Charakterisierung der Figur Carl Pius aus dem Drama "Die Wupper" von Else Lasker-Schüler


Hausarbeit, 2019
8 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Figurenkonstellationen

Figurenkonzeption

Leseart des Dramas

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit soll versuchen, die Figur Carl Pius in Else Lasker-Schülers Die Wupper zu charakterisieren und ausgehend von diesen Erkenntnissen eine Lesart für das Drama zu entwickeln. Die Grundlage für die Figurencharakterisierung bildet die Einführung in die Dramenanalyse, 2. Auflage von Franziska Schößler, Stuttgart 2017. Die grundlegenden Gesichtspunkte, auf die sich die Figurencharakterisierung beziehen wird, sind bei Schößler unter dem Kapitel 4 (Figur) aufgeschlüsselt in: die Figur auf der Bühne, Figurenkonzeptionen und Figurenkonstellationen. Das Unterkapitel Schauspiel und Schauspieltheorien soll in dieser Arbeit keine nähere Betrachtung finden. Die aufgezählten Punkte sollen als grobe Richtlinie zur Einordnung von Carl Pius in das Drama gelten und werden in Verbindung mit ihm näher betrachtet. Dabei kann es zu Überschneidungen der einzelnen Untersuchungskriterien kommen.

Zunächst soll jedoch eine kurze Übersicht über die auftretenden Figuren erfolgen. Auf der einen Seite haben wir die Arbeiterfamilie des Großvaters Wallbrecker mit seiner Tochter Amanda und der Mutter Pius und ihrem Sohn Carl. Auf der anderen Seite ist die Familie der Fabrikbesitzerin Charlotte Sonntag mit ihren Kindern Heinrich, Eduard und Marta. Dazu kommen die Dienstboten Auguste und Berta, die Färberfamilie Puderbach um August und Lieschen und die drei Herumtreiber Pendelfrederech, Lange Anna und Amadeus.

Figurenkonstellationen

Um besser zu verstehen, welche Verbindungen die einzelnen Charaktere zu Carl haben, erfolgt eine Veranschaulichung der Figurenkonstellationen, in der Carl als Hauptfigur als einziger eine Verbindung zu allen anderen Figuren aufweist. Es spielen insgesamt 20 Figuren nebst weiteren Nebenfiguren in dem Drama. Es handelt sich um keine außergewöhnlichen Personen, die dargestellt werden. Carl steht zwischen den beiden Welten der Färber und Industriearbeiter und der Fabrikantenfamilie Sonntag. Er wird als Sozialaufsteiger präsentiert, der scheinbar nicht mehr in der Arbeiterwelt leben möchte, doch in der höheren Schicht nicht akzeptiert wird. Er ist der Enkel von Großvater Wallbrecker und Mutter (väterlicherseits) Pius und der Neffe von Amanda Pius. Bereits im ersten Akt (S. 9) wird in einem Dialog zwischen dem Großvater und Carl ersichtlich, dass Carl Pastor werden möchte. Sein Großvater wünscht sich jedoch, dass Carl das Lieschen Puderbach heiratet, da ihr verstorbener Vater ein sehr guter Freund des Großvaters war: Carl: „Lass mich man erst Pastor sein, Großvater, dann werden die Meisters meine Gesellen.", Großvater: „Und das Liesken drüben sollst du doch frein.", Carl (überlegen wie ein Kind): „Die heirat' mich um so lieber." Carl hat eine ganz besondere Beziehung zu seinem Großvater, was immer wieder in dem Drama sichtbar wird (S. 10): „'nen bequemen Sorgenstuhl kauf ich dir, Großvatter, auf einem weichen Polster sitzt du und tust den ganzen Tag nix andres wie schlafen, spazierengehen und schmöken." Er sorgt und kümmert sich aufopfernd um ihn, aber dennoch will Carl auch an der eigenen Vorstellung festhalten, seine Zukunft nach seinem Belieben zu gestalten. So will er zum Beispiel nicht Lieschen heiraten, sondern um die Hand von Marta, der Tochter der Fabrikbesitzerin Sonntag, anhalten und sie zur Frau machen. Da es sich bei dieser Konstellation jedoch um einen Konflikt zwischen zwei Schichten handelt (Carl ist Angestellter der Familie Sonntag), sorgt die Mutter Sonntag im späteren Geschehen des Dramas (Akt 5) für klare Verhältnisse, indem sie Carls Antrag, um die Hand ihrer Tochter anzuhalten, abweist (S. 76): „aber als er impertinent wurde - wies ich ihm die Tür." Der scheinbare Generationenkonflikt - Carl sei zu jung für ihre Tochter - löst sich im weiteren Dialog auf. Der Grund für die Mutter Marta nicht an den Arbeitersohn zu geben sei ein ganz pragmatischer: die Familie Sonntag ist seit dem Tode Heinrichs finanziell nicht mehr abgesichert, sodass die Mutter entschieden hat, die Tochter an den wohlbetuchten Dr. Bruno von Simon „zu verkaufen". Die Entscheidung der Mutter löst in Carl große Enttäuschung aus, die sich darin widerspiegelt, dass er sich auf den Weg macht und in einer Kneipe betrinkt (S. 82: „Wenn Sie de Carl sprechen wollen, Herr, der is im Wirtshaus und säuft en Fusel nach dem andern"). Sein Freund Eduard möchte ihm beistehen, doch Carl stößt ihn fort, sodass er traurig nach Hause geht, womit das Drama dann endet. Die Freundschaft zwischen Eduard und Carl wird erstmalig im zweiten Akt thematisiert (S. 28). Die unterschiedlichen sozialen Schichten scheinen für die beiden Figuren kein Hindernis zu sein. Obwohl Carl für die Familie Sonntag arbeitet, kommt er oft zum Essen vorbei. Der ständige Kontakt mit den Sonntags war womöglich auch ausschlaggebend für das Begehren von Carl für Marta. Dabei blieb er stets höflich und zurückhaltend, wie es sich gehört (S. 29: Carl: „Wenn ich so frei sein darf?"). Im Beisein der Mutter Sonntag weiß sich Carl zurückzunehmen und spricht sehr wenig. Er wird eher außersprachlich durch Mimik und Gestik beschrieben (Carl verlegen; Carl zögert; Carl ist verlegen um Antwort; antwortet etwas schüchtern), was sich durch das gesamte Drama hindurchzieht. Bereits im ersten Akt sieht man in der Rangelei mit den Landstreichern, dass Carl aber auch anders kann. Er wirkt überheblich und abweisend (S. 19: Carl: „Sucht euch Arbeit, dann vergehen euch de Schrullen") und ignoriert einen der Obdachlosen, nachdem dieser ihn verhöhnt (S. 19: Lange Anna: „Pastor kümmer dir um deine Gemeinde"). Daraufhin kommt es zum Handgemenge zwischen Carl und Lange Anna, der ihm das Portemonnaie stehlen wollte. Carl wehrt sich und verdreht ihm daraufhin „mit wortloser Leidenschaft den Arm" (S. 19). Die Handlung wird sehr genau beschrieben und auch die Reaktion vom Landstreicher wird detailliert wiedergegeben, sodass der Leser in dieser recht langen Sequenz eine klare Vorstellung von dem Vorfall bekommt („Der schreit furchtbar grell auf; Amadeus fällt zusammen; der Pendelfrederech nimmt ein kleines Metallpfeifchen aus der Tasche und pfeift. Geht dann stier, ohne den Erfolg abzuwarten [...] Mutter Pius tritt aus dem Häuschen").

Figurenkonzeption

Das Drama ist grundsätzlich so konzipiert, dass jede Figur seinen eigenen Redeanteil besitzt. Carl Pius taucht in fast allen Akten auf. Besonders auffällig ist, dass, obwohl im dritten Akt - dem Höhepunkt des klassischen Dramas nach Gustav Freytag - alle gesellschaftlichen Schichten miteinander vermischt auf dem Jahrmarkt anwesend sind, Carl jedoch keinen Auftritt hat. Was das für die Leseart des Dramas bedeutet, kann nur vermutet werden. Carl scheint als Hauptfigur nicht den typischen Helden zu verkörpern. Er ist ohne Frage die zentrale Figur des Stücks, doch scheinbar kommt die Handlung (eine Schlägerei) im dritten Akt auch ohne ihn aus. Es würde der ganzen Idee des Pastorwerdens wahrscheinlich widersprechen, wenn Carl Teil der Inszenierung auf dem Jahrmarkt gewesen wäre. Umso verwunderlicher und widersprüchlicher mag es erscheinen, dass es ausgerechnet einer der Landstreicher ist, der für Ordnung sorgt (S. 53: Pendelfrederech: „Wir wollen den Garten nu reinigen von de Sünde.").

Carl handelt sehr bewusst und passt sich in seiner Wortwahl den jeweiligen Geschehnissen und Gesellschaftsschichten an. Wenn er mit seiner Familie interagiert, ist er stets hilfsbereit, sorgt sich um den Großvater, aber lässt sich von seiner Großmutter auch ab und zu sprichwörtlich bemuttern, als er zum Beispiel seinen Kragenknopf nicht finden kann (S. 58: Mutter Pius: „nu halt man still, ich kann dir doch nicht mehr auf en Arm nehmen und dir antrecken."). Auch wenn sich Carl in feiner Gesellschaft zu benehmen weiß und entsprechend zurücknehmend handelt, so zeigt sich immer wieder sein noch jugendliches Verhalten. Er wird zudem auch als „frisch, markig, primanerhaft, pathetisch" beschrieben, als er seinen Freund Eduard im Haus des Großvaters begrüßt (S. 59: Carl: „Ich grüße dich, Gottesmann, der du fürlieb nimmst mit unserer Speise und Trank").

[...]

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Charakterisierung der Figur Carl Pius aus dem Drama "Die Wupper" von Else Lasker-Schüler
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Textanalyse
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
8
Katalognummer
V510246
ISBN (eBook)
9783346078391
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Textanalyse, Else Lasker-Schüler, Die Wupper, Figurencharakterisierung, Carl Pius
Arbeit zitieren
André Gschweng (Autor), 2019, Charakterisierung der Figur Carl Pius aus dem Drama "Die Wupper" von Else Lasker-Schüler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510246

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