Spiritualität in der psychotherapeutischen Bewältigung existenzieller Krisen


Akademische Arbeit, 2015

11 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1) Einleitung
1.1 Sprachliche Differenzierung
1.2 Operationalisierungsansätze

2) Spiritualität in der Psychotherapie
2.1 Freuds Pathologisierung der Religion
2.2 Achtsamkeitsbasierte Verfahren und Humanistische Ansätze

3) Wirksamkeitsnachweise

4) Spirituelles Coping in der Traumaverarbeitung

5) Einbezug einer spirituellen Dimension in Psychotherapie?

6) Spirituelle Kausalattribution

7) Psychotherapeutische Grenzen existenzieller Fragen

8) Diskussion

9) Quellen

1) Einleitung

Spiritualität und Religiosität sind in der Wissenschaft nach wie vor stark vorurteilsbelastete Themen. Obwohl sich die Publikationsmenge zwischen den Jahren 1990 und 2010 im Bezug auf klinische Psychologie verdreifacht hat, (Utsch, Michael, Bonelli, Raphael M., Pfeifer, 2014). Ist vergleichsweise zur globalen Verbreitung religiöser Überzeugungen die wissenschaftliche Arbeit auf diesem Gebiet stark unterrepräsentiert. Zur Schwierigkeit der empirischen Erfassung gehört die nach der Säkularisierung erfolgte Individualisierung des Glaubens, welche sich in einem stark heterogenen Spektrum bewegt und den Glauben überwiegend als Privatsache deklariert. Vom esoterischen Sinnsucher bis hin zum monotheistischen Fundamentalisten bietet das Thema eine unübersichtliche Vielzahl an Glaubensinhalten, welche eine sinn- und identitätsstiftende Funktion bedient und häufig mit einer hohen emotionalen Valenz einhergeht.

1.1 Sprachliche Differenzierung

Um dort ein empirisch erfassbares Konstrukt zu untersuchen, bedarf es vorerst einer sprachlichen Differenzierung der Begrifflichkeiten Religion und Spiritualität. Mit dem Wort Religion ist heutzutage eine starke Assoziation mit der Institution Kirche verknüpft, welcher eine eher negative Konotation anhaftet. Dieser konventionell orientierte Begriff wurde vielfach abgelöst von der neueren, fast inflationären Benutzung des Wortes Spiritualität. Inhaltlich gibt es viele Überschneidungspunkte. Einen großen Unterschied kennzeichnet jedoch die persönliche Anpassung des Glaubenssystems, welche in der Spiritualität stark individuiert und bei der Religion eher gesellschaftlich organisiert vorkommt.

Um den Inhalt, auf welche sich die Spiritualität fokussiert, näher zu differenzieren schuf Worthing vier verschiedene Typologien der Spiritualität:

1) Die Religiöse Spiritualität, welche sich auf das Heilige im Sinne der Religion bezieht,
2) Die Humanistische Spiritualität, welche eine Bezogenheit zur Menschheit ins Zentrum stellt,
3) Die Natur-Spiritualität, bei der pantheistische Inhalte die Basis bilden und
4) Die Ko s mische Spiritualität, welche eine Bezogenheit zum Universum nimmt (Worthington, Hook, Davis, & McDaniel, 2011)

Anthropologisch betrachtet ist Spiritualität eine kulturhistorische Konstante, welche sich stets auf der Suche nach einer höheren Alleinigkeit und einem transzendentalen Über- sich –hinaus- wachsen befindet.

Aus religionspsychologischer Sicht definiert van Belzen Spiritualität als die individuelle Gestaltung der Bezogenheit auf Transzendenz (van Belzen, 1999).

1.2 Operationalisierungsansätze

Die wissenschaftliche ausgerichtete Forschung sollte weniger die ursächliche Richtigkeit von Religion , welche rein subjektiv ist , thematisieren, sondern sich mit den reell empirischen Auswirkungen auf Individuum und Gesellschaft beschäftigen. Diese pragmatische Herangehensweise ist in den USA schon weit verbreitet. 62 % der Amerikaner klassifizieren sich selbst als hoch religiös (Nelson, 2009). Bei einem derart hohen soziodemografischen Prozentsatz bleibt die Auswirkung auf die Psychotherapie deutlich spürbar. Vergleichsweise gering ist da der prozentuale Anteil von 18 % derer, die sich in Deutschland als hoch religiös bezeichnen (Bertelsmann Stiftung, 2008). Für die Messung der Religiosität hat sich als Standardmessinstrument das „Religious Orientation Scale“ etabliert (Trimble, 1997) . Dieses unterscheidet eine intrinsische Dimension, welche aus tiefer persönlicher Überzeugung verinnerlichte Glaubensinhalte mit einer extrinsische Religiosität vergleicht, die überwiegend äußerlich aufgesetzt und sozial adaptiert ist.

2) Spiritualität in der Psychotherapie

2.1 Freuds Pathologisierung der Religion

Sigmund Freud (1856-1939) war einer der ersten Psychologen, welcher sich intensiv mit Religion aus psychologischer Perspektive auseinandersetzte und so alle weitern Berührungspunkte beider Themengebiete maßgeblich beeinflusste.

Freud beschrieb Religion als eine kollektive Zwangsneurose, welche Ausdruck eines regressiven Wunsches nach dem Schutz eines übermächtigen Vaters sei („Vatersehnsucht“)(Freud, 1956) Dieser wird in allmächtiger, idealisierter Form imaginiert, um dem Hilfesuchenden Schutz und Geborgenheit zu illusionieren. Aus dieser stark abwertenden Haltung heraus ist Religion nichts weiter als Projektion und Illusion und somit ein pathologisches Phänomen, welches sich in der klassisch orthodoxen Analyse als Widerstand präsentiert. Aus freudscher Sicht ist ein hochreligiöser Patient also erst dann therapiefähig, wenn er von seinem Glauben abkommt. Schlussfolgernd aus dieser Grundannahme schließen sich Religion und aufklärerisch- kritisches Denken gegenseitig aus. Die religiöse Vergiftung des „vernünftige Geistes“ sollte laut Freud bewusst gemacht und weg rationalisiert werden. Dieser bewusste Wille zur Abschaffung des Übernatürlichen und jedweder Transzendenz führte zeitweise dazu, dass die Psychotherapie (im speziellen die Psychoanalyse) als Nachfolge des religiösen Heilungsprozesses gehandelt wurde (Frank Jerome D, 1985) . Auch wenn heutzutage teilweise immer noch die Psychoanalyse als eine logische Weiterentwicklung der Beichte angesehen wird, wurde schnell klar, dass Psychotherapie nicht die Erbschaft von Religion antreten konnte, da der gebotene Inhalt und Zweck keineswegs deckungsgleich ist.

Einer der bekanntesten Schüler Freuds Carl G. Jung grenzte sich stark zum Thema Religion von seinem Lehrer ab und schieb der Religion in der von ihm etablierten Analytischen Psychologie einen wesentlichen Stellenwert zu. Jung ging davon aus , dass jedem Menschen eine natürliche Religiosität inne wohnt und das nur durch die Einbeziehung der Selbstwerdung (Individuation) gelingt. Der therapeutische Einbezug und die Deutung religiöse Bilder und Symbole wurden hier auch im therapeutischen Setting genutzt (C.G. Jung, 1963).

2.2 Achtsamkeitsbasierte Verfahren und Humanistische Ansätze

Das beste Beispiel für eine erfolgreiche Integration traditioneller Religion in die klinische Praxis zeigt das buddhistische Achtsamkeits-Paradigma, welches mittlerweile gut validiert ist und nach der so genannten dritten Welle einen festen Platz in der kognitiven Verhaltenstherapie gefunden hat (Weiss H, 2010). Die achtsamkeitsbasierte Therapie wird bevorzugt zur Stressreduktion genutzt und versucht ein bewusstes Erleben aller Sinne im Hier und Jetzt aufzubauen.

Wegbereiter für die Offenheit zu einem solchen Konzept war sicherlich u.a. die Humanistische Psychotherapie, welche das individuelle Wachstum und die dazugehörigen Bedürfnisse betont und so unweigerlich bei den höheren Entwicklungsstufen ( z.B. Gipfelerfahrungen nach Maslow) auf transzendentale Fragen und spirituelle Themen stoßen. Andere weniger Evidenz basierte empirisch Konzepte gründen sich fast ausschließlich auf eine spirituelle Dimension. Dazu gehört die von Ken Wilber ins Leben gerufene Transpersonale Psychologie, welche sich im engeren Sinne als eine spirituelle Psychologie versteht und therapeutische mit außergewöhnlichen, bewusstseinstranzentierenden Erfahrungen arbeitet. Die Herangehensweise und das Konzept - Verständnis ist in der transpersonalen Psychologie jedoch keinesfalls einheitlich. Vielmehr handelt es sich um einen Zusammenschluss von Psychologen und Personen aus angrenzenden Fachgebieten, welche ähnliche Interessen verbindet, ohne dass eine einheitliche Theoriebildung konsultiert wird.

3) Wirksamkeitsnachweise

Wie eingangs schon erwähnt, ist die wissenschaftliche Studienlage gerade in Europa unzureichend. Im Folgenden wird ein Überblick über die Wirksamkeit von spirituellen Interventionen bei unterschiedlichen Krankheitsbildern dargestellt, wobei aufgrund der umfassenden Studienlage vertiefend auf das Begleitsymptom der Suizidalität einer schweren depressiven Episode eingegangen wird. Abschließend werden Wirksamkeitsnachweise zur Gesundheitsförderung von religiösem und spirituellem Glauben skizziert.

Utsch, Michael, Bonelli, Raphael M., Pfeifer, 2014 bieten eine Übersicht, bei welchen Krankheitsbildern der Einbezug von spirituellen Interventionen zu signifikanten Verbesserungen führten. Für diese Methananalyse, wurden alle Studien der Top-Journale zwischen 1990 und 2010 zusammengefasst und aufgrund von qualitativen Studienmerkmalen im Grad der Evidenzbasiertheit abgestuft.

Ein hoher Evidenzgrad konnte bei den Diagnosegruppen Depression, Suchterkrankungen und Suizidalität festgestellt werden. Für neurotische Störungen und organisch- psychische Störungen lag gewisse wissenschaftliche Evidenz vor. Aufgrund von niedriger Studienqualität und widersprüchlichen Ergebnissen ergab der Wirkfaktor bei bipolaren Störung sowie Schizophrenien eine ungenügende Evidenz. Es fanden sich keine Studien, welche den Zusammenhang zwischen Religiosität und Essstörungen, Sexualstörungen, Phobien, Zwangserkrankungen, Persönlichkeitsstörungen, somatoformen Störungen und dissoziativen Störungen untersuchten (Utsch,et al. , 2014).

Aufgrund umfangreicher Untersuchungen im Bezug auf Spiritualität und Suizid soll hier noch einmal exemplarisch darauf eingegangen werden.

Im Jahre 2011 starben in Deutschland insgesamt 10.144 Menschen durch Selbsttötung. Etwa 1 Mio. Menschen sterben weltweit jährlich durch eigene Hand (Felber W, 2013).

Damit gehören Suizide zu den drei häufigsten Todesursachen der 15- bis 34-Jährigen weltweit (“WHO Suicide data,” 2000). In religiösen Ländern ist die Suizidrate konstant niedriger (Breault, 1986) insbesondere in den islamischen und katholischen Gegenden. Die drei monotheistischen Weltreligionen (Christentum , Judentum, Islam) beziehen zum Suizid eine klar ablehnende Haltung. Je nach Auslegung ist in diesem Zusammenhang eher von einem Verbot zu sprechen, demnach kann Religiosität als ein protektiver Faktor in form einer Restriktion gesehen werden. Religiosität als Schutzfaktor trifft laut Mohr, 2006 auf etwa ein Drittel der Personen zu. Für 10 Prozent wirkt Religion jedoch gegenteilig als ein distaler Risikofaktor für Suizid (Mohr et al., 2006). Ein möglicher Grund dafür ist die Annahme eines freieren Lebens nach dem Tod ,bzw. ein Glaubenssystem, welches davon ausgeht, dass man nach dem Tod an einen bessern Ort oder in einen höheren Zustand kommt.

Der ersehnte jenseitige Zustand wird paradoxerweise mit positiven, idealisierenden Lebensqualitäten beschrieben.

Seitdem die WHO »spirituelles Wohlbefinden« als einen eigenständigen Bestandteil umfassender Gesundheit sieht, forschen Gesundheitswissenschaftler intensiver nach seinen Bedingungen (Utsch, Michael, Bonelli, Raphael M., Pfeifer, 2014).

So zeigte sich in einer metaanalytischen Betrachtung, dass mit 74 % die überwiegende Mehrheit der Studien eine positive Korrelation zwischen Religiosität bzw. Spiritualität und psychischer Gesundheit aufdeckten. Darüber hinaus fanden 2 % keinerlei Korrelationen, 19 % sowohl positive als auch negative Resultate. 5 % explorierten eine ausschließlich negative Korrelation (Utsch, Michael, Bonelli, Raphael M., Pfeifer, 2014).

Besonders in Form einer Gesundheitsprävention erwies sich ein fester Glaube als förderlich.

Die Auswirkung eines spirituelles Wohlbefindens auf die allgemeine Gesundheit ist hiermit großflächig belegt. Doch Studien, welche sich mit einzelnen, unmittelbaren Wirkfaktoren und der damit zusammenhängenden Differenzierung der Variablen des Glaubens und der Gesundheit beschäftigen, stehen noch aus.

4) Spirituelles Coping in der Traumaverarbeitung

Das ICD 10 unterscheidet differenzialdiagnostisch zwischen der akuten Belastungsstörung (F34.0) der posttraumatischen Belastungsstörung (F43.1) und der Anpassungsstörung (F43.2) (ICD-10, 2013).

Eine umfassende diagnostische Beschreibung würde in diesem Zusammenhang den Rahmen der Arbeit sprengen. Im Folgenden sollen nur einige charakteristische Merkmale des Traumas aufgeführt und unmittelbar mit spirituellem Coping in Verbindung gebracht werden.

Trauma in Form von nicht normativen Lebensereignissen sind in der Lage tief sitzende Grundannahmen in ihrer Festigkeit zu erschüttern, vertrauensvolle Beziehungskonstanten mit einmal zu zerstören und auch spirituell-religiöse Annahmen in Frage zu stellen . Als besonders belastend wird es in diesem Zusammenhang erlebt, wenn Grundbedürfnisse wie Sicherheit oder soziale Zugehörigkeit als nicht mehr gegeben wahrgenommen werden. Ein weiterer Risikofaktor stellt der Zeitpunkt des Auftretens dar. Besonders wenn sich Traumata in früheren Jahren zutragen , wo noch keine ausreichenden Ressourcen und Coping Strategien vorhanden sind, haben diese Ereignisse oft lebenslange Implikation auf Selbst- und Fremdbilder. Die bei einem Trauma auftauchenden Destabilisierungen haben zur Folge, dass sich die traumatisierte Person aktiv mit Neuorientierung und Sinnsuche beschäftigt ist (ausgenommen die Personen, welche einen depressiven Attributionsstil internalisiert haben und sich so passiv in ihr Schicksal fügen). So zeigte sich, dass 72 bis 95 % der Deutschen die traumatische Lebenskrise ( Tod, Unfall,Erkrankung,usw.) zum Anlass nahmen, sich aktiv mit der Sinnsuche zu beschäftigen. (Hauser, 2004)

Madert, 2007 stellt fest, dass ein schweres Trauma unweigerlich zur Beschäftigung mit spirituellen Fragen führt durch:

-die Erschütterung der Selbstverständlichkeit des In-der-Welt-Seins,
-die Konfrontation mit dem Bösen und dem Leid, verstanden als dunkle Seite Gottes,
-die Verfeinerung der Wahrnehmung, Öffnung anderer Wahrnehmungsdimensionen,
-die Suche nach der Errettung und nach einer Erlösung (Madert, 2007).

Die subjektive Encodierung und Verarbeitung von potenziellen traumatischen Inhalten ist ausschlaggebend, dass jedes Trauma einzigartig erlebt und rekonstruiert wird (Flashbacks) .

So kann multifinal ein und das selbe Ereignis bei unterschiedlichen Personen zu völlig verschiedenen traumatisierenden oder nicht traumatisierenden Reaktionen führen.

Die neuronale Erlebensverarbeitung, welche überwiegend netzwerkartig im episodischen Gedächtnis erfolgt, zeigt viele Parallelen zu neuronalen Aktivitätsmustern unter spirituellen Erfahrungen.

So wurden in neurobiologischen Studien zur Spiritualität die gleichen emotionalen Schaltkreise auch im Zusammenhang mit religiösem Erleben gefunden (Newberg & Iversen, 2003). Diese Befunde decken sich mit der ersten, oft spontanen Reaktion in sehr traumatischen Momenten, welche oft Form eines unwillkürlichen Gebets annimmt (Schuster et al. 2001).Das Flehen um Hilfe und um Heilung sind dann meistens zentrale Anliegen des Stoßgebetes (Cohen, Wheeler, Scott, Edwards, & Lusk, 2000) . Interessanterweise trifft diese Reaktion nicht nur bei religiösen Personen zu.

Folgerichtig sollte eine spirituelle Begleitung , insbesondere bei der Bewältigung schwerer Lebenskrisen und Traumatisierungen, unverzichtbar sein. Wenn der Patient nicht schon von sich aus einen spirituell religiösen Hintergrund mitbringt, auf welchen dann näher eingegangen werden kann, bietet der religionspsychologische Ansatz religiös-spiritueller Krisenbewältigung von Kenneth Pargament ein umfangreiches, validiertes Konzept. Mit mehr als 150 empirische Studien belegt dieses den Gewinn von religiöse Ressourcen und Bewältigungsstrategien im Zusammenhang mit einschneidenden Lebensereignissen (Pargament, 2001).

Die Arbeitsgruppe von Kaplan, Matar, Kamin, Sadan, & Cohen, 2005, belegte,dass religiöse Überzeugung auch Präventiv ein protektiver Faktor gegenüber der Ausbildung einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) ist. Sie konnte zeigen, dass die hochreligiösen jüdischen Bewohner des Gazastreifens seltener Symptome der PTSD zeigten, obwohl bei ihnen die meisten traumatisierende Gewalterfahrungen zu explorieren waren (Kaplan et al., 2005).

Dem entgegenstehend, kann gerade ein belastendes Ereignis, wenn es die sonnst schützende Gottesbeziehung in Frage stellt, ein Traumatisierung auslösen.

Zum psychotherapeutischen Umgang mit einer Traumatisierungen gibt es nach wie vor unterschiedliche methodische Herangehensweisen. Einige schwören auf eine konfrontative Durcharbeitung. Das spirituelle Coping legt hingegen eher ein Konzept des akzeptierenden Loslassens vor. In diesem Zusammenhang versucht der Therapeut Schuldzuweisungen (unabhängig ob sie gegen sich selbst oder die Umwelt gerichtet sind) in aktive Vergebung umzuwandeln. Menschen, welche gut in der Lage dazu sind sich ihrer eigenen Fehler bewusst zu werden, fällt es im Anschluss leichter, von der Freiheit des Verzeihen Gebrauch zu machen. Wenn die Vergebung gelingt, stellt sich häufig eine enorme Erleichterung ein, und der eigene Handlungsspielraum kann wieder in seiner Ganzheitlichkeit wahrgenommen und genutzt werden.

Darüber hinaus ermöglicht es ein Trauma biografisch so einzuordnen und zeitlich abzuschließen, dass man für eine neue Lebensphase und Grundeinstellungen offen und frei zugänglich wird.

Im Idealfall tritt nach dem Abklingen der akuten Episode ein posttraumatisches Wachstum ein, welches eine Reifung der Persönlichkeitseigenschaften und eine Festigung des sinnstiftenden Deutungssystems mit sich bringt .

5) Einbezug einer spirituellen Dimension in Psychotherapie?

Sollten spirituelle Interventiven ein fester Bestandteil in der Psychotherapie werden ?

Zu dieser Frage sollen im Folgenden Pro- und Kontra- Argumente gegen einander abgewogen und schlussendlich in ein Fazit überführt werden.

Auf der äußeren Handlungsebene sind Gemeinsamkeiten zwischen Spiritualität und Psychotherapie kaum zu erkennen. In einer dahinter liegenden „tieferen“ Ebene zeigen sich dennoch viele funktionelle und strukturelle Ähnlichkeiten, welche, wenn sie erkannt werden, gut für den psychotherapeutischen Kontext nutzbar gemacht werden können. So könnte sich eine spirituelle Dimension einerseits durch die grundlegende spirituelle Haltung des Therapeuten oder durch eine spezifische spirituelle Intervention zeigen (Büssing, Arndt, Kohls, 2011).

Eine spirituelle Haltung ist schwer operationalisierbar, aber je nach definitorischer Auslegung des Wortes „spirituell“ eine unumgängliche Wertorientierung in jedem Heilungsberuf. Gerade das humanistische Therapiekonzept kommt nicht ohne eine solche Haltung aus.

Spirituelle Interventionen wirken im psychotherapeutischen Kontext meist befremdlich.

Sie lassen sich jedoch besser messbar machen und sollen im folgenden deshalb näher diskutiert werden.

In den USA beziehen je nach Untersuchung zwischen 30 und 90 % der befragten Therapeuten spirituelle Interventionen mit ein (Worthington et al., 2011). In der Amerikanischen Psychiatrie kommt es laut einer repräsentativen Befragung von mehr als 1100 Fachärzten sogar zu 93% zur Auseinandersetzung mit spirituellen Fragen im Behandlungskontext (Curlin et al., 2007). Vergleichbare Zahlen für den deutschen Sprachraum stehen noch aus. Hochrechnungen, welche sich an den allgemeinen Zahlen hoch religiöser Menschen orientieren, legen die Vermutung nahe, dass es in Deutschland wesentlich seltener zu spirituellen oder religiösen Interventionsformen in der Therapie kommt. Die in Amerika durchgeführten Studien sind an den dortigen Kulturkreis gebunden und lassen sich somit nicht ohne weiteres auf den europäischen Sprachraum übertragen.

Psychotherapie ist in Deutschland eine rechtliche geltende Dienstleistung des öffentlichen Gesundheitswesens. Damit gehen für den Therapeuten einige Rechte und Pflichten einher. Psychotherapeuten müssen weltanschaulich- kulturelle Neutralität (Abstinenzverpflichtung) wahren und fremden Kulturausprägungen vorurteilsfrei und tolerant begegnen.

Die Methodik der psychologische Hilfeleistung sollte sich auf objektiv messbare und validierte Interventionen stützen, welche bei spirituellen Techniken nur teilweise gegeben sind.

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Spiritualität in der psychotherapeutischen Bewältigung existenzieller Krisen
Hochschule
Deutsche Hochschule für Gesundheit und Sport (vormals H:G Hochschule für Gesundheit & Sport, Technik & Kunst)
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
11
Katalognummer
V509869
ISBN (eBook)
9783346076625
ISBN (Buch)
9783346076632
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spiritualität, Krisenintervention, Psychotherapie, Coping, Trauma
Arbeit zitieren
Robin Kaiser (Autor:in), 2015, Spiritualität in der psychotherapeutischen Bewältigung existenzieller Krisen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509869

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