Diese Arbeit beschäftigt sich mit der zentralen Frage nach der Wirkungsweise des Kinderblicks und der veränderten Erzählperspektive und untersucht, ob und wie eine hochpoetische Ausdrucksform in den LeserInnen die Wahrnehmung der reellen Schrecken des Holocaust beeinflusst.
Im Fokus der Untersuchung steht dabei Aichingers literarische Darstellung des unvorstellbaren und unaussprechlichen Grauens in ihrem Roman "Die größere Hoffnung", welches die kindlichen Protagonisten des Romans erfahren und individuell wahrnehmen. Ziel der Arbeit ist es somit, aufzuzeigen, mit welchen sprachlichen Mitteln die Autorin das "Unausgesprochene" des Romans, also die historisch belegbaren Fakten und traumatisierenden Schreckensereignisse des Nazi-Regimes, wie auch das "Unaussprechliche", literarisch darstellt.
Das "Unaussprechliche" des Romans kann dabei als das über die kindlichen Protagonisten hereinbrechende Grauen und als der lauernde Tod gesehen werden. Im Rahmen dieser Arbeit steht daher die Untersuchung der sprachlichen Darstellung der Inhalte im Vordergrund, um die damit verbundenen und dadurch evozierten Vorstellungen, Eindrücke und Konnotationen der Rezipienten analysieren zu können. Hinsichtlich der spezifischen Rezeptionswirkung und insbesondere im Rahmen dieser Arbeit ist auch die kulturelle und historisch-kontextuelle Einbettung des literarischen Werks von wesentlicher Bedeutung.
Die Analyse zentraler Episoden des Romans soll demnach aufzeigen, dass durch die Sprachkunst Aichingers eine besonders eindrucksvolle Wirkung erzielt wird, die es dem Rezipienten erlaubt, Vorstellungen, Emotionen und Erlebnisse zu erfassen, welche durch Worte allein nicht begreifbar sind. Die höchst metaphorischen und meist mehrdeutigen Sprachbilder Aichingers erschaffen eine veränderte Sichtweise der Rezipienten und ermöglichen die Auflösung herkömmlicher Denkweisen sowie die Neubildung alternativer Denkmuster.
Inhaltsverzeichnis
1. Theoretischer Teil und Methodik der Analyse
2. Einleitung
3. Das Unfassbare in Worte fassen
3.1. Ausdruck des Unaussprechlichen
3.1.1. Das Unausgesprochene
3.1.2. Das Unaussprechliche
3.2. Die veränderte Perspektive – aus den Augen der Kinder
3.3. Überleben durch Spiel und Imagination
4. Fazit
Zielsetzung & Themen der Bachelorarbeit
Die Arbeit untersucht Ilse Aichingers Roman "Die größere Hoffnung" mithilfe eines rezeptions- und kognitionswissenschaftlichen Ansatzes der "cognitive poetics". Ziel ist es zu analysieren, wie durch eine kindliche Erzählperspektive und eine hochpoetische Sprachgestaltung das Unaussprechliche und Unfassbare der NS-Zeit für die LeserInnen erfahrbar gemacht wird, ohne dabei auf eine konventionelle, lineare Erzählweise zurückzugreifen.
- Anwendung der kognitiven Literaturwissenschaft zur Textanalyse
- Die Rolle der kindlichen Erzählperspektive und Wahrnehmung
- Verschmelzung von Realität, Trauma und surrealer Imagination
- Die Funktion von Spiel und Symbolik (insb. des Sterns) zur Bewältigung des Unbegreiflichen
- Sprachkritik und poetische Neukonstruktion der Sprache angesichts traumatischer Erlebnisse
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Das Unausgesprochene
In Aichingers Roman stellen vor allem die unfassbaren Erfahrungen des Todes das Unausgesprochene dar. So wird Ellens gewaltsamer Tod durch eine Granate nicht als solcher genannt und auch der Selbstmord ihrer Großmutter wird nicht als Tod beschrieben. Statt dem Sterben der Großmutter werden durch die metaphorische Sprache Aichingers vielmehr ausdrucksstarke Vorstellungen vermittelt.
Die Nase der Großmutter trat spitz hervor, ihre Wangen fielen ein. Der Meister selbst tat die letzten Griffe und verwischte das Verwischende. Ellen riß die Augen auf, sie bewegte formend die Hände, als könnte sie der Dämmerung das Wort entreißen, das die Großmutter erweckte. Zum Sprung geduckt lag sie am Fußende des Bettes und verharrte in Stille, in dem Schweigen der Bereitschaft.
Das Hemd der Großmutter war zerrissen, die Decke abgeworfen. Mit ihren letzten Schatten ersetzte sie die Nacht. (DgH, S.183)
Die bildhafte Sprache verdeutlicht damit sowohl das Unausgesprochene als auch das Unfassbare der kindlichen Wahrnehmung. Zudem entstehen durch die fehlenden Beschreibungen der Geschehnisse außerhalb des kindlichen Wahrnehmungsrahmens sowie die Ort- und Zeitlosigkeit der Handlung viele Leerstellen im Text, die erst durch das kulturell historische Wissen der Rezipienten mit geschichtlichen Ereignissen in Verbindung gesetzt werden. Die evozierten Bilder und Assoziationen füllen somit die Informationslücken, die die kindliche Erzählperspektive hinterlässt. Auf diese Weise generiert der Roman bedeutende kognitiv-emotionale Effekte, denn die durch die textuellen Lücken hervorgerufenen Vorstellungen sind umso präsenter in der kognitiven Repräsentation des erzählten Geschehens sowie im individuellen Sinnbildungsprozess der Rezipienten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Theoretischer Teil und Methodik der Analyse: Einführung in den rezeptions- und kognitionswissenschaftlichen Ansatz der "cognitive poetics" zur Analyse der poetischen Sprachgestaltung.
2. Einleitung: Vorstellung des Romans "Die größere Hoffnung" als literarisches Zeugnis der NS-Zeit aus der Perspektive kindlicher Verfolgter.
3. Das Unfassbare in Worte fassen: Untersuchung der Problematik, traumatisches Grauen mit konventioneller Sprache darzustellen, und wie Aichinger durch Poetisierung neue Bedeutungsrahmen schafft.
3.1. Ausdruck des Unaussprechlichen: Analyse der sprachlichen Strategien, mit denen das Unaussprechliche durch Konnotationen und Bilder (statt Fakten) vermittelt wird.
3.1.1. Das Unausgesprochene: Fokus auf die metaphorische Darstellung von Tod und Verlust, die den Leser zum "hilflosen Zeugen" macht.
3.1.2. Das Unaussprechliche: Diskussion, wie abstrakte Begriffe (z.B. "Polen") semantisch neu besetzt werden, um das Grauen als abstrakten, aber erfahrbaren Zustand zu fassen.
3.2. Die veränderte Perspektive – aus den Augen der Kinder: Analyse der kindlichen Erzählperspektive als Mittel, um die Wahrnehmung der Verfolgten zu fokussieren und Opfer-Rollen neu zu definieren.
3.3. Überleben durch Spiel und Imagination: Untersuchung der Bedeutung von Träumen, Phantasien und kindlichen Spielen als Schutzraum und Bewältigungsstrategie gegen die unbegreifliche Realität.
4. Fazit: Zusammenfassende Würdigung der Sprachkunst Aichingers als "sprachliche Grenzüberschreitung", die durch Verfremdung und Poetisierung eine tiefere Wahrheit über das Unfassbare erzeugt.
Schlüsselwörter
Ilse Aichinger, Die größere Hoffnung, Cognitive Poetics, Kognitive Literaturwissenschaft, NS-Zeit, Kindliche Perspektive, Trauma, Unaussprechlichkeit, Holocaust, Literaturanalyse, Sprachästhetik, Metaphorik, Rezeptionsprozesse, Sinnkonstitution, Erinnerungskultur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Ilse Aichingers Roman "Die größere Hoffnung" hinsichtlich der Frage, wie die Autorin das Unaussprechliche des Holocaust durch eine spezifische, poetische Sprache und eine kindliche Erzählperspektive literarisch greifbar macht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die kognitive Wirkungsweise literarischer Texte, das Verhältnis von Sprache und Trauma, die Bedeutung der kindlichen Imagination sowie die ästhetische Gestaltung von Verfolgung und Angst.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, mit welchen sprachlichen Mitteln Aichinger das "Unausgesprochene" und das "Unaussprechliche" der nationalsozialistischen Ära darstellt, ohne in eine konventionelle, dokumentarische Erzählweise zu verfallen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Analyse stützt sich auf den interdisziplinären Ansatz der "cognitive poetics" (kognitive Poetik) bzw. die Kognitive Literaturwissenschaft, um die Wirkung sprachlicher Ausdrucksformen auf die kognitiven Modelle der Rezipienten zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des "Unfassbaren", die Analyse des Ausdrucks des Unaussprechlichen durch sprachliche Bilder, die Bedeutung des "Kinderblicks" als veränderte Erzählperspektive und die Rolle von Spiel und Imagination als Bewältigungsstrategien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Ilse Aichinger, Cognitive Poetics, Holocaust, Trauma, kindliche Erzählperspektive, Sprachästhetik und Poetisierung beschreiben.
Warum wählt die Protagonistin Ellen das Spiel als Überlebensstrategie?
Das Spiel ermöglicht den Kindern eine fließende Grenze zwischen Realität und Imagination. Dies dient dazu, das unbegreifliche Grauen der nationalsozialistischen Umwelt subjektiv zu verarbeiten und sich der passiven Opferrolle durch selbstbestimmtes Handeln in Spiel-Räumen zu entziehen.
Wie verändert die Romanform die Wahrnehmung des historischen Kontextes?
Indem Aichinger auf historisch-faktische Bezeichnungen (wie spezifische Täterorganisationen) verzichtet und stattdessen stark konnotierte Bilder verwendet, wird der Leser gezwungen, den historischen Kontext durch eigenes Wissen aktiv zu erschließen, was eine intensivere, "erlebbare" Wirkung des Schreckens erzeugt.
Welche Bedeutung hat das Symbol des "Sterns" im Roman?
Der Stern ist polyvalent: Während er historisch für Stigmatisierung und Ausgrenzung steht, wird er im Roman aus der kindlichen Perspektive als Zeichen der "größeren Hoffnung", der Zugehörigkeit und des Lichts in einer finsteren Zeit umgedeutet.
- Citar trabajo
- Carina Thaler (Autor), 2019, Das Unaussprechliche aus der Perspektive des Kindes in Ilse Aichingers "Die größere Hoffnung", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509919