Die narrative Funktion der Farbgebung in Alan Moores Graphic Novel "Watchmen"


Hausarbeit, 2015

12 Seiten, Note: 1,3

David Prelle (Autor:in)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Die narrative Funktion der Farbgebung
2.1 Die Verdeutlichung charakterspezifischer Umstände und Veränderungen
2.2 Analepsen und epochale Vorausdeutung
2.3 Das Kreieren einer Atmosphäre
2.4 Stilmittel zur Verdeutlichung unabhängiger narrativer Elemente

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Watchmen“, erschienen 1986, ist eines der herausragendsten Beispiele dafür, weshalb Graphic Novel oft als das Bindeglied zwischen audiovisuellen und literarischen Kunstformen beschrieben werden.

Über die Jahre haben sich viele Begeisterte sowohl wissenschaftlich als auch privat mit dem Kunstwerk von Texter Alan Moore und Zeichner Dave Gibbons beschäftigt. Die Öffentlichkeit reagierte sehr positiv auf die Graphic Novel, so wurde es sogar in die Liste „All-TIME 100 Novels“ der renommierten Zeitschrift „TIME“ aufgenommen.1 „Watchmen“ zählt „zu den wichtigsten Werken des zwanzigsten Jahrhunderts“.2 Alan Moore und Dave Gibbons wurden oft gelobt und bis heute versuchen sich interessierte Amateure und renommierte Wissenschaftler an Deutungshypothesen und Analysen. Dabei werden ständig neue Details entdeckt. Aber nicht nur die Story oder die Zeichnung derselben überzeugen. Ein weiterer Name, der immer wieder fällt, ist John Higgins. John Higgins war der Kolorist von „Watchmen“, welcher große Teile dazu beigetragen hat, „Watchmen“ zu dem Kultstatus zu verhelfen, welches es schlussendlich erreicht hat: Ein Meilenstein der Graphic Novel, der sich bewusst von anderen Superheldencomics abhebt. Der Zeichner der Graphic Novel „Watchmen“, Dave Gibbons, sagt über seinen Koloristen: „Well, I’ve said this before—John has put effort into this above and beyond the call of duty as a colourist.“3

Die Arbeit eines Koloristen ist einer der letzten kreativen Prozesse in der Entstehung eines Comics und oft ist der Künstler in die vorherigen Entstehungsschritte des Comics nicht eingebunden; ihm werden lediglich die fertig gezeichneten, schwarz/weißen Seiten zugeschickt, welche er nach seinem Beitrag meist dem Editor oder dem Letterer, der für das Schriftbild zuständig ist, zukommen lässt.4 Doch so außergewöhnlich das Endresultat, so außergewöhnlich auch die Herangehensweise von Alan Moore und Dave Gibbons: John Higgins war von Anfang an mitbeteiligt an dem kreativen Prozess der Entstehung:

„The first time Dave and Alan had a Watchmen story brainstorm they invited me along. [...] As far as Dave and Alan were concerned they had wanted a full creative team approach right from the beginning, and that made me feel as fully a part of the Watchmen creative process as it was possible to be, being the junior member.“5

Alan Moore konnte somit seine persönlichen Vorstellungen von dem Erscheinungsbild genau so einfließen lassen, wie Dave Gibbons Ideen über die Kolorierung seiner Arbeit. Wie stark sich mit kleinsten Details beschäftigt wurde, gibt ungefähr Aufschluss darüber, wie wichtig die Kolorierung letztendlich für diese Graphic Novel ist: Man grübelte beispielsweise über die optimalen Reichweite, bei der das subtile, blaue Leuchten Dr. Manhattans auf Objekte in seiner Umgebung Auswirkungen haben sollte.6

Die enge Zusammenarbeit zwischen Autor, Zeichner und Kolorist, sowie die ins Detail gehenden Diskussionen über die Gestaltung legen nahe, dass die Farbgebung eine wichtige Rolle in der Graphic Novel „Watchmen“ spielt, verschiedene narrative Funktionen übernimmt und unterstützt. Grund genug, einen genaueren Blick auf die Erzählinstanz der Farbe zu werfen.

2. Die narrative Funktion der Farbgebung

2.1 Die Verdeutlichung charakterspezifischer Umstände und Veränderungen

Die wohl offensichtlichste Transformation eines Charakters findet sich am Beispiel von Dr. Jon Osterman zu Dr. Manhattan. Sie ist so radikal, dass sich die dem Theseus-Paradoxon nicht unähnliche Frage stellen lässt, ob es sich noch um dieselbe Person handelt: Ist Dr. Manhatten der Wissenschaftler Osterman, dessen Körper in einem intrinsischen Feld bis zum letzten Molekül auseinander genommen wurde?7 Diese Veränderung hin zu dem einzigen Charakter in „Watchmen“ mit Superkräften wird auch in der Farbe seiner Haut widergespiegelt; denn nachdem er sich selbst wieder zusammengesetzt hat, ist er blau.8 Als er, der Chronologie folgend, das erste Mal als komplettes Wesen erscheint,9 strahlt er so viel Energie aus, dass ihn ein bläulich-weißes Licht umgibt. Obwohl sich dieses Leuchten im späteren Verlauf auf ein Minimum reduziert, verschwindet es doch nie ganz. Denn als er auf der Beerdigung des Comedians, bei welcher es regnet, erscheint, ist er wiederum von einem weißen Leuchten umgeben. Die Farbgebung weist hier auf die Beschaffenheit seines Körpers hin, ohne dass sie näher beschrieben werden muss: Sein Körper besteht aus gebündelter Energie in menschlicher Form.10 Sie reflektiert sich in seiner unmittelbaren Umgebung, was besonders sichtbar wird, wenn er sich im Regen aufhält.11 Diese Energie ermöglicht es ihm, seine äußere Erscheinung zu verändern, Personen zu teleportieren, physikalische Massen in ihre Atome zu zerlegen und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig wahrzunehmen.12 Doch nicht nur durch sein blaues Erscheinungsbild wird dem Betrachter die Bedeutung und das Ausmaß seines Wandels deutlich; auch seine Gedanken und seine Stimme scheinen eine andere Ebene als jene der übrigen Charaktere erreicht zu haben, denn diese werden in Sprechblasen und Kästchen wiedergegeben, welche innerhalb einer weißen Umrandung die selbe charakteristische blaue Farbe haben wie Dr. Manhattens Körper.13 Der Betrachter versteht instinktiv, dass Dr. Manhattans Aussagen und Gedanken von anderer Qualität sind, die weißen Umrandungen implizieren aber wiederum, dass er nicht völlig den Bezug zu seiner früheren Existenz als Normalsterblicher, als Dr. Jon Osterman verloren hat. Die Farbgebung unterstützt Kohärenz und Nachvollziehbarkeit des Inhalts, indem sie auf visueller Ebene eine Parallelität zur Narration herstellt.

Ein anderes Beispiel für die Untermalung eines Charakters, beziehungsweise eines charakterlichen Wandels durch die Farbgebung, findet sich in der Figur des Comedians. Dadurch, dass man nur durch Rückblenden von ihm erfährt, wird ein Großteil seines Lebens porträtiert und der Betrachter kann seine Entwicklung von einem „Minuteman“ zu einer regierungsnahen, auftragsbezogen handelnden Person mitverfolgen. Dieser Wandel offenbart sich auch in der Farbe seines Kostüms: Zu seinem Karrierebeginn bei den „Minutemen“ dominiert grellgelb sein Kostüm, welches optisch stark an eine Clownstracht erinnert.14 Später, zu Zeiten seines Dienstes für Amerika in Vietnam, hat er seine ursprüngliche Heldenverkleidung gegen eine schwarze Uniform eingetauscht, deren blau, rot, weißen Schulterpads an die amerikanische Flagge erinnern. Die Farbgebung impliziert dem Betrachter, dass der Comedian nach seinem Rausschmiss aus der Gruppierung der „Minutemen“ als Söldner für die amerikanische Regierung arbeitet,15 nicht als maskierter Schurkenjäger. Nur das Symbol des Comedians, der Smiley, erinnert durch sein Grellgelb noch an das alte Kostüm. Die Farben seiner Kleidung verdeutlichen somit den Wandel der Arbeit des Comedians und darüber hinaus die charakterliche Veränderung.

Die Farbgebung spielt allerdings auch eine wichtige Rolle bei der Verdeutlichung charakterlicher Unterschiede. Dies wird besonders evident bei dem Telefonat der ehemaligen „Minutemen“ Silk Spectre und Night Owl I.16 Die charakterlichen Unterschiede werden durch das geschickte Platzieren von Schlüsselelementen hervorgehoben: Sally Jupiter schaut eine Art Seifenoper (S.1 P.4), eine Lektüre, die ihre ehemalige „Mintemen“-Karriere thematisiert, liegt aufgeschlagen auf ihrem Bett (S.1 P.6), Vitamindosen stehen auf einer Anrichte (S.2 P.3) und sie genießt eine Maniküre während des Telefonats (S.2 P.5). Hollis Manson schaut Nachrichten über den Einfall der UdSSR in Afghanistan (S.1 P.3) während er raucht. Eine Bierflasche und eine Packung Zigaretten befinden sich neben ihm (S.2 P.2). Die Farbgebung hilft dem Betrachter, sich zurecht zu finden in dem regelmäßigen Wechsel zwischen den zwei Orten, denn die telefonierenden Personen werden nie ganz dargestellt. Folglich ist der Betrachter auf die Symbolik und die Nuancen der Farbe angewiesen, will er nachvollziehen, in welcher Wohnung er sich in dem spezifischen Panel befindet. Darüber hinaus hilft die Verwendung von Farben nebst den verwendeten Symbolen dabei, die Personen näher zu charakterisieren. Dunkelviolette und -orangene Töne dominieren im Domizil von Hollis Mason, während Sally Jupiters Apartment in hellen, warmen Gelb- und Orangetönen dargestellt wird.17 Fast schon könnte man sogar in Versuchung geraten, die Farbtöne in Masons Wohung als dunkles Vorzeichen zu sehen, als eine epochale Vorausdeutung auf seinen gewaltsam herbeigeführten Tod am Ende des Kapitels.

2.2 Analepsen und epochale Vorausdeutung

Eine wichtige narrative Funktion der Farbgebung ist auch das Verdeutlichen von Anachronien: „Unterstützt durch […] [die] Farbgebung […] können rückblickende oder vorausdeutende Panelsequenzen optisch strukturiert werden.“18 Um dem Betrachter das Zurechtfinden auf dem Zeitstrahl der Handlung zu erleichtern, selbst wenn es sich um größere, sich Panel für Panel wiederholende Zeitsprünge handelt, setzt John Higgins bewusst auf eine konsequente farbliche Abtrennung der einzelnen Szenen voneinander. Eines der besten Beispiele hierfür findet sich direkt am Anfang der Graphic Novel.19 Der Betrachter erfährt von dem Mord an dem Comedian und während sich in jedem zweiten Panel die Polizeibeamten in der Wohnung umgucken, wird in den Panels dazwischen der Kampf des Comedians mit seinem Mörder dargestellt. Diese Panel sind komplett in Magentanuancen gehalten, allein das Erkennungssymbol des Comedians, der gelbe Smiley, wird in einem tiefen Orange dargestellt. Im Gegensatz dazu überwiegen bei der Spurensuche der Kommissare kalte Farben: olivgrün, graublau, grellgelb. Dies schafft Klarheit: Der Betrachter weiß zu jedem Zeitpunkt, ob es sich in dem betrachteten Panel um eine Analepse handelt oder nicht.

Ein weiteres Beispiel für die Herauskristallisierung einer Rückblende findet sich in Kapitel VIII: Hollis Mason wird von Drogenabhängigen zu Tode geprügelt.20 Wie auch in dem vorhergehenden Beispiel ist in jedem zweiten Panel eine Analepse, in welcher man Mason als den ersten Night Owl in eine Schlägerei verwickelt sieht. Diese Panel sind in einem Farbton gehalten, der an eine vergilbte Fotografie erinnert. Der Betrachter findet sich schnell zurecht mit den Zeitsprüngen, während Masons frühere Stärke in einen krassen Kontrast zu seiner aktuellen Unterlegenheit gestellt wird.

Eine weitere, farblich hervorgehobene epochale Vorausdeutung findet sich in Kapitel IX: Das auch metaphorisch relevante Zusammenbrechen des von Dr. Manhattan geschaffenen Gebäudes auf dem Mars wird in diesem Kapitel immer wieder vorhergesagt, indem das Kapitel immer wieder unterbrochen wird durch Panel, in denen die Flasche von Adrian Veidts Parfümmarke „Nostalgia“ durch die Leere wirbelt. Gegen Ende des Kapitels sieht der Betrachter, dass diese von Laurel Jane Juspeczyk geworfen wurde und das Schloss durch den Aufprall einstürzt. Während die Panel mit der fliegenden Flasche, die chronologisch gesehen vor dem eigentlich Wurf21 gezeigt werden, eine Anspielung auf die Art der Zeitwahrnehmung von Mr. Manhattan sind, wird die epochale Vorausdeutung allein durch die Farbe der Flüssigkeit herbeigeführt: Eigentlich ist das Fläschchen „Nostalgia“ selbst unter besseren Lichtverhältnissen nicht durchsichtig,22 dennoch scheint in den Szenen auf dem Mars das Duftwasser durch die fast gläsern wirkende Flasche und schimmert vor dem schwarzen, endlosen Sternenhimmel in den selben Farbtönen, die auch das von Dr. Manhattan geschaffene Gebäude hat.23 Der direkte farbliche Bezug ist Vorbote der größeren Metapher, welche den Einsturz von Juspeczyks Gedankenkonstrukt um ihren Erzeuger eindrucksvoll untermalt, die Farbwahl ist ausschlaggebend für den epochalen Bezug.

2.3 Das Kreieren einer Atmosphäre

Eine weitere, wichtige narrative Funktion der Farbgebung ist das Kreieren einer Atmosphäre. Anders als in einem Roman kann der Autor einer Graphic Novel auf ein komplett neues Stilmittel zurückgreifen, um die gewünschte Stimmung beim Betrachter zu erwecken oder zu verstärken.24

„I used my choice of colour to complement and accentuate the art first and foremost, but also to enhance the mood and sense of drama of the story. One prime example would be the Rorschach episode [...]“25

[...]


1 Vgl. Liste von Grossman, Lev und Lacayo, Richard: „All-TIME 100 Novels“ .

2 Siehe Buchrücken von „Watchmen“.

3 Vgl. Aussage von Dave Gibbons in „Fantasy Advertiser“ Ausgabe 100.

4 Siehe Scalera (2011: 11).

5 Zitat Higgins aus Artikel für „Watchmen: 20 years later).

6 Vgl. Higgins, aus dem Artikel für „Watchmen: 20 years later).

7 Vgl. DiGiovanna, (2009: 113).

8 Erstmals zu sehen in Moore (1986: Kap. I, S. 20, P. 1).

9 Siehe Moore (1986: Kap. IV, S. 10, P. 4).

10 Higgins, aus Artikel für „Watchmen: 20 years later).

11 Vgl. bspw. Moore (1986: Kap. II, S. 3, P. 1).

12 Siehe Grantham (2015: 89).

13 Vgl. bspw. Moore (1986 : Kap. IV, S. 13, P. 9) oder Forceville (2013: 261).

14 Vgl. bspw. Moore (1986: Kap. II, S. 5, P. 1 und folgende).

15 Siehe Spanakos (2009: 40).

16 Siehe Moore (1986: (Kap. VII, S. 1 P.1 – S.2 P.6).

17 Van Ness (2010: 40).

18 Mahne (2007: 61).

19 Vgl. Moore (1986: Kap. I, S. 2-5, alle Panel).

20 Vgl. Moore (1986: S. 27, Panel 3 und folgenden).

21 Welcher erst in Kap. VII, S. 1 P.1 – S.2 P.6 geschieht.

22 Erkennbar in Moore (1986: Kap. II, S.3, P. 2+4 und Kap. VIII, S.1, P.2).

23 Siehe bspw. Moore (1986: vgl. bspw. Kap. IX, S. 12, P. 7).

24 Beschrieben in Nordling (1995: 123).

25 Zitat Higgins, aus Artikel für „Watchmen: 20 years later).

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die narrative Funktion der Farbgebung in Alan Moores Graphic Novel "Watchmen"
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V509834
ISBN (eBook)
9783346074386
ISBN (Buch)
9783346074393
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alan Moore, Watchmen, Dave Gibbons, John Higgins, Farbe, Farbgebung, Comic, Graphic Novel, Narration, Analepse, Atmosphäre, Stilmittel, Erzähltheorie, Kolorit, Panel
Arbeit zitieren
David Prelle (Autor:in), 2015, Die narrative Funktion der Farbgebung in Alan Moores Graphic Novel "Watchmen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509834

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