Entstehung und Verbreitung von Verschwörungstheorien über das Internet


Bachelorarbeit, 2019

49 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

1. Einleitung

Seit der Ermordung von John F. Kennedy, vor allem aber seit den Anschlägen vom 11.09.2001, und in der Bundesrepublik seit den sog. "Montagsmahnwachen für den Frieden" im Laufe des Krieges in der Ukraine haben sogenannten Verschwörungstheorien auch die öffentliche Wahrnehmung auf sich gezogen.

War in der BRD schon der Begriff der Verschwörung bis zu dieser Zeit nicht nur rezeptionell, sondern auch inhaltlich häufig mit Antisemitismus verbunden, allen voran in Bezug auf geschichtsrevisionistische Verharmlosung und Rechtfertigung des Nazi-Regimes im Allgemeinen und des Holocausts oder des Zweiten Weltkrieges im Besonderen, verbreitern "Verschwörungstheorien" seitdem ihre Themenbereiche auch auf ökonomische, politische, kulturelle und pseudowissenschaftliche Gebiete. Die vor allem über das Internet verbreiteten "Verschwörungstheorien" üben mannigfaltige Reaktionen aus: Der bekennende Nationalsozialist und promovierte Naturwissenschaftler Axel Stoll etwa, dessen "Best of" auf YouTube bereits über eine Millionen Aufrufe erreicht hat, ist für die meisten User gerade aufgrund der Absurdität der Kombination von Nationalsozialismus, Pseudowissenschaften und Esoterik bereits zu einem Kultobjekt geworden. Das muss man wissen.

Das Verständnis des komplexen und heterogenen Themenbereiches als absurdes Abgleiten menschlichen Denkens in "verrückte Vorstellungen", teilweise "erklärt" durch psychische oder neuronale Fehlfunktionen, und die Auseinandersetzung damit als erheiterndes aber letztlich doch irrelevantes Freizeitvergnügen verfehlt allerdings nicht nur den Kern der Sache, sondern auch die gesellschaftlichen Ursachen und Folgen "verschwörungstheoretischen" Denkens.

Die Vorstellungen der "jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung" und ihre praktische Anwendung in imperialistischer Politik der Nationalsozialisten als die brutalste, die Debatte um "Fake News" und "Alternative Facts" der Trump-Administration als die aktuelle Ausformung von "Verschwörungstheorien" geben Anlass zur Einsicht in die Notwendigkeit gesellschaftswissenschaftlicher Auseinandersetzung mit dem Thema.

Ziel dieser Arbeit soll die Darlegung einer ideologiekritischen Inhaltsanalyse, sowie eine Konkretisierung des Themenbereichs "Verschwörungstheorien" sein.

Dabei sollen zunächst die definitorischen Probleme des Gegenstandes "Verschwörungstheorien" dargelegt werden, wobei die Problematik des Begriffs "Verschwörungstheorie" unter Rückgriff auf die von Armin Pfahl-Traughber vorgeschlagene Terminologie, sowie den von Georg Lukacs entwickelten Ideologiebegriff aufgelöst werden soll. Schließlich soll durch die Entwicklung eines eigens hierfür konzipierten Klassifikationssystems ein Verständnis von Verschwörungsideologien als heterodoxes irrationales materialistisches Glaubenssystem mit dem Gegenstand Staat-Politik-Wirtschaft entwickelt werden, das Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu anderen Glaubenssystemen herausstellt.

Die so gewonnene Vorgehensweise soll an zwei Kanälen der verschwörungsideologischen Internetszene exemplifiziert werden: Des libertären Verschwörungstheoretikers Oliver Janich (YouTube-Kanal "OliverJanich"), und das Portal quer-denken.tv des Historikers Michael Voigt.

2. Probleme der Definition

Das erste Problem, das sich in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit "Verschwörungstheorien" in all ihrer Mannigfaltigkeit ergibt, ist die Frage, ob es sich hierbei um eine Theorie im strengen Sinne überhaupt handelt. Theorien zeichnen sich im Wissenschaftsbetrieb dadurch aus, dass sie vorgefundene methodisch kontrolliert erhobene Fakten konsistent und logisch in einen Zusammenhang stellen, und ihre breit entwickelten Aussagen dabei auf rationale Begründungen stützen (vgl. Pfahl-Traughber 2002: p. 32). Dies scheint im Zusammenhang mit "Verschwörungstheorien" nur eingeschränkt der Fall zu sein, beinhalten sie doch als Bestandteil und, wie sich noch zeigen wird, zumeist als Grundlage, einen eben empirisch nicht nachgewiesenen, somit rein unterstellten Fakt, nämlich eine Verschwörung, die definitionsgemäß auch nicht nachgewiesen sein kann. Wird die Verschwörung nachgewiesen, ist die Verschwörungstheorie keine Verschwörungstheorie mehr, sondern Geschichtsschreibung.

Die "Verschwörungstheorie" rein etymologisch als "Theorie über eine Verschwörung" zu definieren, greift auch deshalb zu kurz, weil weder der Wahrheitsgehalt der Theorie noch das Ausmaß der Verschwörung, kurz inhaltliche Fragen, einbezogen werden. Die Theorie, Nero hätte Rom angezündet, fiele unter diesen Begriff ebenso wie die Gegentheorie, das Feuer, das im Jahr 43 n. Chr. die damals größte Stadt der Welt großteils zerstörte, sei von den Christen gelegt worden. Und nicht zu Unrecht weisen "Verschwörungstheoretiker" darauf hin, dass auch die Theorie, Islamisten hätten sich zum Angriff auf das World Trade Center und das Pentagon am 11.09.2001 verabredet, ebenfalls eine Verschwörungstheorie sei.

Auch die verschiedenartige Verwendung des Begriffs der Verschwörung erweitert den Bereich potentieller "Verschwörungstheorien": Wird im angelsächsischen Strafrecht die Conspiracy als Straftat verfolgt, wird der Begriff der Verschwörung im europäischen Raum traditionell politisch verwendet.

In der nachfolgenden Darstellung wissenschaftlicher Bearbeitungen des Themas und deren anschließender Beurteilung soll versucht werden, aus den verschiedenen Sichtweisen auf "Verschwörungstheorien" die Mannigfaltigkeit des Begriffes und seines Inhaltes zu entwickeln. Die verschiedenen Inhalte, so wird sich zeigen, werden durch verschiedene Begriffe abgebildet werden müssen.

3. Die bisherige Untersuchung des Phänomens - ein interdisziplinärer Überblick

Da explizit soziologische Untersuchungen „verschwörungstheoretischer“ Vorstellungen verglichen mit anthropologischen, psychologischen und politikwissenschaftlichen Arbeiten nur gering vorhanden sind und sich regelmäßig auf diese beziehen, sollen hier die Hauptargumentationen der genannten Disziplinen anhand entsprechender Grundlagentexte dargestellt werden.

3.1 Die anthropologische Konstante

Groh (1992: pp. 267-304) zieht einen Vergleich zum Hexenglauben des 17. Jahrhunderts. Phänomenologisch bestimmt er eine idealtypische Taxonomie dessen, was er "Konspirationstheorien" nennt (pp. 270-274):

1. Handlungstheoretisches Definiens
2. Konspirationstheoretisches Paradoxon
3. Zeitperspektive
4. Geographie
5. Historischer Kontext
6. Geschichtstheologische oder geschichtsphilosophische Form
7. Hyperrationaler Inhalt
8. Hochrationale Logik
9. Funktion der Reduktion von kognitiver Dissonanz und Komplexität

Die offensichtlichen Gemeinsamkeiten einzelner Phänomene dieses Glaubens - geheime Zusammenkünfte, böse Absichten und deren Verschleierung im alltäglichen Umgang mit Mitmenschen - veranlasst Groh, den Hexenglauben als frühe Form der Verschwörungstheorie zu bezeichnen.

Der, zumindest für die soziologische Analyse, entscheidende Punkt fehlt allerdings: Nach dem Hexenglauben kam Hexer und Hexen ihre entscheidende Macht aus einer transzendenten Entität, Satan nämlich, zu. Die Hexe oder der Hexer beherrscht damit in der frühneuzeitlichen Vorstellungswelt die Natur.

Die Subjekte der Verschwörungstheorie dagegen erhalten ihre Macht durch die Verschwörung selbst, und diese Macht erstreckt sich auf die Gesellschaft, Staaten und die Wirtschaft.

Die Subsumption des Hexenglaubens unter den Begriff "Verschwörungstheorie" erscheint daher nicht nur aus formalen, sondern auch aus inhaltlichen Gründen zumindest ungenau, auch wenn Groh (1992: p. 283) durchaus auf die Bedeutung der "universalgeschichtlichen Zäsur" (ibid.) im 18. Jh. in Bezug auf "Verschwörungstheorien" hinweist.

Die dennoch vorhandenen und von Groh herausgearbeiteten Gemeinsamkeiten von "Verschwörungstheorien" und Hexenglauben eröffnen jedoch einen Interessanten Ansatz für Ideologiekritik: Der Hexenglauben fand seinen Höhepunkt im 17. Jahrhundert in Mittel- und Nordeuropa, in Gesellschaften also, deren Produktionsverhältnisse noch der Natur unterworfen waren und " noch vielfach einen naturhaften Charakter besessen haben" (Lukacs 1923: p. 33). Die Unterworfenheit unter die Natur, so die Hypothese, bringt Bewusstseinsformen hervor, in denen natürliche Vorgänge abstrahiert und personifiziert werden. Natürliche Vorgänge bekommen den Schein von menschlich-übermenschlichen Vorgängen, Schaden durch die Natur erscheint als Schaden durch göttlichen oder dämonischen Willen. Die Übertragung dieser personifizierten Vorstellung, dieses "Echos der realen Übermacht der Natur" (Horheimer/Adorno 2006: S. 21) auf Menschen wäre der ideologische Inhalt des Hexenglaubens, dessen ökonomische Basis die naturwüchsige Produktion ist.

Ganz anders in der Moderne. Die bürgerliche Gesellschaft unterwirft die Natur unter den Menschen und organisiert das Zusammenleben der Menschen einheitlich und unabhängig von der Natur (Lukacs 1923: p. 33). Naturbeherrschung durch böse Kräfte sind in der Vorstellungswelt des Irrationalismus immer noch vorhanden, allerdings bedienen sie sich der Technik, wie in der Verschwörungstheorie der Chemtrails.

3.2 Verschwörungserklärungen als moralische Selbstvergewisserung.

Ein üblicher und populärer Erklärungsansatz für konspirologisches Denken ist die Hypothese der moralischen Selbstvergewisserung. Demnach beantworten "Verschwörungstheoretiker" die Frage, warum ihnen schlechtes widerfährt (vgl. Groh 1999), nach dem Sündenbockprinzip, dass eine Gruppe böser Menschen die alleinige moralische Schuld am eigenen Versagen tragen.

Dies erklärt aber nicht nur nicht, warum "Verschwörungstheorien" in bestimmten Gesellschaften erfolgreicher sind als in anderen (vgl. Butter: 2014: p. 259). Ein weiteres Problem liegt in der mangelnden Beantwortung der Frage, warum Menschen die Frage nach Gründen ihres Leidens, so vorhanden, mit einer "Verschwörungstheorie" beantworten, anstatt etwa eigene Verfehlungen, rationale Erklärungen oder andere Ideologien in Erwägung zu ziehen.

Anton et al. (2014: p. 18) bringen "verschwörungstheoretisches" Denken mit demokratietheoretischen Erwägungen in Zusammenhang, indem dem demokratischen Ideal gefolgt wird, nach dem das Individuum sowohl das Recht als auch die Pflicht demokratischer Mitgestaltung trägt. Staatlichen Aktionen werden somit die Funktion zugeschrieben, den Interessen aller, oder doch zumindest der Mehrheit, Rechnung zu tragen, während das Individuum für staatliches Handeln haftbar gemacht wird. "Verschwörungstheorien" unterstellen demnach ein Defizit an demokratischem Einfluss, was "nicht nur die politische und sozialethische Verantwortung des Einzelnen [verringert], sondern [...] ihn auch vom moralischen Druck, zur Veränderung ,der Verhältnisse[4] selbst politisch aktiv beizutragen" entlaste (ibid.).

Hier wird unterstellt, was nicht notwendigerweise mit dieser Form des Denkens zusammenhängen muss. Denn die Abwälzung der Verantwortung für politische oder ökonomische Vorgänge, die nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen, kann notwendigerweise nur für jene Menschen gelten, die sich für politische oder ökonomische Vorgänge bereits verantwortlich fühlen, Staat und Markt also eine den eigenen Interessen entsprechende Funktion zuschreiben oder sich mit "ihrem" Staat oder "ihrem" Markt identifizieren. Wenn diese Funktion subjektiv oder objektiv nicht erfüllt wird, und auf Verschwörungskonstruktionen zurückgegriffen werden muss, dient diese ausschließlich der Bestätigung der eigenen Vorurteile gegenüber Staat und Markt. Diese Funktion kann die Verschwörungserklärung aber ausschließlich erfüllen, wenn sie mit einer anderen Ideologie, e. g. Nationalismus, kombiniert wird. Auch ist die Unterstellung, demokratische Staaten handelten im subjektiven wie im objektiven Interesse ihrer Bürger, negative Folgen seien mithin dem Fehlen demokratischer Möglichkeiten zuzuschreiben, eine Vorstellung, die Anton et al. mit den von ihnen so skizzierten "Verschwörungstheoretikern" gemein haben.

Ebenso verhält es sich mit der Erklärung der "Verschwörungstheorien" aus dem Freund­Feind-Denken (vgl. Petri 1998: pp. 196-197 und Jaworski 2001: p. 17). Eine Wir-Gruppe als Opfer einer Verschwörung kann erst dann notwendiger Bestandteil "verschwörungstheoretischen" Denkens sein, wenn der "Verschwörungstheoretiker" eine entsprechende Wir-Gruppe als Referenzobjekt ausgemacht hat, m. a. W. kollektivistisch oder identitär denkt1.

3.3 Verschwörungstheorien als Komplexitätsreduktion

Eine auch in der Gesellschaftswissenschaft populäre Erklärung für "Verschwörungstheorien" ist die Annahme, dass sie dazu dienen, eine immer kompliziertere Welt sinnvoll und vernünftig zu ordnen.

Meist wird die Entstehung einer "Verschwörungstheorie" auf spezielle Veränderungen des alltäglichen oder gesellschaftlichen Lebens zurückgeführt, wie das Ende des Kalten Krieges, Terrorismus oder Wirtschaftskrisen. Hurst etwa leitet konspirologisches Denken aus dem Streben "nach Reduktion von Komplexität, nach Harmonisierung von Widersprüchen, nach Orthodoxie und Kohärenz" ab, was jedoch "durch unausgesetztes Hinterfragen und Analysieren" in Irrationalismus und Quasi-Paranoia umschlagen kann (Hurst 2014: p. 240). Den Beweis, ob dadurch die subjektiv wahrgenommene oder objektive Welt an Komplexität zunimmt, und ob dies in einem Zusammenhang mit der Entstehung von "Verschwörungstheorien" steht, bleibt diese Erklärung der wissenschaftlichen Bearbeitung jedoch schuldig, ebenso wie die Beantwortung der Frage, wann und warum die Analyse irrational wird.

Zur Vereinfachung der Deutung der wahrgenommenen Realität wäre vernünftigerweise anzunehmen, dass orthodoxe Weltdeutungen übernommen werden. Die Annahme heterodoxer Inhalte ist nur dann vereinbar mit der Vorstellung der „Verschwörungstheorie“ als Komplexitätsreduktion, wenn orthodoxe Deutungen als zu komplex angenommen würden. Auch in Hinblick darauf, dass Ideologien und Theorien grundsätzlich darauf ausgerichtet sind, Komplexität so weit als möglich zu reduzieren, kann diese Form der Kritik nur lauten, dass Verschwörungstheorien unterkomplex sind.

Dies würde zur Hypothese veranlassen, dass in verschwörungsideologischen Medien die Realität einfacher dargestellt wird als in den etablierten.

Das ist jedoch empirisch nicht der Fall. Konspirologische Weltdeutungen zeichnen sich im Gegenteil durch profunde Detailkenntnis historischer und biographischer Einzeldaten aus, die zur Bestätigung der Grundannahme dienen (vgl. Kapitel 6.1 und 6.2). Auch zeigen Albakina- Paap et al. (1999: p. 643), dass Kognitionsbedürfnis, Ambiguitätstoleranz und attributive Komplexität nur sehr geringen statistischen Einfluss auf verschwörungstheoretisches Denken ausübt2.

Diese Kritik beschreibt ausschließlich und unzureichend die Form, kann aber nicht den Inhalt, den Kern der Ideologie selbst erklären.

Innerhalb einzelner Verschwörungsideologien ist es durchaus üblich, eigene Annahmen und Urteile über Einzelpersonen zu ändern, die Grundannahme der Weltverschwörung bleibt jedoch.

So war im Zuge der Wahl Donald Trumps zu beobachten, dass die Kanäle ihre Beurteilung des Kandidaten zur Zugehörigkeit zu den Verschwörern geändert haben.

Eine elaboriertere, aber in eine ähnliche Richtung deutende Interpretation "verschwörungstheoretischen" Denkens findet Dieter Groh (2001: p. 190 f.) in der Funktion der "Kontingenzbewältigung". Groh attestiert "Verschwörungstheorien", zu denen er Hexenglauben wie Antisemitismus zählt, eine Hyperrationalität, die die Realität an Konsistenz und Kohärenz übertreffe (ibid. p. 191). Hier ist eine Erklärung zu finden, warum "Verschwörungstheoretiker" nicht orthodoxe Deutungen übernommen werden. Zu dem Begriff der Hyperrationalität werden wir später noch kommen.

3.4 "Verschwörungstheorie" als Paranoia

"Die sind doch verrückt" - so möchte auf manche Erzählung reagiert werden, etwa des Inhaltes, dass Freimaurer die wahre - flache - Form der Erde verheimlichen oder Georg Lukacs und David Rockefeller die Geschlechterrevolution im Zuge der "68er" ausgelöst hätten. Die häufigste "Diagnose" "verschwörungstheoretischen" Denkens ist die der Paranoia. Verschwörungsdenken ist ein gesellschaftliches Phänomen und "Psychologisierungen" sozialer Phänomene sind im Allgemeinen aufgrund der unterschiedlichen Struktur individueller und gesellschaftlicher Pathologien mindestens unzureichend, meist jedoch völlig irreführend (vgl. Jaworski 2001: p. 20 f.). Im Speziellen vergleicht Jaworski (2001) Verschwörungsdenken und Paranoia, und in der Tat gibt es auffallende symptomatische Gemeinsamkeiten: "Ängste und Orientierungsprobleme" wirken "als entscheidende Antriebskräfte" (ibid.: p. 16), es wird eine einmal gewählte Sinnstiftung verabsolutiert, "eine fixe Idee bei gleichzeitigem Verlust an jeglichem Relativierungsvermögen" (ibid: p. 17). Dieser geheime Sinn, ausschließlich bezogen auf das Individuum bzw. die Bezugsgruppe der Opfer der Verschwörung, durchwaltet gleichsam alle Vorgänge, die sich auf der Welt ereignen, Koinzidenzen werden so in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht. Dies ist allerdings nicht mehr als eine "Analogie", da sich oberflächlich die Wahrnehmungsmuster stark ähneln, Paranoiker jedoch reale Gegenstände "privat" umdeuten, während in "Verschwörungstheorien" "externe Sachverhalte [...] der uneigentlichen Scheinhaftigkeit überführt" werden. Als Vergleich nennt Jaworski eine Straßenlaterne, in denen der Paranoiker einen Galgen sehen kann, während - bildlich gesprochen - der Verschwörungstheoretiker zwar die Laterne sieht, die aber nur vorgebe, eine Laterne zu sein, in Wirklichkeit aber ein Galgen ist (vgl. ibid.: p. 18). Der Verfolgungswahn ist keine argumentativ begründete Haltung, sondern eine individuelle Krankheit, ein Zustand, "der [den Patienten] zwanghaft gefangen hält" (ibid.: p. 19). "Verschwörungstheorien" dagegen sind Gedankenkonstruktionen, die empirische Erfahrungen interpretieren, ein "prinzipiell frei wählbares Deutungsangebot" also (ibid.: 20), u. U. auch ein Konglomerat an verschiedenen Deutungen, das beliebig erweitert werden kann, zum Unterschied zur Eindimensionalität der Paranoia.

Sozialpsychologisch fruchtbar gemacht wurde der Begriff der "politischen Paranoia", die vor allem in Polen untersucht wurde, wobei es sich auch hier um keine Psychose, sondern eine Form des politischen Denkens handelt, die mit "verschwörungstheoretischen" politischen Vorstellungen stark kongruent, wenn nicht im Kern identisch ist, der Idee nämlich "dass das [in diesem Fall] polnische Leben von geheimen, größeren Kreisen unbekannten Kräften bestimmt wird (Korzeniowski 2001: p. 154)". In der polnischen Sozialpsychologie wird darauf hingewiesen, dass "verschwörungstheoretisches" Denken auch vorteilhaft sein kann, da geheime Einflüsse auf politische Prozesse, etwa durch Lobbyismus durchaus existieren und "Ränkeschmieden [...] Politikern nicht fremd" (vgl. ibid.) ist. Aus empirischen Untersuchungen zu politischer Paranoia ergaben sich, dass sie weniger von sozioökonomischen und kulturellen als von sozialpsychologischen und politischen Faktoren bestimmt wird (ibid.: p. 162).

Zu den sozialpsychologischen Faktoren zählen Anomie, politische Entfremdung, Autoritarismus und politischer Kritizismus3 (ibid. p. 164). Ähnliche Ergebnisse finden sich auch bei Abalkina-Paap et al. (1999: p. 637-647).

Politische Faktoren, die politische Paranoia4 am meisten beeinflussen, sind klar antikommunistische und nationalistische, aber auch wohlfahrtsstaatliche Einstellungen, sowie die Erwartung an den demokratischen Staat, "dass sich die Regierung um den Wohlstand der Bürger kümmert (Korzeniowski 2001: p. 157 f.)."

Auch ist eine Koinzidenz in den Wahlpräferenzen zu beobachten, nach denen politisch Paranoide zu rechten und konservativen Parteien und Parteienbündnissen neigten, die zum Teil in die Bürgerplattform PO und die heutige (Stand Dezember 2018) Regierungspartei PiS zerfallen bzw. aufgegangen sind, sowie die Rentnerpartei Krajowa Partia Emerytów i Rencistów (vgl. ibid: p. 157), während weniger politisch Paranoide Wähler*innen zu liberalen und sozialdemokratischen Parteien tendierten (ibid. p. 158).

[...]


1 Hier soll keine Kausalität behauptet, sondern ausschließlich auf die Notwendigkeit der Kombination "verschwörungstheoretischer" und kollektivistischer Ideologeme insistiert werden, um das Postulat der Konstruktion einer Opfer-Gruppe durch den "Verschwörungstheoretiker“ aufrecht zu erhalten.

2 Da keine Meta-Studie vorliegt und im Rahmen dieser Arbeit keine solche erstellt werden kann, kann dieses statistisches Ergebnis allerdings maximal als Indiz für die Richtigkeit der hier vorgelegten logischen Argumentation dienen.

3 Eine grundsätzlich kritische Einstellung gegenüber politischen Vorgängen ist dabei nicht als ausschließlich politisch-paranoid einzuschätzen (s. o.), sondern m. E. n. notwendig zur politischen Paranoia gehörig.

4 Dieser Begriff aus der polnischen Sozialpsychologie wird in seiner Bedeutung hier übernommen und ohne Anführungszeichen verwendet, obwohl er aus o. g. Gründen unzutreffend und aus soziologischer Sicht falsch ist.

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Entstehung und Verbreitung von Verschwörungstheorien über das Internet
Hochschule
Universität Passau  (Lehrstuhl für Soziologie)
Note
2,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
49
Katalognummer
V509841
ISBN (eBook)
9783346087225
ISBN (Buch)
9783346087232
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verschwörungstheorie, Ideologie, Verschwörung, Politik, Soziologie, Heterodoxie, Glaubenssystem, Religion, Esoterik, Psychologie, Internet, Qualitativ, Lukács, Janich, Freimaurer, Illuminati, Polen, Deutschland, Politische Paranoia
Arbeit zitieren
Oliver Giel (Autor), 2019, Entstehung und Verbreitung von Verschwörungstheorien über das Internet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509841

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