Militärtechnik und Moral. Die Theorie des gerechten Krieges und autonome Waffensysteme


Bachelorarbeit, 2018

38 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Empirie
2.1 Unbemannte ferngesteuerte Militärsysteme
2.2 Abgrenzung zu autonomen Militärsystemen
2.3 Tenor der Drohnendebatte
2.4 Bestandsaufnahme
2.5 Einsatz

3. Theorie
3.1 Die Theorie des gerechten Krieges - historisch
3.2 Die Theorie des gerechten Krieges - modern
3.3 Die Revisionist Just War Theory

4. Anwendung
4.1 Unbemannte ferngesteuerte Systeme in der Theorie des gerechten Krieges
4.2 Unbemannte ferngesteuerte Systeme in der Revisionist Just War Theory
4.3 Autonome Militärsysteme in der Theorie des gerechten Kriegs
4.4 Autonome Militärsysteme in der Revisionist Just War Theory

5. Fazit

6. Quellenangaben

Quid leges sine moribus?

- Was nützen Gesetze, wenn keine Moral herrscht?

(Horaz, Carmina 3,24,35 f.)

1. Einleitung

Seit einigen Jahren vollzieht sich ein globaler Paradigmenwechsel im Bereich der Militär- und Waffentechnik. Das gängige Großgerät nationaler Militärarsenale ist in jüngster Zeit von einem zunehmenden Automatisierungstrend gekennzeichnet, der sich sowohl an Land als auch in der Luft und zur See in den konventionellen Militärsystemen niederschlägt (vgl. Franke 2016: 2). Spätestens, seitdem die US-amerikanische Regierung zum ersten Mal unbemannte ferngesteuerte Fahrzeuge zu gezielten Tötungen eingesetzt und 2011 das Al-Qaida Oberhaupt Osama bin Laden exekutiert hat (vgl. Betcy 2016), ist auch der Diskurs über die theoretischen und praktischen Implikationen von Kampfdrohnen nicht mehr aus der Tagespolitik wegzudenken. Neben unbemannten und unbemannten bewaffneten Systemen werden insbesondere autonome Militärroboter intensiv diskutiert. Die Erwägung, automatische Waffensysteme zunehmend auch mit immer mehr Autonomie auszustatten, verkörpert im Lichte der aktuellen Forschungstrends einen zentralen Streitpunkt zwischen Politikern, Philosophen, Wissenschaftlern und Militärs. Da nicht nur lediglich rechtliche Rahmenbedingungen für den Einsatz derartiger Waffensysteme erfüllt werden müssten, nehmen auch ethische und moralische Überlegungen einen prominenten Platz im Kampfmitteldiskurs ein. Ein besonderes Augenmerk kommt hierbei der Theorie des gerechten Krieges zugute, die bereits im Römischen Reich und der frühen Neuzeit Anwendung fand und heute eine regelrechte Renaissance erlebt (Haspel 2017: 316). Insbesondere nach dem Terroranschlag auf die US-amerikanischen Zwillingstürme im Jahre 2011 wird die klassische Lehre immer wieder herangezogen, um Aussagen über die Legitimität von Waffensystemen und Kriegseinsätzen zu treffen (z.B. Elshtain 2003). Der ehemalige US-amerikanische Präsident Barrack Obama befürwortete in seiner Direktive den Einsatz von Kampfdrohnen, solange sie Konformität mit den gängigen Rechtsstandards aufwiesen (Obama 2016: 20). Autonome Systeme, die oftmals schlichtweg als „Killerroboter“ bezeichnet werden, existieren hingegen heutzutage noch nicht, und auch die Forschung zu künstlicher Intelligenz steckt weitestgehend noch in Kinderschuhen (Franke/ Leveringhaus 2015: 301ff.).

Die folgende Arbeit soll ihrerseits einen Beitrag zur moralischen Bewertung des Einsatzes unbemannter ferngesteuerter Waffensysteme leisten.

In einem ersten Schritt erfolgt eine Definition der gängigsten unbemannten Militärsysteme, eine Kategorisierung sowie eine Abgrenzung zum hypothetischen Feld der militärischen Autonomie. Hierbei geschieht eine trennscharfe Unterscheidung zwischen unbemannten Militärsystemen, wie beispielsweise Kampfmittelräumungsfahrzeugen, unbemannten bewaffneten Systemen (zum Beispiel Kampfdrohnen) und autonomen Waffensystemen, die in dieser Form noch nicht existieren. Es ist jedoch von großer Bedeutung, jene Waffengattungen typologisch nicht unter demselben Vorzeichen zu behandeln.

Anschließend möchte ich darstellen, wie sich die Argumente für und gegen eine Beschaffung unbemannter ferngesteuerter Waffensysteme systematisieren lassen. Darauf folgt eine Bestandsaufnahme der militärischen unbemannten Großgeräte und Waffensysteme der Bundeswehr und wie diese im internationalen Vergleich qualitativ und quantitativ zu verorten sind.

Das nächste Kapitel befasst sich mit der theoretischen Grundlage der Arbeit, in dem die Lehre des gerechten Kriegs sowohl in ihrer historischen Entwicklung als auch in ihrem modernen Verständnis nachgezeichnet wird. Einer Neuinterpretation dieser Lehre, der sogenannten Revisionist Just War Theory, soll ebenfalls Rechnung getragen werden. Den Kern dieser Arbeit stellt die Anwendung der Theorie des gerechten Krieges und der Revisionist Theory auf unbemannte ferngesteuerte und auf autonome Waffensysteme dar. Ich möchte aus zweierlei Blickwinkel diskutieren, ob ferngesteuerte und autonome Systeme aus moralphilosophischer Sicht legitime und rechtfertigungsfähige Kampfmittel darstellen können, ob eine moralische Verpflichtung zu deren Einsatz besteht und wo Chancen und Risiken des Automatisierungstrends moralisch zu verorten sind. Die beiden Waffensysteme werden schließlich einer theoriegeleiteten Bewertung unterzogen.

Ich argumentiere in dieser Arbeit, dass eine moralische Verantwortung zur Verwendung unbemannter ferngesteuerter Waffensysteme besteht, sofern diese helfen, Menschenleben zu schützen und zur Erleichterung der Kriegsführung beitragen. Ich spezialisiere mich in meiner Argumentation hierbei auf unbemannte ferngesteuerte Waffensysteme der Kategorie Luft (UAVs), allgemein bekannt unter dem Begriff „Kampfdrohnen“.

2. Empirie

2.1 Unbemannte ferngesteuerte Militärsysteme

Der Definition des Büros für Technikfolgenabschätzung im Deutschen Bundestag zufolge „umfassen [unbemannte Systeme] die zum Betrieb unbemannter Fahrzeuge erforderlichen Komponenten mit dem Fahrzeug als Hauptbestandteil [...] (Grünwald/ Petermann 2011: 26). Sie setzen sich aus einer Hauptkomponente, dem Fahrzeug, sowie aus verschiedenen Teilkomponenten wie zum Beispiel Bord-, Boden- oder Kontrollsystemen zusammen (ebd.). Unbemannte Fahrzeuge sind ihrerseits „steuerbare, in der Regel angetriebene Fahrzeuge, die keinen menschlichen Bediener tragen. Sie werden von Bedienern ferngesteuert, gegebenenfalls nur für Teile ihrer Bewegung oder Funktion [und] bewegen sich programmgesteuert oder autonom" (ebd.). Das US-amerikanische Verteidigungsministerium legt darüber hinaus einen Fokus auf den Aspekt der potenziellen Bewaffnungsfähigkeit unbemannter militärischer Systeme: Ein unbemanntes Fahrzeug ist somit ein „angetriebenes Fahrzeug, das keinen menschlichen Bediener trägt, das autonom oder ferngesteuert betrieben wird, einmal oder wiederverwendbar sein und eine tödliche oder nichttödliche Nutzlast tragen kann" (DoD 2017: 1).

Beide Definitionen ziehen die Trennlinie zwischen unbemannten militärischen Systemen und konventionellen Waffenarten bewusst scharf. Das Kriterium der Wiederverwendbarkeit grenzt unbemannte Luftfahrzeuge beispielsweise von Torpedos oder ballistischen Raketen ab, der Aspekt der unmittelbaren Bedienerlosigkeit schafft Abstand zu beispielsweise pilotierten Kampfjets, und die Eigenschaft Automatisierung beziehungsweise potenzielle Autonomie schließt auch semi-autonome Aufklärungsdrohnen nicht von der Definition aus.

Es existieren unbemannte Fahrzeuge und Systeme zur Luft, zu Boden und zu Wasser, die sich ihrerseits innerhalb der Typologien nochmals unterscheiden (vgl. Schörnig 2010: 2).

Die für diese Arbeit exemplarisch ausgewählten unbemannten Luftfahrzeuge, die im Englischen als unmanned aerial vehicles (UAV) bezeichnet werden, sind vor hinsichtlich der Größe des Systems, sowie im Hinblick auf dessen Reichweite und Stehzeit kategorisierbar (Grünwald/ Petermann 2011: 33). Die Unterteilungen reichen von, Nano-, Mikro- und Mini­Systemen über Close-Range, Short-Range und Medium-Range-Systeme bis hin zu low-, medium- und high altitude long endurance Systemen[1]. Die bekanntesten Systeme dieser Kategorien sind auf US-amerikanischer Seite die MQ9-Predator-Drohne und der RQ-4 Global Hawk sowie auf deutscher Seite die Heron-1-Drohne (Mittelbereich) und der RQ-4E Euro Hawk (Fernbereich), der jedoch aufgrund fehlender Zulassungen nie zum Einsatz gebracht wurde (Seliger 2013: 1).

2.2 Abgrenzung zu autonomen Militärsystemen

Die Unterscheidung zwischen den verschiedenen Waffengattungen ist nicht immer problemlos möglich. Dies erklärt sich durch diverse Automationsgrade, die eine Waffengattung spezifizieren können. Das Spektrum reicht hierbei von Fernsteuerung und Fernoperation über Fernüberwachung bis hin zu vollständiger Autonomie (vgl. Altmann 2017: 796). Einige Theoretiker sprechen unter anderem auch von Semi-Automation, wenn sie beispielsweise die Eigenschaften des Schiffverteidigungssystems Phalanx beschreiben, da einige Maschinen zwar defensiv reagieren, nicht aber aktiv operieren könnten (ebd.).

Fernsteuerung bedeutet grundlegend, dass ein menschlicher Bediener alle relevanten Operationsentscheidungen selbst trifft und das Waffensystem von einem externen Standort aus eigenhändig steuert. Er ist somit in the loop - der so genannten Entscheidungsschleife - und besitzt die vollständige Kontrolle über das System. Beim zweiten Grad, der Fernoperation, steuert sich das System alleine, jedoch so, wie es zuvor von einem menschlichen Operateur festgelegt wurde. Aufklärungsdrohnen fliegen beispielsweise vorprogrammierte Kontrollpunkte nacheinander an und kehren dann selbstständig wieder zu ihrer Basis zurück (vgl. Grünwald/ Petermann 2011: 43). Die dritte Stufe, Fernüberwachung, verleiht der Maschine ein hohes Maß an Selbstständigkeit, während menschliches Eingreifen nur noch im Falle von fehlerhaften Durchführungen erfolgt. Dies stellt de facto die höchste Automationsstufe dar, die militärischen Systemen derzeit zu Teil wird. Der Mensch als Entscheidungsträger ist hier nur noch on the loop und überwacht lediglich die Aktivitäten seiner Maschine. Dennoch hätte er zu jedem Zeitpunkt die Möglichkeit, einzugreifen oder Vorgänge abzubrechen, sofern dies in spezifischen Situationen erforderlich ist. Beim letzten Grad der vorgestellten Skala ist die Rede von vollständiger Autonomie, die in dieser Form noch keiner Maschine verliehen wurde (vgl. Schörnig 2013: 4). Bis dato existieren keine autonom agierenden oder gar letale (tödliche) autonome Militärsysteme, wenngleich die Forschung zum Thema Robotik und künstlicher Intelligenz dennoch betrieben wird. Zielsetzung ist es hierbei, Maschinen mit entsprechender Software und Sensorik auszurüsten, sodass sie im Idealfall auch fähig sind, Vorgaben des Kriegsvölkerrechts anwenden können (Altmann 2017: 294)[2].

Wichtig sei an dieser Stelle die Anmerkung, dass lediglich von operationeller Autonomie und nicht von moralischer Autonomie die Rede sein kann, wenn man über die „Eigeninitiative“ von Militärsystemen debattiert (vgl. Franke 2016).

Autonomie im philosophischen Sinne setzt immer einen eigenen Willen sowie eigene Beweggründe voraus. Maschinen operieren jedoch bis auf Weiteres nur so, wie es ihre Programmierungen für sie vorsehen. Demnach können sie nie als handelnde Akteure nach soziologischer Definition gelten, selbst wenn komplexe Softwarecodes mit möglicherweise moralischen Handlungssträngen dies vielleicht suggerieren (ebd.). Eigenes Denkvermögen und Volatilität verkörpern vom heutigen Standpunkt aus lediglich Zukunftsszenarien (vgl. Schörnig 2013), und moralische Autonomie ist mit Blick auf Maschinen eine contradictio in adiecto. Deshalb macht es aus theoretischer Sicht Sinn, nur von verschiedenen Automationsgraden zu sprechen, gar von vollständiger Automation, den Begriff Autonomie jedoch auf menschliche Charakteristika zu beschränken.

2.3 Tenor der Drohnendebatte

Um die Moralität von Kriegseinsätzen und militärischen Handlungen zu bewerten, werden des Öfteren Debatten über die Ausstattung unbemannter Luftfahrzeuge mit Waffenträgersystemen laut. Einigkeit besteht weitestgehend bezüglich des Arguments, dass UAVs die Kriegführung erleichtern können. Bei der Diskussion um die Bewaffnung jener Systeme scheiden sich allerdings die Geister. Drohnenbefürworter heben ihrerseits die logistischen und strategischen Vorteile ferngesteuerter Waffensysteme hervor, die Gegner äußern hingegen ethische und moralische Bedenken und liefern der Kontroverse somit nachhaltig Zündstoff.

Es folgt eine Darstellung der gängigsten Argumente für und wider die Beschaffung unbemannter bewaffneter Systeme sowie eine abschließende Bestandsaufnahme, wie sich die Bundesregierung dazu positioniert hat Ein häufig vorzufindendes Pro-Argument bezieht sich auf die erhöhte Opfersensibilität ferngesteuerter Waffensysteme, welches besagt, dass bewaffnete UAVs mithilfe von Präzisionsschlägen die Wahrscheinlichkeit anfallenden Kollateralschadens verringern können (Strawser 2010: 351f.) Derartige gezielte Tötungen würden den Befürwortern zufolge innerhalb eines abgesteckten Rechtsrahmens die Risiken für Nichtkombattanten deutlich minimieren. Ebenso blieben Soldatenleben physisch und psychisch verschont, sofern sich die Steuerer nicht mehr direkt auf dem Schlachtfeld, sondern als Fernsteuerer an einem ausgelagerten Ort befänden („Opfervermeidung“). Hierbei könnte ein Operateur mehrere Flugkörper gleichzeitig betreuen, womit sich Einsparungen im Streitkräftekontingent realisieren lassen würden (GEP 2013: 29). Defensiv- oder Raketenabwehrsysteme sorgten darüber hinaus für flächendeckenden Schutz der stationierten Bodentruppen. Weitere Pro-Stimmen beziehen sich auf den geringen Wartungsaufwand der Systeme, deren Unauffälligkeit und lange Stehzeit im Luftraum, zügige Reaktionszeiten sowie eine allgemein gesteigerte Effizienz der Streitkräfte (vgl. Schörnig 2013: 9; Franke 2016).

Gegenläufige Tendenzen bezüglich der Bewaffnung von unbemannten Luftfahrzeugen sind vorwiegend von rechtlichen beziehungsweise ethischen Bedenken geprägt. Kritikern zufolge seien jegliche gezielte Tötungen moralisch verwerflich und darüber hinaus rechtlich fragwürdig, da jeder angeklagten Person ein ordentliches Gerichtsverfahren zustehe (GEP 2013: 23). Die Gegner betonen, dass durch die Auslagerung des Menschen vom Schlachtfeld die Hemmschwelle für den Einsatz militärischer Gewalt sinke. Weit weg vom Geschehen einfach einen Joystick zu bedienen oder einen Auslösemechanismus zu betätigen, führe langfristig zur Normalisierung von militärischen Kampfhandlungen (GEP 2013: 32f.). Außerdem fehle bis dato noch ein eindeutig gültiger Rechtsrahmen für die Anwendung bewaffneter UAVs sowie entsprechende rules of engagement. Nicht von der Hand zu weisen sei darüber hinaus die Wahrscheinlichkeit moderner Rüstungsläufe - ein Kriterium, das eng mit der Proliferationsproblematik und erhöhten Anforderungen an die konventionelle Rüstungskontrolle zusammenhängt (Altmann 2017: 799). Nicht zuletzt befürchten Viele eine zu starke Autonomieentwicklung im Bereich der Militärtechnik sowie ein Verantwortungsvakuum, wenn Kampfhandlungen nicht mehr verlässlich zugeschrieben werden können, und fordern daher eine präventive internationale Ächtung automatisierter und autonomer Militärsysteme (Altmann 2017: 800f.).

2.4 Bestandsaufnahme

Der weltweite Bestand an unbemannten Militärsystemen ist in jüngster Zeit drastisch angestiegen. Besonders auf US-amerikanischer Seite wird seit dem Jahre 2001 die Forschung und Herstellung unbemannter Systeme intensiv betrieben (Altmann 2017: 794). Alleine in der Kategorie unbemannter Luftfahrzeuge können bereits 80 Nationen zuverlässig als Besitzer ausgewiesen werden. Im Jahre 2015 verfügten sogar zehn Länder bereits über bewaffnete Drohnen, darunter die USA, Frankreich, Groß-Britannien, China, Iran, Irak, Israel, Nigeria, Pakistan und Somalia (ebd.).

Die Deutsche Bundeswehr verfügt derzeit bereits über eine Vielzahl an unbemannten und ferngesteuerten Militär- und Waffensystemen, die zu unterschiedlichen Zwecken eingesetzt werden (vgl. BMVg 2016). Sie reichen von Aufklärungssystemen über Schutz-, Flugabwehr-, und Räumungssystemen bis hin zu Dekontaminationsmodulen und autonomen Flächenfeuerwaffen. Das Bundesverteidigungsministerium beziffert den derzeitigen Drohnenbestand mit 567 Exemplaren (Stand 2016), hebt aber deren Zwecksetzung als reine Aufklärungsinstrumente hervor (Monroy 2016).

Es folgt eine Bestandsaufnahme der einzelnen Systeme und ihrer groben Funktionen.

Als Aufklärungssysteme gelten grundsätzlich Maschinen, die Informationen über Territorien, Militärobjekte wie Panzer oder menschliche Akteure bereitstellen (BMVg 2016: 82f.). Sie ermöglichen eine punktgenaue Ortung, zeichnen sich durch lange Stehzeiten aus und übertragen gewonnene Bilder und Informationen in Echtzeit via Funkverbindung oder Satellit. Aufklärungssysteme sind zumeist unbemannte ferngesteuerte Systeme des Typs Luft, wie beispielsweise die Bundeswehr-Aufklärungsdrohnen Luna, Aladin, KZO oder Mikado, die alle für den Nah- und Nächstbereich ausgelegt sind (BMVg 2016: 53). Größere Systeme wie die Aufklärungsdrohne Heron 1 hingegen erreichen bereits die Größe eines Segelflugzeuges, sind auf den Mittelbereich ausgelegt und vermögen es, bis zu 72 Stunden in der Luft zu verbleiben, um ausgewählte Gebiete zu überwachen (BMVg 2016: 83). Die speziellen Vorteile des Einsatzes solcher Aufklärungssysteme belaufen sich auf deren lange Stehzeiten, Unauffälligkeit aufgrund entsprechender Flughöhe, Geräuscharmut und den Informationsvorschuss, den sie für Einsatz- und Streitkräfte gewährleisten können (vgl. Sauer 2014: 347, 354).

Neben unbemannten Luftsystemen existieren darüber hinaus auch ferngesteuerte Systeme an Land. Der bundesdeutsche Bestand setzt sich hierbei aus Systemen zur Kampfmittelräumung (tEODdor), zum Nächstbereichschutz (MANTIS), zur Flugabwehr (siehe Ozelot und Patriot) und zur direkten Raketenabwehr (MARS II) zusammen (BMVg 2016: 51, 67, 69, 68, 17).

Das Dekontaminationsmodul tEODdor, dessen Akronym für Technical Explosive Ordonance Devices and Observation Robot steht, ist ein Kampfmittelbeseitigungsroboter, der Bodentruppen bei der Beseitigung von Hindernissen oder Entschärfung von Kampfmitteln behilflich sein kann. Er ist unbemannt und wird via Kabel und Funk ferngesteuert (vgl. auch Heiming 2017).

In einer anderen Größenklasse wird das Modular, Automatic and Network capable Targeting and Interception System, kurz MANTIS, zur unmittelbaren Verteidigung von Territorium eingesetzt. Es ist mit einem 35mm-kalibrigen Geschütz ausgestattet, das eintretende Raketen oder gegnerischen Beschuss selbstständig abwehren kann. Es gilt insofern als automatisch, als dass es keinen Bediener für die Abfeuerung seiner Geschosse benötigt, sondern immer dann automatisch „agiert", sobald fremdartige Flugkörper seinen Luftraum tangieren. Hierbei ist es notwendig zu betonen, dass MANTIS über keine Diskriminierungsfähigkeit verfügt, sondern Flugobjekte jeglicher Art ausnahmslos abwehrt (BMVg 2016: 67).

Einen weiteren Zugewinn für die deutsche Bundeswehr stellen die Flugabwehrsysteme Ozelot und Patriot dar. Bei Ozelot handelt es sich um einen umgerüsteten Panzer des Typs Wiesel, der mit einem Flugabwehrraketenträger bestückt und mit dem beweglichen Fahrzeug in Kombination verwendet wird (BMVg 2016: 69). Ozelot bekämpft im Gegensatz zu Patriot eintretende Geschosse an Land beziehungsweise auf dem Boden. Das Patriot-Militärsystem hingegen kann mehrere Objekte simultan abwehren, beseitigt in erster Linie jedoch ballistische Raketen. Da es sich als System aus mehreren Teilkomponenten, wie zum Beispiel einem Feuerleitstand, einem Multifunktionsradar und einem Gefechtsstand zusammensetzt, werden gleichzeitige Abwehrvorgänge erstmalig möglich gemacht (BMVg 2016: 68).

Ein weiteres Waffensystem an Land stellt der Raketenwerfer MARS II dar. Jener verkörpert eine autonome Flächenfeuerwaffe und vermag es darüber hinaus, Einzel- und Punktziele zuverlässig zu bekämpfen (BMVg 2016: 17).

Schließlich existieren als automatische Abwehrsysteme der See noch die zwei Minenjagdgeschosse Seefuchs und Pinguin, die entsprechende Streumunition detektieren und mithilfe einer Sprengladung beseitigen können, sowie die Minenräumdrohne Seehund, die optisch einem Schiff ähnelt und selbst bei geringer Distanz zu Minen eine Detonation zuverlässig überstehen kann (BMVg 2016: 97).

All jenen Systemen ist gemeinsam, dass sie keinen menschlichen Operateur im Fahrzeug oder System selbst erfordern, sondern über Funk- und Satelliten ferngesteuert werden. Sie sind zwar zum Teil bewaffnet und darüber hinaus befähigt, diese Waffen selbstständig zu verwenden, jedoch lediglich zu Defensivzwecken und ohne die Absicht, sie gezielt auf menschliche Ziele auszurichten. Darüber hinaus greifen sie nie automatisch selbstständig an und auch eine quasi-autonome Entscheidung über die Anwendung legaler und illegaler Waffengewalt wird ihnen damit noch nicht zu Teil.

Die Abgrenzung zu autonomen Waffensystemen erfolgt hier dementsprechend trennscharf - es existieren derzeit keine Systeme, die über operationale Autonomie verfügen. Die Letalität der gängigen Systeme beschränkt sich lediglich auf die Möglichkeit entstehenden Kollateralschadens, der im Zuge von Defensiveinsätzen nicht zuverlässig ausgeschlossen werden kann. LAWS als neuartige lethal autonomous weapon systems existieren in diesem Sinne folglich keine, wenngleich der Forschungstrend zwangsläufig auch in diese Richtung geht.

Aus deutscher Sicht soll die Weiterentwicklung von unbemannten Systemen zukünftig stark vorangetrieben werden (Grünwald/ Petermann 2011: 11f.). Verbesserungsmöglichkeiten sieht das Deutsche Verteidigungsministerium unter anderem in der Führungsfähigkeit der Systeme, in der Nachrichtengewinnung und Aufklärung sowie in der Mobilität der Systeme. Des Weiteren sollen die Wirksamkeit im Einsatz, die Unterstützung und Durchhaltefähigkeit sowie die Überlebensfähigkeit und der Schutz stärker fokussiert werden. Ein Interesse an der Entwicklung autonomer militärischer Systeme ist nicht von der Hand zu weisen, besteht jedoch weitaus weniger stark ausgeprägt als beispielsweise auf US-amerikanischer oder israelischer Seite (Grünwald/ Petermann 2011: 11f.).

2.5 Einsatz

Die US-amerikanische Regierung machte bereits während des Golfkrieges (1990-1991) von unbemannten Systemen des Typs Luft Gebrauch, als sie die Operation Desert Storm in Irak anordnete (Rötzer 2006). Außerdem kamen während des Kosovo-Einsatzes und des Afghanistan-Krieges 2002 bereits bewaffnete unbemannte Systeme zum Einsatz, die die Staatenwelt erstmalig gezielt auf das Thema aufmerksam machten (vgl. Schörnig 2010). Die Vereinigten Staaten von Amerika nehmen hinsichtlich der Forschung, Verbreitung und Verwendung unbemannter Luftfahrzeuge eine weltweit führende Position ein und verfügen bereits heute über die quantitativ meisten und qualitativ hochwertigsten Systeme (Grünwald/ Petermann 2011: 11f.).

Deutschland besitzt derzeit über 560 unbemannte Luftfahrzeuge, wobei circa drei Viertel auf den Einsatz kleiner taktischer Aufklärungsdrohnen wie Aladin oder Mikado entfallen (Monroy 2016). Die dritthäufigste Drohne, Luna, ist mit ungefähr 80 Exemplaren in der deutschen Drohnenflotte vertreten, das Kleinfluggerät für Zielortung, KZO, mit 60 Stück (ebd.). Missionen, in denen die Bundesregierung bereits Gebrauch von unbemannten Luftfahrzeugen Gebrauch gemacht hat, waren beispielsweise die ATALANTA-Mission am Horn von Afrika (seit 2008) sowie der Afghanistan-Einsatz seit 2001 und die Stabilisierungsmission in Mali seit 2013 (ebd.).

[...]


[1] Auf eine detaillierte Einordnung dieser Systeme in die jeweilige Kategorie muss an dieser Stelle aus Platzgründen verzichtet werden. Bei Interesse siehe Grünwald/ Petermann 2011: 33.

[2] Den geltenden Kriterien des Kriegsvölkerrechts wird im späteren Verlauf dieser Arbeit noch Rechnung getragen.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Militärtechnik und Moral. Die Theorie des gerechten Krieges und autonome Waffensysteme
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
38
Katalognummer
V510878
ISBN (eBook)
9783346081032
ISBN (Buch)
9783346081049
Sprache
Deutsch
Schlagworte
militärtechnik, moral, theorie, krieges, waffensysteme
Arbeit zitieren
Anika Bohrmann (Autor:in), 2018, Militärtechnik und Moral. Die Theorie des gerechten Krieges und autonome Waffensysteme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510878

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