"So höre meinen Rat!". Frauenfiguren in Schillers "Wilhelm Tell" anhand von Gertrud Stauffacher und Hedwig Tell


Hausarbeit, 2019

23 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Wilhelm Tell und die Auftritte der Frauen
1.1 Gertrud Stauffacher
1.1.1 Die Schauplatzdarstellung bei Gertrud Stauffacher
1.1.2 Der sprechende Name
1.1.3 Die Figurenkonstellation bei der Darstellung Gertrud Stauffachers
1.1.4 Die Sprache und Dialogführung bei der Darstellung Gertrud Stauffachers
1.2 Hedwig Tell
1.2.1 Die Schauplatzdarstellung bei Hedwig Tell
1.2.2 Der sprechende Name
1.2.3 Die Figurenkonstellation bei der Darstellung Hedwig Tells
1.2.4 Die Sprache und Dialogführung bei der Darstellung Hedwig Tells

2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede Hedwigs und Gertruds

Schluss und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang
Strukturbaum-Modell der argumentativen Struktur der Hausarbeit
Steckbrief zur Kontextualisierung
Kommentierte Bibliografie

Einleitung

Wilhelm Tell ist das letzte vollendete Schauspiel Friedrich Schillers. Er beginnt 1801 mit dem Verfassen des dramatischen Werks und nutzt hierzu verschiedene historische Quellen, um es dann am 18. Februar 1804 abzuschließen. Es wird noch im selben Jahr am Hoftheater in Weimar unter Goethes Leitung uraufgeführt. Der Stoff Wilhelm Tells ist ein intensives Thema für Schiller. Über viele Jahre hinweg kann sich Schiller zunächst keineswegs für den „Schweizer Helden“ und dessen Geisteshaltung begeistern. Er plant entgegen Goethes Vorstellungen jedoch kein Versepos, sondern ein Drama.1

Sich mit Schillers Werken zu beschäftigen bedeutet eine disziplinäre Grenzüberschreitung, da sie durch seine Interessen auch auf den Gebieten der Philosophie, Geschichte und Medizin und Kunst beeinflusst werden. Zahlreiche literarische und dramatische Bearbeitung der Moderne dokumentieren die ungebrochene Lebendigkeit Schillers letzten vollendeten Werks. Schiller liebte die Freiheit und das Leben und die Frauen. Die Theorie der Geschlechterdifferenz des 18. Jahrhunderts ist maßgeblich für die Weiblichkeitskonzeption und Frauenbilder in Schillers theoretischen und lyrischen Texten. Die Frauen in seinen späten Dramen durchbrechen durchaus auch den engen Erwartungsrahmen der patriarchalischen Ideologie der damaligen Zeit und überschreiten damit die Grenze der in der Gesellschaft vorgeschriebenen weiblichen Rolle2. Aus diesem Grund kann eine Analyse der Darstellung und Funktion von Frauenfiguren in Schillers Wilhelm Tell am Beispiel von Gertrud Stauffacher und Hedwig Tell als sinnvolle literaturwissenschaftliche Aufgabe begriffen werden. Zunächst erfolgt daher ein kurzer Blick auf die in Wilhelm Tell auftretenden weiblichen Dramenfiguren. Im Anschluss sollen dann die Figuren der Hedwig Tell und Gertrud Stauffacher bezüglich ihrer Darstellung und Funktion genauer analysiert werden. Schließlich werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Frauen herausgestellt, um in der Schlussbetrachtung und dem Fazit dann das Thema nochmals kurz zusammenzufassen, erworbene Erkenntnisse zu benennen, die aufgeworfenen Thesen zu beantworten und eventuell ungeklärte Fragen zu nennen. Außerdem soll aufgezeigt werden, wie mit dem Thema weitergearbeitet werden könnte. Die Grundlage der Analyse bildet Wilhelm Tell in der Reclam XL. Text und Kontext Reihe.3

1 Wilhelm Tell und die Auftritte der Frauen

Die Aufstellung einer Figurenkonfiguration für das gesamte Drama, wie man es bei Manfred Pfister4 beispielhaft für andere Dramen finden kann, erweist sich bei Wilhelm Tell als insofern schwierig, da es mit mehr als 50 Personen eine große Anzahl von Figuren gibt. Neben den Männern, unter ihnen der vermeintliche Held und Namengeber des Stückes Willhelm Tell, zeichnet sich das gesamte Drama auch durch seine weiblichen Figuren aus. Es soll an dieser Stelle keine Gesamtfigurenkonfiguration des Dramas erstellt werden, sondern lediglich ein Überblick über die Auftritte der Frauen5, da zwei von ihnen im Zentrum dieser Analyse stehen. Im Folgenden soll eine Übersicht mit allen im Personenregister namentlich erwähnten Frauen mit deren einzelnen Auftritten gegeben werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Neben diesen namentlich genannten, werden noch „WEIBER aus den Waldstätten“ (S. 3f.)

im Personenregister erwähnt. Wie aus der Tabelle ersichtlich wird, ist in jedem Akt mindestens eine Szene, in der eine Frau vertreten ist. Eine Ausnahme bildet hier der zweite Akt mit der männerdominierte Rütli-Szene. Es treten also auffällig viele Frauen im Verlauf der Handlung auf, sodass ein Blick auf diese Figuren interessant erscheint. Allerdings kommt ihnen anscheinend nur eine unterordnende Rolle zu. Am häufigsten treten mit je vier Erscheinungen Bertha von Bruneck und Hedwig Tell auf. Alle weiteren Frauen haben nur einen einmaligen Auftritt im Drama. Dies lässt zunächst vermuten, dass vor allem Tells Frau und Bertha eine herausragende Rolle bei den Frauenfiguren tragen. Wilhelm Tell entwickelt sich in zwei Handlungssträngen, die auch als integrierte Teile einer einzigen dramatischen Handlung verstanden werden können: die Handlung der Eidgenossen oder Volkshandlung und die Tellhandlung, beides Komponenten, ohne die ein Aufstand undenkbar gewesen wäre. Daher bietet es sich an, die Figuren der Gertrud Stauffacher als Frau an der Seite des Eidgenossen Werner Stauffacher und Hedwig Tell als Gattin des Alpenjägers und „Helden“ des Stücks Wilhelm Tell in ihrer Darstellung und Funktion näher zu betrachten. Schiller stellt die Figuren Gertrud und Hedwig im Text grundlegend gegensätzlich dar. An welchen Schauplätzen begegnet der Rezipient Gertrud, an welchen Hedwig? Wie stehen sie zueinander und zu anderen Figuren? Welche weiteren Unterschiede oder Gemeinsamkeiten weisen die Figuren auf? Welche Motivik findet sich in ihren Auftritten wieder? Diese und weitere Fragen sollen Gegenstand der folgenden Kapitel 1.1 und 1.2 sein.

1.1 Gertrud Stauffacher

Um eine Vergleichbarkeit der Darstellung und Funktion der beiden Frauenfiguren auch im Rahmen der quantitativen Begrenzung der Arbeit sollen entsprechend interessante Aspekte herauszustellen. Die Wahl der Reihenfolge orientiert sich am tatsächlichen Auftritt der Figuren und beginnt daher mit Gertrud Stauffacher.

1.1.1 Die Schauplatzdarstellung bei Gertrud Stauffacher

Die Schauplatzdarstellung dient vor allem der Darstellung der Gutmütigkeit, Treue, und dem Familiensinn Gertruds. Im ersten Aufzug, zweite Szene tritt mit Gertrud die erste Frauenfigur auf der Bühne auf. Diese zweite Szene spielt in Steinen in Schwyz vor dem Haus Werner Stauffachers. Gertrud Stauffacher hat mit dieser Szene ihren ersten und einzigen Auftritt im Drama. Beim Auftritt der Figur zeigt das Geschehen eine Bank vor ihrem Haus unter einer Linde, welches in dem Dorf Steinen in der Schweiz steht, wie der Leser dem Nebentext entnehmen kann. „Eine Linde […] an der Landstraße, nächst der Brücke“ (S.12) vermittelt zunächst den Eindruck eines einfachen, beschaulichen Orts auf dem Land. Hier vermutet der Leser eine tüchtige Frau, eine Frau mittleren Standes, eine Bäuerin. Darüber hinaus weist diese Darstellung aber auch einen symbolischen Wert auf und gibt weitere Aufschlüsse über Gertrud. Die Linde vermittelt als eine „mütterliche“ Baumpersönlichkeit, mit herzförmigen Blättern, süßem Blütenduft und ausladender Krone, eine besondere Anziehungskraft und ein Gefühl von Geborgenheit und besitzt eine große religiöse und mythologische Symbolkraft. Sie gilt als ein Symbol für Gerechtigkeit, Liebe, Frieden und Heimat sowie für Tapferkeit und Sieg. Im Gegensatz zur Eiche, dem Baum des Adels oder der Obrigkeit, ist die Linde der Lieblingsbaum des Volkes. Sie erfüllt schon immer die Funktion als Schatten spendender Baum der Liebe und der Familie.“6 Das Auftreten Gertruds an diesem Ort bringt Gertrud unmittelbar mit diesem symbolisch verhafteten Teil der Natur in Verbindung. Schiller schreibt ihr mit dieser Schauplatzdarstellung Eigenschaften wie Empathie, Treue, Vertrauen und Entscheidungsfähigkeit zu, er attribuiert sie als weibliches, mütterlich-sorgendes Wesen, das mit gerechter Hand und Mut ihr Leben verwirklicht. Auch das erneute Aufgreifen des Vorkommens der Linde betont deren Wichtigkeit. Der Schauplatz vermittelt darüber hinaus auch eine ganz besondere Stimmung. Die Bank unter der Linde wird vom Blätterdach des Baums geschützt. So schützt Gertrud ihren Werner, der auf dieser Bank Platz nimmt.

1.1.2 Der sprechende Name

Der sprechende Name Gertruds unterstützt die Darstellung der Figur und Funktion Gertruds im Drama. „Gertrud“ kommt aus dem germanischen Sprachraum. Der erste Teil bezieht sich auf: ger ‚Speer, Wurfspieß‘. Der zweite Teil kommt aus dem Althochdeutschen entweder von -trud-‚ stark, die Macht, die Gewalt, oder -trud-, -trut-‚ (ver)traut, lieb‘.7 Der „sprechende Name“ verdeutlicht noch einmal ihre Charaktereigenschaften der Treue, der Achtsamkeit, der Hingabe und zugleich der Energie und Kraft, die die Figur in sich vereint. Außerdem kann ihre Handlung, die Wechselrede mit ihrem Mann, durchaus dem Vergleich mit einem Speerwurf standhalten. In ihrem begrenzten Aktionsraum ihres Hauses und Hofs agiert sie auf erfahrende und empathische Art und Weise, indem sie nach einem kurzen Anlauf in Form einer „Bestandsaufnahme des Glücks“ argumentativ provozierend Schwung holt, um dann im entscheidenden Moment den „Abwurf“ ihrer wohl durchdachten Ratschläge auf Werner Stauffacher zu realisieren. Die äußere Benennung charakterisiert also ihr inneren Wesen nach. Damit zeigt sich ein deutlicher Gegensatz zu dem Mann an ihrer Seite. Ihr Name eilt ihr also voraus.

1.1.3 Die Figurenkonstellation bei der Darstellung Gertrud Stauffachers

Die Figurenkonstellation mit Werner Stauffacher dient der Darstellung Gertruds als empathischen, selbständig denkenden, tatkräftigen und starken Frauencharakter und zeigt sie als Katalysator seiner Handlungsentscheidung. Ihre Fähigkeiten und Willenskraft zeigen sich besonders als Kontrast zu den Äußerungen und dem Verhalten ihres Mannes. Sie steht, er sitzt, sie spricht, er „reicht ihr die Hand und schweigt (zunächst)“ (S.13). Ihre Tatkraft, ihr Mut und positive Energie werden dem sinnenden und „kummervollen“ (S.13) Werner Stauffacher gegenübergestellt. Im Stehen erscheint sie dynamischer, jederzeit bereit etwas zu verändern, loszulaufen und die Dinge in die Hand zu nehmen. Im Verlauf der Szene tritt sie näher (vgl. S.15) und erst nach langen Passagen von Ratschlägen steht Werner auf (vgl.S.16), wie es in den Regieanweisungen zu lesen ist, nur um dann wieder in ihre Arme zu stürzen (vgl.S.17) und erneut passiv zu werden. Schließlich ist Gertrud, die die Szene verlässt (vgl. S.17) und ihn zurücklässt. Das Verhältnis von Aktivität und Passivität ist bei den beiden Figuren konträr angelegt. Im Gespräch mit seiner Frau sieht er in seinem „still Gebresten“ (V.198) nur, dass „der Grund, auf dem wir bauten [wankt]“ (V.215). Er ist gehemmt, erstarrt und gezwungen, Gertrud um Rat zu fragen. „Was ist zu tun!“ (V.275) ruft er sie an. Hieran wird bereits das Verhältnis der beiden Eheleute deutlich: Sie führen eine fürsorgliche und auch gleichgestellte Beziehung. Nachdem sie also Veränderungen an ihm bemerkt hat und sie ihn, diese Vermutungen „eine Zeitlang schweigend“ (S.13) überprüft hat, sucht sie gezielt das Gespräch. „So ernst mein Freund? Ich kenne dich nicht mehr. /Schon viele Tage seh ich´s schweigend an“ (V.195f.). Sie erkennt die negative Stimmung Werner Stauffachers und deren Tiefe, den „finstren Trübsinn“, der [s]eine Stirne furcht.“ Sie sagt „Vertrau es mir, ich bin dein treues Weib,“ (V.199) und fordert „[ihre] Hälfte […] [s]eines Grams.“ (V. 200). Während Stauffacher bereits eine Zeit lang allein versucht, seine Probleme zu lösen, sucht sie auf liebevolle, aber bestimmte Art, die Entscheidungsführung zu übernehmen. Hat Werner Stauffacher bisher nur ohne Ziel gegrübelt, analysiert Gertrud genau die Schwierigkeiten. Zunächst beginnt sie vorsichtig ihre Argumentation, indem sie über das spricht, was es zu erhalten gilt und ihr beider Glück bedeutet, nämlich Freiheit und Glück in der Familie. Sie idealisiert geradezu den „Glücksstand“, besetzt ihre Ausführungen reichlich mit durchweg positiv konnotierten Adjektiven wie gesegnet, voll, glatt, wohl genährt, glücklich heimgebracht, bequem, reich, schön, neu, ordentlich, viel, wohnlich hell, bunt, weise und bewundert. Sie übt einen Vergleich mit einem „Edelsitz“ aus. Dann spitzt sie ihren Redeanteil weiter zu - auch hier kann wieder eine Analogie zum Namenbestandteil „ger“ gezogen werden -benennt sie, was der Vogt Gessler ihm nicht gönnt und warum er ihm schaden will „denn du bist ihm ein Hindernis, dass sich/ Der Schwyzer dem neuen Fürstenhaus/ Will unterwerfen, sondern treu und fest/ Beim Reich beharren, wie die würdigen/ Altvordern es gehalten und getan.“ (V.254ff) und worin Stauffacher dem Vogt überlegen ist: „Er ist dir neidisch, weil du glücklich wohnst, ein freier Mann auf deinem eignen Erb´- denn er hat keins“ (V. 261f.). Sie hat gegenüber ihrem Mann den Mut auszusprechen, was bisher unausgesprochen blieb. Sie verweist ihn auf die anderen Landsleute, die ebenfalls leiden (vgl. V.275). Noch immer unentschlossen erinnert er daran, dass der Krieg „ein furchtbar wütend Schrecknis ist“ (V.314) und hinterfragt „Welch Schicksal aber wird das Eure sein?“(V.327) Sie drängt ihn, er solle sich gleichgesinnte Männer suchen „die´s redlich meinen“ (V.286), und heimlich beraten, „wie man des Drucks sich möcht´erledigen“ (V.288) und sei es mit einem Aufstand, denn „unbilliges erträgt kein edles Herz“ (V.317). Dabei verweist sie mehrmals auf Gott, der „euch nicht verlassen“ werde (V.219) „und dem Mutigen hilft“ (V.312). Werner ist geradezu erschrocken, welch „Sturm gefährlicher Gedanken“ sie damit in ihm weckt. Gertrud hingegen lässt sich die Macht über ihr Heim und ihre Familie und die damit verbundene Freiheit nicht einfach so nehmen. Sie hingegen stellt sich als starke Frau dar, indem sie das Eigentum über die Freiheit stellt: „Wüsst ich mein Herz an zeitlich Gut gefesselt, / Den Brand wärf ich hinein mit eigner Hand“ (V.320f.). Noch deutlicher und überzeugender wird ihre Position aber durch die folgende Aussage auf die Frage hin was passiert, falls der Kampf scheitert: „Die letzte Wahl steht auch dem Schwächsten offen, / Ein Sprung von dieser Brücke macht mich frei“ (V.328f.). Für die Freiheit würde sie freiwillig den Tod wählen. Damit hat sie ihren Ehemann nun endgültig rhetorisch überzeugt, sodass er sich gleich nach Uri aufmachen möchte. Mit ihrer Bereitschaft für den freiwilligen Tod statt ungerechter Gewalt erkennt man ihrem Verhalten auch heroische Größe an.

Sie untermauert ihre Ausführungen, indem sie selbst in einem Eigenkommentar auf ihre Herkunft und ihren (Bildungs)stand hinweist: „Des edlen Ibergs Tochter rühm ich mich,/ Des viel erfahrnen Manns.“ (V.240), bei dem sie als junge Frau regelmäßig an den Sitzungen gebildeter und standeshoher Männer teilnahm. Sie lauschten „de[s] Volkes Häupter[n]“ (V.243) und ihrem Vater. „[D]es Landes Wohl/ Bedachten [sie] in vernünftigem Gespräch“ (V.245f.) Hier lässt sich erkennen, dass sie durchaus in der Lage ist die politische Situation des Landes einzuordnen. Bisher hat sie mit diesem Interesse und Wissen sicher nicht argumentiert, aber nun scheint ihr der richtige Moment. Sie zeigt sich hier als kluge, selbständig denkende Frau.

Die Darstellung und Funktion von Gertrud Stauffacher als Gegensatz zu ihrem Mann, zeigt sich auch auf sprachlicher Ebene besonders deutlich an der Wechselrede. Der erste und einzige Auftritt der Figur Gertrud Stauffacher erfolgt in einer Szene, in der sich die Handlung zuspitzt und der Konflikt verschärft wird. Im Gespräch zwischen Stauffacher und seiner Frau Gertrud diskutieren die beiden Figuren darüber, ob die Eidgenossen einen Aufstand gegen die Fremdherrschaft der Habsburger wagen sollten. Dabei bedienen sie sich der Wechselrede. Der Effekt dieser sprachlichen Besonderheit zeichnet sich dadurch aus, dass die Redeanteile gleichmäßig auf beide Figuren verteilt sind. Die Gesprächspartner stehen sich dabei in einer Art Rededuell gegenüber. Sie versuchen, den jeweils anderen durch antithetische Argumente umzustimmen beziehungsweise in eine bestimmte Richtung zu lenken. Gertruds Funktion ist es dabei nicht, bestimmte Einsichten, die sie ihrem Mann darlegt, selbst in Handlungen umzusetzen und daraus wiederum Erkenntnisse zu gewinnen, sondern auch auf sprachlicher Ebene ihren Mann auf Augenhöhe zum Handeln zu bewegen. Sie verkörpert dabei als wie zu erwähnt die Idee des revolutionären Mutes. Schiller verstärkt im Verlauf der Szene mit dem Stilmittel der aus Doppelversen bestehenden Wechselrede oder Distichomythie die Hinführung zum Höhepunkt des Gesprächs. Der wechselrednerische Aufbau der Szene soll die lebhafte Entwicklung des Gesprächs bewirken und sich weiter zuspitzend die Dringlichkeit des Gesagten aufzeigen. Außerdem wird deutlich, wie verbunden und verwoben die Elemente der Rede sind. Das Gespräch, dass noch zwischen den Positionen des Für und Gegens eines Aufstandes und seiner Konsequenzen hin und her laviert, endet dann mit dem Höhepunkt des stichomythischen Aufbaus, an dem Gertrud erklärt, dass bis zum Äußersten gekämpft wird und ihr Ende notfalls der Freitod ist. Damit überzeugt Gertrud ihren Mann Werner Stauffacher vom Freiheitskampf und erfüllt so ihre Funktion als Trägerin des revolutionären Freiheitsgedankens, der nun von ihrem Ehemann in die Tat umgesetzt wird.

Gertrud ist eben nicht nur durch die Charakterisierung als Ehefrau eines der Mitglieder der Eidgenossen mit dem Geschehen unmittelbar verbunden ist, sondern vor allem im entscheidenden Gespräch die Initiatorin der Teilnahme Stauffachers am Volksaufstand. Die Ausführung muss sie allerdings ihrem Mann überlassen.

1.1.4 Die Sprache und Dialogführung bei der Darstellung Gertrud Stauffachers

Die Darstellung Gertrud Stauffacher als Typus zeigt sich an der von Sentenzen durchsetzen Kunstsprache, die Schiller sie sprechen lässt. Zunächst kann in Bezug auf die Sprache das gesamte Stück als ein Werk der Klassik charakterisiert werden. Es ist durchweg in einer stilisierten Kunstsprache gefasst, die alle Figuren des Stücks sprechen, ob es sich um einfache Menschen des Volkes wie die Hirten und Fischer oder um Adlige handelt. Es handelt es sich hier um eine gebundene Sprache, denn die Figuren sprechen meist in Blankversen und nicht in freier Prosa. Diese Überformung und Stilisierung der Sprache entspricht dem klassischen Kunstideal zu Zeiten Schillers. Idealisierung und Harmonisierung stehen hier im Mittelpunkt.8 Für die Figuren bedeutet dies, dass die Sprache zwangsläufig weniger individuell ausgestaltet ist. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass Stauffachers Frau Gertrud sentenzenhafte Sinnsprüche verwendet, zum Beispiel wenn sie zu ihrem Mann spricht: „Der kluge Mann baut vor“ (V.274). Gertrud zeigt hier eine besondere sprachliche Auffälligkeit, die deutliche Anzeichen von Entpersonalisierung und Entindividualisierung ihrer Person aufzeigen. Das entspricht der Idee des Textes von Schiller, der hier nicht das Schicksal einer Person darzustellen versucht, sondern bestimmte Ideen vermitteln will. Die Sprache ist somit Ausdruck einer geistigen Erfassung und Gestaltung der Welt und Gertruds wird als Verkörperung der Idee des revolutionären Mutes dargestellt. Das zeigt sich, als sie sogar bereit ihr eigenes Leben einzusetzen. Für die gerechte Sache – gemeint ist eine freie Schweiz mit freien Einwohnern - würde sie nicht nur ihren Wohlstand sondern auch ihr Leben opfern. „Wüsst ich mein Herz an zeitlich Gut gefesselt, den Brand wärf ich hinein mit eigner Hand.“ (V.320f) entgegnet sie ihrem Mann, als der ihr erklärt, dass sie mit ihrer Idee eines Volksaufstands Krieg auslösen kann, der alles zerstört. Gertrud ist eine Revolutionärin. Während Stauffacher die Bedrohung seines „Glücksstand“ in den Mittelpunkt stellt, beschwört ihn Gudrun „Sieh vorwärts, Werner, und nicht hinter dich.“ (V. 324) Sie betont, dass zuletzt immer noch der Freitod bleibt. „Der letzte Weg bleibt auch dem Schwächsten offen. Ein Sprung von dieser Brücke macht mich frei.“ Hier wird wieder eine Verbindung zur Schauplatzdarstellung gezogen. Die Aussage ist so zu bewerten, dass sie bereit ist den Kampf bis zum Äußersten zu unterstützen. Als Frau ist es ihr jedoch nicht gestattet, am tatsächlichen Kampf mit Waffen teilzunehmen, so muss sie am Ende hinter ihrem Mann zurücktreten. Trotz treuer Vaterlandsliebe und edlem Freiheitsgefühl wird sie zur reinen Impulsgeberin.

[...]


1 Vgl. Schiller, Friedrich: Wilhelm Tell. Hrsg. von Uwe Jansen. Stuttgart: Reclam XL. Text und Kontext 2014. S.141ff

2 Vgl. Kyeonghi Lee, Daejin: Weiblichkeitskonzeptionen und Frauengestalten im theoretischen und literarischen Werk Friedrich Schillers. Marburg: 2003.S.8

3 Schiller, Friedrich: Wilhelm Tell. Hrsg. von Uwe Jansen. Stuttgart: Reclam XL. Text und Kontext 2014.

4 Vgl. Pfister Manfred: Das Drama. 6. Auflage. München: Wilhelm Fink 1988. S. 236ff

5 Schiller, Friedrich: Wilhelm Tell. Hrsg. von Uwe Jansen. Stuttgart: Reclam XL. Text und Kontext 2014. S.3f. (Im Folgenden im Fließtext zitiert als (S. bzw. V. ...))

6 Vgl. Norbert Zysk: Owinger Linden: die Linde, Baum des Jahres 1991; Ausstellung Rathaus-Galerie Owingen, 1.-30. Juni 1991. Hrsg.: Gemeinde Owingen. Owingen 1991, Kapitel Die Uralte Linde in Hohenbodman, S. 12–13.; Vgl. Grabe H., Weinzierl H. (1991): Lindenzeit, Bäume und Landschaften, Buch und Kunstverlag Oberpfalz.

7 Schützeichel, Rudolf: Althochdeutsches Wörterbuch. 6. Aufl., überarb. und um die Glossen erw. Tübingen. 2006. S. 150 und 288

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Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
"So höre meinen Rat!". Frauenfiguren in Schillers "Wilhelm Tell" anhand von Gertrud Stauffacher und Hedwig Tell
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Germanistische Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Hier sind Helden
Note
2,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
23
Katalognummer
V510820
ISBN (eBook)
9783346085221
ISBN (Buch)
9783346085238
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Helden, Frauen, Tell, Hedwig, Getrud, Schiller
Arbeit zitieren
M.A. Sina Neumann (Autor:in), 2019, "So höre meinen Rat!". Frauenfiguren in Schillers "Wilhelm Tell" anhand von Gertrud Stauffacher und Hedwig Tell, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510820

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