Komplementäre Medizin. Wirksamkeit trotz wissenschaftlicher Unbelegbarkeit?


Hausarbeit, 2019
13 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zwei unterschiedliche Ansätze der medizinischen Versorgung
2.1 Komplementäre Medizin
2.2 Konventionelle Medizin

3. Studien zur komplementären Medizin
3.1 RCT-Studien
3.2 Individuelle Beziehung – Alles eine Frage der Individualität?

4. Was steckt also hinter der dokumentierten Wirksamkeit?
4.1 Wirkung trotz bewiesener Unwirksamkeit?
4.2 Liegt der Fehler etwa in der ausschließlichen Anerkennung von Wissenschaft?

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit jeher besteht ein großes Konfliktpotenzial zwischen den Bereichen von Wissenschaft und Pseudowissenschaft. Insbesondere deren Abgrenzung zueinander ist verschieden interpretiert worden und nicht eindeutig definierbar. Während die Naturwissenschaften belegbar sind, sind einige Disziplinen der Geisteswissenschaften es weniger oder gar nicht, weshalb einige Theoretiker Bereiche der Geisteswissenschaften bereits als pseudowissenschaftlich bezeichnen. Der wohl größte und signifikanteste Unterschied von Wissenschaft und Pseudowissenschaft ist der, dass Wissenschaft eindeutig belegbar und nachweisbar ist, während Pseudowissenschaft zwar den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt, aber keine Nachweise zu ihren Erkenntnissen erbringen kann.

Gewisse Pseudowissenschaften, wie etwa die Religion, der Kreationismus und die alternative Medizin begleiten die Menschheit im alltäglichen Leben, weshalb die Frage der „Abgrenzung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft […] nicht bloß eine Frage der Philosophie am grünen Tisch [sein kann], sondern von brennender gesellschaftlicher und politischer Bedeutung [ist].“[1]

Da der Bereich der Pseudowissenschaft thematisch sehr breit gefächert ist, wird der Fokus in dieser Hausarbeit auf dem Bereich der alternativen Medizin liegen. Ich behaupte, dass komplementäre Medizin verlässlich ist, obwohl ihre Wirksamkeit nicht wissenschaftlich testbar und belegbar ist.

2. Zwei unterschiedliche Ansätze der medizinischen Versorgung

2.1 Komplementäre Medizin

Zur Komplementären Medizin zählen beispielsweise die Praktiken der Akupunktur, der Homöopathie und der Chiropraktik. Bei der Akupunktur wird mit Hilfe von Akupunkturnadeln eine Störung auf den Meridianen der Lebensenergie, die die Kontrolle über jegliche Körperfunktionen haben, entstört. Üblicherweise werden die Kosten der Therapieformen nicht von staatlichen Gesundheitssystemen übernommen, da ihre Wirksamkeit nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden kann.[2] Die Akupunktur hat ihren Ursprung in den Traditionen der chinesischen Medizin und ist im asiatischen Raum seit langer Zeit eine erfolgreich angewendete Therapieform bei jeglicher Art von Beschwerden. Sie erlangt in der westlichen Welt 1971 Bekanntheit, als ein Reporter der New York Times auf einer Reise postoperative Schmerzen erleidet und durch Akupunktur eines asiatischen Arztes schnelle Heilung und Linderung seiner Schmerzen erfährt. Er berichtet noch im selben Jahr in einem Artikel der New York Times über diese Erfahrung, weshalb die traditionelle chinesische Medizin an Aufmerksamkeit der Menschen in der westlichen Welt gewann.[3] Mittlerweile gibt es über 41 Millionen Websites im Internet, die sich mit der alternativen Medizin beschäftigen. Es vergeht meist kein Tag, ohne dass ein Artikel über alternative Medizin in Zeitschriften abgedruckt wird.[4]

2.2 Konventionelle Medizin

Als konventionelle Medizin wird die allgemeine Lehre der Medizin an Hochschulen benannt, deren Verfahren und Therapien wissenschaftlich anerkannt sind und als die weltweit anerkannte Medizin gilt.

Die konventionelle Medizin zeichnet aus, dass der Fokus auf belegbaren klinischen RCT-Studien liegt, in denen Therapien und Verfahren als effektiv anerkannt werden. Diese Studien unterliegen systematischer Überprüfung[5], womit die Effektivität und Wirksamkeit auf den menschlichen Organismus überprüft wird. Aus diesem Grund werden die durch die Therapie entstandenen Kosten vom staatlichen Gesundheitssystem in der Regel übernommen.

2.3 Einordnung der komplementären Medizin in die Pseudowissenschaften

Die komplementäre Medizin wird in den Bereich der Pseudowissenschaften eingeordnet und gilt damit als nicht wissenschaftlich belegbar. Um zu verstehen weshalb dies der Fall ist, ist es wichtig, sich zuerst die Charakteristika anzusehen, die nach Auffassung der Kritiker die komplementäre Medizin eindeutig in die Pseudowissenschaften einteilen.

Eine eindeutige Einordnung der komplementären Medizin in die Pseudowissenschaft nimmt beispielsweise Edzard Ernst vor, wenn er sechs charakteristische Anzeichen benennt, die die Pseudowissenschaft ganz strikt von der Wissenschaft unterscheidet und die allesamt auf die komplementäre Medizin übertragbar seien.

Die Charakteristika sind biologische Implausibilität, Intoleranz, Selektivität, Paranoia, Inversion der Logik und Missbrauch. Inhalt dieser kritisierten Aspekte ist beispielsweise das Leugnen von negativ ausgefallenen Studien, wofür die Verfechter immer eine Ausrede hätten, aus welchem Grund die Studie nicht repräsentativ wäre. Dies würde häufig einhergehen mit aggressivem Verhalten gegenüber Menschen, die die komplementäre Medizin ablehnen. Des Weiteren klagt Ernst den Missbrauch der Wörter Chaostheorie, Paradigmenenergie und Quantum an. Diese würden aus tatsächlich wissenschaftlichen Kontexten heraus modifiziert werden und für den eigenen Gebrauch missbraucht werden. Einen weiteren sehr wichtigen Aspekt für die Einordnung der komplementären Medizin in die Pseudowissenschaft sieht Ernst darin, dass Ansätze der komplementären Medizin biologisch implausibel seien und biologische Gesetze außer Kraft setzen würden.[6]

Neben Ernst charakterisiert auch Sven Ove Hansson Pseudowissenschaft, anhand von vier Definitionen. Für ihn ist eine Pseudowissenschaft eine Lehre, die nicht wissenschaftlich ist, aber von ihren Hauptverfechtern trotzdem als wissenschaftlich dargestellt wird. Nach seiner Definition ist eine Lehre unwissenschaftlich, wenn sie im Konflikt zur anerkannten Wissenschaft steht.[7]

Bei der Betrachtung dieses Ansatzes wäre die komplementäre Medizin auch nach Hansson als pseudowissenschaftlich einzuordnen.

3. Studien zur komplementären Medizin

Es gibt zahlreiche Studien zur komplementären Medizin, die wie in Abbildung 1 nahezu in allen getesteten Bereichen zeigen, dass Akupunktur keine Wirksamkeit oder nur sehr geringe Wirksamkeit erzielt. Allerdings sind viele dieser Studien als abschließende Studie nicht signifikant, da ihre Teilnehmerzahl häufig nicht mehr als 50 Personen umfasst. Somit sind die getesteten Studien zu klein, um tatsächliche Resultate zu erzielen und könnten eher als Pilot-Studien gelten.[8] Des Weiteren sind viele der Studien veraltet. Diese älteren Studien sind zudem schlecht dokumentiert und wurden nicht mehr aktualisiert[9], was ein weiteres Argument dafür darstellt, die durchgeführten Studien und deren Beleg für die Unwirksamkeit kritisch zu betrachten. Einige wichtige Praktiken der komplementären Medizin – wie beispielsweise die Akupunktur – haben ihren Ursprung in China. Bei der Betrachtung der dort durchgeführten Studien fällt auf, dass es keinerlei negative Studie zur Wirksamkeit der Akupunktur gibt.[10]

3.1 RCT-Studien

Die randomisierten, kontrollierten Studien (RCT-Studien) „sind der Goldstandard in der klinischen Forschung für den Beleg von Wirksamkeit und Sicherheit einer neuen Therapie.“[11] und es waren insbesondere diese Studien, die bei der Akupunktur kaum bis gar keine Wirkung zeigten (vgl. Abb. 1). RCT-Studien werden ebenfalls bei konventioneller Medizin eingesetzt. Wenn die Studie zur Therapie keine Wirksamkeit oder sogar eine Gefahr für Benutzer darstellt, wird die Therapie nicht in den Behandlungsraum der Ärzte eingegliedert und somit nicht weiter an Patienten vorgenommen. Aus diesem Grund ist man sicher, dass Patienten der konventionellen Medizin immer wissenschaftlich getestete und für effektiv und ungefährlich gehaltene Therapieformen geboten bekommen.[12] Kritiker der komplementären Medizin, wie beispielsweise Edzard Ernst, bringen immer wieder die Argumente hervor, dass komplementäre Medizin nicht nur keine Wirkung in den RCT-Studien erzielt, sondern dass die Anwendungen außerdem überaus gefährlich sein könnten. Denn nur weil etwas pflanzlich sei, würde es nicht bedeuten, dass es ungefährlich für den Menschen sei. Viele Pflanzen würden hochdosiert wie Drogen wirken. Ein weiteres Argument ist, dass nichts Natürliches daran sei, Nadeln in einen Körper zu stechen (wie etwa bei der Akupunktur).[13]

Doch bei der Betrachtung dieser Argumente der Gegner komplementärer Medizin ist zu beachten, dass es sich wie in Kapitel 2 bereits beschrieben, um zwei komplett konträre Ansätze medizinischer Hilfe handelt. Eine wissenschaftliche Testung müsste demzufolge angepasst werden und die Therapien der komplementären Medizin können nicht ohne weiteres auf die Testverfahren einer komplett anderen medizinischen Richtung angewendet werden.[14]

[...]


[1] Lakatos, Imre: Einleitung: Wissenschaft und Pseudowissenschaft. In: Die Methodologie der wissenschaftlichen Forschungsprogramme. Philosophische Schriften. Wiesbaden 1982. S. 1-6. Hier S. 1.

[2] Vgl. Hansen, Kirsten / Klemens Kappel: „The Proper Role of Evidence in Complementary/Alternative Medicine“. In: Journal of Medicine and Philosophy, 35. Oxford 2010. S. 7-18. Hier S. 7

[3] Vgl. Ernst, Edzard: „Complementary and alternative medicine. Between evidence and absurdity“. In: Perspectives in Biology and Medicine, 52. Baltimore 2009. S. 289-303. Hier S. 295.

[4] Vgl. Ernst: „Complementary and alternative medicine“. S. 289.

[5] Vgl. Ernst: „Complementary and alternative medicine“. S. 292.

[6] Vgl. Ernst: „Complementary and alternative medicine“. S. 298f.

[7] Vgl. Hansson, Sven Ove: „Defining Pseudoscience“. In: Philosophia naturalis, 33/1. Frankfurt am Main 1996. S. 169-176.

[8] Vgl. Hansen/Kappel: „The Proper Role of Evidence in Complementary/Alternative Medicine“. S. 11.

[9] Vgl. Ernst, Edzard: „Acupuncture: What Does the Most Reliable Evidence Tell Us?“. In: Journal of Pain and Symptom Management, 37. Chicago 2009. S. 709-714. Hier S. 711.

[10] Vgl. Ernst: „Complementary and alternative medicine. Between evidence and absurdity“. S. 295.

[11] Kabisch, Maria/Christian Ruckes/Monika Seibert-Grafe/Maria Blettner: „Randomisierte kontrollierte Studien. Teil 17 der Serie zur Bewertung wissenschaftlicher Publikationen“. In: Deutsches Ärzteblatt, 39. Köln 2011. S. 663-668. Hier S. 663.

[12] Vgl. Ernst: „Complementary and alternative medicine“. S. 298.

[13] Vgl. Ernst: „Complementary and alternative medicine“. S. 290.

[14] Vgl. Hansen/Kappel: „The Proper Role of Evidence in Complementary/Alternative Medicine“. S. 9.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Komplementäre Medizin. Wirksamkeit trotz wissenschaftlicher Unbelegbarkeit?
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
3,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
13
Katalognummer
V510308
ISBN (eBook)
9783346078322
ISBN (Buch)
9783346078339
Sprache
Deutsch
Schlagworte
komplementäre, medizin, wirksamkeit, unbelegbarkeit
Arbeit zitieren
Annie Münzberg (Autor), 2019, Komplementäre Medizin. Wirksamkeit trotz wissenschaftlicher Unbelegbarkeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510308

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