Zur ethischen Debatte um Neuro-Enhancement. Der pharmakologisch verbesserte Mensch als gesellschaftliche Herausforderung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
35 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Möglichkeitsdimensionen von Neuro-Enhancement
2.1. Die potentiellen Neuro-Enhancer
2.2. Enhancement vs. Therapie

3. Die ethische Debatte um Neuro-Enhancement
3.1. Risiken und Nebenwirkungen
3.2. Soziale Konsequenzen
3.3. Individuelle Konsequenzen
3.4. Anthropologische Überlegungen

4.Schlussbetrachtung

5.Bibliographie

1. Einleitung

Die Idee der Vervollkommnung des Menschen ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Aus historischer Perspektive wird angesichts der Vielfalt und Variabilität von Menschenbildern jedoch schnell ersichtlich, dass diese Vorstellung zu verschiedenen Zeiten recht unterschiedliche Bedeutungen erlangt hat. So konnte darunter sowohl das menschliche Streben nach metaphysischer Vervollkommnung durch das Erreichen eines von Natur aus gesetzten Zweckes verstanden werden wie auch kulturelle Maßnahmen zur Tugend- und Charakterbildung. In jüngster Zeit bildete sich angesichts der zunehmend umfassenderen Eingriffsmöglichkeiten in den menschlichen Körper zudem auch eine gezielte Optimierung biologischer Anlagen auf dem wissenschaftlich- technologischen Weg heraus, die heutzutage maßgeblich unter dem Konzept des (Human) Enhancement diskutiert wird.

Mit dem Begriff Enhancement werden seit einigen Jahren biomedizinische und biotechnologische Interventionen in den menschlichen Körper bezeichnet, die auf eine „Verbesserung“ von psychischen und/oder physischen Konstitutionen des Menschen zielen und sich außerhalb therapeutischer Kontexte befinden. Als einschlägige Gebiete gelten dabei Eingriffe in das menschliche Erbgut, Operationen der plastischen Chirurgie zu ästhetischen Zwecken, Wachstumshormonbehandlungen zur Steigerung der Körpergröße, die Einnahme von Psychopharmaka zur Verbesserung von Gemütsverfassung und kognitiven Leistungen sowie die Verwendung von Stimulanzien im Sport, um Fitness und muskuläre Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Darüber hinaus wird auch die Zielsetzung einer biogerontologischen Verlängerung der menschlichen Lebensspanne im Zusammenhang mit Enhancement diskutiert. Ob und in welchem Maße solche Eingriffe in den menschlichen Körper ethisch vertretbar sind, ist derzeit Gegenstand höchst kontroverser Forschungsdebatten.1

Auf Basis dieser enormen Reichweite von Interventionsmöglichkeiten suggerieren zahlreiche wissenschaftliche Publikationen aus den sogenannten Converging Technologies im Rahmen einer linearen und ungebrochenen Erfolgsgeschichte ihrer Disziplin sowie eines damit verbundenen Zukunftsoptimismus, dass auf zunehmend neue und immer vollkommenere Weise in den menschlichen Organismus eingegriffen werden kann. Dabei geht es ihnen jedoch längst nicht mehr nur um ein immer genaueres Verständnis des menschlichen Organismus und fortschrittliche Erkenntnisse in der medizinischen Diagnostik und Praxis, sondern losgelöst von ihrem ursprünglich therapeutischen Kontext werden neue Interventionsmöglichkeiten zunehmend auch als probate „Hilfsmittel“ beworben, die gesunden Menschen bei der Bewältigung ihres Alltags helfen können und ihnen ermöglichen sollen, den Anforderungen einer „Leistungsgesellschaft“ (besser) gerecht zu werden.

Einen besonderen Stellenwert hinsichtlich der Suche nach einer wirkungsvollen Lösung für das „Problem“ des permanenten Leistungs- und Erfolgsdrucks in der wissensbasierten Ökonomie des Neoliberalismus hat die Debatte um Neuro- Enhancement gewonnen, die auch im Zentrum der hier vorliegenden Arbeit stehen soll. Sie basiert auf der Annahme, dass es möglich ist, durch die gezielte Einnahme psychopharmakologischer Substanzen die kognitive Leistungsfähigkeit und das psychische Befinden bei gesunden Menschen signifikant zu steigern und ihnen auf diese Weise Vorteile in Berufs- und Privatleben zu verschaffen. Gesellschaftlich wird das Bild vermittelt, dass es sich bei Neuro-Enhancement um einen erstrebenswerten Zustand handelt, der ein insgesamt besseres Leben ermöglichen kann.2

Obwohl die Debatte um Neuro-Enhancement durchaus auch von verschiedenen Medien aufgegriffen und popularisiert wird, findet sie ihren Hauptniederschlag primär in wissenschaftlichen Kontexten – und dies nicht etwa an den Rändern der etablierten Wissenschaft, sondern im Zentrum durchaus renommierter Forschungsinstitutionen und Fachjournale. Auffällig ist, dass in entsprechenden Kontroversen meist primär die Chancen und Möglichkeiten von Neuro-Enhancement herausgestellt werden, während eine grundlegende Reflexion der gesellschaftlichen Implikationen damit verbundener Prozesse nur sehr begrenzt stattfindet. Zwar erscheinen immer mehr Publikationen zu einer grundsätzlich ethisch-philosophischen Einordnung der Thematik und auch zu politischen und rechtlichen Aspekten, oft werden jedoch relevante historische, soziologische und kulturelle Aspekte ausgeblendet oder nur sehr oberflächlich thematisiert. Dies erstaunt gerade deswegen, weil die wissenschaftlich-technologischen Entwicklungen und Erwartungen, die den Diskurs über Neuro-Enhancement prägen, die Grundlagen der Gesellschaft und die für sie konstitutiven Menschenbilder berühren. Neuere Arbeiten knüpfen in dieser ideologisch stark aufgeladenen Debatte meist lediglich an die biologie- und medizingeschichtlichen Erkenntnisse an, die über mehrere Jahrzehnte hinweg im naturwissenschaftlichen Diskurs erarbeitet worden sind. Dadurch beschränken sich historische Referenzen meist darauf, vage Vorstellungen der Vergangenheit in fragwürdiger Weise zu instrumentalisieren, wie es vor allem an zahllosen Bezügen auf Aldous Huxley und seinem Roman Schöne Neue Welt sichtbar wird. Gefördert durch einen politischen und medialen Diskurs, der primär auf die neuesten und spektakulärsten naturwissenschaftlichen und technologischen Entwicklungen fokussiert ist, wird Enhancement in seiner Gesamtheit zunehmend reifiziert, indem sehr unterschiedliche Forschungsbereiche und komplexe gesellschaftliche Aspekte unter diesem Begriff zusammengefasst und dann als ein Phänomen abstrakt diskutiert werden. Auf diese Weise entsteht ein reduktionistischer Forschungskomplex, der diverse soziokulturelle Phänomene vereinheitlicht sowie Ethik und Technikfolgenabschätzung auf gesellschaftliche Akzeptanzforschung reduziert.3

Dieses Forschungsdesiderat aufgreifend, soll im Folgenden der Frage nachgegangen werden, mit welchen gesellschaftlichen Implikationen die ethische Debatte um Neuro- Enhancement verbunden ist und wie diese zu bewerten sind. Dazu ist es unerlässlich, sich zunächst mit den derzeitigen Möglichkeiten von Neuro-Enhancement zu beschäftigen, die folglich am Beginn dieser Arbeit stehen. Handelt es sich letztendlich bloß um futuristische Visionen technikbegeisterter Utopisten oder gibt es tatsächlich bereits wirksame Neuro-Enhancer, welche die Aktualität und Popularität des Themas legitimieren? In diesem Zusammenhang sollen auch die grundlegenden Kontexte skizziert werden, in denen sich die Debatte um Neuro-Enhancement bewegt. Auf dieser Grundlage erfolgt anschließend eine detaillierte Analyse der ethischen Kontroverse um die Chancen und Grenzen von Neuro-Enhancement, bei der vor allem die gesellschaftlichen Dimensionen fokussiert und herausgestellt werden sollen. Abschließend soll durch eine Gegenüberstellung der realen Potenziale psychopharmakologischer Leistungssteigerung und den damit verbundenen ethischen Aspekten der Versuch einer Einschätzung unternommen werden, ob Neuro- Enhancement entsprechend naturwissenschaftlicher Narrative tatsächlich als gesellschaftlicher Fortschritt betrachtet werden kann oder nicht vielmehr im Rahmen einer zunehmenden Medikalisierung der Gesellschaft zu verstehen ist, bei der soziale Rahmenbedingungen, Prozesse und Probleme in fragwürdiger Weise zu Pathologien umgedeutet werden, die es pharmakologisch zu behandeln gilt.

2. Möglichkeitsdimensionen von Neuro-Enhancement

Obwohl der Begriff Enhancement ein breites Bedeutungsspektrum umfasst und nur schwer konturierbar ist, hat er sich in der internationalen Debatte als Oberbegriff für unterschiedliche Formen biomedizinischer Interventionen etabliert. Er kann sowohl mit „Steigerung“, „Potenzierung“, „Optimierung“, „Erhöhung“ oder auch „Festigung“ (im Sinne einer zeitlichen Verlängerung) übersetzt werden. Ein eindeutiges deutsches Synonym existiert bislang nicht. Zahlreiche deutsche Publikationen verwenden den Begriff der „Verbesserung“; dieser ist allerdings wegen eines fehlenden Vergleichsmaßstabes und seiner impliziten positiven Konnotation erklärungsbedürftig.4

Trotz seines eher diffusen Charakters werden unter dem Begriff Enhancement derzeit alle biomedizinischen und biotechnologischen Interventionen in den menschlichen Körper subsumiert, die auf eine Steigerung von psychischen und/oder physischen Konstitutionen gerichtet sind und über die Bewahrung und Wiederherstellung von Gesundheit sowie der Prävention von Krankheit hinausgehen. Diese Eingriffe können grundsätzlich auf medikamentösem, hormonellem, chirurgischem oder gentechnischem Weg erfolgen. Neuro-Enhancement5 bezieht sich dabei als Unterkategorie lediglich auf pharmakologisch-medikamentöse Optimierungsbestrebungen menschlicher Emotionen und Kognitionen. Darunter fallen beispielsweise Versuche, die Wachheit, Konzentrationsfähigkeit oder Aufmerksamkeit, Lern- oder Gedächtnisleistungen sowie kognitive Dauerleistungen psychopharmakologisch zu steigern. Nichtpharmakologische Interventionen wie die Tiefenhirnstimulation, Neuroimplantate, Elektrokrampftherapie oder die transkraniale Magnetstimulation können durchaus auch unter den Begriff Neuro-Enhancement gefasst werden; sie werden aber im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht weiter berücksichtigt.6

Zu berücksichtigen ist weiterhin, dass sich in der Idee der Enhancement-Techniken die für moderne Gesellschaften prägenden Ideale des wissenschaftlichen Fortschritts und des Liberalismus zu einer individualisierten Form des Umgangs mit der natürlichen menschlichen Verfasstheit und deren biologischen Grundlagen verbinden. Aus dieser Perspektive drückt sich gerade in der Idee des Neuro-Enhancement ein radikal individualistisches Konzept personaler Selbstverwirklichung aus. Denn indem der Mensch dazu befähigt wird, mittels spezifischer Interventionen grundlegende Aspekte seiner körperlichen und mentalen Identität selbst zu bestimmen, wird eine Grenze überschritten, die bisher als normativ unverfügbar galt – unabhängig von der Frage, inwieweit es sich im konkreten Fall tatsächlich um echte Selbstverwirklichung handeln kann.7

Die Verbesserungsidee des Enhancement basiert damit auf Normativitätssetzungen, in denen sich der Wunsch nach einer Befreiung von der kontingenten biologischen Verfasstheit ausdrückt, die nicht nur als beeinträchtigend, sondern auch als veränderbar aufgefasst wird. Diese Idee ist von ihrem Anspruch her nicht auf bestimmte Nationen, Ethnien, Klassen oder Milieus beschränkt, sondern sie strebt vielmehr die Realisierung von Möglichkeiten an, die von allen Menschen genutzt werden können. Dieser tendenziell universelle Anspruch ergibt sich sowohl aus der Fundierung dieser Ambitionen in Wissenschaft und Technik als auch der Prämisse einer grundsätzlichen Gleichheit aller Menschen hinsichtlich ihrer biologischen Kernmerkmale. Damit wird der historischen Idee einer Vervollkommnung des Menschen eine neue Dimension verliehen. Denn die Potentiale zur Selbstveränderung betreffen hier den empirisch erfahrbaren Menschen und nicht mehr nur sein geistig-transzendentales Sein als Freiheitssubjekt. Auch wird der Mensch nicht mehr körperextern durch kulturelle Erziehungsmaßnahmen verändert, sondern es wird nun körperintern auf ihn eingewirkt, was biomedizinischen Interventionen nicht nur eine vollkommen neue Qualität der Eingriffstiefe verleiht, sondern sie auch ethisch streitbar macht.8

Besonders problematisch ist auch die Tatsache, dass Enhancement grundsätzlich als ein evaluativer Terminus verstanden wird und eine eigene Dynamik aufweist, der keine inhärenten Grenzen (mehr) gesetzt sind. Damit könnten Enhancement-Technologien durchaus dazu führen, menschliche Eigenschaften und Fähigkeiten in einem fortlaufenden Prozess, gemäß einer permanenten Orientierung am „Besseren“, immer wieder neu an einem hypothetischen Idealbild auszurichten, das bis dato für „normal“ befundene Konstitutionen zunehmend „defizitär“ erscheinen lässt.9

2.1. Die potentiellen Neuro-Enhancer

Der Diskussion um Neuro-Enhancement wurde in den letzten Jahren sowohl im akademischen Fachdiskurs als auch in populären Medien verstärkt Aufmerksamkeit gewidmet. Dies liegt nicht etwa darin begründet, dass es sich bei Neuro-Enhancement um etwas dezidiert Neues handelt, sondern neue wissenschaftliche Erkenntnisse über die Funktionsweise des Gehirns und neue Testreihen an bereits bekannten Medikamenten dem Thema zu einer neuen Aktualität verholfen haben. Dabei fällt insbesondere auf, dass Angaben zur gesellschaftlichen Verbreitung und Relevanz von Neuro-Enhancement häufig übertrieben, suggestiv und verzerrt dargestellt werden. Zwar gibt es zahlreiche anekdotische Berichte und auch mehrere Studien10, wirklich verlässliche Zahlen gibt es jedoch insbesondere für Deutschland nicht. Die aufwändigsten Untersuchungen zur Verbreitung von Neuro-Enhancement wurden in den USA durchgeführt, deren Ergebnisse sind jedoch aus methodischen Gründen nicht auf den europäischen Kontext übertragbar. Ein wesentliches Problem besteht deshalb darin, dass nicht nur einfach Daten aus amerikanischen Studien unhinterfragt übernommen werden, sondern häufig auch falsch aus Studien zitiert wird, die nicht speziell die Steigerung der Leistungsfähigkeit untersucht haben, sondern lediglich den allgemeinen Konsum. Diese Unterscheidung ist deshalb relevant, weil Psychopharmaka auch aus anderen Gründen konsumiert werden können, etwa um den Appetit zu hemmen oder einen Rausch zu erleben. Die von Befürwortern von Neuro-Enhancement wiederholt aufgestellte These eines neuen gesellschaftlichen Trends zum „Leistungsdoping“ besitzt daher keine empirische Grundlage.11

Derzeit werden mehr als einhundert Substanzen als potentielle Neuro-Enhancer untersucht oder bereits angeboten. 12 In pharmakologischer Hinsicht handelt es sich dabei primär um bereits zugelassene Arzneimittel, die hauptsächlich den vier folgenden Wirkstoffklassen zugeordnet werden können:

(1) Antidepressiva sollen auch bei nicht depressiven Menschen der Stimmungsaufhellung, der Steigerung des Selbstwertgefühls sowie der „Verbesserung“ emotionaler und sozialer Kompetenzen dienen. Als potentielle Neuro-Enhancer stehen in dieser Wirkstoffklasse vor allem die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) zur Diskussion, die den Serotoninspiegel im Gehirn verändern. Die bekannteste Substanz ist Fluoxetin, die unter den Handelsnamen Prozac (USA) und Fluctin (D) bekannt geworden ist. Die Wirkungen von Antidepressiva können höchst unterschiedlich sein und sind schwer zu definieren. Zahlreiche Medikamente stehen zudem im Verdacht, zu Impotenz zu führen und Gewalttaten sowie Selbsttötungen auszulösen.13
(2) Betablocker sind für die Behandlung von Bluthochdruck und diversen Herzerkrankungen zugelassen. Ihnen wird jedoch auch eine ängstlichkeitssenkende und ausgleichende Wirkung zugesprochen, die eine höhere psychische Belastbarkeit ermöglichen soll. Zu Betablockern, die mit Enhancement-Absichten genutzt werden, ist die Datenlage bisher besonders unbefriedigend, zumal in diesem Bereich mit erheblichen Nebenwirkungen zu rechnen ist.14
(3) Stimulanzien wie das bekannte Medikament Ritalin, das für die Behandlung des Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndroms (ADHS) zugelassen ist, wird das Potenzial unterstellt, die Konzentrations- und Lernfähigkeit nachhaltig zu verbessern. Es gibt jedoch keine überzeugenden Wirksamkeitsbelege. Eine Ausnahme scheint lediglich Modafinil zu sein, das akuten Schlafmangel kurzfristig kompensieren kann; denselben Effekt hat jedoch auch Koffein.15
(4) Antidementiva, bei denen es sich in erster Linie um Acetylcholinesterase-Hemmer und Memantine handelt, werden Demenzpatienten verschrieben, um deren Gedächtnisfunktionen länger aufrecht erhalten zu können. Die antidementive Wirksamkeit wurde dabei in großen Zulassungsstudien belegt. Obwohl diesen Menschen Gedächtnisleistungen verbessern zu können, wurde weder bei gesunden Probanden noch bei Testpersonen mit leichten kognitiven Störungen eine Leistungssteigerung nachgewiesen. Eine Ausnahme stellt lediglich eine Testreihe an gesunden Piloten dar, deren Reaktionsfähigkeit in Notfällen verkürzt werden konnte. Dennoch ist die Datenlage insgesamt eher unbefriedigend, da bisher allein das Antidementivum Donepezil überhaupt untersucht worden ist.16

Obwohl die genannten Substanzen in zahlreichen Publikationen bereits als mögliche Neuro-Enhancement-Präparate gehandelt werden, ist das Wissen über deren spezifische Funktionalität gegenwärtig noch stark begrenzt und höchst umstritten. Insbesondere langfristige Wirkungen, Nebenwirkungen und Risiken liegen weitgehend im Dunkeln. Relativierend muss zudem angemerkt werden, dass selbst für diverse psychische Erkrankungen, die mit einem Abbau kognitiver Fähigkeiten verbunden sind, trotz intensiver Forschungen bisher kaum wirkungsvolle pharmakologische Behandlungsmöglichkeiten existieren. Die wenigen positiven Wirksamkeitsnachweise im Krankheitsfall können zudem nicht ohne Weiteres auf die Situation von Gesunden übertragen werden, sondern höchstens als ein Indiz für mögliche Wirkungen betrachtet werden. Wirksamkeitsstudien an gesunden Probanden wurden aufgrund der derzeitigen Rechtslage nur vereinzelt durchgeführt und sind aus methodischen Gründen untereinander kaum vergleichbar.17

Die bisher verfügbaren Substanzen hatten zudem, wenn überhaupt, dann lediglich in solchen Fällen leistungsrelevante Effekte, in denen sich die Probanden in einer defizitären Ausgangsposition befanden, auch wenn diese nicht explizit als pathologisch definiert war. So wirkten sämtliche psychopharmakologische Substanzen nur dann stimulierend, wenn entweder bestimmte Fähigkeiten etwa durch Schlafmangel erheblich eingeschränkt waren, oder die Probanden über ein vergleichsweise leistungsschwächeres Arbeitsgedächtnis verfügten. Kognitive Leistungsverbesserungen folgten damit meist einer umgekehrten U-Funktion: lagen Probanden unterhalb des Optimums, ließ sich durch Psychopharmaka eine kurzfristige Verbesserung erzielen; lagen sie jedoch oberhalb des Optimums oder bekamen eine zu hohe Dosierung, brach die Leistungskurve ein und sie waren sogar weniger leistungsfähig als zuvor. Dies legt insgesamt den Schluss nahe, dass pharmakologische Substanzen zwar für die Behandlung diverser Erkrankungen geeignet sind, nicht aber, um Prozesse zu verbessern, die keiner defizitären Ausgangssituation entstammen. Zudem hat sich inStudien gezeigt, dass die Verbesserungen kognitiver Teilleistungen häufig mit einer Verschlechterung anderer kognitiver Domänen einhergehen. Typische Konflikte sind in diesem Zusammenhang Stabilität vs. Flexibilität von Gedächtnisfunktionen, Emotionen vs. Kognitionen oder auch Fokussiertheit vs. Kreativität. Da letztlich aber bereits geringe Alltagshandlungen ein breites Spektrum kognitiver Funktionen erfordern, könnte sich Neuro-Enhancement hier sogar dezidiert kontraproduktiv auswirken.18

[...]


1 Vgl. Sauter, Arnold / Gerlinger, Katrin: Der pharmakologisch verbesserte Mensch. Leistungssteigernde Mittel als gesellschaftliche Herausforderung, Studien des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag Bd. 34, Berlin 2012, S. 35. Siehe auch Lenk, Christian: Therapie und Enhancement. Ziele und Grenzen der modernen Medizin, Münsteraner Bioethik-Studien Bd. 2, Münster 2002 (zugleich Dissertation Universität Münster 2001), S. 30 f.

2 Vgl. Heinemann, Torsten: „Neuro-Enhancement“. Gesellschaftlicher Fortschritt oder neue Dimension der Medikalisierung? In: Liebsch, Katharina / Manz, Ulrike (Hgg.): Leben mit den Lebenswissenschaften. Wie wird biomedizinisches Wissen in Alltagspraxis übersetzt?, Bielefeld 2010, S. 131-151, hier S. 132.

3 Coenen, Christopher et al. (Hrsg.): Die Debatte über „Human Enhancement“. Historische, philosophische und ethische Aspekte der technologischen Verbesserung des Menschen, Bielefeld 2010, S. 10 f.

4 Sauter / Gerlinger 2012, S. 189. Vgl. auch Dickel, Sascha: Enhancement-Utopien. Soziologische Analysen zur Konstruktion des Neuen Menschen. Wissenschafts- und Technikforschung Bd. 7, Baden- Baden 2011 (zugleich Dissertation Universität Bielefeld 2010), S. 131.

5 Ich verwende im Folgenden den im deutschsprachigen Raum gebräuchlichen Begriff des Neuro- Enhancement. Im englischen Sprachraum wird primär der Terminus Cognitive Enhancement verwendet. Grundsätzlich sei aber darauf verwiesen, dass die Begrifflichkeiten als solche ebenfalls Gegenstand kontroverser Diskussionen sind.

6 Runkel, Thomas: Enhancement und Identität. Die Idee einer biomedizinischen Verbesserung des Menschen als normative Herausforderung, Tübingen 2010 (zugleich Dissertation Universität Bonn 2010), S. 7 f. Vgl. auch Walcher-Andris, Elfriede: Leistungssteigerung um jeden Preis? Biologie und Ethik des pharmakologischen Cognition Enhancement, Tübinger Studien zur Ethik 3, Tübingen 2013 (zugleich Dissertation Universität Tübingen 2011), S. 265.

7 Vgl. Runkel 2010, S. 12 ff.

8 Ebd., S. 12. Vgl. auch Dickel 2010, S. 17 f.

9 Ebd., S. 11 f.

10 Zu den am häufigsten zitierten Studien zählen der DAK-Gesundheitsreport von 2009 und eine weltweite Online-Umfrage des Wissenschaftsmagazins Nature, auf die darin Bezug genommen wird. Weitere häufig zitierte Studien sind Greely, Henry et al.: Towards responsible use of cognitive-enhancing drugs by the healthy, in: Nature 456 (2008), S. 702-705 und Babcock, Quinton / Byrne, Tom: Student Perceptions of Methylphenidate Abuse at a Public Liberal Arts College, in: Journal of American College Health 49(2000), S. 143-145.

11 Vgl. Schleim, Stefan: Cognitive Enhancement – Sechs Gründe dagegen, in: Künstliche Sinne, gedoptes Gehirn. Neurotechnik und Neuroethik, herausgegeben von Helmut Fink und Rainer Rosenzweig, Paderborn 2010, S. 179-207, hier S. 182 f.; Ragan, C. Ian et al.: What should we do about student use of cognitive enhancers? An analysis of current evidence, in: Neuropharmacology 64 (2013), S. 588-595, hier S. 589. Siehe auch Hasler, Felix: Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung, Bielefeld 2012, S. 178 f. und Galert, Thorsten et al.: Das optimierte Gehirn (Memorandum), in: Gehirn & Geist 11 (2009), S. 1-12, hier S. 4.

12 Vgl. Förstl, Hans: Neuro-Enhancement. Gehirndoping, in: Der Nervenarzt 80/7 (2009), S. 840-846, hier S. 840 ff. Eine ausführliche Übersicht aller Substanzen findet sich bei Förstl 2009, S. 842.

13 Gesang, Bernward: Perfektionierung des Menschen, Grundthemen Philosophie, Berlin und New York 2007, S. 30 f. Siehe auch Kipke, Roland: Besser werden. Eine ethische Untersuchung zu Selbstformung und Neuro-Enhancement, Paderborn 2011, S. 23 f. und Galert et al. 2009, S. 6.

14 Kipke 2011, S. 24.

15 Kipke 2011, S. 24. Vgl. auch Galert et al. 2009, S. 6.

16 Förstl 2009, S. 842 f. und Kipke 2011, S. 24. Vgl. auch Normann, Claus / Berger, Matthias: Neuroenhancement. Status quo and perspectives, in: European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience 258(2008), Suppl 5, S. 110-114, hier S. 111.

17 Vgl. Kipke 2011, S. 24 und Sauter / Gerlinger 2012, S. 103. Siehe auch Auf dem Hövel, Jörg: Pillen für den besseren Menschen. Wie Psychopharmaka, Drogen und Biotechnologie den Menschen der Zukunft formen, Hannover 2008, S. 69.

18 Vgl. De Jongh, Reinoud et al.: Botox for the brain: enhancement of cognition, mood and pro-social behavior and blunting of unwanted memories, in: Neuroscience and Biobehavioral Reviews 32(2008), S. 760-776, hier S. 771; Quednow, Boris B.: Ethics of neuroenhancement: a phantom debate, BioSocieties 5(2009), Issue 1, S. 153-156, hier S. 153 ff. und Sauter / Gerlinger 2012, S 103 f.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Zur ethischen Debatte um Neuro-Enhancement. Der pharmakologisch verbesserte Mensch als gesellschaftliche Herausforderung
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
35
Katalognummer
V510124
ISBN (eBook)
9783346076557
ISBN (Buch)
9783346076564
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mensch, herausforderung, debatte, neuro-enhancement, Human Enhancement, Neuroethik
Arbeit zitieren
Sarah Laufs (Autor), 2013, Zur ethischen Debatte um Neuro-Enhancement. Der pharmakologisch verbesserte Mensch als gesellschaftliche Herausforderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510124

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