"Wer ist diese ‚nestorianische‘ Kirche des Ostens, deren Namensgeber Nestorius ihr nie angehörte, die eine eigenständige Mystik großer poetischer Kraft hervorbrachte und die sich vor knapp einem Jahrtausend über einen größeren Teil des Globus erstreckte als die Römische Kirche?" Diese kompakte Frage, mit welcher Christoph Baumer, einer der führenden Erforscher Zentralasiens, Tibets und Chinas, seinen reichhaltig bebilderten Band Frühes Christentum zwischen Euphrat und Jangtse einleitet, enthält bereits die wesentlichen Elemente, welche die Beschäftigung mit dieser Kirche zu einem lohnenden und spannenden Unternehmen geraten lassen, und umschreibt gleichzeitig die Forschungsfrage der vorliegenden Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1 Vorbemerkungen (Forschungsfragen, Methodik und Quellen)
2 Die Kirche des Ostens: ein kurzer Überblick
3 Zwei Querschnittkapitel
3.1 Überlegungen zu den mannigfaltigen Bezeichnungen der Kirche des Ostens
3.2 Sprache, Literatur und Liturgie der Kirche des Ostens
4 Die Kirche des Ostens von den Anfängen bis in die Gegenwart
4.1 Die Anfänge des Christentums in Persien
4.2 Theologie und Mönchtum
4.3 Muslimische Herrschaft und arabische Kultur
4.4 Die Kirche des Ostens als Missionskirche Asiens
4.5 Das Christentum unter den Mongolen
4.6 Die Beziehungen zu den Thomas-Christen Südindiens
4.7 Die Entwicklungen der neuesten Zeit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Geschichte und Entwicklung der Kirche des Ostens, mit besonderem Fokus auf ihre historische Präsenz in Indien. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie diese weitgehend in Vergessenheit geratene, jedoch historisch bedeutende christliche Gemeinschaft unter wechselnden geopolitischen und religiösen Bedingungen überleben konnte und welche Rolle sie als Missionskirche in Asien einnahm.
- Historische Herkunft und theologische Identität der Kirche des Ostens
- Die geopolitischen Rahmenbedingungen des Christentums in Persien
- Die Missionstätigkeit entlang der Seidenstraße nach Zentralasien, China und Indien
- Die komplexen und teilweise konfliktreichen Beziehungen zu den Thomas-Christen in Südindien
- Die Auswirkungen der europäischen Kolonialpolitik auf die Identität der Thomas-Christen
Auszug aus dem Buch
4.1 Die Anfänge des Christentums in Persien
Im Römischen Reich war die Kirche bis zum Jahr 313 Verfolgungen ausgesetzt. Anders waren die Voraussetzungen westlich des Euphrat, im iranischen Partherreich, wo sich die Kirche zunächst friedlich entwickeln konnte.
Über die Ursprünge des persischen Christentums liegen nur legendenhafte Berichte vor. Als Glaubensbote wird der Apostel Thomas genannt. Ferner werden Addai, einer der 72 Jünger Jesu, und dessen Schüler Mari erwähnt. Der zuletzt Genannte soll um 100 nach Seleukia-Ktesiphon gekommen sein und in einem Ort namens Kokhe zuerst Gottesdienst gefeiert haben. Der Liber legum regionum des Philippus, eines Schülers des aramäischen Philosophen Bardesanes (auch Bar-Daiṣān, * 11. Juli 154 in Edessa; † 222 vermutlich in Ani, Armenien) erwähnt christliche Gemeinden in nahezu allen Gebieten des Persischen Reiches, und zwar in Parthien, Kuschan, in Medien, in Edessa und Hatra.
Die Mehrheit der Bevölkerung gehörte auf beiden Seiten der Reichsgrenze dem aramäischen Volkstum an. Da Edessa als Ausgangspunkt der Evangelisation angenommen wird, wurde der aramäische Dialekt dieser Stadt, das Syrische, zur Sprache der Liturgie und Theologie der Christen im Zweistromland. Im Gegensatz zu den Griechisch sprechenden Syrern im Westen mit der Stadt Antiochien als Mittelpunkt konnte sich das Christentum hier eigenständiger als im Westen entwickeln, nämlich ohne den Einfluss griechischer Philosophie und römischer Verwaltung.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Vorbemerkungen (Forschungsfragen, Methodik und Quellen): Dieses Kapitel führt in das Thema ein, erläutert die Forschungsfrage anhand der historischen Vernachlässigung der Kirche des Ostens und benennt die geographischen sowie politischen Rahmenbedingungen der Entstehung.
2 Die Kirche des Ostens: ein kurzer Überblick: Hier wird der historische Werdegang der Kirche von ihrer Loslösung von der byzantinischen Reichskirche bis hin zu ihrer Diaspora-Situation in der Moderne skizziert.
3 Zwei Querschnittkapitel: Dieses Kapitel widmet sich der terminologischen Klärung der Bezeichnungen sowie der Bedeutung der syrischen Sprache und Literatur für die liturgische Tradition.
4 Die Kirche des Ostens von den Anfängen bis in die Gegenwart: Dieser Hauptteil bietet eine detaillierte historische Analyse der Ausbreitung des Christentums in Persien, der Mission in Asien, des Schicksals unter muslimischer und mongolischer Herrschaft, der spezifischen Geschichte der Thomas-Christen in Indien sowie der jüngsten Entwicklungen im 20. und 21. Jahrhundert.
Schlüsselwörter
Kirche des Ostens, Thomas-Christen, Syrisch, Apostel Thomas, Sasanidenreich, Nestorianer, Seidenstraße, Indien, Liturgie, Persien, Mission, Christologie, Katholikos, Patriarch, Latinisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Geschichte der Assyrischen Kirche des Ostens, ihrer theologischen Identität und ihrer bemerkenswerten Ausbreitung als Missionskirche von Persien bis nach Indien und China.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder umfassen die historische Entwicklung des ostsyrischen Christentums, die sprachlichen und liturgischen Eigenheiten sowie die turbulenten Beziehungen zu anderen christlichen Traditionen, insbesondere zu den Thomas-Christen in Indien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die häufig übersehene Geschichte dieser Kirche aufzuarbeiten und zu analysieren, wie sie trotz geopolitischer Krisen und religiöser Verfolgung über Jahrhunderte hinweg bestehen konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine kirchenhistorische Analyse unter Einbeziehung von Primär- und Sekundärquellen zur Theologie, zum Kirchenrecht und zur regionalen Geschichte des Vorderen Orients und Indiens.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Anfänge in Persien, die Rolle des Mönchtums, die Missionsgeschichte Asiens, die Auswirkungen der muslimischen und mongolischen Herrschaft sowie die detaillierte Historie der Thomas-Christen in Indien.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit am stärksten?
Die Arbeit wird besonders durch Begriffe wie Assyrische Kirche, Thomas-Christen, Seidenstraße, Syrische Liturgie und die historische Abgrenzung von westlichen Kirchenstrukturen charakterisiert.
Warum wird die Kirche oft fälschlicherweise als "nestorianisch" bezeichnet?
Die Bezeichnung ist historisch gewachsen, widerspricht jedoch dem Selbstverständnis der Kirche, da ihre Wurzeln in der apostolischen Zeit liegen und sie theologisch nicht mit dem im 5. Jahrhundert verurteilten "Nestorianismus" identisch ist.
Welche Rolle spielte die Ankunft der Portugiesen für die Thomas-Christen in Indien?
Die Ankunft der Portugiesen führte zu einem massiven Druck, sich dem römisch-katholischen Ritus zu unterwerfen, was die Autonomie der Thomas-Christen zerstörte, zur Vernichtung ihrer Manuskripte führte und eine bis heute andauernde kirchliche Spaltung in Kerala verursachte.
- Quote paper
- Siegfried Höfinger (Author), 2019, Die Assyrische Kirche des Ostens in Indien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510103