Die Zwei-Quellen-Theorie und ihre forschungsgeschichtliche Entwicklung


Essay, 2014

4 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Essay

Aufgabe: Zeichnen Sie bitte in Form eines Essay die forschungsgeschichtliche Entwicklung zur Zwei-Quellen-Theorie nach!

Vergleicht man die ersten drei Evangelien des Neuen Testaments miteinander, so machen sich schon auf den ersten Blick einige wesentliche Unterschiede bemerkbar: Das Matthäus Evan­gelium berichtet beispielsweise von einigen Geschichten, die im Markus Evangelium nicht enthalten sind und ist deswegen auch länger. Auch im Lukasevangelium befinden sich Erzäh­lungen, die sich sowohl sprachlich als auch von der Reihenfolge her von Markus und Mat­thäus unterscheiden. Einige der Geschichten und Texte, die in allen drei Evangelien enthalten sind, sind teilweise genau gleich, während andere sich bloß ähneln und wieder andere völlig unterschiedlich sind. Daraus ergibt sich die Frage, wie sich diese Unterschiede und Gemein­samkeiten erklären lassen. Heutzutage geht man von der sogenannten Zwei-Quellen-Theorie aus, jedoch gibt es noch weitere Theorien, die schon vor der Zwei-Quellen-Theorie entstan­den sind.

Die erste dieser Theorien ist die Urevangeliumshypothese. Diese besagt, dass es ein ursprüng­liches, schriftliches Evangelium in aramäischer oder hebräischer Sprache gab, von dem Mat­thäus, Markus und Lukas abgeschrieben haben. Die Unterschiede ließen sich dann dadurch erklären, dass das Urevangelium jeweils in einer unterschiedlichen Gestalt vorlag; es wäre somit also möglich, dass das Markus-Evangelium kürzer ist, weil er nur auf ein Exemplar zugreifen konnte, dass weniger vollständig war oder in einer anderen Form vorlag als bei den anderen Synoptikern[1]. Neben dieser einen Quelle sollen zusätzlich noch andere Quellen vor­handen gewesen sein, die somit auch die Unterschiede in den Evangelien zur Folge gehabt haben können. Hierzu gibt es jedoch eine wesentliche Unklarheit, die diese These wiederle­gen würde, nämlich dass es keine Hinweise auf die Existenz eines solchen Urevangeliums gibt.

Eine weitere Hypothese zur Entstehung des Matthäus-, Markus- und Lukasevangeliums ist die Hypothese der gemeinsamen mündlichen Überlieferung, auch Traditionshypothese genannt. Nach dieser müsste es eine mündliche Quelle gegeben haben, aus der alle drei Evangelisten ihre Informationen entnommen hätten; die Evangelien wären somit das „Resultat eines Ver­kündigungsprozesses“[2]. Auch dieser Theorie stellen sich jedoch kritische Frage entgegen: Als erstes wäre durch eine gemeinsame mündliche Überlieferung nicht erklärt, warum Markus dann sein Evangelium derart gekürzt hätte. Außerdem deutet die teilweise identische Wort­wahl in den unterschiedlichen Evangelien darauf hin, dass eine mündliche Überlieferung höchst unwahrscheinlich ist, da es zudem auch voraussetzen würde, dass Matthäus, Markus und Lukas zur gleichen Zeit am gleichen Ort gelebt haben müssten, um von dieser gemeinsa­men Quelle zu profitieren. Nach Johann Gottfried Herder lassen sich einige Unterschiede da­durch erklären, dass die Evangelisten verschiedene Ziele mit ihren Schriften verfolgten[3]. Trotz diesem Einwand stellt die teilweise gleiche Reihenfolge der Geschichten und Texte in den verschiedenen Evangelien einen weiteren fraglichen Punkt dar, der diese Hypothese wi­derlegen würde.

Eine andere Theorie, die das Problem der synoptischen Übereinstimmungen und Unterschiede erklären würde war die Fragmentenhypothese. Laut dieser lag jede Geschichte auf einem ein­zelnen Zettel vor. Dies würde jedoch nicht erklären, warum viele der Texte in den Evangelien die gleiche Reihenfolge haben.

Auch die Diegesenhypothese nimmt Bezug auf diese Art der Verbreitung des Evangeliums. J. B. Koppe geht in diesem Zusammenhang davon aus, dass Matthäus keinesfalls die „primäre Quelle für das gemeinsame Material aller drei Evangelien sein könne[4] “. Auch F. D. E. Schleiermacher unterstützt diese Hypothese mit der Aussage, dass viele Einzelaufzeichnun­gen durch einen Sammelprozess dazu geführt haben, dass das Evangelium entstanden sei. Die vielen verschiedenen Schriften, die über das Leben Jesu zusammengetragen worden sind, wä­ren somit nur nach einer persönlich getroffenen Auswahl in die verschiedenen Evangelien übernommen worden[5]. Auch hier würde sich jedoch nicht erklären, weshalb viele Geschichten der Synoptiker in der gleichen Reihenfolge aufgeführt werden. Außerdem wäre auch immer noch nicht geklärt, warum das Markus Evangelium dann so verkürzt sei, da es eher der Nor­malfall ist, dass Texte „wachsen“ - sich weiterentwickeln, etwas dazu gefügt wird etc. anstatt gekürzt werden.

Die fünfte Hypothese, die sogenannte Benutzungshypothese, besagt, dass zwei von diesen drei Evangelien den Text des dritten als Informationsquelle benutzten. Während man zu Be­ginn davon ausging, dass das Matthäus Evangelium das älteste sei und Lukas und Markus von ihm abgeschrieben hätten, ging man zu späteren Zeitpunkten davon aus, dass Markus die bei­den anderen Evangelien als Vorlage für sein Evangelium genutzt haben könnte[6].

[...]


[1] Vgl. Schnelle, Udo: Einleitung in das Neue Testament, S. 187

[2] Schnelle, Udo: Einleitung in das Neue Testament, S. 188

[3] Vgl. Schnelle, Udo: Einleitung in das Neue Testament, S. 188

[4] Schnelle, Udo: Einleitung in das Neue Testament, S. 187

[5] Vgl. Schnelle, Udo: Einleitung in das Neue Testament, S. 187

[6] Vgl. Schnelle, Udo: Einleitung in das Neue Testament, S. 189

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Die Zwei-Quellen-Theorie und ihre forschungsgeschichtliche Entwicklung
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
4
Katalognummer
V510275
ISBN (eBook)
9783346091451
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zwei-quellen-theorie, entwicklung
Arbeit zitieren
Jessica Deifel (Autor), 2014, Die Zwei-Quellen-Theorie und ihre forschungsgeschichtliche Entwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510275

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