Durch ihn werden derzeit jährlich fast 16 Mrd. EUR Beitragseinnahmen zwischen den Krankenkassen umverteilt. Somit ist derRisikostrukturausgleich(RSA) hinter der Umlagenfinanzierung dergesetzlichen Krankenversicherung(GKV) das zweitwichtigste Finanzinstrument. Doch kennen nur wenige seine Funktionsweise und Bedeutung für das GKV-System. Mit der Einführung des Wahlrechts und dem Einsetzen des Wettbewerbs in der GKV setzt er die Rahmenbedingungen, wodurch das Solidaritätsprinzip auch zwischen den Krankenkassen gewahrt bleiben soll. Auch Kranke und schlecht Verdienende sollen auf Wirtschaftlichkeit und Effizienz im Gesundheitssystem einwirken, damit die hohe Versorgungsqualität im Ge-sundheitssystem erhalten bleibt. Ohne ihn würde der Krankenkassenwettbewerb ausschließlich auf Gesunde und gut Verdienende abzielen, wodurch schwer kranke Menschen lediglich geduldet würden.
Dagegen sehen einige Kassen in dem RSA ein Hindernis durch mehr Wettbewerb für ein innovatives GKV-System zu sorgen. Gerade die steigenden Transferzahlungen erbringen für sie den Beweis einer ineffizienten Subventionierungsmaschinerie. Aus diesem Grund fordern Kritiker seine Begrenzung, anstatt die bestehenden Defizite durch Modifizierungen abzustellen. Des Weiteren sehen die „einzahlenden Kassen“ durch den Umbau des RSA ab 2007, d.h. Orientierung an den krankheitsbezogenen Leistungsausgaben, eine rapide Verteuerung des Gesundheitssystems voraus.
Inhaltsübersicht
1 Einleitung
2 Einführung des Risikostrukturausgleichs
3 Funktionsweise des Risikostrukturausgleichs
3.1 Wettbewerbs- und Solidaritätssichernde Funktion
3.2 Grundsätzliche Zielkonflikte
4 Auswirkungen des Risikostrukturausgleichs auf den Krankenkassenwettbewerb
4.1 Wechselverhalte und Beitragssatzanpassungen
4.2 Unterbindung von Risikoselektion
4.3 Vorteile und Defizite des jetzigen Risikostrukturausgleichs
5 Ausrichtung an der Morbidität
5.1 Disease Management Program
5.2 Risikopool
6 Einführung eines morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs
6.1 Auswahl und Gestaltung der Klassifikationsmodelle
6.2 Effekte des ausgewählten Morbiditätsmodells
7 Positionen und Modelle zum RSA-Reformfahrplan
7.1 Ansichten der Kritiker
7.2 Ansichten der Befürworter
8 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob der Risikostrukturausgleich (RSA) ein notwendiges Steuerungsinstrument zur Wahrung des Solidaritätsprinzips in der gesetzlichen Krankenversicherung darstellt oder ob er den fairen Wettbewerb zwischen den Krankenkassen behindert. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie die Umstellung auf einen morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA) die Anreize für Krankenkassen und die Versorgungsqualität beeinflussen kann.
- Historische Entwicklung und Funktionsweise des RSA.
- Auswirkungen auf den Krankenkassenwettbewerb und Risikoselektion.
- Rolle von Disease Management Programmen und Risikopools.
- Analyse von Klassifikationsmodellen für den Morbi-RSA.
- Standpunkte der Akteure zum RSA-Reformfahrplan.
Auszug aus dem Buch
3 Funktionsweise des Risikostrukturausgleichs
Grundsätzlich dient der RSA als klassisches Finanzinstrument, um unterschiedliche Risikostrukturen zwischen den Krankenkassen auszugleichen. Der entsprechende RSA einer Kasse errechnet sich aus der Differenz von Finanzkraft (FK) und Beitragsbedarf (BB), dessen rechtliche Grundlage im § 266 SGB V geregelt ist (RSA = FK−BB). Zur Durchführung und Festlegung der entsprechenden Kriterien ist das Bundesversicherungsamt (BVA) zuständig, wobei die monatlichen Abschlagszahlungen von der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) durchgeführt werden.
Die Versichertenmerkmale Alter, Geschlecht, Bezug einer Erwerbs- und Berufsunfähigkeit sowie Anspruch auf Krankengeld bilden die Basis zur Berechnung des Beitragsbedarfs. Die Definition dieser Parameter bildet eine einfache Möglichkeit risikobedingte Leistungsausgaben bei den Krankenkassen zu erklären. Durch die unterschiedlichen Kombinationen ergeben sich insgesamt 732 Risikogruppen, die aber das BVA, wegen der kleinen Gruppe der „Rentner wegen Erwerbsminderung ohne Anspruch auf Krankengeld“, zu 670 Risikogruppen zusammengefasst wurden. So können die Versicherten jeweils einer Gruppe zugeordnet werden, wodurch man auch von einem Zellenmodell sprechen kann. Das BVA ermittelt für alle 670 Zellen die durchschnittlichen Leistungsausgaben, damit lediglich der objektive Beitragsbedarf in den RSA einfließt. Infolgedessen wird einem Versicherten für jeden Tag seiner Zugehörigkeit der Durchschnittswert der entsprechenden Risikozelle zugerechnet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die Bedeutung des RSA als Finanzinstrument dar und skizziert die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dessen Auswirkungen und der Reform zum Morbi-RSA.
2 Einführung des Risikostrukturausgleichs: Das Kapitel behandelt den historischen Kontext der Krankenversicherung, die Einführung des Wahlrechts und die Kopplung mit dem 1994 eingeführten RSA zur Sicherung gleicher Startchancen.
3 Funktionsweise des Risikostrukturausgleichs: Hier wird die Berechnungsgrundlage des RSA (FK minus BB) sowie dessen Funktion als solidaritätssicherndes Instrument und die damit verbundenen Zielkonflikte erläutert.
4 Auswirkungen des Risikostrukturausgleichs auf den Krankenkassenwettbewerb: Das Kapitel analysiert, wie der RSA Wechselverhalten beeinflusst, Risikoselektion zu unterbinden versucht und welche Vor- sowie Nachteile das aktuelle Modell bietet.
5 Ausrichtung an der Morbidität: Hier werden ergänzende Modelle wie Disease Management Programme (DMP) und der Risikopool als Brücke zu einer morbiditätsorientierten Ausgestaltung beschrieben.
6 Einführung eines morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs: Dieses Kapitel befasst sich mit der wissenschaftlichen Untersuchung von Klassifikationsmodellen für einen direkten Morbiditätsbezug und deren Effekte auf die Schätzgenauigkeit.
7 Positionen und Modelle zum RSA-Reformfahrplan: Das Kapitel beleuchtet die kontroversen Ansichten von Kritikern und Befürwortern des Morbi-RSA und diskutiert verschiedene Reformmodelle.
8 Fazit: Das Fazit bewertet den RSA abschließend als notwendiges Instrument, das trotz Optimierungsbedarf bei der Datenbasis den Wettbewerb erst ermöglicht, der für eine zukunftsfähige Versorgung essenziell ist.
Schlüsselwörter
Risikostrukturausgleich, RSA, Morbi-RSA, Gesetzliche Krankenversicherung, GKV, Krankenkassenwettbewerb, Risikoselektion, Morbiditätsorientierung, Disease Management Program, DMP, Risikopool, Beitragsbedarf, Finanzkraft, Solidaritätsprinzip, Versorgungsqualität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Funktion und die Auswirkungen des Risikostrukturausgleichs in der gesetzlichen Krankenversicherung und bewertet, ob dieser den Wettbewerb fördert oder behindert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der historische Wandel des Versicherungssystems, die Funktionsweise des RSA, Ansätze zur Morbiditätsorientierung und die politischen sowie fachlichen Diskussionen um den Reformfahrplan zum Morbi-RSA.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu verdeutlichen, wie durch einen morbiditätsorientierten RSA die Risikoselektion gemindert und Anreize für eine höhere Versorgungsqualität sowie Wirtschaftlichkeit geschaffen werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, der Untersuchung von Reformplänen, der Analyse empirischer Daten zur Mitglieder- und Versichertenentwicklung sowie dem Vergleich verschiedener internationaler Klassifikationsmodelle.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Funktionsweise des RSA, dessen Auswirkungen auf den Wettbewerb, die Implementierung von DMP-Programmen und Risikopools sowie die Gestaltung eines morbiditätsorientierten Modells detailliert erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Risikostrukturausgleich, GKV, Morbiditätsorientierung, Krankenkassenwettbewerb, Risikoselektion und Morbi-RSA.
Wie bewerten die Krankenkassen die Einführung des Morbi-RSA?
Die Bewertung ist gespalten: Während Befürworter wie die AOK darin ein Mittel zur fairen Lastenverteilung sehen, kritisieren andere Kassen, wie etwa die BKK, den hohen Verwaltungsaufwand und fürchten Belastungen für ihre Versichertenstrukturen.
Warum wird das aktuelle RSA-Modell als "zweitbeste Lösung" bezeichnet?
Es wird so bezeichnet, da es zwar den demografischen Ausgleich ermöglicht, aber aufgrund fehlender direkter Morbiditätskriterien immer noch Anreize für eine Risikoselektion zwischen Gesunden und Kranken bietet.
- Quote paper
- Matthias Matag (Author), 2005, Risikostrukturausgleich und Morbiditätsorientierung notwendiges Steuerungsinstrument oder Wettbewerbshindernis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51070