Ehrgeiz und Sterblichkeit in "Robert Guiskard - Herzog der Normänner" von Heinrich von Kleist


Seminararbeit, 2019

15 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konzeption der Ausgangssituation

3. Das Charisma Guiskards

4. Die Rolle der Pest

5. Guiskards Umgang mit der Pest

6. Die Frage nach der Legitimität der Herrschaft

7. Eine kurze Hoffnung

8. Das Herabsinken Guiskards

9. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Welchen Sinn hat Ehrgeiz noch, bedroht von allen Seiten und im Angesicht des bevorstehenden Todes? In der vorliegenden Arbeit soll das Fragment aus dem Trauerspiel: Robert Guiskard - Herzog der Normänner auf das Motiv des Ehrgeizes hin untersucht werden. Die Themenfelder Ehrlichkeit und Legitimität werden dabei eröffnet und sollen explizit gemacht werden. Darüber hinaus soll gezeigt werden, auf welche Weise Spannung erzeugt wird. Die hierzu gewählte Methode ist das c lose reading, bei dem die detaillierte Auseinandersetzung mit dem untersuchten Text die Grundlage aller weiterführenden Betrachtungsweisen bleiben soll.[1]

Hierbei muss bedacht werden, dass durch den fragmentarischen Charakter des Werks Rückschlüsse auf das Ganze nur bedingt möglich sind, zumal die jetzige sprachliche Gestalt erst 1808 entstand.[2] Textgrundlage sind nur die zehn Szenen, die Kleist April/Mai 1808 im vierten und fünften Stück des Phöbus veröffentlichte. Das Manuskript hat Kleists seinen eigenen Angaben zufolge im Oktober 1803 in Paris verbrannt, womit die veröffentlichten Szenen entweder aufbewahrten Materialien entstammen oder aus seinem Gedächtnis rekonstruiert sein könnten. Wie nah die veröffentlichte Fassung der ursprünglichen kommt oder ob sie neu entworfen wurde, ist also unklar.[3]

Laut Kreutzer (2009) ist es gut möglich, dass in Hinblick auf seine enorme Konzentration das Drama mit etwa 1100 bis 1200 Versen ausgekommen wäre, womit es etwa dem Umfang eines Sophokleischen Dramas entsprochen hätte.[4] Wie er in seinem Werk Die dichterische Entwicklung Heinrichs von Kleist ausführt, besteht die Einzigartikeit des ‚Guiskard‘ darin, dass mit seinem Ehrgeiz und der Pest die bewegende Kraft und die tödliche Gegenkraft in nur einer Figur vereint sind. Die Handlung des Fragments reicht lediglich bis zum ersten Aufeinanderprallen dieser beiden Kräfte.[5]

2. Konzeption der Ausgangssituation

Der Text beginnt, wie bei einem Drama üblich, mit dem Personenregister. Auffällig ist hierbei, dass nach „Robert Guiskard, Herzog der Normänner“[6] die weiteren namentlich aufgeführten Personen abgesehen von ihren Titeln mit ihrem Verhältnis zu Guiskard charakterisiert werden („sein Sohn“, „sein Neffe“, „Guiskard’s Gemahlin“…, S. 8). Neben den fünf namentlich aufgeführten Personen ist „Ein Greis der Normänner“ (S. 8) aufgeführt, der trotz seiner durchaus wichtigen Rolle mit der Weglassung seines Namens austauschbar wird. Auch „Ein Ausschuß von Kriegern der Normänner“ und „Das Volk der Normänner (S. 8) ist sehr allgemein gehalten. In der Aufzählung der Personen wird also deutlich, dass der Fokus auf Guiskard liegt, dessen Name auch Name des Stücks ist. Ebenso werden jedoch im Titel auch die Normänner genannt, deren Gunst für Guiskard essentiell ist.[7]

Bereits in der Beschreibung der Szene werden die wesentlichen Handlungsräume klar festgelegt: Das Lager der Normänner befindet sich unmittelbar „vor Constantinopel“ (S. 8), Guiskard hat sein Ziel also bereits in greifbarer Nähe. Nach Fülleborn (2007) steht es womöglich für das „Versprechende und Abweisende einer das Bewußtsein übersteigenden, dem Willenszugriff unerreichbaren Sphäre. […] Es zu erreichen, wäre für den Normannenherzog das höchste ‚Erdenglück‘.[8] Dies erinnert an den Brief, den Kleist seiner Schwester Ulrike 1799 schrieb und in welchem er ihr den Gedanken eines Lebensplanes näherzubringen versuchte. Grundlegend für einen solchen Lebensplan sei für einen frei denkenden Menschen, nach seiner Vernunft zu bestimmen, welches Glück für ihn das höchste sei.[9] Damit, dass der eigentliche Weg Guiskards schon abgeschlossen ist und sein Ziel unmittelbar vor ihm liegt, es ihm jedoch durch die Pest verwehrt wird, wird diese Situation laut Fülleborn (2007) alles, was überhaupt noch an Handlung denkbar ist, zu einem ‚stehenden Sturmlauf‘.“[10]

Die erhöhte Position von Guiskards Zelt hebt seinen hohen Rang hervor und verdeutlicht, dass das Volk zu ihm aufsieht. Die „Cypressen vor einem Hügel“ (S. 8), auf dem Guiskards Zelt steht, weisen als Symbol für Tod und Trauer bereits auf ein drohendes Unheil hin. Das Abbrennen der Kräuter lässt bereits auf ein Stück schließen, in dem die Pest eine entscheidende Rolle spielt. Die Flotte im Hintergrund symbolisiert den möglichen rettenden Rückzug, bzw. die Heimkehr, zu welcher das Volk Guiskard zu überzeugen versucht.[11] Wie in dem Aufsatz des sächsischen Majors Ferdinand von Funck Robert Guiscard, Herzog von Apulien und Calibrien zu lesen ist und wie es Schiller 1797 in seiner Zeitschrift Die Horen veröffentlichte[12], nahm die Pest auf den Schiffen ihren Ausgang, womit sie die Ursache des Unheils und zugleich die möglich Rettung ist.[13]

Passend zu einem historischen Drama, das die Geschichte eines Herzogs erzählt, der beinahe ganz Süditalien beherrschte und tatsächlich auf dem Weg nach Konstantinopel von der Pest hinweggerafft wurde[14], kann man sich als Leser bereits denken, worauf das Stück hinauslaufen wird. Wie Fülleborn (2007) ausführt, bezeichnet Christoph Martin Wieland das unfertige Stück als ‚Tod Guiscards des Normanns‘, was durchaus auch ein denkbarer Titel für Kleists Stück gewesen wäre.[15] Mit dem letztendlich verwendeten Titel wird jedoch der Fokus weniger auf den nahenden Untergang Guiskards gelegt als auf seine Stellung als Herzog und seine Beziehung zum Volk.

3. Das Charisma Guiskards

Das Charisma Robert Guiskards ist laut Fülleborn (2007) eine Gabe des Chors, als welcher das Volk der Normänner interpretiert werden könne. Es fungiere „in Anlehnung an antike Vorbilder“[16] als ‚Einzugslied‘ der Tragödie. Die normannischen Krieger seien bei Kleist so aufgewertet, dass sie auch als Chor gelten könnten, wobei das Charisma Guiskards in erster Linie eine Gabe des Chors ist, es sich also um ein wechselseitiges In-der-Gunst-Stehen handelt.[17] Bereits früh im ersten Auftritt wird deutlich, dass das Volk der Normänner zu Guiskard aufsieht und sich in seiner furchtbaren Situation Rettung in einem schon religiösen Sinn von Guiskard verspricht:[18] Denn das Volk kommt zu ihm mit „heißem Segenswunsch“ (S. 9), angeführt von einem „Cherub […] von Gottes Rechten“ (S. 9), der es von der Pest befreien soll, die die „Hölle grausend zugeschickt“ (S. 9) habe.

Guiskard wird hier auch durch einen Fels symbolisiert, der von einer anstempörten „Heereswog“ (S. 9) umschäumt wird. Das Bildzeichen ‚Fels und Meer‘ ist laut Fülleborn (2007) eine universale Weltdeutungs-Allegorie des Barockjahrhunderts, welche der „vom einzelnen Menschen geforderte Unverschütterlichkeit und Seelenstärke[19] die Erscheinungsweise einer äußerst unkalkulierbaren und kaum beherrschbaren Welt gegenübersetzt. Dass Guiskard jedoch mit der Eroberung Konstantinopels größere Pläne hat, als den um ihn herum wütenden Gewalten standzuhalten, spielt in diesem Vergleich keine Rolle, da ein Fels nichts anderes vermag, als nach Möglichkeiten standzuhalten.

Guiskard muss zugleich der Pest als unkontrollierbarer Naturgewalt trotzen als auch der damit einhergehenden Angst seines Volkes. Im zweiten Auftritt wird durch das Volk sogar die Befürchtung ausgesprochen, dass der „Sturm der Angst“ (S. 10) noch das „Zelt des Guiskard“ (S. 11) umwogen werde. Zwar sieht dieses zu ihm auf, nennt ihn in Anerkennung an seinen Mut auch „den Furchtlos-Trotzenden“ (S. 10), es befürchtet aber, dass auch ihn mit der Pest „das Scheusal“ (S. 10) noch ereilen werde und das Volk mit ihm untergehen werde, wenn er sich nicht zum Umkehren bewegen lassen werde. In diesem Fall werde auch die Gunst des Volkes und seiner Nachkommen von ihm abwenden und diese werden ihm statt ihres Segens verfluchen und ihm „das silberne Gebein“ „frech Mit hörnernen Klauen aus der Erd’ hervor“ (S. 10) wühlen.

Der Greis, der das Volk vertritt, versucht, nicht den Anschein eines Aufstandes zu erwecken und deshalb zunächst fortzuschicken, „was unnütz ist“ (S. 11). Er brauche lediglich einen Ausschuss „zwölf bewehrte[r] Männer […], sonst nichts“ (S. 11). Als das Volk, hier vertreten durch einen „Normann (aus dem Volk)“ (S. 11) und „Ein Weib“ (S. 11), widerspricht, fragt der Greis rhetorisch, ob das Volk Guiskard das Haupt der Rebellion erheben wolle. Dies will es zwar ausdrücklich nicht, doch sollte „der Unerbittliche“, womit Guiskard hier betitelt wird, die Bitten des Volkes nicht erhören, solle der Greis „Den Jammer dieses ganzen Volks“ „Gleich einem erznen Sprachrohr“ (S. 11) ansetzen. Dass das Sprachrohr, welches eigentlich zur akustischen Verstärkung genutzt wird, aus Erz sein soll, betont die Härte, mit der Guiskard seine - ebenfalls als solche hervorgehobene - Pflicht „gedonnert“ (S. 11) werden soll. Auch ist hier damit ein drohender Unterton zu vernehmen, zumal das Volk laut dem Normann bereits gelitten habe, „was ein Volk erdulden kann.“ (S.11). Das Volk ist am Ende seiner Kräfte bzw. seiner Geduld angelangt. Das Charisma Guiskards ist also mit seinem Ansehen beim Volk verknüpft und er läuft Gefahr, jenes zu verlieren, wenn er dessen Hoffnungen nicht gerecht werden kann. Der Ehrgeiz Guiskards, Konstantinopel trotz allen Widrigkeiten erobern zu wollen, ist für das Volk eine Bedrohung, wodurch der wachsende Unmut des Volkes wiederum zu einer Bedrohung für Guiskard wird, selbst über seinen möglichen Tod hinaus.

[...]


[1] Vgl. Rickes, Joachim: Das ungenaue Lesen in der gegenwärtigen Germanistik. Ein Plädoyer für das scheinbar Selbstverständliche: close reading. In: Wirkendes Wort. Deutsche Sprache und Literatur in Forschung und Lehre 49/3 (1999), S. 431-444.

[2] Vgl. Kreutzer, Hans Joachim: „Die dichterische Entwicklung Heinrichs von Kleist. Untersuchungen zu seinen Briefen und zu Chronologie und Aufbau seiner Werke. Heilbronn 2009. S. 222.

[3] Vgl. Greiner, Bernhard: „Kleists Dramen und Erzählungen. Experimente zum „Fall“ der Kunst“. Tübingen2 2000. S. 123.

[4] Vgl. Kreutzer (2009): S. 223.

[5] Vgl. Ebd. S. 222f.

[6] Von Kleist, Heinrich von: Robert Guiskard. In: ders.: H. v. Kleist. Sämtliche Werke Bd. 2. Hg. von Roland Reuß und Peter Staengle. Frankfurt am Main 1991, S. 7-36. S. 8. Im Folgenden direkt mit Seitenzahl angegeben.

[7] Vgl. Greiner (2000): S. 124.

[8] Vgl. Fülleborn, Ulrich: „Die frühen Dramen Heinrich von Kleists. München 2007. Wilhelm Fink Verlag. S. 53.

[9] Vgl. ebd. S. 13.

[10] Ebd. S. 54.

[11] Vgl. Fülleborn (2007): S. 52.

[12] Vgl. Greiner (2000): S. 132.

[13] Vgl. Kreutzer (2009): S. 222.

[14] Vgl. Fülleborn (2007): S. 52.

[15] Vgl. ebd. S: 57.

[16] Ebd. S. 55.

[17] Vgl. Greiner (2000): S. 138.

[18] Vgl. ebd. S. 123.

[19] Fülleborn (2007): S. 55f.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Ehrgeiz und Sterblichkeit in "Robert Guiskard - Herzog der Normänner" von Heinrich von Kleist
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V510286
ISBN (eBook)
9783346077943
ISBN (Buch)
9783346077950
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ehrgeiz, sterblichkeit, robert, guiskard, herzog, normänner, heinrich, kleist
Arbeit zitieren
Manuel Duerr (Autor), 2019, Ehrgeiz und Sterblichkeit in "Robert Guiskard - Herzog der Normänner" von Heinrich von Kleist, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510286

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