzierungen wurden direkt in das Material geschnitten und nicht -wie früher üblich- vorgezeichnet, sondern frei in Freskotechnik angefertigt, um eine möglichst schnelle Fertigstellung zu bewerkstelligen[18]. Die wichtigsten Motive sind Bilder des Lebens in der Natur, wie etwa in Sumpf- und Papyrusdickichten[19] (Abb. 5). Das Vorkommen von naturalistischen Darstellungen ist im Gegensatz zu Amenophis lll stark gesteigert. Die Motive sind sehr zahlreich, von Kälbchen, die durch grünes Dickicht springen, über Wasser, in welchem, Fische schwimmen[20]. Weitere belegte Motive sind Alraunen und Kornblumen mit Blättern[21]. Wo Naturszenerien in anderen Epochen die ungebändigten Kräfte symbolisierten, sollten diese im Kontext der Amarnakunst die Präsenz des Gottes Aton illustrieren und visuell lobpreisen, da lediglich seine Macht das Leben in der Natur ermöglichte[22]. Zudem spiegelt die Naturlandschaftsmalereien die vorherrschende Gartenlandschaft der Stadt wider, sodass der Tempel tatsächlich als Miniaturversion der Stadt gesehen werden kann. Dabei nehmen die dargestellten Bildmotive, nämlich aus dem Papyrusdickicht auffliegende Vögel, auch Bezüge zu den Atongesängen, denn in einem Sonnengesang heißt es „Die Vögel sind aus ihren Nestern aufgeflogen, ihre Schwingen preisen deinen Ka“[23]. Damit dürften zumindest einige Bildmotive als visuelle Illustration der religiösen Texte zu verstehen sein. Die Wände und Fußböden wurden meist mit dem Motiv des Rinds im Papyrusdickicht bemalt[24]. Aus zahlreichen Bauten Achet-Atons sind viele plastische Dekorelemente belegt, wie etwa Trauben, welche bereits aus der Innenarchitektur unter Amenophis lll bekannt sind (Abb. 6)[25]. Dabei konnte entweder die ganze Traube aus dem Model gegossen werden, oder es wurden viele, separat hergestellte Kügelchen zusammengebunden. Ebenso aus Fayence hergestellt und, laut Andrew Boyce, an Türrahmen angebracht wurden Modelle von Lotusblüten, welche gemeinsam mit den Trauben die Natur wiedergaben und zugleich unterstrichen sie auch die Erhabenheit und die Üppigkeit der Herrschaftsgewalt des Pharaos[26].

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Abbildung 8 Fliesen von Rosetten aus dem Tempel Ramses ll in Tell el-Yahudiya

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Wo in der 18. Dynastie die Bilder noch zweidimensionale Malereien waren, nahmen diese in der Rammessidenzeit eine dritte Dimension an, denn diese wurden nun im Relief wiedergegeben. Fließen aus dem Millionenjahrhaus des Ramses lll aus Medinet habu zeigen plakativ die verschiedenen, damals bekannten politischen Feinde Ägyptens. Neben dem Totentempel treten solche Relieffliesen auch im Palast des Ramses lll in Tell El-Yahudya auf. Aus dem selbigen Palast stammte auch eine Fliese, welche die Titulatur des Ramses lll enthält[27]. Eine weitere Fliese zeigt einen Rechit-Vogel, welcher die Untertanen des Königs symbolisiert, und der Korb darunter betont die Gesamtheit aller Untertanen (Abb. 7). Ebenso belegt sind Fliesen in Form von achtblättrigen Rosetten, welche zu Hauf als Schmuck von Wänden, Säulen und Thronpodesten in ramessidischen Palästen gefunden wurden (Abb. 8; 10)[28]. Die vorkommenden Farben sind rotbraun, schwarz, purpur, gelb und weiß[29]. Ein Ziegel aus Fayence mit einer 1,5 mm dicken blauen Glasur zeigt den Horusnamen des Ramses lll, mr-n-Ma’t, wobei die Hieroglyphen in ca. 3 mm erhabenen Relief aufgetragen wurden[30]. Unterhalb der reliefierten Schrift wurde ein Palastfassadenmuster graviert[31]. Das Aussehen des Musters erinnert an Stelen aus dem Neuen Reich, welche dem großen Sphinx von Giza gestiftet wurden: diese zeigen den Sphinx auf einem Sockel liegend, welcher mit eben diesem Muster gestaltet wurde, welches Hassan als Palastfassade deutet[32]. Solche Fliesen bildeten sogenannte Spruchbänder, welche seit der 18. Dynastie auffällige Architekturteile, wie etwa die Tore von Palästen und Tempeln, umrahmten, und mit Inschriften der Epitheta von Königen versehen waren, wodurch diese als propagandistische Elemente zu deuten sind[33]. Fayencefliesen aus diesem Palast wurden auch mit Einlagen aus Alabaster belegt, bestimmte Formen und Motive bildeten, sodass Bilder und hieroglyphische Inschriften erstellt werden konnten[34]. Belegt sind das Neb-Zeichen, das Hau-Zeichen, sowie ein Papyrusstengel und zwei Schilfblätter[35]. Diese Fragmente stammen aus dem Spruchband aus dem Tor[36]. Eine weitere Technik zur Bildung von konkreten Mustern war jene, Glasuren unterschiedlicher Farben aufzutragen, so wie etwa bei den vielen in den Palästen der Ramessiden gefundenen Rosettenfliesen, welche jeweils durch zurechtgeformte Flächen aus gelber und blauer Glasur zu achtblättrigen Rosetten geformt wurden[37]. Rosetten dienten auch zur Zierde von Säulenbasen[38]. Ebenso sind im Palast von Qantir Fliesen mit Darstellungen der erschlagenen Feinde an die Soubassement unter den Treppenstufen angebracht, sodass diese beim Betreten der Treppenstufen entsprechend niedergetreten werden können[39]. Hierbei nimmt Fayence nicht die Rolle des Lichtreflektors auf, sondern fungiert hier als Teil der formellen Ausstattung des Tempels als Bauwerk als erster Klasse. Jedoch ist eben für diesen Aspekt als Ausweisung als wichtiges Bauwerk die reflektierende Eigenschaft des Materials Fayence nicht außer Acht zu lassen. Durch die Reflexion des Sonnenlichts wird der Thronraum visuell glorifiziert. Der Effekt ist nicht nur auf das reine Aufleuchten des Raums beschränkt. Auch die im einzelnen dargestellten Motive kommen hierdurch besonders zum Vorschein, da sie aufleuchten und dadurch bedeutsam sichtbarer sind. Eines der widerholt vorkommenden Motive ist jenes der Feinderschlagung. Dabei sind die einzelnen, zu erschlagenden Länder durch einzelne Vertreter personifiziert im Soubassement unterhalb der Thronplattform und der Treppenstufen abgebildet, sodass der König stets, sowohl beim Aufsteigen auf der Treppe, als auch beim Sitzen auf dem Thron, stets die Füße buchstäblich und unmissverständlich zertreten kann, denn in beiden Fällen befindet sich der König auf den Feinden.

Mit Fayenceeinlagen beschmückte Spruchbänder sind bis in die 30. Dynastie, wie etwa in Aschmunein, von welcher hauptsächlich nur noch Fayenceeinlagen in Form von Falken erhalten sind (Abb. 9; 11)[40]. Auch in ptolemäischer Zeit wurden Dekoration aus diesem Material geformt. So sind Figuren von Falken belegt. Diese stellen die Falken der Goldhorusnamen dar, welche zusammen die komplexe Königstitulatur wiedergeben. Einlagen in Form von Sternen sind auch aus Kush belegt[41]. Auch in Meroe wurden viele Einlagen aus Fayence in Gebäude eingelegt, deren Formenrepertoire Schriftzeichen (ˁnḫ, sꜢ), Apademak auf einer Mondsichel liegend (Abb. 12), eine Rosette und ein Tondo einer Mänade umfasst[42]. Das Protom, dass Apademak darstellt, verdient etwas mehr Aufmerksamkeit. Zu sehen ist hier die Gottheit in Löwengestalt, die eine Hemhem-Krone trägt und sich mit den Vordertatzen sich auf eine Mondsichel stütz, die nach ägyptischer Tradition und die Form der Ꜣbd -Hieroglyphe befolgend als dünnes Hörnchen dargestellt ist.

Die aus dem alten Reich bekannte Praxis der Fayenceziegel als Einlagen für die Dekoration der Wände ging nicht verloren, denn in ptolemäischer Zeit wurde sie wieder aufgegriffen. So wurden im königlichen Viertel Alexandriens 60 Fayenceziegel gefunden, und obwohl der genaue, architektonische Verwendungskontext nicht erhalten ist, wird bei einer Verwendung als Dekorationsziegel an den Wänden der Paläste Alexandriens ausgegangen. Dies spricht dafür, dass die Praxis der Dekoration ägyptischer Tempel mit Fayencefliesen in der ptolemäischen Zeit fortgeführt wurde. Zudem wird davon ausgegangen, dass diese Fayencedekoration in den alexandrinischen Palästen zum Schachbrettmuster, mit welchem die Innenwände der Anfushi-Gräber auf Pharos bemalt wurden, inspirierten und diese damit imitiert werden sollten (Abb. 13). Somit liegt hier ein Beispiel als Beweis dafür vor für die These, die Fayencefliesen stammen aus der Palastarchitektur und die Gräber sollten diese imitieren. Zugleich ist hier auch ein ökonomischer Aspekt zu beachten, denn die Schachbrettmalereien dürften günstiger gewesen sein als die Anfertigung einer Wand aus Fayencefliesen, müsste man hierfür nicht erst einmal Fayence herstellen, brennen, zurecht formen und entsprechend an die Wände anbringen. Auch ist zu bedenken, ob diese den Palast als solches nachahmen oder lediglich Monumentalcharakter verleihen sollten. Im Kontext der Grabdekoration stehen sie stellvertretend für Ägypten, dass sie ein ägyptisches Element sind. Gemeinsam mit den knienden Sphingen vor dem Grabeingang verleihen sie den Gräbern auf der Pharos-Insel majestätische Implikation.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 13 Schachbrettmuster Anfushi-Grab ( Venit, Visualizing afterlife, Abb. IV)

[...]


[1] Birgit Schlick-Nolte Ägyptische Fayence/Quarzkeramik Herstellung und Verwendung bis zum Ende der Amarnzeit, in: Im Licht von Amarna S. 99-107

[2] Birgit Schlick-Nolte, Ägyptische Fayence und Ägyptisch Blau im Alten Ägypten, in: Busz, R. Türkis und Azurit. Quarzkeramik im Orient und Okzident, S. 12-51

[3] Birgit Schlick-Nolte, Ägyptische Fayence und Ägyptisch Blau im Alten Ägypten, in: Busz, R. Türkis und Azurit. Quarzkeramik im Orient und Okzident, S. 12-51

[4] ebenda

[5] Hayes, William C., Scepter of Egypt I: A Background for the Study of the Egyptian Antiquities in The Metropolitan Museum of Art: From the Earliest Times to the End of the Middle Kingdom S. 45

[6] Ebenda, Auch andere Teile der Pyramidenanlage Djosers, wie etwa die Bündelsäulen der Eingangshalle und die Festkapellen, wobei letztere neben den vertikalen Pflanzenstengeln noch die gebogene Krönung aufweisen (Dietrich Wildung, das alte Ägypten von der prähistorischen Zeit bis zu den Römern, S. 30-34)

[7] Dorothea Arnold, Egyptian Art in the Age of Pyramids, S. 169, da die Pyramidentexte jedoch erst nach der dritten Dynastie auftreten, ist es allerdings auch etwas schwierig von dem Inhalt dieser Texte auf Gestaltungsmerkmale der dritten Dynastie zu schließen, zumal etwas Zeit dazwischen verstrich, in welcher sich Veränderungen hätten ereignen können.

[8] Egyptian Art in the Age of Pyramids, S. 169, Zudem wird den Fayencekacheln nachgesagt, sie würden die Erscheinung eines Palastes imitiert. Es gibt zwar keinen zeitgenössischen Palast, mit dem man dies vergleichen könnte, doch als was sollten die Zierden sonst zu verstehen sein?

[9] Renata Landgrafova, Faience fragments from the funerary temple of Raneferef, part ll – the motifs, in: Actes Du Neuvième Congrès International Des Égyptologues, Volume ll. Grenoble, 2004

[10] Hayes, William C., Scepter of Egypt I: A Background for the Study of the Egyptian Antiquities in The Metropolitan Museum of Art: From the Earliest Times to the End of the Middle Kingdom, S. 257-258 u. 342

[11] Dieter Arnold, The pyramid complex of Amenemhat I at Lisht: The architecture. Publications of the Metropolitan Museum of Art Egyptian Expedition, vol. 29. New York: The Metropolitan Museum of Art, 2015, pp. 58–59., Hayes, William C. 1953. Scepter of Egypt I: A Background for the Study of the Egyptian Antiquities in The Metropolitan Museum of Art: From the Earliest Times to the End of the Middle Kingdom. Cambridge, Mass.: The Metropolitan Museum of Art, p. 257.

[12] Birgit Schlick-Nolte Ägyptische Fayence/Quarzkeramik Herstellung und Verwendung bis zum Ende der Amarnzeit, in: Im Licht von Amarna S. 99-107

[13] ebenda

[14] ebenda

[15] Hayes, The scepter of Ancient Egypt ll. The Hyksos and the New Kingdom, S. 246

[16] ebenda, S. 246

[17] Busz, R. Türkis und Azurit. Quarzkeramik im Orient und Okzident, S. 297

[18] Die Zeit vor nach Amarna, in: Im Lichte von Amarna, S. 37

[19] Dietrich Wildung, Ägypten. Von der prähistorischen Zeit zu den Römern, S. 116

[20] Birgit Schlick-Nolte Ägyptische Fayence/Quarzkeramik Herstellung und Verwendung bis zum Ende der Amarnazeit, in: Im Licht von Amarna S. 99-107

[21] Rita Freed, Pharaos of sun, S. 228

[22] Ebenda, Solche detailgetreuen Naturdarstellungen sind auch in Tempeln vor der Amarnazeit belegt, nämlich in Tempel von Karnak, welcher vor dem Sanktuar auf zwei Räumen verteilt den sogenannten Botanischen Garten abbildet. Diese vielen Wandreliefs wurden unter Thutmosis lll angefertigt und dienen dazu, dass Schöpferwerk des Amun-Re, welcher als König der Götter galt, zu illustrieren. Dabei entsprechen sie in ihrer theologischen Funktion des Jahreszeitenreliefs im Sonnenheiligtum des Niuserre in Abu Ghurob. Die Gemeinsamkeit dieser Bilderhymnen mit den Malereien aus Amarna besteht lediglich in der Motivik. Auch funktionell entsprechen sie sich, da auch diese Bilder die Huldigung des Gottes bezwecken, wobei jeweils ein anderer Gott gehuldigt wurde (Wildung, Ägypten von der prähistorischen Zeit bis zu den Römern, S. 96)

[23] Ebenda, S. 116

[24] Rita Freed, Pharaos of the Sun, S. 228

[25] Ebenda

[26] Rita Freed, Pharaos of the Sun, S. 227

[27] D. Arnold, ‘The Encyclopedia of ancient Egyptian architecture’ (London, I. B. Tauris, 2003), S 20

[28] Busz, R. Türkis und Azurit. Quarzkeramik im Orient und Okzident, S. 297

[29] Ebenda, S. 299

[30] Ebenda, R. Türkis und Azurit. Quarzkeramik im Orient und Okzident, S. 294-295

[31] Ebenda

[32] Hassan, S. The Sphinx. Its history in the light of recent excavations, S. 16-26

[33] Busz, R. Türkis und Azurit. Quarzkeramik im Orient und Okzident, S. 294-295

[34] Ebenda, S. 295-296

[35] Ebenda

[36] Ebenda, S. 296

[37] Ebenda, S. 296-297

[38] Virginia Webb Three Faience Rosette Discs in the Museo Egizio in Turin: The Early Ramesside Pharaohs in the Eastern Delta, and Their Glittering Palaces

[39] H. E. Winlock, Faience Tiles from an Egyptian Palace. The Metropolitan Museum of Art Bulletin, Band 30, Nr. 5 (May, 1935), S. 111-113

[40] Lythgoe, Albert M. 1927. "The Carnarvon Egyptian Collection." In: The Metropolitan Museum of Art Bulletin, Bd. 22, Nr.2, S. 39

[41] P. L. Shinnie, Rebecca J. Bradley, The Capital of Kush, Band 1, S. 243

[42] Hellenizing Art in Ancient Nubia 300 B.C. - AD 250 and Its Egyptian Models ..., S. 153

Ende der Leseprobe aus 71 Seiten

Details

Titel
Eine kulturhistorische Untersuchung zur Bedeutung ägyptischer Fayence von der prähistorischen bis zur römischen Zeit und ihrer Ausbreitung außerhalb Ägyptens
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Ägyptologisches Institut)
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
71
Katalognummer
V509490
ISBN (eBook)
9783346080592
ISBN (Buch)
9783346134691
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fayence, ägyptische Kunst Ägyptische Archäologie, Außenbeziehungen Ägyptens Ägyptiaka
Arbeit zitieren
Rastagar Ahmad Ilyas Munir (Autor:in), 2018, Eine kulturhistorische Untersuchung zur Bedeutung ägyptischer Fayence von der prähistorischen bis zur römischen Zeit und ihrer Ausbreitung außerhalb Ägyptens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509490

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