Soziale Ungleichheit jenseits von Stand und Klasse

Ulrich Becks Individualisierungstheorie, 'Fahrstuhleffekt' und der Kampf um Bildung und Erfolg


Hausarbeit, 2019

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Soziale Ungleichheit und der Kampf um Bildung

3 Ulrich Becks Individualisierungstheorie
3.1 Die Individualisierungsdebatte
3.2 Die Individualisierungstheorie und ihre zentralen Annahmen
3.3 Forschungsstand zur Individualisierungstheorie
3.4 Der Kampf um Bildung und der Einfluss der Individualisierung

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ohne Zweifel stellt die Bildungsexpansion eine der bedeutendsten sozialen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts in der Bundesrepublik Deutschland dar. Nachdem nach dem Sputnikschock in der öffentlichen Debatte zunehmend das Schreckensszenariovom‚Bildungsnotstandu‘ nddieAngsdt avori,mKampf um technologischen Fortschritt von den Ostblockstaaten abgehängt zu werden, umging, wurden die Forderungen nach einer Reform im Bildungssystem immer lauter. Die hierzulande gleichzeitig gestiegene Nachfrage nach Arbeiter*innen und Angestellten in Wirtschaft und öffentlichem Sektor trug letztlich ihr Übri- ges bei.

Erklärtes Ziel war es damals, mit der Bildungsexpansion eine Höherbildung der Population zu erreichen. Hierfür sollte der Bildungssektor massiv ausge- baut werden. Auch Bildungsungleichheit, die im Vorfeld erkannt und proble- matisiert worden war, sollte abgebaut werden und alle Gruppen der Gesell- schaft stärker an Bildung teilhaben können.

Und tatsächlich führte die Bildungsexpansion in der Bundesrepublik Deutsch- land zu einem insgesamt gestiegenen (Aus-)Bildungsniveau, sodass das Ziel der ‚Höherbildung‘ als erreicht bezeichnet werden kann. Doch hängt das Bil- dungsniveau nach wie vor stark von der sozialen Herkunft der am Bildungssys- tem teilnehmenden Individuen ab, sodass weiterhin weder ein Abbau der Un- gleichheit noch eine verbesserte Teilhabe festgestellt werden können:1 Das Bildungsniveau junger Menschen hängt weiterhin maßgeblich von dem ihrer Eltern ab und insbesondere der Zugang zu höherer Bildung ist für Individuen, die aus sozial schwächeren Verhältnissen stammen, schwierig.2

Die vorliegende Arbeit widmet sich eben dieser hierzulande vorherrschenden Ungleichheit im Bildungssystem. Diesem Thema nähert sie sich aus der theore- tischen Perspektive der Individualisierung nach Ulrich Beck. Genauer geht sie der Frage nach, inwieweit Becks Individualisierungstheorie Erklärungskraft für die bestehende Ungleichheit im Bildungssystem und die Konkurrenz der am Bildungssystem teilnehmenden Individuen um die Ressource Bildung besitzen kann. Die Wahl ausgerechnet dieser theoretischen Perspektive ist insofern inte- ressant, da Beck stets zum Vorwurf gemacht wurde und auch weiterhin zum Vorwurf gemacht wird, dass er mit seiner Theorie bestehende soziale Un- gleichheiten verschleiere.3 Doch können die gegenwärtige Situation und Ent- wicklungen im Bildungsbereich hierzulande wie die inzwischen vielzitierte und gar -geschimpfte ‚Bildungsinflation' und zunehmende ,Akademisierung' oder die Abschaffung der Hauptschule in immer mehr Bundesländern etwa, nicht als FolgdeevsonBecakl‚sFahrstuhleffektb‘e zeichneten Phänomens, also dem ‚Höherfahrend‘eGr esellschafutm„insgesametinEe tage[…]“ 4, betrachtet werden? Kann der Kampf um Bildung und Bildungserfolg, von manch einer medialenStimmge arlrsegelrechte ‚Bildungspanikd‘argestelltn,ichetbe n- falls als Folge einer – ganz im Sinne Becks – individualisierten Gesellschaft, in der das nun nicht nur vom Stand, sondern auch der Klasse – und – zumindest imAnsatozdedrochwenigsten‚sindeTr heorie‘– auch von anderen Zugehö- rigkeiten wie Geschlecht, sozialer oder ethnischer Herkunft, freigesetzte Indi- viduum, eigenverantwortlich sowohl für seinen Erfolg als auch sein Scheitern, betrachtet werden, in der es um die Ressource ringt, die ihm später die best- mögliche Position auf dem (Arbeits-)Markt und schließlich in der Gesellschaft als Ganzes zuweisen soll?

Schließlich postuliert Beck in seinen Thesen zur Individualisierung (innerhalb westlicher Gesellschaften) etwa, dass Bildung ein wesentlicher Motor der zu- nehmenden Zentrierung auf das Subjekt sei. Sie sei in diesem Kontext ferner, trotz weiterhin ungleicher Bildungschancen, zu einem Aufstiegsversprechen für den Einzelnen geworden. Um dieses Aufstiegsversprechen bestünde nun eine Konkurrenz und die Individuen würden so durch dieses – obwohl sie sich aus traditionellen Klassenzwängen gelöst hätten – in einen neuen Zwang, näm- lich den des Bildungserwerbs, versetzt, da es auf diesen ankäme, um letztlich eine entsprechende sozioökonomische Position in der Gesellschaft einnehmen und/ oder halten zu können.5

Die zunehmende Differenzierung des deutschen Bildungssystems scheint dies widerzuspiegeln und diesen Trend zugleich zu befördern. Denn der Wunsch nach individueller Förderung des Einzelnen löst sowohl Konkurrenz- als auch Selektionsbestrebungen aus. Auch Luhmann und Schorr stellen fest, dass Indi- viduen nach besserer Bildung strebten, um sich aus schlechteren Verhältnissen zu befreien oder sozialen Abstieg zu vermeiden. Damit reproduzierten sie die funktionale Differenzierung der Gesellschaft im Sozialen, während sie sich aus traditionellen Abhängigkeiten wie der Kirche, Familie und sozialem Stand weitgehend befreit hätten.6

Beck konstatiert zudem, dass diese Freisetzung letztlich ausschließlich im Rahmen der staatlichen Rahmenbedingungen stattfinde und die Menschen hin- sichtlich Problemen der eigenen Bildung, Erwerbstätigkeit und gestiegenen Mobilitätsanforderungen zunehmend sich selbst überlassen seien und diese nicht mehr länger im Kontext der traditionellen Bindungen gelöst werden könnten. Diese Umstände „machendeneinzelnenalesinzelnen“ 7. Eine These der vorliegenden Arbeit ist daher, dass Bildung – innerhalb der theoretischen Sicht der Individualisierung Becks – den Status einer sozialen Differenzie- rungskategorie besitzt, um welche die Individuen letztlich zunehmend konkur- rieren. Demzufolge bedeutet soziale Ungleichheit letztlich auch Bildungsun- gleichheit, die dann wiederum einen schlechteren Zugang zum Arbeitsmarkt und auch schlechtere Bildungschancen für die eigenen Kinder nach sich zieht.

Vorliegend wird daher zunächst auf die gegenwärtige Situation des deutschen Bildungssystems eingegangen, um das (Fort-)Bestehen sozialer Ungleichheit aufzuzeigen. Ebenfalls soll nachvollzogen werden, wie die Situation von Indi- viduen vom Bildungsstand abhängt. Die Individualisierungstheorie selbst und der dazugehörige Forschungsstand werden dann im dritten Kapitel der Arbeit aufgegriffen, um eine Darstellung und Einordnung der These Becks vorzuneh- men. Auf diesen Ausführungen aufbauend wird der abschließende Teil des Kapitels die zentralen Aussagen der These zur Bildung prüfen, um die Frage- stellung der Arbeit zu beantworten und die aufgestellte Vermutung zu unter- mauern.

2 Soziale Ungleichheit und der Kampf um Bildung

Im aktuellen Bildungsbericht für ihre Mitgliedsstaaten stellt die OECD zwar eine signifikante Verbesserung für den allgemeinen Bildungsstand der Bevöl- kerung fest, zugleich jedoch auch, dass die Teilhabe der Einzelnen an diesem Bildungserfolg sich weiterhin zu einem großen Teil am sozioökonomischen Status beziehungsweise dem Bildungsstand der Eltern entscheide.8 Dies würde letztlich auch an der Verteilung der durchschnittlichen Erwerbstätigkeit sowie dem Verdienst der Bevölkerung erkennbar. Für Deutschland gilt nach den Zah- len der OECD, dass die Beschäftigungsquote der 25- bis 34-Jährigen, welche keinen Sekundarabschluss II besitzen, für Männer bei nur 65 Prozent und bei Frauen gar bei nur knapp über 40 Prozent liegt.9 Die Einkommensunterschiede nach Schulabschlüssen sind ebenfalls erheblich, denn wer unterhalb eines Se- kundarabschlusses II liegt, verdient im Mittel etwa 24 Prozent weniger als Menschen mit Sekundarabschluss II. Mit dem Abschluss eines Bachelors oder Masters erhöht sich das Einkommen um 50 Prozent oder mehr.10 Damit wird deutlich, dass der weitere Lebensweg – und insbesondere der eigene sozioöko- nomische Status – maßgeblich vom Bildungserfolg des Einzelnen bedingt ist.

Allerdings kommt nicht nur das Bildungssystem, sondern ganz wesentlich auch der soziale Kontext der Individuen für Bildungserfolg und -chancen zum Tra- gen.11 Gerade auf der Ebene der Familie beziehungsweise des Einzelnen wird Bildung inzwischen als eine Investition begriffen, die im späteren Leben mone- tär und bezüglich des sozialen Status Rendite abwirft. Somit besteht ein zu- nehmender Wettbewerb zwischen den Individuen. Die Bildungsexpansion führte letztlich nur zu einer Verschärfung dieses Konkurrenzkampfes, da durch sie nun auch den unteren sozialen Schichten, zumindest grundsätzlich, der Auf- stieg ermöglicht wurde. Dadurch sind die Individuen gezwungen, vermehrt in Bildung zu investieren, um den eigenen Status zu verbessern und/ oder halten zu können.12

Dies liegt letztlich auch im Interesse des kapitalistisch-marktorientieren Sys- tems der westlichen Gesellschaften. Denn das Bildungssystem hat zu allererst die Aufgabe gemäß den Strukturen des Arbeitsmarktes auch die entsprechen- den Qualifikationen zu generieren. Diese Strukturen sind per se ungleich – sprich: es gibt eine relativ geringe Anzahl besser gestellter gegenüber einer größeren Anzahl schlechter gestellter Berufe. Bildung und Ausbildung sind dann vor allem eine langanhaltende Konkurrenz um den knappen und privile- gierten Zugang zu diesen Berufen, wie etwa Wulf Hopf es ausdrückt.13

Dass die soziale Herkunft ganz maßgeblich diese Zugänge mit determiniert, ist wissenschaftlicher Konsens. Und die soziale Schere diesbezüglich mag sich in der Bundesrepublik Deutschland in den letzten Jahrzehnten zwar sukzessive schließen, doch bleibt sie trotzdem weiterhin stark ausgeprägt. Insbesondere der Übertritt auf das Gymnasium, und damit die deutlich bessere Chance auf eine Erwerbstätigkeit und ein höheres Einkommen zu bekommen, ist vom ei- genen sozialen Status abhängig.14 Vor allem aber auch der Zugang zu einem Studium ist für einen großen Teil der sozioökonomisch schwächer gestellten Individuen nach wie vor nicht umfassend gegeben. Während diese zwar inzwi- schen mit Hinblick auf den Abschluss der mittleren Reife deutlich besser ab- schneiden als noch vor einigen Jahren, ist ein solcher Erfolg für die Sekundar- stufe II oder ein weiterführendes Studium nicht feststellbar.15

Die Investition in Bildung kann somit im Einzelfall auch immer als eine Inves- tition in die Konkurrenzfähigkeit am Arbeitsmarkt betrachtet werden. Das Gymnasium gerät hier ohne Zweifel automatisch im Mittelpunkt, da es im ers- ten Bildungsweg die größten Wettbewerbsvorteile gegenüber den niedrigeren Schulabschlüssen bietet.16 Dass diese Differenzierung der Schultypen in Deutschland soziale Unterschiede manifestiert und auch die Einführung der Gesamtschule nicht wesentlich für eine Einebnung dieser gesorgt hat, ist letzt- lich auf die geringe Durchlässigkeit dieser Schultypen zurückzuführen.17 Gera- de auch deshalb hat sich eine Konkurrenzlogik im deutschen Bildungssystem etabliert, die die Schwächen des Systems überdeckt. Schon die unterschiedli- chen Bildungserfolge am Ende der Grundschule und der Sekundarstufe I sind ein Indiz dafür, dass die historische Schulorganisation hierzulande die Chan- cengleichheit massiv schmälert. Die individuelle Konkurrenzlogik und die Forderung nach Leistungsgerechtigkeit blenden diesen Umstand jedoch aus.18

Innerhalb dieser Rahmenbedingungen hat sich somit ein Kampf um Bildung zwischen den Individuen entwickelt, die auf dem Bildungs- und später dem Arbeitsmarkt um diese Ressource konkurrieren, weil sie einen besseren sozio- ökonomischen Status sowie eine freiere Entfaltung der eigenen Lebenschancen ermöglicht. Soziale Schichtunterschiede manifestieren sich also nicht mehr in einer expliziten Schichtzugehörigkeit, sondern im implizit verwehrten Zugang zu Bildungs- und damit auch Lebenschancen. Die reine Möglichkeit für Auf- stiegschancen auch für Zugehörige sozial schwächerer Schichten, unabhängig von ihrer Realisierung, setzt die (etablierte) Mittelschicht bezüglich ihres eige- nen Bildungserfolgs zusätzlich unter Druck.

Inwieweit sich diese Zusammenhänge auch aus der Individualisierungstheorie Ulrich Becks heraus erklären lassen, soll im folgenden Kapitel geklärt werden.

[...]


1 Vgl. Becker, 2012, o. S.

2 Vgl. OECD, 2018, S. 26.

3 Vgl. Burkart, 1993, S. 188-191.

4 Vgl. Beck, 1986, S.122.

5 Vgl. Beck, 1983, S. 50.

6 Vgl. Luhmann/ Schorr, 1999, S. 258 f.

7 Vgl. Beck, 1995, S. 185.

8 Vgl. OECD, 2018, S. 26.

9 Vgl. Ebd., S. 85.

10 Vgl. Ebd., S. 121.

11 Vgl. Becker/Schulze, 2013, S. 4.

12 Vgl. Becker/Hadjar, 2013, S. 526.

13 Vgl. Hopf, 2011, S. 195.

14 Vgl. Becker, 2012, o. S.

15 Vgl. Ebd.

16 Vgl. Sixt, 2013, S. 462.

17 Vgl. Hopf, 2011, S. 198.

18 Vgl. Ebd., S. 199.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Soziale Ungleichheit jenseits von Stand und Klasse
Untertitel
Ulrich Becks Individualisierungstheorie, 'Fahrstuhleffekt' und der Kampf um Bildung und Erfolg
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
23
Katalognummer
V509846
ISBN (eBook)
9783346076786
ISBN (Buch)
9783346076793
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ulrich, stand, ungleichheit, soziale, erfolg, bildung, kampf, fahrstuhleffekt, individualisierungstheorie, becks, klasse
Arbeit zitieren
Josefa Aygün (Autor), 2019, Soziale Ungleichheit jenseits von Stand und Klasse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509846

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