Metaphorik im Minnesang Heinrich von Morungens


Hausarbeit, 2015

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Metaphorik
2.1. Allgemeines zur Metaphorik
2.2. Metaphorik bei Heinrich von Morungen
3. Lichtmetaphorik

4. Der Minnesänger als Vogel

5. Die Rolle des Publikums

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Metaphorik in den Liedern des Minnesängers Heinrich von Morungen. Im Speziellen mit der Lichtmetaphorik und der Metapher des Minnesängers als Vogel.

Das Ziel der Hausarbeit ist herauszufinden, welche Auswirkungen der Gebrauch von Metaphern hat, was diese genau ausdrücken wollen und aus welcher Motivation heraus Minnesänger, beziehungsweise generell Schriftsteller, Metaphern verwenden.

Um langsam in das Thema einzuführen, folgen zunächst einige allgemeine Informationen über die Funktion, den Gebrauch und den Effekt von Metaphern in literarischen Werken. Hier gibt es dann noch eine Unterkategorie, in der ich mich speziell mit dem Gebrauch von Metaphern bei Heinrich von Morungen beschäftigen werde. Anschließend setze ich mich mit der Lichtmetaphorik auseinander und werde ausgewählte Beispiele aus Morungens Liedercorpus einbringen und erläutern. Ebenfalls näher eingehen werde ich auf die Metapher des Minnesängers als Vogel. Warum wird der Minnesänger mit einem Vogel verglichen? Worin unterscheiden sich die Nachtigall, der Schwan und die Schwalbe? Was sagt diese Metapher über die Eigenschaften und das Selbstbild des Sängers aus? Auch hier werden Belege aus Morungens Werken zur Unterstützung und Erklärung angebracht.

Das letzte Kapitel der Arbeit hat die Aufgabe, die Rolle des Publikums näher zu beleuchten. Leitfragen werden hier sein, wie das typische Publikum zur damaligen Zeit aussah, wie die Aufführungssituation war und inwieweit die genutzten Metaphern das Verstehen der Lieder für das Publikum vereinfacht haben. Die gesammelten Erkenntnisse werden gebündelt in einem Fazit dargestellt und die hier gestellten Fragen beantwortet.

2. Metaphorik

2.1. Allgemeines zur Metaphorik

„Ein im übertragenen Sinne gebrauchter sprachlicher Ausdruck, der mit dem Gemeinten durch eine Ähnlichkeitsbeziehung zu verbinden ist.“1, so eine erste Definition des komplexen Begriffs der Metapher.

Ist die Rede von Metaphern, denkt wohl jeder zunächst an Lyrik. Doch es wäre zu banal, eine komplexe rhetorische Figur wie die Metapher auf diesen einen Bereich zu beschränken. Denn ihre Rolle hat sich in den letzten 50 Jahren erheblich verändert, weg von dekorativem Beiwerk hin zu einem anerkannten sprachlichen Werkzeug, das helfen kann, Gedanken einen größeren Rahmen zu geben. Metaphern lassen sich im alltäglichen Gebrauch nicht vermeiden, man muss aber aufpassen, nicht in einen Rausch zu geraten und so vom sachlichen Inhalt des Gesagten abzulenken.2 Und auch wenn es sich 'nur' um ein sprachliches Mittel handelt, darf die Wirksamkeit nicht unterschätzt werden. Der Linguist George Lakoff sprach sogar davon, dass „Metaphern töten“3 können. Allgemein wird eine sprachliche Metapher oft als Bild beschrieben, ein Bild im visuellen Sinne kann aber auch ebenfalls eine Metapher ausdrücken. So gewinnt das visuelle Bild an Kraft.4 George Lakoff und der Philosoph Mark Johnson stellten gemeinsam die These auf, dass neue Metaphern die Macht haben eine neue Realität zu erschaffen.5

Der Wissenschaftler Sebastian Cöllen sieht es als Aufgabe der Metapher, komplexe Gedanken durch den Einsatz von bekannten Bildern zu veranschaulichen und greifbarer zu machen. Eine einfache Formel für diesen Prozess lautet „A ist B“6. Also, dass A, der komplexe Gedanke, gleich B, die vereinfachte bildliche Form ist. George Lakoff und Mark Johnson gehen sogar davon aus, dass die Metapher in der Realität für das ganze Denken und Handeln grundlegend ist. So gibt einem die Untersuchung von Metaphern die Möglichkeit, wichtige unreflektierte Einblicke in das Denken der Menschen zu bekommen.7

Zusammengefasst hat die Metaphorik also die Aufgabe, komplexe Sachverhalte zu verkürzen oder auch zu vereinfachen, diese gleichzeitig aber nicht an Prägnanz verlieren zu lassen. Ein weiterer Effekt ist natürlich die Steigerung des künstlerischen Werts eines Textes.

Heutzutage werden immer mehr und häufiger Metaphern genutzt, und es entstehen neue Teildisziplinen, wie die visuelle Anthropologie oder die Bildwissenschaft.8

Wichtig ist aber, sich immer die Frage zu stellen, was man nicht als Darstellung beschreiben sollte.9

2.2. Metaphorik bei Heinrich von Morungen

Betrachtet man die Metaphorik bei Heinrich von Morungen genauer, zeigt sich, dass es sich um eine Poetik des schouwens und schînens handelt.10 Morungen wird als „Dichter der lyrischen Realisierung visueller Wahrnehmung“11 beschrieben. In seinen Werken spielt er mit dem Widerspruch der akustischen und einer vermittelt visuellen Eindringlichkeit12. Das Wort, das der Sänger an das Publikum richtet, soll im Wahrnehmungsmoment Bilder vor den Augen der Zuschauer erzeugen und somit das Gesungene veranschaulichen. Aus der alten Unmittelbarkeit des Hörens entsteht eine neue, künstlich erschaffene Unmittelbarkeit des Sehens. Dieser Vorgang nennt sich poetische Emergenz.

Eine Besonderheit bei Morungen ist, dass er dazu neigt, seine Metaphern und Vergleiche in Gleichnissen auszudrücken. Hier liegt das Augenmerk aber nicht auf „der Anordnung der Gleichnisse im Lied, sondern deren Ausdehnung und Verselbstständigung ist das Spezifikum der Metaphorik des Morungen - Corpus [...]“13.

Die Schönheit der vrouwe wird durch den blick dargestellt, sei es der schöne Blick der Frau oder der schöne Anblick für den Sänger. Gesteigert werden kann das Ganze noch durch Wiederholungen oder Metonyme. Es herrscht eine enge Verbindung zwischen der Liebe und dem Sehen, ohne die Liebe, oder auch Minne, wäre der Blick nichts wert. So steht dieser symbolisch für die Liebe der beiden Akteure.14

In anderen Minneliedern bedeutet das schouwen eine diskrete Geste zwischen Liebenden, die immer distanziert voneinander bleiben. Das schouwen hat somit eher symbolischen Charakter. Anders ist es bei Morungen. Hier geht der Blick von außen nach innen, und vor dem inneren Auge des Sängers entstehen imaginäre Bilder, die in Zusammenhang mit Erinnerungen stehen.15

Also sagt die Wahl der Metaphern nicht nur etwas über den Text als solchen aus, sondern gibt auch Einblicke in das Weltbild des Autors.16

Neben der bekannten Liedform des Tagelieds hat Morungen die Sonderform des Tageliedwechsels geschaffen. Hier folgen abwechselnd Erinnerungen von Mann und Frau aufeinander, es wird also nicht nur aus einer Perspektive geschrieben. Die Frau wird zum Produkt der Vorstellungskraft des Mannes, dieser hegt Vorstellungen an sie, die er nur aus Träumen gewonnen haben kann, denn er spricht von Ereignissen, die sich während seines Schlafes ereignet haben.17

Aus all diesen Aspekten lässt sich schlussfolgern, dass das Bild das hörbare Wort braucht, um im Gesang zu erscheinen. Andersherum ist das Lied aber auch auf das Bild angewiesen, es entsteht eine Wechselbeziehung.18

3. Lichtmetaphorik

Besonders prägnant in den Werken von Heinrich von Morungen ist die Metapher des Lichts oder auch des Glanzes. Helmut Tervooren geht sogar soweit und sagt, dass „bei keinem Lyriker der Zeit […] wir so viele Worte und Vorstellungen aus dem Sinnbezirk des Lichtes und des Glanzes“19 finden. Es gibt zahlreiche Nachforschungen für die Vorbilder dieser besonders ausgeprägten Metaphorik. Einzelne Nachweise finden sich bei den französischen Trobadors und in der Mariendichtung.20

Der Literaturwissenschaftler Hartmut Bleumer erklärt in einem seiner Aufsätze das Verhältnis zwischen der vrouwe und dem Licht sehr anschaulich. Die Dame beginnt durch die Liebe, die sie für den Mann empfindet, zu leuchten, sie steht in dieser Metapher also für die Sonne. Der Mann, der als Mond dargestellt wird, wird von den Strahlen der Sonne erhellt. Auch der lichtvolle blick und die strahlende Schönheit der Frau bringen das Herz des Sängers zum leuchten. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Liebe Licht ist und Licht Liebe. Doch all diese Lichtvergleiche sind von der metaphorischen Grundstruktur abhängig.21 Passend an dieser Stelle ist auch das Zitat von Ferdinand Michel, der betont, dass bei Heinrich von Morungen „fast die Hälfte aller Bilder- vor allem da, wo es sich um Hervorhebung der Schönheit der Geliebten handelt - der Sonne entlehnt“22 sind.

Das Paradoxe an der ganzen Situation ist aber, dass das Licht ebenso intensiv wie unsichtbar für das menschliche Auge ist. Die Sichtbarkeit ist also eindrücklich aber unkonkret zu fassen.23 Die Frau wird zwar speziell durch das strahlende Licht beschrieben, doch sie scheint so hell, dass sie für den Geliebten kaum wahrnehmbar ist. Durch die Blendung erscheinen blinde oder auch weiße Stellen vor dem Auge, ganz so, als wenn man zu lange in die Sonne oder eine Lampe guckt. Diese sogenannte Blendwirkung empfindet jedoch nur der Minnesänger, das Publikum sieht den Effekt nicht.

Angespornt von langen Blicken und der Liebe zur Frau kann der Minnesänger die Unsichtbarkeit oder Blendung aber überwinden. Weil der Sänger die Frau als Licht wahrnimmt, bekommt sie in seinen Augen eine fast transzendente Wirkung und verliert das Irdische.24 Die Unsichtbarkeit der Frau gegenüber dem Publikum kann nur mit Hilfe von Metaphern aufgehoben werden, die ihre strahlende Wirkung greifbarer machen. Ein Beispiel, das Bleumer anführt, ist die Hyperbel „weißer als Schnee“25. Die gewählte Hyperbel lässt sich in ihrer Sichtbarkeit nicht steigern, denn jeder weiß wie weiss Schnee ist und kann sich so ein Bild davon machen. Die Sprache wird in diesem Falle von dem Bild des Schnees übertroffen.26

Auch bei den Tageliedern spielt das Licht eine entscheidende Rolle. Während der gemeinsamen Nacht sieht der Minnesänger nur das Licht oder auch das Strahlen der Geliebten. Er ist von diesem Anblick so abgelenkt, dass er dieses für den Schein des Monds hält und denkt, es bliebe ihnen noch genügend Zeit. Doch eigentlich ist es die Sonne die aufgeht und den Tag anbrechen lässt, und somit die beiden Liebenden zwingt, sich zu trennen. Dieser Wunsch, dass die Nacht niemals enden würde und das Paar ewig zusammen bleiben kann, ist zentral für die Dichtung der Tagelieder. Metaphorisch gesehen, kann man sagen, dass die Frau, beziehungsweise ihr Glanz, symbolisch für den Tag steht. Der Schluss daraus ist, dass auch das, was in der Anschauung geliebt wird, bei Morungen unsichtbar bleibt.27

Es ist aber nicht so, dass der Sänger die Schönheit der Frau nur durch Worte lobt. Er nutzt ebenso den musikalischen Klang. Daraus wiederum folgt, dass der Stimmklang des Sängers das Licht ist, wodurch die Geliebte ihre Schönheit überhaupt erst erhält.28

Im folgenden werde ich einige Beispiele für die Lichtmetaphorik aus Morungens Liedercorpus anführen und erläutern. Direkt im ersten Lied Si ist ze allen êren, finden sich zahlreiche Lichtmetaphern.

alse der mân wol verre über lant

liuhtet des nahtes wol lieht unde breit,

sô daz sîn schîn al die welt umbevêt,

Als ist mit güete umbevangen diu schône.29

Hier vergleicht Morungen die Geliebte also mit dem Mond, genauer gesagt mit dem Schein des Mondes. Das Licht des Mondes ist so hell, dass es die ganze Welt erstrahlen lässt, und genauso strahlend wie die Welt ist auch die Angepriesene. Diese Verse können allerdings verschieden gedeutet werden. Zum einen könnte Morungen meinen, dass die Frau von dem Mond angeleuchtet wird und so selbst das Licht zurückstrahlt, oder es könnte eine Erleuchtung durch den Schein der Erde sein. Es ist also nicht klar, ob die Frau, so gesehen, eine aktive (scheinende) oder eine passive (empfangende) Funktion hat. Er hebt mit dieser Metapher die Schönheit der Frau hervor und lässt sie somit einzigartig schön und anmutig wirken. Durch den Vergleich verleiht er ihr etwas Überirdisches, fast schon Transzendentes. Peter Kesting geht sogar soweit, dass er hier einen Hinweis auf die Jungfrau Maria sieht. Auch Cöllen findet Belege für diese Vermutung, beispielsweise den, dass Maria in der Literatur auch vermehrt mit dem Mond charakterisiert wird, und so wie der Mond das Licht von der Sonne erhält und auf die Erde projiziert, sie das Licht von Jesus empfängt und ebenfalls an die Erdenbürger weitergibt.30 Weitere Vergleiche mit dem Mond finden sich beispielsweise in dem dritten Lied Het ich tugende niht sô vil.

Ich muoz iemer dem gelîche spehen,

Als der mâ'ne tuot, der sînen schîn

von den sunnen schîn enpfât,

áls kúmt mir dicke

ir wol liehten ougen blicke

in daz herze mî'n, dâ si vór mir gât. 31

[...]


1 s. Birus, S. 571

2 Vgl. Burke, S. 1

3 s. ebd., S. 4

4 Vgl. ebd., S. 8

5 Vgl. ebd., S. 9

6 s. Cöllen, S.201

7 Vgl. ebd., S.

8 Vgl. Burke, S. 7

9 Vgl. Burke, S. 9

10 Vgl. Bleumer, S. 321-322

11 s. ebd., S. 321-324

12 Vgl. ebd., S. 326

13 s. Leuchter, S. 111

14 Vgl. Bleumer, S. 327

15 Vgl. ebd., S. 328-329

16 Vgl. Cöllen, S. 201

17 Vgl. Bleumer, S. 333

18 Vgl. ebd., S. 343

19 s. Cöllen, S. 201

20 Vgl. ebd., S. 201

21 Vgl. Bleumer, S. 328

22 s. Cöllen, S. 201

23 Vgl. ebd., S. 329

24 Vgl. Bleumer, S. 330

25 s. ebd., S. 331

26 Vgl. ebd., S. 331

27 Vgl. Bleumer, S. 332

28 Vgl. ebd., S. 335

29 s. Morungen, S. 20 (1, 4-7)

30 Vgl. Cöllen, S. 206

31 s. Morungen, S. 30 (1, 4-9)

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Metaphorik im Minnesang Heinrich von Morungens
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V510968
ISBN (eBook)
9783346085443
ISBN (Buch)
9783346085450
Sprache
Deutsch
Schlagworte
metaphorik, minnesang, heinrich, morungens
Arbeit zitieren
Franziska Michels (Autor), 2015, Metaphorik im Minnesang Heinrich von Morungens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/510968

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