Technologiediffusion - Einflussvariablen des technologischen Diffusionsprozesses


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

69 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlagen zur Diffusion von Innovationen
2.1 Definitionen und Abgrenzungen
2.2 Stilisierte Fakten der Diffusion
2.3 Innovations-Übernahme-Entscheidung von Individuum und Unternehmen

3 Einflussvariablen des Diffusions- und Adoptionsprozesses
3.1 Eigenschaften des Diffusionsobjektes
3.1.1 Relative Vorteilhaftigkeit
3.1.2 Kompatibilität
3.1.3 Komplexität
3.1.4 Erprobbarkeit
3.1.5 Wahrnehmbarkeit
3.1.6 Wahrgenomenes Risiko, Veränderung des Diffusionsobjektes und Lerneffekte
3.2 Eigenschaften der potentiellen Adoptoren
3.3 Unternehmensinterne Einflussvariablen
3.3.1 Unternehmensgröße
3.3.2 Organisationsstrukturvariablen
3.3.3 Anlass der Investition
3.3.4 Eigenfinanzierungspotential des Unternehmens
3.3.5 Erfolgslage des Unternehmens
3.4 Unternehmensexterne Einflussvariablen
3.4.1 Marktstruktur und Wettbewerbsintensität
3.4.2 Informationsangebot
3.4.3 Einfluss des Staates
3.4.4 Kapitalmarkt
3.4.5 Arbeitsmarkt
3.4.6 Gesellschaft und sozialer Druck

4 Diffusionsmodelle
4.1 Systematisierung der Diffusionsmodelle
4.2 Das epidemische Grundmodell
4.3 Probit-Modell
4.4 Spieltheoretisches Modell
4.5 Diffusion unter Netzwerkexternalitäten und Pfadabhängigkeit
4.5.1 Grundlegende Überlegungen
4.5.2 Netzwerkexternalitäten und Skalenerträge
4.5.3 Ein Grundmodell
4.5.4 Durchbrechen eines Lock-in
4.6 Diffusion aus Sicht der Evolutorik

5 Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Invention, Innovation und Diffusion im Zeitverlauf

Abbildung 2: Typische S-Kurve

Abbildung 3: Diffusionsgeschwindigkeiten verschiedener Technologien

Abbildung 4: Diffusion durch verschiedene Volkswirtschaften

Abbildung 5: Einflussvariablen des Diffusionsprozesses

Abbildung 6: Adoptorkategorien nach dem Zeitpunkt der individuellen Übernahme

Abbildung 7: Systematisierung der Diffusionsmodelle

Abbildung 8: Veränderung der Determinanten der S-Kurve

Abbildung 9: Ursachen der zeitintensiven Diffusion im Probit-Modell

Abbildung 10: Profitraten bei verschiedenen Übernahmezeitpunkten

Abbildung 11: Gewinnmaximierende Übernahmezeitpunkte eines Unternehmens

Abbildung 12: Ertragsreihen alternativer Technologien im Arthur-Modell

Abbildung 13: Übernahmeertrag einer Technologie

Abbildung 14: Random-walk

Abbildung 15: S-Kurve bei Netzwerkexternalitäten

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Der technische Fortschritt, der aus Prozess- oder Produktinnovationen besteht, ist ein wesentlicher Faktor für die Steigerung des Outputs und damit für das Wachstum einer Volkswirtschaft. Dabei ist die Erfindung und ihre erste Anwendung lediglich eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung dafür, dass der technische Fortschritt seine ökonomischen Wirkungen entfalten kann. Erst mit der breiten Nutzung der neuen Technologie in der Volkswirtschaft können sich diese Wachstumseffekte einstellen. Damit steht zwischen der Innovation und der wirtschaftlichen Entwicklung der Prozess der Verbreitung technischer Neuerungen durch das ökonomische System. Die Frage des technischen Fortschritts konzentriert sich damit auf die Untersuchung des Investitionsverhaltens der die Innovation übernehmenden und zur Anwendung bringenden Wirtschaftseinheiten. Die Analyse der technologischen Diffusion befasst sich mit diesem Ausbreitungsprozess neuer Technologien durch ein soziales System und seinen Bestimmungsgründen. Dabei geht die ökonomische Analyse von dem Prozess aus, durch den ein neues Produkt oder eine neue Prozesstechnologie über die Zeit seine potentiellen Märkte durchdringt.

Die multidisziplinäre Beschäftigung mit der Diffusion von Neuerungen[1] macht allerdings deutlich, dass eine Beschränkung der Analyse allein auf ökonomische Einflussfaktoren des Diffusionsprozesses für seine Erklärung nicht ausreichend ist. Die Diffusion von Innovationen ist ein sozialer Prozess und auch ökonomisch vorteilhafte Innovationen diffundieren häufig nur mit einer langsamen Rate.

Die Diffusionsforschung teilt sich in empirische und theoretische Untersuchungen auf. Empirische Arbeiten untersuchen vor allem die historischen Diffusionsverläufe einzelner bzw. mehrerer Technologien. Sie sind bemüht, relevante Einflussvariablen zu identifizieren, die die Verbreitung neuer Technologien begünstigen oder hemmen und allgemeine Regularitäten der Diffusion von Neuerungen in Form stilisierter Fakten zu beschreiben. Unterschieden werden hier, neben den Eigenschaften der Innovation, Umwelteinflüsse auf das System, in dem die Diffusion stattfindet und Eigenschaften der potentiell adoptierenden Individuen bzw. Organisationen.

Die theoretische Analyse der Technologiediffusion versucht nun, diese empirischen Regularitäten zu erklären und den Adoptions- und Diffusionsprozess zu modellieren. Die Ausbreitung einer neuen Technologie ist wegen der einzelwirtschaftlichen Übernahmeentscheidung zunächst ein mikroökonomisches Phänomen. Damit stehen die einzelnen Übernahmeentscheidungen und ihre Aggregation im Zeitverlauf im Mittelpunkt des Interesses und weniger die makroökonomischen Auswirkungen. Die Adoptions- bzw. Diffusionstheorie bildet dabei keineswegs ein einheitliches und in sich geschlossenes Theoriegebäude.

Dieser beschriebenen Zweiteilung folgt auch die vorliegende Arbeit. Sie zeigt die in empirischen Untersuchungen herausgefilterten Bestimmungsgründe der Technologiediffusion auf und ordnet diese in einen strukturierten Gesamtrahmen ein. Darüber hinaus werden verschiedene theoretische Modellierungsansätze der Technologiediffusion dargestellt und vor dem Hintergrund der identifizierten Bestimmungsgründe auf ihr Erklärungspotential hin untersucht.

Im folgenden Kapitel werden zunächst grundlegende Abgrenzungen und Definitionen vorgenommen und empirische Regularitäten der Diffusion aufgezeigt. Darüber hinaus stellt Kapitel 2.3 den einzelwirtschaftlichen Entscheidungsprozess dar, der mit einer Adoption verbunden ist.

Die Zusammenhänge zwischen den beobachteten Diffusionsverläufen auf aggregierter Ebene und den einzelnen Übernahmeentscheidungen und ihren Einflussfaktoren stehen im Mittelpunkt des dritten Kapitels. Die zahlreichen Einflussfaktoren der Innovations-Übernahme-Entscheidung werden in Kategorien eingeordnet und auf Grundlage empirischer Untersuchungen im Einzelnen diskutiert.[2] Dabei wird einerseits deutlich, dass eine Erklärung der Übernahmeentscheidungen und damit des Diffusionsverlaufes nur gelingen kann, wenn eben diese zahlreichen Einflussfaktoren umfassend berücksichtigt werden. Andererseits erschweren zahlreiche Interdependenzen der Variablen die Erkenntnisgewinnung über ihren individuellen Einfluss auf den Diffusionsprozess. Diesbezüglich sind viele zugrunde liegende Hypothesen umstritten.

Kapitel 4 systematisiert zunächst verschiedene Diffusionsmodelle nach dem Mechanismus des Diffusionsprozesses auf der Systemebene und nach den Annahmen über das Verhalten bzw. die Eigenschaften der potentiellen Adoptoren. Daran anschließend werden diese Modelle einzeln dargestellt, um aufzuzeigen, welche Einflussvariablen des zeitintensiven Diffusionsprozesses in der theoretischen Modellierung aufgegriffen werden. Im Rahmen dieser Arbeit bleibt die formal-mathematische Darstellung dabei weitestgehend auf das epidemische Grundmodell beschränkt. Darüber hinaus werden nur nachfrageseitige Diffusionsmodelle betrachtet.

Kapitel 5 fasst die Erklärungspotentiale der Diffusionsmodelle zusammen. Nicht zuletzt wird hier damit deutlich, dass es kein umfassendes Diffusionsmodell gibt, welches in der Lage wäre, die zahlreichen Einflussfaktoren der Übernahmeentscheidung adäquat zu modellieren. Vielmehr konkurrieren und ergänzen sich die Modelle, indem sie unterschiedliche Einflussvariablen aufgreifen und den zeitintensiven Diffusionssprozess jeweils auf unterschiedliche Ursachen zurückführen.

2 Grundlagen zur Diffusion von Innovationen

Im Mittelpunkt dieses Kapitels stehen die Grundlagen der Technologiediffusion. Zunächst nimmt Kapitel 2.1 grundlegende Definitionen vor und grenzt diese gegeneinander ab. Mit den stilisierten Fakten, die Kapitel 2.2 darstellt, werden die allgemeinen Beobachtungen der empirischen Diffusionsforschung wiedergegeben. Diese realen Diffusionsverläufe sind das Ergebnis einzelner Adoptionsentscheidungen der Individuen oder Unternehmen.[3] Kapitel 2.3 skizziert deswegen idealtypische Übernahmeentscheidungsprozesse von Individuum und Unternehmen.

2.1 Definitionen und Abgrenzungen

Auf makroökonomischer Ebene kann man technologischen und technischen Fortschritt unterscheiden. Technologischer Fortschritt ist die Vergößerung des technisch anwendbaren Wissens in Form gedanklicher und geistiger Konzepte. Davon abgrenzen läßt sich der technische Fortschritt, der den Fortschritt des produktionstechnisch angewandten Wissens umfaßt. Demnach löst erst der technische Fortschritt reale Effekte aus.[4]

Auf mikroökonomischer Ebene wird zwischen Invention, Innovation und Diffusion unterschieden. Als Invention(sphase) wird die Generierung von Ideen für neue oder verbesserte Produkte oder Prozesse bezeichnet. Die eigentliche Erfindung beginnt meistens mit einer Idee zur Verbesserung, Erneuerung oder Weiterentwicklung bestehender Produkte oder Produktionsvorgänge.

Die Forschung kann unterteilt werden in Grundlagenforschung und angewandte Forschung. Die Auswirkungen der Grundlagenforschung auf die folgenden Phasen können allerdings kaum quantifiziert werden.[5] Die angewandte Forschung richtet sich gezielt auf anwendbare Ergebnisse. An ihrem Ende stehen meist technisch realisierbare Prototypen. Diese Inventionsphase kann mit technologischem Fortschritt gleichgesetzt werden.[6]

Als Innovation wird die erstmalige wirtschaftliche Verwertung bzw. Anwendung einer Invention bezeichnet. Es muss zwischen einzelwirtschaftlicher und gesamtwirtschaftlicher Sichtweise unterschieden werden.[7] Die einzelwirtschaftliche Sichtweise wird in der Definition von Rogers eingenommen. Ihmzufolge liegt dann eine Innovation vor, wenn das entwickelte Verfahren oder der Gegenstand von einem Individuum als neu wahrgenommen wird.[8]

Aus gesamtwirtschaftlicher Sichtweise gilt, dass „[an] […] invention, when applied for the first time, is called innovation.“[9] Der Neuheitscharakter wird hier aus Systemsicht definiert.[10]

Die Innovation an sich ist eine Abfolge logischer, nicht zwangsweise linearer Entscheidungen[11], welche für den kommerziellen Erfolg ausschlaggebend sind.[12] Sie kann von der Überprüfung der technisch realisierbaren Prototypen auf ihre Wirtschaftlichkeit, bis zur ersten marktlichen Anwendung festgelegt werden. Die Innovation an sich kann sowohl auf eigenen Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen als auch auf Inventionen Dritter beruhen.

Abbildung 1: Invention, Innovation und Diffusion im Zeitverlauf

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung: Eigene

Quelle: In Anlehnung an Stutzke, H. H.: Technischer Fortschritt, S. 21.

Mit der Verbreitung der Innovation auf ihrem potentiellen Markt beginnt die Diffusionsphase. Der Verbreitung der tatsächlichen Nutzung ist die Ausbreitung von Informationen über die neue Technologie vorgelagert. Dies kommt insbesondere in der Definition von Rogers[13] zum Ausdruck: „Diffusion is the process by which an innovation is communicated through certain channels over time among the members of a social system. It is a special type of communication, in that the messages are concerned with new ideas.”[14] In dieser Arbeit wird Diffusion einer Technologie allerdings mit der Verbreitung der tatsächlichen Nutzung einer Innovation in einem betrachteten System gleichgesetzt.

Die Definition von Mantsch aufgreifend, wonach die „Diffusion [..] die zeitraumbezogene Aggregation der einzelwirtschaftlichen Adoptionsvorgänge [ist] [..]“[15], lassen sich die Adoptions- und die Diffusionstheorie unterscheiden. Die Adoptions- und Diffusionstheorie beschäftigen sich auf unterschiedlichen Ebenen mit der Verbreitung von Innovationen. In Ersterer werden der Übernahmeentscheidungsprozess eines Individuums oder eines Unternehmens und seine Bestimmungsgründe untersucht. Dabei wird der Prozess häufig in Phasen eingeteilt.[16] Die Adoptionstheorie ist somit auf mikroökonomischer Ebene bemüht, das einzelwirtschaftliche Verhalten im Umgang mit Innovationen zu beleuchten.

Im Gegensatz dazu betrachtet die Diffusionstheorie das Aggregat aus den einzelnen Übernahmeentscheidungen. Sie untersucht die Verbreitung der Innovation in einem sozialen System. Gegenstand ist hier der Zeitpfad der Diffusion der Innovation.

Die Übergänge zwischen diesen Theorien sind fließend und sie nur zusammen liefern sie ein vollständiges Bild des gesamten Diffusionsprozesses.

Neben dieser Unterscheidung können, ausgehend vom betrachteten System, vier Ebenen unterschieden werden:

Intra-firm diffusion bezeichnet die Diffusion innerhalb eines Unternehmens,

Inter-firm diffusion (auch: intra-sectoral diffusion) beschreibt die Diffusion innerhalb eines Sektors oder einer Branche,

Inter-industry diffusion (auch: economy-wide diffusion) umschreibt die Diffusion innerhalb einer Volkswirtschaft und

International diffusion bezeichnet die Diffusion zwischen verschiedenen Volkswirtschaften.

Auf jeder Ebene wird die Fragestellung auf einen anderen Schwerpunkt fokussiert. In der Intra-firm-Betrachtung wird, neben der zeitlichen Divergenz des Technologieerwerbs, auch untersucht, weshalb die Unternehmen bzw. Haushalte unterschiedlich große Bestände der neuen Technologie aufweisen.

Innerhalb eines Sektors interessiert vor allem, weshalb die Unternehmen die Technologie zum Teil mit erheblicher Zeitverzögerung übernehmen. Auf internationaler Ebene hat die Untersuchung der unterschiedlichen Wachstumsraten der verschiedenen Volkswirtschaften Vorrang.

Die formale Darstellung dieser Ebenen kann folgendermaßen vorgenommen werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] ist der Anteil einer neuen Technologie am Gesamtbestand an Techniken zum Zeitpunkt t gemeint. Dabei steht i für die Untersuchung eines Unternehmens, j für die eines Sektors und k für die einer Volkswirtschaft. Diese Größe Z wird durch die Relation von X und Y bestimmt, für deren Ausgestaltung es drei Möglichkeiten gibt: [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten].

Beim ersten Konzept [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] repräsentiert [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] den Anteil des Outputs, der durch die neue Technologie entsteht und ins Verhältnis zum Gesamtoutput [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] gesetzt wird. Dieses Konzept findet hauptsächlich in der unternehmensspezifischen Technologiediffusion Anwendung.

Beim zweiten Messkonzept wird [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] durch den Kapitalbestand [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten], der durch die neue Technologie gebunden wird, im Verhältnis zum gesamten Kapitalbestand [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] beschrieben.

Beim dritten Messkonzept handelt es sich um eine Kombination der gerade beschriebenen Konzepte, gewichtet mit dem Verhältnis der tatsächlichen Anwender einer neuen Technologie [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] und den potentiellen Anwendern [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. Dieses kann dann folgendermaßen formalisiert werden:

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten][18]

Hier wird die Diffusion sowohl durch die zunehmende Nutzung einer neuen Technologie, als auch durch die zunehmende Verbreitung über die Unternehmen der Volkswirtschaft ausgedrückt.

2.2 Stilisierte Fakten der Diffusion

Wie bereits angemerkt wurde, werden viele empirische Untersuchungen des Diffusionsprozesses angestrengt.[19] Eine Analyse der empirischen Untersuchungen läßt typische Regularitäten in den Diffusionsverläufen unterschiedlicher Innovationen erkennen. Diese sogenannten stilisierten Fakten besitzen allerdings noch keinen theoretischen Erklärungsinhalt.

Im Allgemeinen sind folgende regelmäßig auftretende Eigenschaften des Diffusionsverlaufes in den empirischen Forschungsergebnissen erkennbar.[20]

Die Diffusion benötigt Zeit [21]:

Dies ist insofern von Wichtigkeit, als dass gerade in der Neoklassik zum einen unterstellt wird, dass im ökonomischen Modell die Anpassungsprozesse schneller ablaufen, als sich der Datenkranz ändert, was somit zu einer Konstanz dieses Datenkranzes im Betrachtungszeitraum führt. Zum anderen wird oft eine unendlich schnelle Reaktionszeit der Akteure und der Variablen angenommen.

Diese Annahmen werden durch die empirische Diffusionsforschung in Frage gestellt. Es findet keine (unendlich) schnelle Diffusion einer neuen Technologie statt. Vielmehr ist zu beobachten, dass bei der Diffusion von Innovationen – wenn von der Diffusion in Sektoren oder Volkswirtschaften ausgegangen wird – seltener in Jahren als in Jahrzehnten gerechnet werden muss.

Der sigmoide Kurvenverlauf:

Aus den empirischen Daten ergibt sich im Zeitverlauf eine sigmoide Kurve des kumulierten Übernehmeranteils. Dieser ist in der folgenden Grafik dargestellt.[22]

Abbildung 2: Typische S-Kurve

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung: Eigene.

Quelle: In Anlehnung an Holwegler, B.: Innovation, Diffusion und Beschäftigung, S. 21.

Zu Beginn ist der Kurvenverlauf positiv und zunehmend, d.h. die Zahl derjenigen, die übernehmen, steigt mit zunehmender Geschwindigkeit an. Ab dem Wendepunkt der zumeist erreicht wird bevor 50% der potentiellen Übernehmer die Innovation adoptiert haben, verlangsamt sich die Diffusionsgeschwindigkeit. Die kumulierte Anzahl der Übernehmer nähert sich asymptotisch einer Obergrenze an, welche durch die maximale Anzahl der potentiellen Übernehmer repräsentiert wird.[23]

Als Take-off wird das Erreichen einer kritischen Masse an Übernahmen bezeichnet.[24] „The critical mass occurs at the point at which enough individuals in a system have adopted an innovation so that the innovation’s further rate of adoption becomes self-sustaining.”[25]

Der gestrichelte Kurventeil in der Abbildung weist eine negative Diffusionsrate auf. Diese wird i.d.R. nicht mehr zum eigentlichen Diffusionsprozess gezählt, weil sich diese Entwicklung durch die Verdrängung der betrachteten Technologie durch eine neue Innovation erklären lässt. Sie ist damit der Diffusion der nachfolgenden Innovation zuzurechnen.

Die Diffusionsgeschwindigkeit:

Die Diffusionsgeschwindigkeit, definiert als die Zeit von der ersten Übernahme bis zur vollständigen Durchdringung des Systems[26] durch die neue Technologie, ist von Innovation zu Innovation unterschiedlich.[27] Sie kann sowohl mit der Profitabilität als auch mit den verschiedenen Eigenschaften der neuen Technologie in Verbindung gebracht werden.[28] Diese Tatsache gibt folgende Tabelle wieder. Sie zeigt, wie sich die Diffusionsgeschwindigkeiten verschiedener Technologien unterscheiden.

Abbildung 3: Diffusionsgeschwindigkeiten verschiedener Technologien

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung: Eigene.

Quelle: Stoneman, P.: Technological Diffusion, 2002, S. 14.

Verschiedene Diffusionsraten und -geschwindigkeiten für verschiedene Technologien, Sektoren und Länder:

Es ist empirisch zu beobachten, dass sich Innovationen in ihrer Diffusionsgeschwindigkeit in verschiedenen Technologiebereichen, einzelnen Unternehmen, Sektoren und Ländern unterscheiden. Obwohl die spezifischen Eigenschaften der Innovation entscheidend für die Diffusion sind, so sind sie es doch nicht alleine, die die Diffusionsgeschwindigkeit bestimmen. Ebenso wirken sich die Besonderheiten und Charakteristika der oben angesprochenen Systeme und der potentiellen Adoptoren auf die Diffusionsgeschwindigkeit, mit der neue Technologien übernommen werden, aus. Die folgende Tabelle gibt ein Beispiel für diesen Sachverhalt.

Abbildung 4: Diffusion durch verschiedene Volkswirtschaften

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung: Eigene.

Quelle: Stoneman, P.: Technolocical Diffusion, 2002, S. 15.

Ebenso wie die Diffusionsraten und -geschwindigkeiten für unterschiedliche Systeme und Adoptoren variieren, so sind auch verschiedene Zeitpunkte der ersten Übernahme und divergierende Sättigungsgrenzen empirisch festzustellen.

2.3 Innovations-Übernahme-Entscheidung von Individuum und Unternehmen

Individuen oder Organisationen entscheiden darüber, ob sie eine Innovation übernehmen, nicht in einem spontanen Akt, sondern in einem Prozess, der in einzelne Phasen unterteilt werden kann.[29]

Die Innovationsübernahmeentscheidung (nachfolgend: IÜE) ist ein Informationssuch- und Informationsgewinnungsprozess, in dem das Individuum oder die Unternehmung versucht, Unsicherheiten über die Vor- und Nachteile der Innovation zu reduzieren.[30] Auf jeder Stufe dieses Prozesses kann es dabei zu einer Ablehnung des Investitionsobjektes kommen.[31] Die Abfolge der Stufen ist dabei weder in ihrer Reihenfolge noch in der Existenz einzelner Stufen zwingend.[32]

In der Wahrnehmungsphase (Knowledge Stage)[33] wird das Individuum erstmalig auf die Innovation aufmerksam und bekommt bzw. beschafft sich ein Verständnis dafür, wie sie funktioniert. Umstritten ist dabei, ob Bedürfnisse Innovationen bedingen oder Innovationen Bedürfnisse wecken. Diese Frage kann nicht eindeutig beantwortet werden.[34]

Die Kenntnisnahme einer Innovation motiviert das Individuum, Informationen über die Funktionsweise oder Eigenschaften des Diffusionsobjektes zu suchen. In dieser Stufe geht es dabei vor allem um generelle Informationen über die Funktionsweise oder allgemeine Eigenschaften der Innovation, die mit den individuellen Bedürfnissen verglichen werden.

Diejenigen, die früh von einer Innovation erfahren, müssen nicht zwangsläufig auch Innovatoren sein. Hier spielen vor allem die individuellen Eigenschaften der potentiellen Adoptoren eine Rolle im Übernahmeentscheidungsprozess.

Innovationen können in der Wahrnehmungsphase bereits abgelehnt werden, wenn der potentielle Adoptor diese als irrelevant für seine Situation bzw. für die Befriedigung seiner Bedürfnisse einstuft.

In der Überzeugungsphase (Persuasion Stage)[35] formt das Individuum eine bestimmte Einstellung zur Innovation heraus. Dabei werden aktiv Informationen über die speziellen Eigenschaften des Diffusionsobjektes gesucht. Diese können durch die Individuen unterschiedlich wahrgenommen oder gewichtet werden. Entscheidende Informationen sind hier solche über die mit der Innovation verbundenen Konsequenzen (ihre Vor- und Nachteile).[36] Solche Informationen werden nun auch gerade im Bereich der eigenen personellen Kontakte gesucht, um die Erfahrungen des eigenen Umfeldes zu erkunden.[37] Das Produkt dieser Stufe ist eine bestimmte Einstellung zum Diffusionsobjekt.

Nach der Überzeugungsphase entscheidet sich das Individuum in der Entscheidungsphase (Decision Stage)[38] die Innovation zu übernehmen oder diese abzulehnen. Diese Phase hängt dabei eng mit der Erprobbarkeit der Innovation zusammen.[39]

Kommt es zur Übernahme, so schließt sich die Implementationsphase (Implementation Stage)[40] an. Hier benötigen die Adoptoren Informationen über bestmögliche Operationalisierungsmöglichkeiten (wenn diese nicht schon zuvor beschafft wurden) und vor allem über die Lösung von Problemen. Besonders wichtig in dieser Phase ist die Vereinbarkeit der Innovation mit den bisherigen Verfahren.[41] Diese Phase endet, wenn die Innovation fest in die bestehenden Prozesse integriert ist.

In der Bestätigungsphase (Confirmation Stage)[42] sucht das Individuum nach Bestätigung seiner Übernahmeentscheidung. Damit kann es zu einer Revision der Entscheidung kommen. Wenn die weitere Informationssuche ergibt, dass das Individuum die Innovation besser nicht adoptiert hätte, dann kann ein Abbruch der Nutzung sinnvoll werden. Dies gestaltet sich jedoch oft als schwierig, ist mit Kosten verbunden und liefert somit eine Begründung für eine intensive Informationssuche vor der Übernahmeentscheidung.

Die Zeit von der Kenntnisnahme der Innovation bis zur Entscheidung wird als Innovationsentscheidungsperiode bezeichnet.[43] Diese hat einen signifikanten Einfluss auf die Länge des Diffusionsprozesses, weil Informationen über die Existenz einer Innovation sich schneller im System ausbreiten als die Anwendung dieser.[44] Das lässt darauf schließen, dass relativ späte Adoptoren eine längere durchschnittliche Innovationsentscheidungsperiode haben als frühe.

Dies kann auf die unterschiedlichen Eigenschaften der potentiellen Adoptoren[45], aber auch auf moderne Informations- und Kommunikationstechnologien[46], die eine rasche Ausbreitung der bloßen Kenntnisnahme ermöglichen, zurückgeführt werden.

Es besteht eine große Variation der durchschnittlichen Länge der Innovationsentscheidungsperiode bei unterschiedlichen Innovationen.[47] Generell lässt sich feststellen, dass Innovationen, die weniger kompliziert, erprobbar und kompatibel mit den bisher gemachten Erfahrungen sind, eine kürzere Innovationsentscheidungsperiode benötigen, als solche, die gegenteilige Eigenschaften aufweisen.[48]

[...]


[1] Viele Disziplinen befassen sich mit der Diffusion bzw. Adoption von Neuerungen. Sie gingen dabei allerdings in der Vergangenheit häufig unabhängig voneinander vor, haben aber zumeist ähnliche Erkenntnisse gewonnen. In allgemeiner Form finden sich diese in den stilisierten Fakten der Technologiediffusion wieder; vgl. hierzu Kapitel 2.2; die speziell ökonomische Diffusions- und Adoptionsforschung geht dabei vor allem auf Arbeiten von Griliches und Mansfield zurück. Vergleiche zu den verschiedenen Disziplinen der Diffusions- und Adoptionsforschung Rogers, E.M.: Diffusion of Innovations, S. 38-87 und Mohr, H.-W.: Verbreitung von neuen Technologien, S. 32-41.

[2] Wegen des sehr umfangreichen Datenmaterials wird weitestgehend auf Sekundärliteratur zurückgegriffen.

[3] Vgl. hierzu Kapitel 3

[4] Dem allgemeinen Sprachgebrauch folgend werden jedoch technischer und technologischer Fortschritt im Folgenden synonym verwendet.

[5] Selbstverständlich lässt sich jede Innovation letztendlich auf Grundlagenforschung zurückführen, vgl. hierzu Mohr, H.-W.: Verbreitung von neuen Technologien, S. 27.

[6] Vgl. Holwegler, B.: Innovation, Diffusion und Beschäftigung, S. 9.

[7] Vgl. hierzu auch Karshenas, M.; Stoneman, P.: Technological Diffusion, S. 3: „Global innovation would be the first occurence in an economy […] of a particular event […]. Local innovation would be the first occurrence of an event in the unit of observation, even if the event has occurred already in other units of observation.”

[8] Vgl. Rogers, E.M.: Diffusion of Innovations, S. 11; Mohr, H.-W.: Verbreitung von neuen Technologien, S. 23.

[9] Mansfield, E.: Determinants of the Speed, S. 99.

[10] Vgl. Frenkel, A.; Shefer, D.: Technological Innovation, S. 43.

[11] Vgl. Frenkel, A; Shefer, D.: Technological Innovation, S. 43.

[12] Vgl. Mohr, H.-W.: Verbreitung von neuen Technologien, S. 28.

[13] Diese steht in enger Verbindung mit den epidemischen Modellen der Technologiediffusion.

[14] Rogers, E.M.: Diffusion of Innovations, S. 5.

[15] Mantsch, P. E.: Technikdiffusion, S. 2.

[16] Kapitel 2.3 stellt ein solches Phasenmodell dar.

[17] Vgl. Stoneman, P.: The Economic Analysis, S. 67 f.

[18] Vgl. Stoneman, P.: The Economic Analysis, S.68.

[19] Vgl. Dosi, G.: Research on Innovation, S. 184.

[20] Vgl. Dosi, G.: Research on Innovation, S. 184.

[21] Vgl. Karshenas, M.; Stoneman, P.: Technological Diffusion, S. 269.

[22] Vgl. Dosi, G.: Research on Innovation, S. 185; Holwegler, B.: Innovation, Diffusion und Beschäftigung, S. 19.

[23] Dabei ist eine vollständige Durchdringung des Marktes von der Innovation nur eine theoretische Überlegung.

[24] Diese kritische Masse liegt zumeist zwischen 10 und 25 Prozent, vgl. Rogers, E.M.: Diffusion of Innovatons, S. 11.

[25] Rogers, E.M.: Diffusion, S. 343.

[26] Die vollständige Durchdringung ist dabei eine Fiktion und wird dabei zumeist mit weniger als 100 prozentiger Durchdringung gleichgesetzt.

[27] Holwegler, B.: Innovation, Diffusion und Beschäftigung, S. 22.

[28] Vgl. hierzu Kapitel 3.1

[29] Für die empirische Evidenz der einzelnen Stufen des Innovationsentscheidungsprozesses vgl. Rogers, E.M.: Diffusion of Innovations, S. 192 f.

[30] Vgl. Rogers, E.M.: Diffusion of Innovations, S. 167.

[31] Vgl. Rogers, E.M.: Diffusion of Innovations, S. 172 f.

[32] Vgl. Rogers, E.M.: Diffusion of Innovations, S. 173.

[33] Vgl. hierzu Rogers , E.M.: Diffusion of Innovations, S. 164-169.

[34] Vgl. hierzu Rogers , E.M.: Diffusion of Innovations, S. 164-167.

[35] Vgl. hierzu Rogers , E.M.: Diffusion of Innovations, S. 169-172.

[36] Vgl. hierzu Kapitel 3.1

[37] Vgl. hierzu Kapitel 3.4.2

[38] Vgl. hierzu Rogers, E.M.: Diffusion of Innovations, S. 172-174.

[39] Vgl. hierzu Kapitel 3.1

[40] Vgl. hierzu Rogers, E.M.: Diffusion of Innovations, S. 174-184.

[41] Vgl. hierzu Kapitel 3.1

[42] Vgl. hierzu Rogers, E.M.: Diffusion of Innovations, S. 184-191.

[43] Vgl. Rogers, E.M.: Diffusion of Innovations, S. 202.

[44] Vgl. Rogers, E.M.: Diffusion of Innovations, S. 203.

[45] Vgl. hierzu Kapitel 3.2 und Rogers, E.M.: Diffusion of Innovations, S. 205 f.

[46] Vgl. hierzu Kapitel 3.4.2

[47] Vgl. Rogers, E.M.: Diffusion of Innovations, S. 203, 208.

[48] Vgl. hierzu Kapitel 3.1

Ende der Leseprobe aus 69 Seiten

Details

Titel
Technologiediffusion - Einflussvariablen des technologischen Diffusionsprozesses
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Institut für Volkswirtschaftslehre und Statistik)
Veranstaltung
Wirtschaftstheorie
Note
1,0
Jahr
2005
Seiten
69
Katalognummer
V51075
ISBN (eBook)
9783638471381
ISBN (Buch)
9783656770749
Dateigröße
1334 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Technologiediffusion, Einflussvariablen, Diffusionsprozesses, Wirtschaftstheorie
Arbeit zitieren
Anonym, 2005, Technologiediffusion - Einflussvariablen des technologischen Diffusionsprozesses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51075

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