Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung. Eine kritische Beurteilung der geplanten Diagnose nach ICD-11 und ihre Behandlung


Hausarbeit, 2019

17 Seiten, Note: 1,3

Marina H. (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

II. Zusammenfassung

1. Einführung

2. Abgrenzung der komplexen PTBS von der PTBS
2.1 Ereignisse, die zu einer K-PTBS bzw. einer PTBS führen können
2.2 Abgrenzung der K-PTBS von der PTBS anhand der Symptome

3. Vor- und Nachteile der Unterscheidung der komplexen PTBS und der PTBS als distinkte Diagnosen

4. Behandlung der K-PTBS

5. Diskussion und Fazit

III. Literaturverzeichnis

II. Zusammenfassung

Die geplante Einführung der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (K-PTBS) als geplante Diagnose des ICD-11 hat in der Forschungsliteratur für viel Diskussion gesorgt. Die Einführung der neuen Diagnose bringt sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich.

Gegen die Einführung spricht, dass sie Diagnose der komplexen PTBS einen unidirektionalen Zusammenhang zwischen dem traumatischen Ereignis und dem Symptom Emotionsregulation impliziert, wobei in einigen Fällen auch eine umgekehrte Ursache-Wirkungsbeziehung denkbar wäre. Ebenfalls besteht eine symptomatische Ähnlichkeit der komplexen PTBS mit der PTBS inklusive einer komorbiden Borderline Persönlichkeitsstörung (BPS). Bei genauerem Hinsehen ist allerdings zu dem Schluss zu kommen, dass sich die Symptome in ihren Ausprägungen ausreichend voneinander unterscheiden. Im Hinblick auf die Beurteilung des Klinischen Nutzens, welcher insbesondere bei dem ICD-10 als defizitär kritisiert wurde, ist zunächst festzustellen, dass die Unterteilung in klassische und komplexe PTBS mit einer Erhöhung der Komplexität des Diagnosesystems einhergeht. Eine hohe Komplexität geht dann mit einem niedrigen Klinischen Nutzen einher, wenn diese außerhalb des Forschungskontexts nicht notwendig ist. Jedoch lässt sich damit die Symptomatik einiger Patienten spezifischer und differenzierter abbilden, wodurch eine passgenauere Behandlung abgeleitet werden kann. Die Validität der Diagnose konnte durch statistische Verfahren wie der latent- profile analysis (LPA) und der konfirmatorischen Faktorenanalyse nachgewiesen werden.

Als Therapiemaßnahme der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung hat sich eine multimodale Behandlung etabliert, die innerhalb einer von der ISTSS veranlassten Expertenbefragung gewonnen wurde. Sie enthält drei aufeinanderfolgende Phasen, die jeweils ihren eigenen Schwerpunkt setzen: (1) Stabilisierung, (2) Konfrontation und (3) Teilnahme am Gemeinschaftsleben.

1. Einführung

Zukünftig wird es die komplexe posttraumatische Belastungsstörung (K-PTBS) im ICD-11 voraussichtlich als neue, eigenständige Diagnose geben (Cloitre, Garvert, Brewin, Bryant & Maercker, 2013). Obwohl die K-PTBS-Diagnose in der US-Literatur stark diskutiert wurde, wurde sie im Gegensatz zum geplanten ICD-11 jedoch nicht im DSM-V berücksichtigt (Hecker & Maercker, 2015). Dabei weist eine zunehmende Zahl an empirischen Forschungsarbeiten auf grundlegende Unterschiede zwischen den beiden Diagnosen hin (vgl. Cloitre, Garvert, Weiss, Carlson & Bryant, 2014).

Im Folgenden soll die Komplexe posttraumatische Belastungsstörung zunächst inhaltlich von der PTBS abgegrenzt werden. In diesem Zusammenhang wird aufgezeigt, welche Art traumatischer Erfahrungen jeweils zu einer PTBS oder einer K-PTBS führt. Im Anschluss daran soll auf Basis des aktuellen Forschungsstandes erörtert werden, inwiefern sich die Störungsbilder die beiden Störungsbilder voneinander unterscheiden, bevor die Vor- und Nachteile der Unterteilung der PTBS und der K-PTBS als eigenständige Diagnosen diskutiert werden. Abschließend werden Empfehlungen hinsichtlich der Therapie der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung ausgesprochen.

2. Abgrenzung der komplexen PTBS von der PTBS

Zum einen unterscheidet sich die K-PTBS von der PTBS durch die Art der traumatisierenden Ereignisse, welche die Störung auslösen. Zum anderen hebt sie sich symptomatisch von der PTBS ab. Zwar teilen beide Störungen eine große symptomatische Schnittmenge, es gibt aber auch bestimmte Alleinstellungmerkmale, welche die beiden Störungen voneinander abgrenzen.

2.1 Ereignisse, die zu einer K-PTBS bzw. einer PTBS führen können

Laut Margraf und Schneider (2009) lassen sich traumatische Ereignisse nach den Verursachungsformen in akzidentelle vs. menschlich verursachte Traumen sowie nach der Dauer in kurzdauernde bzw. einmalige und langandauernde bzw. mehrmalige Ereignisse unterscheiden. Dabei werden kurzfristige Traumata als Typ-I-Traumata und langfristige Traumata als Typ-II Traumata bezeichnet. Als Beispiele für interpersonelle Typ-II-Traumata sind Flüchtlinge oder zivile Opfer kriegerischer Auseinandersetzungen, die gefoltert wurden oder andere Formen von politischer oder organisierter Gewalt erlebt haben, zu nennen (ebd.). Bei Verkehrsunfällen und kurz andauernden Katastrophen wie einem Wirbelsturm hingegen handelt es sich um Beispiele für akzidentelle Typ-I-Traumata (Hecker et al., 2015). Im Vergleich zu den akzidentellen Typ-I-Traumata gehen laut der Autoren insbesondere die interpersonellen Typ-II-Traumata häufig mit einer besonders starken symptomatischen Reaktion einher und führen häufig zu einer K-PTBS. Anzumerken ist, dass die Diagnose nicht auf Basis der Art des traumatischen Ereignisses, sondern auf Basis der daraus resultierenden Symptome getroffen wird (ebd.).

2.2 Abgrenzung der K-PTBS von der PTBS anhand der Symptome

Bei der K-PTBS entstehen häufig komplizierte Symptommuster, die mit einer intensiven therapeutischen Behandlung verbunden sind (Hecker et al., 2015). Im Wesentlichen setzt sich die Diagnose aus den Kernsymptomen der PTBS sowie Emotionsregulationsproblemen, Selbstkonzeptveränderungen, Problemen der Beziehungsfähigkeit und Dissoziationsneigungen zusammen. Damit die Diagnose der Komplexen posttraumatischen Belastungsstörung nach dem geplanten ICD-11 erfüllt ist, müssen die Kernsymptome der PTBS sowie zusätzlich mindestens ein Symptom der oben genannten vier Beeinträchtigungsbereiche erfüllt sein (Cloitre et al., 2013).

Emotionsregulationsprobleme im Sinne einer K-PTBS liegen vor, wenn die Emotionsregulation oder die Impulskontrolle gestört sind, aber auch wenn eine andauernde dysphorisch-depressive Verstimmung besteht. Nicht selten ist die dysphorisch-depressive Verstimmung mit latenter oder chronischer Suizidalität verbunden und kann zu Selbstverletzungen führen. Selbstkonzeptveränderungen äußern sich bei einer K-PTBS in der Überzeugung, minderwertig, unterlegen oder wertlos zu sein. Auch können sich Schuld- und Schamgefühle entwickeln. Durch das Gefühl, niemandem vertrauen zu können, ziehen sich Erkrankte oftmals sozial zurück, wodurch zwischenmenschliche Beziehungen nur schwer aufgebaut und aufrechterhalten werden können.

3. Vor- und Nachteile der Unterscheidung der komplexen PTBS und der PTBS als distinkte Diagnosen

Umgekehrte Korrelation

Die Vergabe der Diagnose einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung kann das Risiko bergen, dass ein unidirektionaler Zusammenhang zwischen dem traumatischem Ereignis und der Störung angenommen wird (vgl. Schmid, Petermann & Fegermann, 2013). Die Diagnose der K-PTBS impliziert dabei, dass beispielsweise Emotionsregulationsprobleme durch das traumatische Ereignis hervorgerufen werden. Dabei sollte allerdings nicht außer Acht gelassen werden, dass auch eine entgegengesetzte Beziehung möglich ist (ebd.). So seien beispielsweise Emotionsregulationsprobleme ebenfalls mit einem höheren Risiko der Traumatisierung verbunden. Personen mit einer beeinträchtigten Emotionsregulation reagieren laut der Autoren stärker auf Umweltfaktoren, sodass bestehende Symptome im Sinne des Transaktionsmodells nach Fruzzetti (2015) verstärkt werden (Schmid et al., 2013). Folglich besteht die Möglichkeit, dass nicht die Emotionsregulationsprobleme infolge des Traumatischen Ereignisses hervorgerufen werden, sondern Emotionsregulationsprobleme vor dem Traumatischen Ereignis bestehen und sich aufgrund dieser defizitären Bewältigungsstrategien aus dem traumatischen Ereignis eine PTBS entwickelt. Personen hingegen, die über eine gute Emotionsregulation verfügen, entwickeln nach einem Traumatischen Ereignis möglicherweise seltener eine PTBS (Schmid et al. 2013).

Komorbidität statt eigenständige Diagnose?

In einigen Forschungsarbeiten wird diskutiert, inwiefern die K-PTBS eine Komorbidität aus PTBS und Borderline Persönlichkeitsstörung (BPS) darstellt (bspw. Cloitre et al., 2014; Lewis & Grenyer, 2009). Dabei wird unter anderem mit den relativ hohen Komorbiditäten zwischen der PTBS und der BPS argumentiert (Cloitre et al., 2014). In einer Studie von Pagura, Stein, Bolton et al. (2010) haben 24% aller Teilnehmer mit einer PTBS ebenfalls Kriterien einer BPS sowie 30% aller Personen mit einer BPS auch Kriterien einer PTBS erfüllt.

Darüber hinaus weisen einige Studien in diesem Zusammenhang auf die symptomatische Überschneidung der K-PTBS und der BPS hin (bspw. Resick, Bovin, Calloway et al., 2012). Als gemeinsame symptomatische Schnittmengen werden hier bspw. Probleme der Beziehungsfähigkeit, ein gestörtes Selbstkonzept und Emotionsregulationsprobleme genannt (ebd.). Bei genauerem Hinsehen unterscheiden sich die wesentlichen Merkmale der K-PTBS und der BPS in ihrer Ausprägung jedoch voneinander. So ist die BPS auf Ebene der Probleme der Beziehungsfähigkeit mit der Angst vor Zurückweisung sowie der wechselnden Idealisierung und Abwertung von zwischenmenschlichen Beziehungen gekennzeichnet (Ecker, 2008). Demgegenüber ist die Angst vor Zurückweisung kein Bestandteil der K-PTBS (Cloitre et al., 2014). Vielmehr bauen sich zwischenmenschliche Beziehungen aufgrund des Gefühls, niemandem vertrauen zu können, nur schwer auf oder werden oftmals nicht aufrechterhalten (Hecker et al., 2015).

Auf Ebene des Selbstbilds besteht bei K-PTBS-Patienten häufig die Überzeugung, wertlos, minderwertig oder unterlegen zu sein (Hecker et al., 2015). Das Hauptunterscheidungsmerkmal zum instabilen, wechselhaften Selbstbild bei der BPS (Margraf & Schneider, 2009) ist die meist durchgängig negative Färbung des Selbstbilds bei der K-PTBS (Cloitre et al., 2014).

Emotionsregulationsprobleme äußern sich bei der K-PTBS beispielsweise durch emotionale Sensitivität, reaktive Wut oder defizitäre Bewältigungsstrategien. Auch bei der BPS können einige dieser Symptomausprägungen beobachtet werden. Jedoch schließen die Kriterien, die als bezeichnend für die BPS angesehen werden können, Suizidversuche und selbstverletzendes Verhalten ein und stellen Ereignisse dar, die bei einer K-PTBS weitaus seltener vorkommen (Cloitre et al., 2014). In ihrer Studie konnten die Autoren (ebd.) diese Argumentation mit Hilfe einer latent class analysis (LCA) untermauern. So konnte die Stichprobe, die sich aus Teilnehmern zusammensetzt, die zuvor einem traumatischen Ereignis ausgesetzt waren, in vier distinkte Gruppen unterteilt werden:

Eine Gruppe wies in allen Bereichen niedrige Symptomausprägungen auf. Eine weitere wurde mit hohen Ausprägungen hinsichtlich der PTBS-Symptome und geringen Ausprägungen hinsichtlich der BPS Symptome assoziiert. Die sogenannte K-PTBS-Gruppe hatte eine hohe Ausprägung der PTBS-Symptome und der Selbstorganisationsdefizite. Eine weitere Gruppe konnte als BPS-Gruppe ausgemacht werden, da sie im Bereich der BPS-Symptome und der Selbstorganisationsdefizite hohe Werte aufwies (ebd.).

Folglich gelang es in der Studie mit Hilfe der LCA, qualitative Unterschiede zwischen K-PTBS und BPS aufzuzeigen (Cloitre et al., 2014). Hinsichtlich der Stichprobe ist anzumerken, dass diese zwar ausreichend groß ist (N=310), allerdings beschränkten sich die traumatisierenden Ereignisse auf Erlebnisse, die in Zusammenhang mit Kindesmissbrauch gebracht werden. Die Art der vorliegenden traumatischen Erfahrungen weist somit eine relativ geringe Bandbreite auf, was die Aussagekraft der Studie einschränken könnte. Für aussagekräftigere Ergebnisse sollte die Untersuchung mit einer größeren Vielfalt an traumatisierenden Erlebnissen repliziert werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung. Eine kritische Beurteilung der geplanten Diagnose nach ICD-11 und ihre Behandlung
Hochschule
Universität Bielefeld  (Psychologie und Sportwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
17
Katalognummer
V509800
ISBN (eBook)
9783346080356
ISBN (Buch)
9783346080363
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung, Diagnose, Behandlung, Kritische Auseinandersetzung mit der Diagnose
Arbeit zitieren
Marina H. (Autor), 2019, Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung. Eine kritische Beurteilung der geplanten Diagnose nach ICD-11 und ihre Behandlung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509800

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung. Eine kritische Beurteilung der geplanten Diagnose nach ICD-11 und ihre Behandlung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden