Ist Frischs "Biedermann und die Brandstifter" ein Drama in epischer Tradition?

Wie viel Brecht steckt noch in Frisch?


Hausarbeit, 2013

14 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Was ist ein episches Drama?

II. Merkmale des epischen Dramas anhand von Biedermann und die Brandstifter
II.a Aufbau des Stückes
II.b Die Parabel
II c Der Chor
II.d Verfremdung
II. e Lehrstück ohne Lehre

Schlussteil

Literaturverzeichnis

Einleitung

Biedermann und die Brandstifter ist das berühmteste Theaterstück des Schweizer Max Frisch und laut Literaturkritikern auch eines der besten deutschsprachigen Dramen des 20. Jahrhunderts. Frisch hebt sich hiermit deutlich von seinem bisherigen Schaffen ab und versucht mit dem Lehrstück ohne Lehre ein neues Theaterbild zu verwirklichen. Obwohl dieses zuerst als Hörspiel erschienene Stück, laut Frischs eigenen Worten mehr als „Fingerübung“ gedacht war, um sich in Form zu halten. War es also zufällig, dass Frisch einen neuen Weg einschlug und viele Elemente einem großen Dramatiker des 20. Jahrhundert gleichen? Vielmehr wird dies wohl den zahlreichen Treffen mit Bertolt Brecht verschuldet gewesen sein, welchem Frisch oft bei Diskussionen zum epischen Theater zuhörte. Seine Eindrücke über den Literaten fasste er zuerst in seinen Tagebüchern und dann auch in seinen Erinnerungen an Bertolt Brecht 1968 zusammen. Ich habe es mir in meiner Hausarbeit zur Hauptaufgabe gemacht herauszufinden, ob Brecht auch ein Vorbild in Bezug auf Biedermann und die Brandstifter war und wie viele Eigenheiten der Dramaturgie sich in ihm wiederspiegeln. Dazu sind fünf Aspekte zu untersuchen: der Aufbau des Stückes, die Parabelform im Speziellen, der Chor, der Verfremdungseffekt und zum Schluss auch der Zusatztitel Lehrstück ohne Lehre. Dabei beschränke ich mich auf die Analyse des Textes und kann aus umfangverschuldeten Gründen, leider nicht auf die biographischen Aspekte und die einzelnen Zusammentreffen der Dramatiker eingehen, welche die Nachwirkung Brechts auf Frisch begründen würden. Denn die Wirkung Brechts auf die Dramen der Nachkriegsmoderne ist für Frisch in einem besonderen Fall nachweisbar, da sich zahlreiche Schwärmereien in seinem Tagebuch finden lassen.[1] Allein der Zusatztitel Lehrstück ohne Lehre stellt hierbei eine Divergenz zum epischen Theater dar, weswegen sich die Fragestellung darauf beziehen soll: Wie viel Brecht steckt noch in Frisch?

I. Was ist ein episches Drama?

Um feststellen zu können, ob es sich bei Biedermann und die Brandstifter um ein episches Drama handelt, ist es wichtig diese spezielle Form zu definieren. Sie entstand als neue Theaterkonzeption durch die Zusammenlegung erzählender also epischer Elemente mit dem klassischen Drama. Bertolt Brecht ist Anfang des 20. Jahrhunderts Vorläufer in dieser Idee und begründete sie vor allem damit, dass das Theater revolutioniert werden müsse, um mit dem neuen und beliebteren Unterhaltungsmedium Kino mithalten zu können. Dabei kritisiert er es als festgefahren und zu konservativ. Der Zuschauer solle mehr in das Geschehen integriert werden und so hob Brecht die vorherrschende Zweiteilung von Schauspiel und Publikum auf. Aus diesem Grund ließ er zum Beispiel der Bühnengraben wegfallen, welcher die Bühne vom Zuschauersaal trennte. Diese Ideen revolutionierten die Theaterwelt, werden bis heute diskutiert und finden weiterhin Anwendung in der Dramatik. Jedoch arbeitete Brecht seine Vorstellungen nie zu einem zusammenhängenden und endgültigem Regelwerk aus. Vielmehr lassen sich zahlreiche Ansätze in vielen seiner Stücke und auch anderen biographischen Werken wiederfinden. Beispielsweise stellt Brecht die zwei Formen des klassischen oder auch aristotelischen und des epischen Dramas tabellarisch in einer Anmerkung zu Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny gegenüber.[2] Vieles kann auch aus seinem Essay Das epische Theater von 1936 herausgelesen werden, in welchem Brecht eine Grenzverwischung zwischen der Dramatik und Epik fordert.[3] Dies funktioniert zum Beispiel indem zum szenischen Spiel ein Erzähler hinzugezogen wird, der erläutern soll was mit dem alleinigen Handeln der Schauspieler nicht hinzureichend erklärt werden kann. Deswegen gibt es im Stück Der Kaukasische Kreidekreis einen zusätzlichen auktorialen Erzähler. Eine andere praktizierte Variante war es, wie zum Beispiel in Der gute Mensch von Sezuan eine Figur aus ihrer Rolle heraustreten zu lassen, sodass sich diese nun zum Publikum wendet und ihre Geschichte erzählt. Gab es keine Figur mit narrativen Elementen, so ließ Brecht oftmals auch Spruchbänder oder Lieder einfließen, die weitere Teile des Geschehens erklären sollten. Alle Maßnahmen Brechts die Dramentheorie zu verfortschrittlichen, dienten vor allem dem Verfremdungseffekt, kurz V-Effekt. Dieser stellte auch den Mittelpunkt des epischen Theaters dar und soll kurz gesagt, alles Selbstverständliche und Vertraute aus ihrer gewohnten Umgebung herausnehmen, es dabei künstlich verfremden und somit eine gewisse Distanz schaffen. Grob kann man den V-Effekt in drei Ebenen unterteilen: 1. der Aufbau der Stücke, 2. die sprachliche stilistische Gestaltung und zuletzt 3. die Aufführung mit Bühnenbild, Inszenierung und Schauspielern.[4] Um Biedermann und die Brandstifter in dieser Arbeit auf epische Mittel untersuchen zu können, musste ich mich auf die ersten beiden Punkte beschränken, sodass ich mich nur auf das geschriebene Drama beziehe, ohne Schauspieler und Inszenierung beurteilen zu können. Ein wichtiges Mittel der Verfremdung stellt die Historisierung dar, mit der aufgezeigt werden soll, dass ein Geschehen immer abhängig von äußeren Einflüssen und Umständen ist. Ändern sich die politisch- gesellschaftlichen Voraussetzungen, so kann sich auch die Situation an sich ändern. Damit wird die Relativität und Vergänglichkeit aufgezeigt und dem Zuschauer gelingt es neue Lösungswege für eine vorher unlösbar scheinende Situation zu finden. Das menschliche Verhalten erklärt sich laut Brecht fast immer aus den Einflüssen die auf ihn wirken, er kann diese beeinflussen und so auch sich selbst verändern. Mit dieser Intention soll auch der Zuschauer das Theaterstück verlassen. Daher herrscht die direkte Konfrontation im epischen Drama, sodass das Publikum gezwungen wird praktische Verhaltensweisen für sich selbst abzuleiten und zu erkennen. Dies wird auch als genussvolle Belehrung bezeichnet. Das Theaterstück wird zu einem Mittel der Kritik erhoben, welches das Volk dazu bringen soll vorherrschende Verhältnisse zu überdenken und dann auch verändern zu wollen.[5] Jedoch kann man nur im metaphorischen Sinne von wirklicher Epik im Drama sprechen, wenn ein erzählerisches Element vorhanden ist, welche die Handlung kommentiert und begleitet. Deswegen vermied Brecht es in seinen späteren Jahren den Ausdruck episches Theater zu gebrauchen und verwendete stattdessen dialektisches Theater zur Definition dieser Mischform.[6]

II. Merkmale des epischen Dramas anhand von Biedermann und die Brandstifter

II.a Aufbau des Stückes

Im klassischen Drama nach Aristoteles geht man von einer chronologischen Abfolge des Geschehens aus, die sich zumeist in 5 Akte gliedert. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Einheit von Zeit, Ort und Handlung, das bedeutet, dass die Handlung überschaubar sein muss, keine Nebenhandlungen haben darf und sich auf einen Ort beschränkt. Es gibt einen Protagonisten oder Held welcher sich in einer Problemsituation befindet, welche sich im Verlauf des Dramas linear zuspitzt. Man geht von einem Pyramidenschema nach Gustav Freytag aus, welches sich folgendermaßen gliedern lässt: 1. Akt Exposition, 2. Akt Steigende Handlung mit erregendem Moment, 3. Akt Höhepunkt, 4.Akt Fallende Handlung mit dem retardierendem Moment und zum Schluss der 5. Akt als Katastrophe. Brecht wollte sich von diesem Schema lösen, welche kohärente Geschehensfolge er kritisierte, da sie das Publikum nicht zum Denken anrege. Aufgrund dessen schuf er in seinem epischen Drama eine Form in der es für den Protagonisten nicht zwangsläufig zur Katastrophe kommen muss, sondern dieser mehrere Auswege vor sich hat. Oftmals verläuft die Handlung im epischen Drama deswegen keineswegs linear und chronologisch, sondern wird durch einige offen sichtbare Ellipsen unterbrochen. Diese sind für den Zuschauer explizit dargestellt. Betrachtet man Biedermann und die Brandstifter in diesem Kontext, so ist eine gewisse Mischform abzuleiten. Max Frisch bevorzugt in seinen Dramen eine lockere Abfolge von Szenen, die sich nicht zwingend nach dem klassischen Spannungsbogen richten.[7] Die spezielle Dreiteilung der antiken Tragödie lässt sich diskutieren, da das Drama, bis auf das Nachspiel welches eine besondere Rolle einnimmt, sich auf einen Ort beschränkt und durchweg im Anwesen der Familie Biedermann stattfindet. Die Zeitspanne lässt sich nicht genau definieren, allerdings deutet der Chor immer wieder einen neuen Tag an, die Zeit wird teilweise anhand einer Turmuhr gekennzeichnet und auch einige Grußformeln wie „Guten Morgen die Herrschaften!“[8] ergeben einen Handlungszeitraum von wahrscheinlich 4 Tagen. Größtenteils werden nur die Tage szenisch dargestellt, während die Nacht entweder vom Chor zusammengefasst wird oder vereinzelt auch etwas zu den Brandstiftern berichtet, die sich nachts auf dem Dachboden vorbereiten, was Biedermann und seine Frau beim Schlafen stört. Diese Auslassungen sind als explizite Ellipsen zu sehen, da der Chor diese direkt andeutet. In der strengen Form des geschlossenen Dramas geht man allerdings nur von einem einzigen Tag aus, an dem sich die gesamte Handlung vollzieht. Deswegen war es wichtig auch keinerlei Nebenhandlungen einzuführen, sondern linear nur ein Problem zu behandeln. Doch neben den Brandstiftern gibt es die Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Angestellten, den der Haarwasserfabrikant kündigte um von seinen Ideen profitieren zu können ohne mehr Geld bezahlen zu müssen, woraufhin dieser sich umbrachte. Damit wäre bewiesen, dass sich Frisch bei der Konzeption von Biedermann und die Brandstifter nicht mehr an die strenge Form des klassischen Dramas hielt.

[...]


[1] Salzer, Anselm, u.a.: Illustrierte Geschichte der Deutschen Literatur. In sechs Bänden. Neubearbeitung von u.a. Heinrich, Claus. Band 6, Köln 1998, S. 199.

[2] Kittstein, Ulrich: Bertolt Brecht. Paderborn 2008 S. 35ff.

[3] Bertolt Brecht: Das epische Theater, in: ders.: Schriften zum Theater 3, Frankfurt am

Main 1963

[4] Knittstein, S. 40.

[5] Asmuth, Bernhard: Einführung in die Dramenanalyse. 7. Auflage, Stuttgart 2009, S. 54f.

[6] Ebd., S. 55f.

[7] Heizmann, Bertold: Lektüreschlüssel. Max Frisch. Biedermann und die Brandstifter. Stuttgart 2003 S. 35.

[8] Frisch, Max: Biedermann und die Brandstifter. 15.Auflage, Frankfurt am Main 2012, S. 22.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Ist Frischs "Biedermann und die Brandstifter" ein Drama in epischer Tradition?
Untertitel
Wie viel Brecht steckt noch in Frisch?
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Nachkriegsmoderne
Note
1,3
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V509599
ISBN (eBook)
9783346072672
ISBN (Buch)
9783346072689
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Biedermann, Brandstifter, Max Frisch, Frisch, Brecht, episches theater, episch, bertolt brecht, nachkriegsmoderne, drama, dramatik, epische dramatik, parabel, verfremdung, v-effekt, lehrstück, biedermann und die brandstifter
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Anonym, 2013, Ist Frischs "Biedermann und die Brandstifter" ein Drama in epischer Tradition?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509599

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