Arbeiten im Home Office

Selbstorganisierte Arbeitsformen und die Hierarchisierung der Sozialsphären "Arbeit" und "Leben" in der postfordistischen Gesellschaft


Hausarbeit, 2019

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Subjektivierung von Arbeit
2.1 Subjektivität
2.2 Betriebliche An- und subjektive Einforderungen: die Subjektivierung von Arbeit als eine doppelte

3 Die Entgrenzung von Arbeit
3.1 Die Entgrenzung betrieblicher Formen von Arbeitsorganisation
3.2 Selbstorganisierte Arbeitsformen und das Modell des 'Arbeitskraftunternehmers'

4 Arbeiten im Home Office – Arbeiten ohne Ende?

5 Zusammenfassung und Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Arbeit in postmodernen und -fordistischen Gesellschaften subjektiviert und entgrenzt sich zunehmend. Bis ins 20. Jahrhundert hinein waren ‚Arbeit‘ und ‚Leben‘ noch zwei strikt voneinander getrennte Sphären. Mit dem Aufkommen des tertiären Sektors einerseits und neuer Technologien andererseits indes, begann sich dies zu verändern. Die gegenwärtigen Tendenzen führen derweilen zu einem zunehmenden Aufweichen der Grenzen zwischen Erwerbs- und Privatleben. Zur Entgrenzung dieser beiden Bereiche trägt auch die Arbeit im Home-Office bei (vgl. Hirsch-Kreinsen 2009: 447), die sich mehr und mehr etabliert. Dabei ist das Home-Office sowohl Mit(re-)produzent als auch Produkt dieser Subjektivierungs- und Entgrenzungsdynamik. Immer mehr findet das Arbeiten von zu Hause sowohl Akzeptanz als auch Verbreitung. Arbeitnehmer*innen wie Arbeitgeber*innen versprechen sich von dieser Form selbstorganisierter Arbeit verstärkt Vorteile. Für Arbeitnehmer*innen soll sich die Arbeit im Home-Office vor allem auf die immer wichtiger werdende Work- Life-Balance1 positiv auswirken, da sie ortsunabhängiger ist und so flexibler gestaltet werden kann. Spielen Zeit und Ort eine untergeordnete bis gar keine Rolle mehr, können vermehrt auch unterschiedliche Ansprüche (oder Zumutungen), die an das Individuum gestellt werden, wie Elternschaft und Erwerbstätigkeit beispielsweise, besser miteinander vereinbart werden – so zumindest die damit verbundene Annahme. Die Arbeit im Home-Office bleibt jedoch nicht ohne ‚Nebenwirkungen‘ und birgt Ambivalenzen. Unter Umständen kann sie sogar in ein „Arbeiten ohne Ende“ (Pickshaus/ Schmitthenner/ Urban 2001) ausarten. Ambivalenzen birgt ferner die Subjektivierungs- und Entgrenzungsdynamik im Allgemeinen, die die an ‚Arbeit‘ grenzenden Sphären wie das (Privat-)Leben unweigerlich mitverändert, indem sie sie durchdringt und gar unterwirft (Gottschall/ Pfau - Effinger 2002; Gottschall/ Voß 2003: 16). Das Subjekt und die Gesamtheit seiner Ressourcen sehen sich genauer verstärkt einer steigenden Zahl ökonomischer Ziele unterworfen und neue Informations- und Kommunikationstechniken im Zuge der Digitalisierung machen es, etwa in Form ständiger Erreichbarkeit, auch möglich, dass Erwerbsarbeit sich in den Bereich des Privatlebens ausdehnt. Das eigentliche Ziel, durch die Arbeit im Home-Office ein größeres Gleichgewicht zwischen Erwerbs- und Privatleben zu schaffen, wird damit unterlaufen und kann sich sogar ins Gegenteil verkehren. Vor diesem Hintergrund geht vorliegende Abhandlung der Frage nach, ob die Arbeit im Home-Office als eine Form selbstorganisierter Arbeit zu einer Hierarchisierung der Sozialsphären ‚Arbeit‘ und ‚Leben‘ zugunsten der (Erwerbs-)Arbeit führt.

Zu Beginn des Jahres 2019 erschienen gleich drei Studien (Arnzt/ Berlingieri/ Yahmed 2019; Lott 2019; Grunau et. al. 2019), die das Arbeiten im Home- Office im Bundesgebiet untersuchten und die mit Hinblick auf die Fragestellung der vorliegenden Ausarbeitung sowie deren Beantwortung beziehungsweise Diskussion, exemplarisch herangezogen werden. An den in diesen Arbeiten gemachten Beobachtungen und aufgestellten Thesen soll die Behauptung einer Hierarchisierung überprüft und, darüber hinausgehend, auch gezeigt werden, weshalb eine solche Hierarchisierung, genauer, anhand welcher Tatsachen, sie vermutet werden kann.

Zum Zwecke der Diskussion der Fragestellung, wird im Folgenden zunächst auf die zwei die gegenwärtigen Tendenzen bestimmenden Phänomene, die Subjektivierung von Arbeit einerseits und ihrer Entgrenzung andererseits, eingegangen werden. Die in der Arbeit gewonnen Erkenntnisse sollen abschließend einer kritischen Reflexion unterzogen werden.

2 Die Subjektivierung von Arbeit

Für die vorliegende Arbeit soll eine Subjektivierungstheorie aus arbeits- und industriesoziologischer Perspektive herangezogen werden. Für diese wesentlich ist die Frage danach „wie der ehemalige Störfaktor Subjektivität nun verwertet (ausgebeutet) wird, welche neue Subjektivität in und mit postfordistischen Arbeitsverhältnissen produziert wird, und wieweit sie sich mit ihnen paßgerecht fügt – oder sperrt“ (Kleemann et al. 2002: 14). Letztlich stellt diese nur eine von vielen Theorien dar, die sich mit Subjektivierungsprozessen befassen, die jedoch keinen einheitlichen Theorienansatz darstellen.

2.1 Subjektivität

Der Prozess der ‚Subjektivierung‘ steht unweigerlich mit dem Konzept des ‚Subjekts‘ in Zusammenhang. Auch für das Subjektverständnis bildet vorliegend die Perspektive der Arbeits- und Industriesoziologie den Ausgangspunkt. In diesem Kontext steht das Subjekt häufig stellvertretend für das Individuum als Gegenteil des Kollektivs (vgl. Kleemann et. al. 2002). Das ‚Subjekt‘ ist demzufolge, „etymologisch betrachtet, ein zweideutiges Wort, das sowohl Zugrundeliegendes (hypokeiman, subiectum) als auch Unterworfenes (subiectus = untergeben) bedeutet“ (Zima 2010: 3). Insgesamt sind für den Begriff der Subjektivität in der Literatur darauf Bezug nehmend immer wieder zwei Definitionen anzutreffen, denen zufolge Subjektivität zum einen das Eigene eines konkreten Individuums, zum anderen jedoch auch das Ergebnis von kulturellen und sozialen Prägungen (vgl. Kleemann et al. 2002) sein kann. In der Definition Schimanks finden sich beide Perspektiven vereint: er beschreibt Subjektivität in diesem Zusammenhang als „die je situative Aktualisierung der zwar sozial geprägten, aber dennoch individuellen besonderen Konstellation von Wissen, Einstellungen, Motiven und Fertigkeiten einer Person“ (Schimank 1988: 71). ‚Subjektivierung‘ stellt dann damit wiederum ein Konzept dar, dass die Zunahme des Zugriffs auf die Subjektivität oder auch die Einflussnahme auf das Verhältnis zwischen Personen und ihrer Umwelt beschreibt (vgl. Kleemann et al. 2002: 54). Erstmalig im Zusammenhang mit einer zunehmenden Entgrenzung und der mit ihr einhergehenden Zunahme an der Bedeutung des Subjekts für den Arbeitsprozess, findet das Konzept schließlich bei Martin Beathges Diskurs der Arbeits- und Industriesoziologie Eingang. Seine Intention war es „damit auf das Bedürfnis der Beschäftigten, Subjektivität in die Arbeit einbringen zu können und auf die zunehmende Bedeutung berufsinhaltlicher, kommunikativer und expressiver Ansprüche an die Tätigkeit“ (Minssen 2006: 151) hinzuweisen. Nach Minssen sind drei Aspekte grundlegend dafür, dass es zu einer solchen Subjektivierung von Arbeit kommt: der Strukturwandel innerhalb der Beschäftigung, die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen und ein Rückgang der starren Arbeitsteilung (vgl. ebd.: 151).

2.2 Betriebliche An- und subjektive Einforderungen: die Subjektivierung von Arbeit als eine doppelte

Die wissenschaftliche Debatte um die Subjektivierung von Arbeit ist ein inhaltlich vielfältiges Feld. Gemeinsam ist jedoch allen Richtungen und Akzentuierungen, dass die Subjektivierung nicht als einseitiger Prozess erachtet wird (vgl. Moldaschl / Voß 2003b: 17). Dass dies nicht der Fall ist, wird unter anderem daran deutlich, dass es immer mehr subjektive Faktoren innerhalb eines Arbeitsprozesses gibt, die hier funktional werden, zeitgleich jedoch auch die subjektiven Ansprüche wachsen, die an die Arbeit gestellt werden. Klemann et al. (2003) bezeichnen diese Entwicklung als doppelten Subjektivierungsprozess. Das Subjekt tritt an dieser Stelle als Vermittlungskategorie zwischen sich selbst und die Arbeit beziehungsweise dem Betrieb, hervor. Um sowohl den eigenen Bedürfnissen als auch den Anforderungen des Betriebs gerecht werden zu können, muss das Subjekt den Versuch unternehmen ein Gleichgewicht zwischen Privat- und Arbeitsleben herzustellen (vgl. Minssen 2006: 229). Dabei kann zwischen einer Anforderungs- und einer Einforderungsdimension unterschieden werden (vgl. ebd.: 62).

Erstere knüpft an die Transformationsprozesse der Arbeit im Sinne der postfordistischen Arbeitsverhältnisse an. Die subjektiven Ansprüche, die an Arbeit gestellt werden, nehmen zu. Genauer soll nun die Subjektivität der Arbeitenden auf eine 'produktive' Weise eingebunden werden, zur Produktivität eines Betriebs also positiv beitragen, während Subjektivität in der fordistischen Arbeitswelt den bereits zitierten 'Störfaktor' für die Organisation von Arbeit darstellte. Die Subjektivität wird den Arbeitenden jedoch nicht nur als Individuen zugestanden, sondern verallgemeinert und im Sinne einer Produktivitätsressource von den Beschäftigten gefordert. An die Stelle einer Arbeitskraft, die „Passivität, Status- und Vorgabenorientierung, Leistungszurückhaltung, Akkordmentalität etc.“ (Bahnmüller 2001a: 13) internalisierte, soll nun eine von „systematisch erweiterte[r] Selbst-Kontrolle, eine[m] Zwang zur forcierten Ökonomisierung seiner Arbeitsfähigkeiten sowie eine[r] entsprechende[n] Verbetrieblichung der alltäglichen Lebensführung“ (Voß/Pongratz 1998: 132) charakterisierte treten. Auf diese Weise wird Subjektivität von Seiten der Betriebe funktionalisiert.

[...]


1 Bezeichnenderweise konnte der Wunsch nach einem Gleichgewicht zwischen den Sozialsphären ‚Leben‘ und ‚Arbeit‘ erst mit ihrer Entgrenzung aufkommen.

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Details

Titel
Arbeiten im Home Office
Untertitel
Selbstorganisierte Arbeitsformen und die Hierarchisierung der Sozialsphären "Arbeit" und "Leben" in der postfordistischen Gesellschaft
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
19
Katalognummer
V509848
ISBN (eBook)
9783346086761
ISBN (Buch)
9783346086778
Sprache
Deutsch
Schlagworte
arbeiten, leben, arbeit, sozialsphären, hierarchisierung, arbeitsformen, selbstorganisierte, office, home, gesellschaft
Arbeit zitieren
Josefa Aygün (Autor), 2019, Arbeiten im Home Office, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509848

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