Antimuslimischer Rassismus in Deutschland

Eine Darstellung der Relevanz der Islamfeindlichkeit im öffentlich-politischen Diskurs im 21. Jahrhundert


Hausarbeit, 2019
20 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aktueller Diskurs
2.1 Antimuslimischer Rassismus
2.2 Historie zu antimuslimischer Rassismus
2.3 Marginalisierung der Benennungspraxis
2.4 Zurückweisung der Benennung von antimuslimischen Rassismus

3. Analyse
3.1 Sprechen gleich Handeln?
3.2 Widerstandspraktiken

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema des antimuslimischen Rassismus im öffentlich-politischen Diskurs im 21. Jahrhundert, überwiegend in Deutschland. Betroffen sind hierbei Menschen, die einer islamischen Religion oder „Kultur“ angehören. Dieser Diskurs ist in der Bundesrepublik Deutschland aktuell und gesamtgesellschaftlich relevant. Doch warum ist dies relevant? Auf- grund der erhöhen Einwanderung aus muslimisch geprägten Ländern ist die Angst vor dem „Islam“ und vor „muslimisch“ geprägten Anschlägen erhöht. Belegt wird dies mit dem Teilergebnis des zweiten European Islamophobia Reports 2016 (vgl. Bayrakli; Hafez 2017), die wiederum mit den Ergebnissen von Studien in Deutschland zu Islamophobie, Islamfeindlichkeit und antimuslimischen Rassis- mus übereinstimmen (vgl. Heitmeyer 2012). Weiterführende Literatur weist unter anderem auch auf die Instrumentalisierung des „Feindbild Islams“ zur Legitimati- on von politischen Interventionen hin (vgl. Ruf 2012). Auch populistische Politi- ker_innen befürworten eine Untersagung von muslimischen Einwander_innen mit Migrations- bzw. Fluchterfahrung. Solch eine Forderung werde nach dem Eu- ropean Islamophobia Report von über 53% der Befragten befürwortet (vgl. Bay- rakli; Hafez 2017:6). Ebenso zeigt eine Studie der LMU München zu dem Kon- zept der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ ein homogenes Ergebnis im rassistischen Spektrum. Denn neun von zehn befragten Münchener_innen haben eine ablehnende Einstellung gegenüber Menschen mit muslimischer Religionszu- gehörigkeit oder „Kultur“ (vgl. LMU 2016:21).

Doch nicht nur die Allgemeinbevölkerung, sondern auch Politiker_innen äußern ihre Meinung. Ein Beispiel hierfür ist Thomas de Maizière. Dieser äußert in sei- nem „Zehn-Punkte-Katalog zur deutschen Leitkultur“: „Wir sind nicht Burka“ (vgl. De Maizière, Leitkultur-Diskurs). Obwohl solche offensichtlich ras- sistischen und populistischen Inhalte veröffentlicht werden, wird der Politiker nicht als Rassist oder Populist bezeichnet.

Des Weiteren wird der Otheringprozess verstärkt, indem im öffentlichen Narrativ antimuslimische Diskurse mit orientalischen Bildern als Migrations- und Erinne- rungspolitik vordergründig gemacht werden. Darin werden soziale Phänomene und die Legitimation der Beurteilung dieser vollzogen, die sich in drei Felder spaltet: Religion, Ethnizität und Migration (vgl. Attia 2017:181). Diese sozialen Phänomene werden unter anderem theologisiert, ethnisiert und migrantisiert, was wiederum auf einem deterministischen Kulturverständnis gründet. Folglich wer- den eigentliche Ursachen dieser Phänomene nicht benannt, geschweige denn ge- sehen, und können auch nicht behoben werden.

Dieser ganze Diskurs wird weiterhin von den Medien bestätigt. Hierzu zählt z.B. die Sendung „Der Moscheereport“ von Constantin Schreiber, die auf Basis seines Buches „Inside Islam - Was in Deutschlands Moscheen gepredigt wird“ (Schreiber 2017) kreiert wurde. Dabei fokussiert sich die Kritik auf die Meta-Ebene, da die Inhalte und Darstellungen die Gesellschaft noch stärker spalten. Das Porträtieren des „Deutschseins“ wird als überlegen dargestellt, während der „Islam“ als anders und negativ projiziert wird.

Demzufolge wird in der Öffentlichkeit keine wirkliche Lösung bereitgestellt, sondern als eindimensionale Probleme dargestellt. Die „islamische Kultur“ wird in der kulturalistischen Sprechart als problematisch bis feindlich, und die „weiße“ deutsche Mehrheitsgesellschaft als ihr Opfer dargestellt.

Doch was ist das Ziel der vorliegenden Arbeit und wie baut sich diese auf? Aus dem oben dargestellten Kontext heraus werden zwei Fragen formuliert: Wie wer- den antimuslimisch-rassistische Sprachpraxen im öffentlich-politischen Diskurs hergestellt? Und welche Widerstandspraxen werden dagegen entwickelt?

Im Diskursanalytischen Teil werden zunächst die wichtigsten Grundlagen erläu- tert, die dann in der darauffolgenden Analyse als Basis für das bessere Verständnis dienen.

In den Grundlagen bezieht sich die Forschungsfrage auf die Herstellung eines Diskurses, weshalb ein kurzer Exkurs in die Historie erfolgt. Danach wird das Konzept des antimuslimischen Rassismus mit seinen Benennungspraxen wie Is- lamophobie vorgestellt. Dabei wird auch der Prozess des Begriffswechels von „Rasse“ zur „Kultur“ erläutert. Für das bessere Verständnis wird dann eine histori- sche Kontextualisierung des Rassismus vorgenommen. Im nächsten Abschnitt folgt dann die kritische Auseinandersetzung mit marginalisierten Benennungspra- xen. Abgeschlossen wird das Ganze mit Gründen für die Abwehrhaltung der Mehrheitsgesellschaft, die mit der Benennung von Rassismen identifiziert werden.

In der Analyse wird von der Sprechakttheorie ausgegangen, bei der diskriminie- rendes Sprechen als bewusste Tat und folglich als „Hate Speech“ problematisiert wird. Abgeschlossen wird die Arbeit mit einem Fazit.

2. Aktueller Diskurs

Was ist ein Diskurs? Nach Michel Foucault werden Diskurse bedacht konstruiert, gezielt ausgesucht und arrangiert, um gewisse Absichten zu verfolgen. Die zu ver- folgende Absicht ist demnach die Konstruktion und Aufrechterhaltung des Macht- verhältnisses. Die Macht, Diskurse zu lenken und zu kontrollieren, wird durch Ausschließungsmechanisem generiert (vgl. Foucault 2016:3f.).

Im vorliegenden Kontext wird ein „Islam“ und „Kutlur“ problematisierender Dis- kurs durch machtvolle Gesellschaftsteile hergestellt. Von diesem Diskurs betroffe- ne Menschen wird die „islamische Kultur“ als identitätsstiftend zugeschrieben. Dabei befinden sich Minoritäten damit in einer Erklärungsnot gegenüber der Mehrheitsgesellschaft und fühlen sich durch den gesellschaftlichen Ausschluss diskriminiert. Wie dabei rassistische Benennungspraxen entstehen und zu rassisti- schen Handlungspraxen führen, wird in der Untersuchung im Verlauf dieser Arbeit aufgezeigt. Dabei werden Diskurse wie Praktiken behandelt, nach Foucault (ebd.).

2.1 Antimuslimischer Rassismus

Antimuslimischer Rassismus richtet sich gegen Menschen, denen eine islamische Religionszugehörigkeit zugeschrieben wird. Dabei erfolgt die Zuschreibung durch verschiedene Indikatoren, wie z.B. durch Sprache, ethnischer Herkunft, Staatsan- gehörigkeit etc.. Antimuslimischer Rassismus kann gegenüber einem Menschen mit jeglicher Affiliation mit dem „Islam“ als Religion oder „Kultur“ hervorgeru- fen werden. Dabei werden Betroffene aus der allgemeinen Gesellschaft ausge- schlossen (vgl. AGARP 2014).

Muslim_innen werden zumeist als homogen konstruierte Gruppe mit bestimmten Merkmalen dargestellt, die als natürlich und unveränderbar gelten. Folglich wird ein dichotomes Konstrukt des „Wir“ und „Ihr“ erstellt, da diese zugeschriebenen Merkmale als Gegensatz zu dem Eigenen definiert werden. Schlussendlich wird der „Islam“ oder die „islamische Kultur“ zu einem Differenzmerkmal, das als Ge- genbild zum Westen und der „Mehrheitskultur“ symbolisiert wird. Benennungs- praxen wie „Türk_in“, „Kurd_in“ oder „Araber_in“ werden unter dem Begriff „Muslim_in“ subsumiert und auf den Glauben reduziert (Shooman 2011a:61). Laut AGARP (2014) werden die als anders konstruierten Gruppen mit negativen Eigenschaften abgewertet. Hierzu zählen Umschreibungen wie rückständig, frau- enfeindlich, terorristisch u.ä.. Zeitgleich folgt eine Aufwertung der „christlich- westlich geprägten Kultur“. Nach Shooman (2011a:62) entwickele sich ein Angst- glaube über die Vermischung beider Kulturen, aufgrund der verzerrten Selbst- wahrnehmung der „westlichen“ Bevölkerung als emanzipiert, aufgeklärt und fort- schrittlich. Demnach können dem Angstglauben nach Werte und Normen der „christlich abendländischen Kultur“ verloren gehen. Diese Denkweise bzw. Irr- glaube liegt einem deterministischen Kulturverständnis zugrunde. „Kulturen“ werden folglich als homogenes, nach Außen abgegrenztes Konzept dargestellt, was wiederum zur Kategorisierung und Klassifizierung von Menschengruppen führt (ebd.).

Die damaligen sogenannten Rassentheorien der Kolonialzeit lagen einem deter- ministischen Kulturverständnis nahe. Biologisch konstruierte „Kulturen“ als „Rassen“ zu bezeichnen, ist heute wissenschaftlich widerlegt. Nichtsdestotrotz werden heute noch soziokulturelle Unterschiede naturalisiert. Der Begriff „Rasse“ ist kein legitimes Differenzmerkmal mehr, jedoch ist es nun die „Kultur“ der An- deren. Theodor W. Adorno hat im Jahre 1975 gesagt, dass das vornehme Wort Kultur anstelle des verpönten Ausdruckes Rasse eintritt. Jedoch bleibt es nur ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch (vgl. Adorno 1975:276f.). Außerdem bezieht sich antimuslimischer Rassismus nicht mehr auf biologische oder soziobiologische, sondern vielmehr auf ethnische, kulturelle und religiöse Unterschiede (Memmi 1987:164). Aus diesem Grund wird diese Form des Ras- sismus auch als „Neo-, Kultur- und differentialistischer Rassismus“ (Eickhoff 2010:34), als „Rassismus ohne Rassen“ (Balibar 1990:28) oder „Rassismus der Gegenwart“ (Memmi 1987:164) genannt, da dabei nicht mit der Rasse, sondern mit der Kultur argumentiert und differenziert wird.

Nach Rommelspacher werden diese Differenzierungen naturlaisiert als unverän- derlich und vererbbar durch die Kultur gemacht, ebenso homogenisiert, verein- heitlicht, verallgemeinert, polarisiert und hierarchisiert dargestellt (vgl. Rommels- pacher 2009:29). Mit der Stigmatisierung des „Anderen“ wird die Aufwertung des Selbst mit einem wesentlichen Überlegenheitsgefühlt erreicht. Dabei wird z.B. die Vermischung beider Kulturen als inkompatibel und als existenzielle Gefahr für die europäische „Kultur“ konstruiert, da dies zu einem Wertverlust führen könne (Shooman 2014:60). Nicht gerne gesehen sind dabei Phänomene wie Seximus, Homophobie, Antisemitismus und Gewalt werden auf die Anderen ausgelagert und Ausgrenzungspraktiken werden unsichtbar gemacht. Folglich werden gesell- schaftliche und soziale Phänomene kulturlaisiert und entpolitisiert, was eine Aus- blendung eigener Versäumnisse zur Folge hat. Des Weiteren folgt dem die Auf- wertung der eigenen „christlich-westlichen Kultur“, was die Diskriminierung des „Islam“ und die Ausgrenzung von Muslim_innen legitimiert. Hierzu zählen Hand- lungspraxen wie verbale Herabsetzung, Mitleid, Kriminalisierung, tätliche Angrif- fe, aber auch ethnische Segregation des Wohnungs-, Arbeits- und Bildungsmark- tes. Nach Rommelspacher (1998) liegt hier ein klares Dominanz- bzw. Machtver- hältnis vor. So seien alle Rassismen - antimuslimischer Rassismus inklusive - als eine „Legitimationslegende“ für Machtbestrebungen zu verstehen (Rommelspa- cher 2009:26).

Nach Hall sei Rassismus eine soziale Praxis der Verknüpfung von kulturellen und biologischen Differenzmarkierungen gewesen, um soziale, politische und wirt- schaftliche Praxen zu legitimieren. Dabei wurden Menschen der Zugang zu Res- sourcen verweigert und die eigenen Privilegien gesichert (vgl. Hall 2000:7). „Die Anderen“ werden als unzivilisiert und primitiv, während das „Wir“ als zivilisiert und kultiviert dargestellt wird. So werden binäre Gegensätze geschaffen. Solche Klassifizierungssysteme sieht Hall in der Produktion und Absicherung von Identi- tät (ebd.). Ebenso wird diese These der Annahme der Differenzkonstruktion von Edward Said unterstützt mit Hilfe des Konzeptes des Orientalismus als Othering- prozess. Der „Westen“ konstruiert den „Orient“ als „kulturelles Gegenbild“, um eigene wirtschaftliche und politische Interessen im Zusammenhang mit der Kolo- nialisierung und dem Imperialismus zu legitimieren (Attia 2009:11). In diesem Prozess entsteht der Begriff „Okzident“. Der Begriff dient als Gegensatz zu „Ori- ent“ die zum „Westen“ zugeordneten Nationen, Zivilisation und Kultur (vgl. Diente 2009:25). Nach Eickhoff entscheide der „Okzident“ über den „Orient“ und macht ihn zu dem „Anderen“. Des Weiteren impliziert dieser zugleich eine Selbstbeschreibung als aufgeklärte und rationale Einheit (Eickhoff 2010:55).

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Details

Titel
Antimuslimischer Rassismus in Deutschland
Untertitel
Eine Darstellung der Relevanz der Islamfeindlichkeit im öffentlich-politischen Diskurs im 21. Jahrhundert
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
2,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V510841
ISBN (eBook)
9783346084866
ISBN (Buch)
9783346084873
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rassismus, islam, deutschland, politik, islamfeindlichkeit
Arbeit zitieren
Gamze Keklik (Autor), 2019, Antimuslimischer Rassismus in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510841

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