Diese Arbeit befasst sich mit der Darstellung des Fremden in Georg Forsters "Reise um die Welt". Die Figur des Südseeinsulaners Maheine in Georg Forsters "Reise um die Welt" ist Repräsentant eben jener fremden Welt mit ihren Weltbildern und - anschauungen. Der von Forster kritisierte Zeitmangel, fremde Kulturen zu erforschen, ist hier nur bedingt gegeben, da der Südseeinsulaner Maheine eine Zeit auf engstem Raum mit den Seeleuten verbrachte. Aus diesem Grund erscheint unter anderem eine nähere Betrachtung dieser Figur interessant. Trotzdem ist der Rolle des Maheine bisher eher wenig Beachtung zuteil geworden. Zwar hat beispielsweise Michael Harbsmeier Kadu und Maheine in unterschiedlichen Aspekten verglichen, Johannes Gröbere Maheine als Alter Ego Forsters skizziert oder Takashi Mori diesen als Forsters "edlen Wilden" portraitiert, eine eingehende Auseinandersetzung der Figur und deren Funktion blieb aber bis auf kurze Überrisse aus.
In dieser Arbeit soll deswegen der Blick auf jenen Einwohner Bora-Boras gelenkt werden, der zumindest für eine Weile die Cook’sche Entdeckungsreise 1772-1775 begleitete. Dabei eröffnet Maheine Forster und den Rezipienten seines Reiseberichts die Möglichkeit, ein fremdes Denken in Bezug auf Wissenschaft, sozialem Verhalten sowie Begegnungen und den Umgang mit Unbekanntem zu erfahren, welches in dieser Arbeit herausgearbeitet werden soll. Zuerst soll die Frage, wie Fremdheit wahrgenommen und wie diese zugleich in Bezug auf das Eigene gesetzt wird, betrachtet werden. Wie gerade fremde Kulturen und deren Angehörige speziell in der Reiseliteratur des 18. Jahrhunderts, der Zeit der Aufklärung, der Wissenschaft und der Kolonialisierung, beschrieben wurden, soll dabei Berücksichtigung finden. Wie hat vor diesem Hintergrund der junge Wissenschaftler Georg Forster, der sich der Objektivität verpflichtet hat, in seinem Reisebericht einen der europäischen weit entfernten Kultur angehörigen Menschen portraitiert? Zieht Forster Schlüsse oder Reflexionen auf seine eigene Weltanschauung und macht er für sich selbst Entdeckungen aufgrund dieser Begegnung, und wenn ja welche? Diesem soll im Folgenden nachgegangen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Blick in die Fremde in der Reiseliteratur
2.1. Das Fremde in Bezug auf das Eigene
2.2. Die Darstellung von Fremdheit aus eurozentrischer Perspektive
2.3. Der „edle Wilde“
3. Die Darstellung Georg Forsters des „Fremden“ Maheine in Reise um die Welt
3.1. Charakterisierung
3.2. Wissenschaftssystem und Forschung
3.3. Begegnung-Kommunikation-Umgangsform
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle und Funktion der Figur des Maheine in Georg Forsters Werk "Reise um die Welt" vor dem theoretischen Hintergrund der Fremdwahrnehmung während der Aufklärung. Ziel ist es, herauszuarbeiten, inwieweit Maheine als Projektionsfläche für europäische Sehnsüchte dient und wie Forster durch diese Begegnung seine eigene kulturelle Identität sowie die Zivilisation kritisch reflektiert.
- Die Konstitution von Fremdheit durch den eurozentrischen Blick
- Das Idealbild des „edlen Wilden“ als Reflexionsfläche
- Die Charakterisierung Maheines im Kontext von Interkulturalität
- Wissenschaftliche Forschung und Wissensvermittlung im Reisebericht
- Das Spannungsfeld zwischen Beobachtung und subjektiver Deutung
Auszug aus dem Buch
3.2. Wissenschaftssystem und Forschung
Maheine zeigt während der Reise besonderes Interesse an geographischen und ethnologischen Gegebenheiten und erforscht die für ihn fremde Welt ebenso wie Forster, weshalb Maheine auch oftmals als alter ego Forsters gesehen wird (z.B. vgl. Hall 2008:102 sowie Görbert 2014:263f).Forster erfährt mit Maheines Weltanschauung einen anderen Blick auf unbekannte Phänomene. Auf der zweiten Fahrt von Neuseeland zu den Osterinseln, erlebt Maheine Schnee- und Hagelschauer, ein ihm bis dahin unbekanntes Naturphänomen.
>Weiße Steine< die ihm in der Hand schmolzen, waren Wunder in seinen Augen, und ob wir uns gleich bemüheten, ihm begreiflich zu machen, daß sie durch Kälte hervorgebracht würden, so glaube ich doch, daß seine Begriffe davon immer sehr dunkel geblieben seyn mögen.(…) Am folgenden Tage stießen wir auf ein großes Eisfeld(…) Wir erzählten ihm, es sey nichts weniger als das, sondern es bestehe nur aus erhärtetem süßen Wasser: Allein da war keine Überzeugung zu denken, bis wir ihn auf dem Verdeck an das offene Wasserfaß brachten, und ihm augenscheinlich zeigten, wie sich das Eis dort nach und nach ansetzte. Dennoch blieb er dabey, dass Ers auf allen Fall, und, um es vom Land zu unterscheiden, weißes Land nennen werde. (Forster 2014:457)
Forster beobachtet in dieser Szene die Verwunderung über Schnee und Eis. Maheine benennt die Witterungsarten nach ihrem Aussehen „weißer Regen“ und „weißes Land“ und setzt es damit bildlich in einen Vergleich zu etwas ihm Bekanntem. Trotz der Erklärungen Forsters und der Mannschaft die ihm die Kausalität des Aggregatzustandes begreiflich zu machen versuchen, bleibt dieser bei seiner ’Definition’. Forster schließt deshalb darauf, „dass seine Begriffe davon immer sehr dunkel geblieben seyn mögen“ (Forster 2014:457). Das Staunen des Maheines über -nach europäischer Sichtweise- alltäglichen Phänomens löst bei Forster wie auch bei dem Leser wegen der Diskrepanz fundierter naturwissenschaftlicher Kenntnisse eine vermeintliche Art Vormachts- und Priviligiertheitsgefühl aus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Bedeutung von Weltreisen im Zeitalter der Aufklärung und führt die Forschungsfrage zur Darstellung Maheines in Georg Forsters Werk ein.
2. Der Blick in die Fremde in der Reiseliteratur: Dieses Kapitel erörtert die theoretischen Grundlagen der Fremdwahrnehmung, die Konstruktion des "Anderen" sowie die historische Bedeutung des Mythos vom "edlen Wilden".
3. Die Darstellung Georg Forsters des „Fremden“ Maheine in Reise um die Welt: Der Hauptteil analysiert die konkrete Begegnung mit Maheine, seine Charakterisierung als "edler Wilder", seine Rolle als Forschender und die Dynamik der Kommunikation zwischen ihm und Forster.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und resümiert, dass Maheine primär als Spiegelbild dient, an dem Forster eigene kulturelle Werte und das europäische Zivilisationsmodell reflektiert.
Schlüsselwörter
Georg Forster, Reise um die Welt, Maheine, Fremdwahrnehmung, Aufklärung, Edler Wilder, Interkulturalität, Reiseliteratur, Eurozentrismus, Identitätsentwurf, Ethnologie, Alter Ego, Zivilisationskritik, Südsee, Kolonialisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung des Südseeinsulaners Maheine im Reisebericht "Reise um die Welt" von Georg Forster und dessen Funktion als Medium zur Selbstreflexion des Autors.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Kernbereichen zählen die theoretische Fremdwahrnehmung im 18. Jahrhundert, die Konstruktion von Identität durch den Kontakt mit dem "Anderen" und die kritische Auseinandersetzung mit eurozentrischen Weltbildern.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Georg Forster die Figur des Maheine gezielt nutzt, um das aufklärerische Europa, seine eigene Weltanschauung und die Grenzen der Objektivität in der Reiseberichterstattung zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext unter Einbeziehung kulturwissenschaftlicher und postkolonialer Theorien über das Fremde untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Charakterisierung Maheines, die Analyse seiner Rolle bei wissenschaftlichen Beobachtungen sowie die Untersuchung der alltäglichen Interaktionen und Abschiedsrituale.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Interkulturalität, Fremdwahrnehmung, Edler Wilder, Aufklärung, eurozentrische Perspektive und kulturelle Projektionsfläche geprägt.
Inwiefern beeinflusste die Zeitnot die Qualität der ethnologischen Beobachtungen Forsters?
Forster selbst bemängelte den Zeitmangel, der laut der Analyse eine vertiefte Auseinandersetzung mit der fremden Kultur erschwerte und stattdessen zu einer gewissen Oberflächlichkeit in der Portraitierung führte.
Welche Rolle spielt die Abschiedsszene zwischen Forster und Maheine für die Argumentation?
Die Szene dient als Beleg für Forsters Rührung und seine emotionale Distanzierung vom "zivilisierten" Europa, wobei er Maheine als "Kind der Natur" gegenüber den als gehemmt empfundenen Europäern kontrastiert.
- Arbeit zitieren
- Johanna Schmitt (Autor:in), 2019, Die Darstellung des Fremden in Georg Forsters "Reise um die Welt". Die Figur des Südseeinsulaners Maheine, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/509954