Wohl kaum eine Herrscherfigur prägt unsere Vorstellung vom Mittelalter so stark wie Karl der Große. In seiner über 40 Jahre andauernden Herrschaft reformierte der Karolinger das fränkische Bildungswesen, festigte die Bedeutung seines Reiches als Schutzmacht des Papstes und verbreitete den christlichen Glauben in ganz Mitteleuropa. Seinen größten Erfolgen ist aber auch die massive Ausdehnung des fränkischen Herrschaftsgebiets zuzurechnen. Fast jedes Jahr führte Karl der Große Krieg gegen seine Feinde, so etwa gegen die Sachsen im Norden, die Awaren im Osten oder die Langobarden im Süden. Wie viel Anstrengung und Aufopferung diese Unternehmungen Karl und seine Gefolgschaft gekostet haben mussten, zeigt etwa die Eroberung und Christianisierung der Sachsen, die sich dem fränkischen Einfluss partout nicht beugen wollten und immer wieder ins karolingische Reichsgebiet einfielen. Ihre Unterwerfung beschäftigte Karl letzten Endes 32 Jahre.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zum Gesandten- und Geschenkaustausch zwischen Karl dem Großen und Harun al-Raschid
3. Funktion und Problematik der abbasidischen Geschenkgaben
4. Zum Umgang mit der Schenkproblematik in den fränkischen Quellen
4.1. Darstellung in den Reichsannalen
4.2. Darstellung in Einhards vita Karoli
4.3. Darstellung in Notkers gesta Karoli
5. Abschließendes Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die diplomatischen Beziehungen zwischen Karl dem Großen und dem abbasidischen Kalifen Harun al-Raschid. Im Zentrum steht die Analyse des Geschenkaustauschs, wobei die zentrale Forschungsfrage darauf abzielt, wie die fränkischen Quellen die implizite Demütigung durch die überlegenen abbasidischen Geschenkgaben rhetorisch entschärfen und umdeuten.
- Diplomatischer Gesandten- und Geschenkaustausch im Mittelalter
- Die symbolische Funktion und Problematik von Geschenkgaben
- Analyse fränkischer Quellendarstellungen (Reichsannalen, Einhard, Notker)
- Vergleich zwischen historischer Realität und narrativer Umdeutung
Auszug aus dem Buch
Zum Umgang mit der Schenkproblematik in den fränkischen Quellen
Dem Gesandten- und Geschenkaustausch von Karl und Harun wird in den Reichsannalen relativ viel Platz eingeräumt. Hierbei geht es insbesondere um konkrete Details der Gesandtenaustausche, etwa um die Namen der legati, die Reiseroute Isaaks nach Aachen oder die Ankunft von Haruns Gesandten in Pisa. Vor allem den Geschenkgaben Haruns wird dabei besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Der Elefant Abul Abaz etwa, dessen Name in der Quelle explizite Erwähnung findet, wird insgesamt viermal erwähnt, öfter als jede der Frauen Karls. Auch zu den anderen Geschenken des Kalifen hatten die fränkischen Historiographen in den Reichsannalen einiges zu berichten.
Die umfangreiche Passage zeigt, welchen Wert die fränkischen Geschichtsschreiber einer genauen Beschreibung der Geschenke Haruns beimaßen. Diese werden in allen Details beschrieben, wobei der Wert der einzelnen Geschenke immer besonders hervorgehoben wird: Das Zelt und die Vorhänge sind „von ungemeiner Größe und Schönheit“ und aus „feinstem Leinen“, die Gewänder sind „kostbar[]“, das Uhrwerk „höchst kunstvoll aus Messing gearbeitet“ und die Kerzenleuchter schließlich „von ausgezeichneter Größe und Form.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die diplomatischen Kontakte zwischen dem Karolingerreich und dem Abbasidenreich unter Berücksichtigung der machtpolitischen Hintergründe und der Symbolik des Schenkens.
2. Zum Gesandten- und Geschenkaustausch zwischen Karl dem Großen und Harun al-Raschid: Dieses Kapitel rekonstruiert den chronologischen Ablauf der diplomatischen Missionen und die Schwierigkeiten bei der Beschaffung sowie dem Transport der Geschenke.
3. Funktion und Problematik der abbasidischen Geschenkgaben: Hier wird die mittelalterliche Geschenkkultur analysiert und dargelegt, warum Haruns Geschenke für den karolingischen Hof eine problematische, implizite Demütigung darstellten.
4. Zum Umgang mit der Schenkproblematik in den fränkischen Quellen: Der Hauptteil untersucht, wie drei verschiedene karolingische Quellen die Geschenke des Kalifen darstellen und ideologisch umdeuten.
4.1. Darstellung in den Reichsannalen: Die Reichsannalen werden als Quelle analysiert, die den Wert der abbasidischen Geschenke hervorhebt und karolingische Gegengaben bewusst verschweigt.
4.2. Darstellung in Einhards vita Karoli: Dieses Kapitel zeigt, wie Einhard versucht, den Status Karls zu erhöhen, indem er Harun als Bittsteller um Freundschaft darstellt.
4.3. Darstellung in Notkers gesta Karoli: Notker wird als Autor betrachtet, der die historische Realität durch freie Hinzudichtungen und eine Verherrlichung der fränkischen Kultur übersteigert.
5. Abschließendes Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Autoren der Quellen die historische Realität verzerrten, um das Bild Karls als mächtigem Herrscher zu wahren.
Schlüsselwörter
Karl der Große, Harun al-Raschid, Gesandtenaustausch, Schenkproblematik, Abbasidenreich, Mittelalter, Diplomatie, Amicitia, Reichsannalen, Einhard, Notker der Stammler, Abul Abaz, symbolische Kommunikation, Herrschaftslegitimation, Kulturvergleich.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den diplomatischen Beziehungen zwischen Karl dem Großen und Harun al-Raschid und wie zeitgenössische Quellen diese interkulturellen Kontakte dokumentierten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Geschichte des Gesandtenaustauschs, die soziale Funktion des Schenkens im Mittelalter sowie die kritische Analyse historiographischer Quellen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie fränkische Chronisten die indirekte Erniedrigung durch die technologisch überlegenen Geschenke des Kalifen rhetorisch in eine Erfolgsgeschichte für den Frankenherrscher umdeuteten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine quellenkritische Analyse der karolingischen Geschichtsschreibung, ergänzt durch historische Kontextualisierung und vergleichende Literaturforschung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Reichsannalen, Einhards vita Karoli und Notkers gesta Karoli hinsichtlich ihrer Darstellung der Geschenke und der Machtverhältnisse detailliert untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Gesandtenaustausch, Schenkproblematik, Diplomatie und mittelalterliche Herrschaftsrepräsentation definiert.
Warum wird der Elefant Abul Abaz in der Arbeit als so bedeutend angesehen?
Der Elefant dient als Symbol für die technologische und kulturelle Vormachtstellung des Abbasidenreichs, deren Demonstration Karl in eine schwierige diplomatische Lage brachte.
Wie unterscheidet sich Notkers Darstellung von der der Reichsannalen?
Während die Reichsannalen den Wert der abbasidischen Geschenke betonen, nutzt Notker fiktive Geschichten und Dialoge, um die fränkische Kultur und ihren Herrscher umfassend zu verherrlichen.
Welchen Zweck verfolgten die fränkischen Chronisten mit ihrer „Verzerrung“ der Fakten?
Sie wollten das Bild Karls als den bedeutendsten Herrscher seiner Zeit für die Nachwelt bewahren und die kulturelle Unterlegenheit des Frankenreiches kaschieren.
- Arbeit zitieren
- Sebastian Binder (Autor:in), 2018, Der Gesandtenaustausch zwischen Karl dem Großen und Harun al-Raschid. Zur Problematik des Schenkens im Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510417