Charakterisierung von Gretchen in der Szene "Straße" in Goethes "Faust I."

Fach Deutsch, Qualifikationsphase 1


Unterrichtsentwurf, 2019

16 Seiten, Note: 2

Anna Baer (Autor)


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Reihenplanung

2. Didaktisch-methodischer Kommentar

3. Sachanalyse

4. Verlaufsplan

5. Materialien und Lernergebnisse

6. Literatur

1. Reihenplanung

Thema des Unterrichtsvorhabens: Wer ist dieser Faust? – Analyse und Interpretation des Werkes „ Faust. Der Tragödie erster Teil“ von Johann Wolfgang von Goethe[1]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Didaktisch-methodischer Kommentar

Das Drama Faust I von Johann Wolfgang von Goethe gehört zur Pflichtlektüre im Fach Deutsch für das Zentralabitur 2020 und ist dem Inhaltsfeld Texte und dem Thema „Strukturell unterschiedliche Dramen aus unterschiedlichen historischen Kontexten“ zuzuordnen (vgl. Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen, o. J., S. 3). Abgesehen davon, dass das Drama eine Pflichtlektüre ist, ist die Analyse dessen im Unterricht für die Lernenden spannend und reizvoll, da anhand dieses Dramas aktuelle Fragen diskutiert werden können. Das liegt unter anderem daran, da es sehr universal und dadurch zugleich vieldeutig ist. Finger (2008) äußerte sich im Kontext der Bedeutsamkeit des Dramas folgendermaßen: „Jede Zeit macht sich ihren Faust. Denn das Klassische am klassischen Helden ist, dass er sich immer neu deuten lässt.“ Genau dieses bietet den Lernenden auch heute noch Zugänge zu dem Drama Johann Wolfgang von Goethes.

Kern der Stunde bildet die Szene „Straße“, in der sich Faust und Margarete zum ersten Mal begegnen und womit nach der Gelehrtentragödie die zweite Sequenz der Unterrichtsreihe („Gretchentragödie“) beginnt. Neben der Analyse der Szene werden vor allem die beiden erstgenannten aus dem Inhaltsfeld „Texte“ stammenden Kompetenzschwerpunkte der zweiten Sequenz in Bezug auf die Rezeption und Produktion gefördert (vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen, 2014). In der Unterrichtsstunde wird es, wie im Folgenden dargestellt, vor allem darum gehen, „aus anspruchsvollen Aufgabenstellungen angemessene Leseziele ab[zu]leiten“ (ebd., S. 27) und „Arbeitsergebnisse sachgerecht [zu] systematisieren (ebd., S. 29).

Die Szene Straße ist im Vergleich zu den anderen Szenen relativ kurz (circa drei Seiten) und bietet sich deshalb gut für die Erarbeitung in einer Einzelstunde an. Die Kürze macht es möglich, dass die Lernenden sich in der Arbeitsphase intensiv mit der kompletten Szene auseinandersetzen können und im Anschluss noch genug Zeit für eine Präsentation mit Ergänzungen und Feedback ist.

Als Voraussetzung für diese Stunde bringen die Lernenden das Wissen aus der Gelehrtentragödie und somit das Wissen über die innere Zerrissenheit Fausts mit, die ihn dazu bringt, eine Abmachung mit dem Teufel einzugehen. Neben der Charakterisierung Fausts (beispielsweise durch die Betrachtung des Eingangsmonologs) wurde auch Mephisto im Zusammenhang mit der Abmachung detaillierter charakterisiert. Faust, der den Lernenden bisher aus der Gelehrtentragödie als ein nach Höherem strebender Mensch bekannt ist, wird den Lernenden durch diese Szene als sexuell agierender Mensch begegnen, welche Seite für die Lernenden neu ist und nicht ihrem bisherigen Bild von Faust entspricht. Diese neue Existenz Fausts als Liebender ist der Lebenswelt der Lernenden sicherlich näher und damit bedeutsamer als der Faust der Gelehrtentragödie.

Als Hausaufgabe[2] haben die Lernenden die drei Szenen „Auerbachs Keller in Leipzig“, „Hexenküche“ und „Straße“ gelesen, die die Handlungsstränge der Gelehrten- und Gretchentragödie verbinden. Diese Hausaufgabe wird im Einstieg der Stunde in den Unterricht eingebunden, indem die Lernenden kurz das Gelesene zusammenfassen. Bevor die Szene „Straße“ genauer analysiert wird, werden die Vorstellungen der Schülerinnen und Schüler in Bezug auf Margarete abgefragt und diese mit drei verschiedenen Darstellungen Margaretes in der Szene „Straße“ verglichen, die Margarete unterschiedlich verbildlichen. An dieser Stelle wird es Beiträge geben, die die Verbildlichung Margaretes beschreiben und andere, die darüber hinaus die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Darstellung Margaretes herausstellen, welche an der Tafel gesichert werden. Der visuelle Impuls über die Bilder regt die Vorstellungskraft der Lernenden über den Text hinaus an und schafft somit eine kognitive Verknüpfung von Text und Deutung, da die Bilder schon Interpretationen der Szene liefern. Diese unterschiedlichen Interpretationen bilden die Grundlage für die Beschäftigung mit dem Text. Die Interpretation der Szene anhand eines von den Lernenden erarbeiteten Standbildes oder eines szenischen Spiels wäre aktivierender, jedoch wurde die bewusste Entscheidung gegen diese Methode getroffen, da es im Rahmen der Einzelstunde nur zu Lasten der Diskussion des Lernproduktes umsetzbar wäre. Nachdem die Lernenden ihre ersten Eindrücke zu Margarete geäußert haben, folgt die Erarbeitungsphase, in der es darum geht, die herausgestellten Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Bilder Margaretes anhand des Textes zu veri- oder falsifizieren. In der Erarbeitungsphase liegt das Augenmerk demnach auf dem Charakter und der Erscheinung von Margarete.

Die Erarbeitung erfolgt in (vier) Vierergruppen, die von den Lernenden durch die neue Sitzordnung im Raum selbst gewählt werden können. In jeder Gruppe beschäftigen sich zwei Mitglieder mit der Charakterisierung Margaretes durch Faust und die anderen beiden Mitglieder mit der Charakterisierung Margaretes durch Mephisto. Abschließend analysieren sie zusammen die kurze Selbstcharakterisierung Margaretes und stellen sich die Ergebnisse aus der Partnerarbeit vor. Damit trägt am Ende jeder die Verantwortung für das Gruppenergebnis. Auch Huwendiek (2018) empfiehlt bei Gruppenarbeiten eine Gruppengröße von 3-6 Lernenden, da bei größeren Zahlen „das Kontakt- und Kommunikationsnetz nicht mehr überschaubar“ sei und die Gefahr der „Verantwortungsdiffusion“ zunehme (S. 100). Für die Gruppenarbeit wird jeder Gruppe ein Google Doc zur Verfügung gestellt, an dem sie gemeinsam (jeder an seinem Laptop) arbeiten und direkt alle Ergebnisse in einem (Gruppen-)Dokument sammeln können. Der Lehrkraft eröffnet diese Vorgehensweise die Möglichkeit, die einzelnen Gruppenfortschritte zu verfolgen. Gerade in dieser Lerngruppe ist diese Methode sehr zielführend, da alle Schülerinnen und Schüler der Lerngruppe den Unterricht interessiert verfolgen und in Erarbeitungsphasen konzentriert arbeiten. Die mündliche Beteiligung jedoch unterscheidet sich stark, weshalb sich bei der Präsentation viele Lernende – trotz hervorragender Ergebnisse – zurückhalten. Durch das kollaborative Arbeiten durch Google Docs kann die Lehrkraft so auch Einblick in die anderen Ergebnisse gewinnen, die die Lernenden nicht vorstellen möchten.

Nachdem die Gruppen Margarete stichpunktartig charakterisiert haben, wird ein Gruppenergebnis von den Lernenden präsentiert und anschließend von den anderen Gruppen ergänzt. Diese Ergänzungen aus dem Kreis der Lernenden sind möglich, da sich alle Lernenden in der Erarbeitungsphase detailliert mit Margarete auseinandergesetzt haben. Ein Eingriff der Lehrkraft ist nur aus moderationstechnischen Gründen nötig. Je nach Zeit bietet die oben vorgestellte Methode die Möglichkeit, von einem Laptop, der vorne angeschlossen ist, ohne viel Aufwand zwischen den verschiedenen Ergebnissen zu wechseln, um möglichst viele Gruppen zu Wort kommen zu lassen.

Auf der Grundlage der Analyse bewerten die Lernenden anschließend die unterschiedlichen Bildnisse des Einstiegs von Margarete und äußern, welche Darstellung sie in Bezug auf das Drama am gelungensten finden. Hier geht es nicht darum, dass sich der Kurs auf eine Darstellung einigt, sondern, dass die Lernenden zu einem eigenen, begründeten Urteil auf Basis der Analyseergebnisse gelangen.

Je nach Zeit werden die Lernenden am Ende der Stunde aufgefordert, zu überlegen, welche Konflikte sich aus dem Auftreten Margaretes für die Dramenhandlung ergeben könnten. An dieser Stelle können sich die Lernenden beispielsweise auf Grundlage der Charakterisierung Margaretes zu Vermutungen über den Fortgang des Dramas äußern oder die Funktion der Szene diskutieren, die die Grundlage für die Gretchentragödie bildet.

Als Hausaufgabe beschäftigen sich die Lernenden mit einem inneren Monolog nach der ersten Begegnung von Faust und Margarete auf der Straße. Freigestellt wird ihnen dabei, ob sie diesen aus der Sicht Fausts oder Margaretes schreiben. Wenn sie einen Monolog von Margarete schreiben, sollen sie ebenfalls den Monolog zu Beginn der Szene „Abend“ mit einbeziehen, in dem deutlich wird, dass Faust, trotz abweisenden Verhaltens, einen bleibenden Eindruck auf Margarete hinterlassen hat, womit der Beginn der Gretchentragödie deutlicher und die Charakterisierung Margaretes aus der Stunde vertieft wird. Bei der Wahl eines Monologs Fausts sollen die Schülerinnen und Schüler das Wissen aus der Gelehrtentragödie mit einbeziehen, in welcher Faust schon detailliert charakterisiert wurde. Durch diesen Monolog wird deutlich, dass Faust sich verändert hat (siehe Sachanalyse, Stichwort: „erotisch aggressives Verhalten“), wodurch ein Anknüpfungspunkt für die Stunde im Anschluss geschaffen wird: „Armsel’ger Faust! ich kenne dich nicht mehr.“ - Ambivalenz des Triebs und der wahren Liebe in der Figur des Fausts.

[...]


[1] Die Seitenangaben der Kompetenzen beziehen sich auf den Kernlehrplan des Gymnasiums im Fach Deutsch der Sekundarstufe II (vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen, 2014), speziell in dem Grundkurs auf das Inhaltsfeld 2 „Texte“ mit dem inhaltlichen Schwerpunkt „strukturell unterschiedliche Dramen aus unterschiedlichen historischen Kontexten“.

[2] Das Drama wurde nicht als Hausaufgabe vollständig vor der Reihe, sondern wird unterrichtsbegleitend und szenenweise gelesen. Dadurch sind die Inhalte in der Stunde präsenter, da sich die Lernenden kurz davor mit der im Unterricht behandelten Szene auseinandergesetzt haben. Außerdem ist es möglich, dass Schülerinnen und Schüler an verschiedenen Stellen Vermutungen über den weiteren Handlungsverlauf anstellen können, ohne das Wissen über den weiteren Verlauf zu besitzen. Die SuS erscheinen größtenteils vorbereitet im Unterricht, wodurch für jede Stunde eine Arbeitsgrundlage vorhanden ist, die zu zufriedenstellenden Arbeitsergebnissen führt.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Charakterisierung von Gretchen in der Szene "Straße" in Goethes "Faust I."
Untertitel
Fach Deutsch, Qualifikationsphase 1
Note
2
Autor
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V510934
ISBN (eBook)
9783346082138
ISBN (Buch)
9783346082145
Sprache
Deutsch
Schlagworte
charakterisierung, gretchen, szene, straße, goethes, faust, fach, deutsch, qualifikationsphase
Arbeit zitieren
Anna Baer (Autor), 2019, Charakterisierung von Gretchen in der Szene "Straße" in Goethes "Faust I.", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510934

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