Rousseaus Begriff der natürlichen Erziehung und seine ideengeschichtlichen Folgen


Zwischenprüfungsarbeit, 2004
27 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

1. Die Rousseau Rezeption: Ein großes Missverständnis?

2. Natürliche Erziehung bei Rousseau
2.1 Naturmensch oder Staatsbürger
2.2 Rousseaus Naturbegriff
2.3 Natürliche Entwicklung

3. Beispiele zur Rousseau Rezeption
3.1 Rousseaus Einfluss auf die Philanthropen
3.2 Pestalozzis Verhältnis zu Rousseau
3.3 Rousseau als Grundstein für Fröbels Kindergarten?

4. Wieso war Rousseau für die Pädagogik so einflussreich?

Literatur

1. Die Rousseau Rezeption: Ein großes Missverständnis?

Wohl keine Phrase wird so häufig mit Rousseau in Verbindung gebracht wie „Zurück zur Natur!“. Obwohl längst bekannt ist, dass er diese Worte niemals so formuliert hat, hält sich diese Assoziation hartnäckig. Rousseau gilt auch heute noch unter vielen als Begründer einer natürlichen Pädagogik, deren Grundsatz „wachsen lassen“ zur Passivität des Erziehers aufruft und den Zögling ganz seiner natürlichen Entwicklung überlassen will. Jede pädagogische Intervention wird nach diesem Verständnis als Störung aufgefasst. Die Aufgabe des Erziehers besteht darin, so wenig als möglich in diese natürliche Entwicklung einzugreifen und den Zögling vor schädlichen Einflüssen zu schützen.

Der „Emile“ lässt in der Tat an einigen Stellen eine solche Auslegung des Textes zu, es gibt jedoch auch ebenso viele Argumente gegen diese Interpretation. Es stellt sich daher die Frage, wie sich ein derart verzerrtes Rousseau Verständnis über Hunderte von Jahre bis in die heutige Zeit halten konnte, und wieso dieser Roman trotzdem so einflussreich für die Pädagogik war.[1] Vor einer Auseinandersetzung mit seiner Rezeption ist es allerdings unverzichtbar, zunächst einmal auf das Erziehungskonzept von Rousseau selbst einzugehen, denn nur so lassen sich die Differenzen zu den verschiedenen Rezeptionen herausarbeiten.

2. Natürliche Erziehung bei Rousseau

Rousseaus Vorstellungen von Erziehung sind eng mit seiner Gesellschaftskritik verknüpft. Er wirft der Pariser Gesellschaft Dekadenz und Ungerechtigkeit vor, sie ist für ihn entartet und nicht mehr zu retten. Durch sein Erziehungskonzept will er zumindest dem Einzelmenschen die Perspektive auf ein glückliches Leben ermöglichen.

„Immer wieder zeigt sich, wie Rousseau seine Vorstellung von Kindheit aus seiner Gesellschafts-kritik ableitet. Die Bezugsgrösse Natur kann als Gegenbegriff zu Gesellschaft gesehen werden, die inhaltlichen Aspekte Gutheit und Wahrhaftigkeit können dem gesellschaftlichen Laster und der Verstellung entgegengesetzt werden. Kindheit ist damit blosse Illustration eines gelungenen, wenn auch basalen Lebensprinzips.“ (Tremp, S. 77)

Rousseau hält zwei Erziehungsmethoden für sinnvoll um der Entartung durch die Hand des Menschen[2] vorzubeugen. Zum einen gibt es die öffentliche Bildungsform, welche aber nur innerhalb eines gut funktionierenden Staatssystems[3] realisierbar ist und für ihn deshalb nicht mehr in Frage kommt: „Eine öffentliche Erziehung existiert nicht mehr und kann auch nicht mehr existieren. Denn wo kein Vaterland mehr ist, kann es auch keine Staatsbürgerschaft mehr geben.“ (Rousseau, S. 114) So bleibt lediglich noch „die häusliche oder natürliche Erziehung“ (Rousseau, S. 115), welche so oft als „Zurück zur Natur!“ missverstanden wurde. Zunächst hört es sich jedoch tatsächlich so an, als wolle Rousseau eben dies mit der „natürlichen Erziehung“ ausdrücken:

„Die Stadt ist der Schlund, der das Menschengeschlecht verschlingt. Nach einigen Generationen geht die Rasse zugrunde oder entartet. Sie muß sich erneuern, und immer ist das Land, das dazu beiträgt. So schickt eure Kinder dorthin, wo sie sich sozusagen selbst erneuern und wo sie inmitten der Felder die Kräfte gewinnen, die man in der ungesunden Luft einer übervölkerten Stadt verliert.“ (Rousseau, S. 151)

Die Natur soll als regulierendes Ordnungssystem dienen, welches den Menschen zu Sittlichkeit und Moral führt. Nur „wer aus der Ordnung heraustritt, verliert seine Natürlichkeit und damit seine Güte, er entartet und wird böse.“ (Inversini, S. 53) In den Städten wurde diese natürliche Ordnung bereits unwiderruflich zerstört und das System ist aus den Fugen geraten. Rousseau hält es deshalb für wichtig, sich für die Primärerziehung auf das Land zurückzuziehen um den Zögling vor schädlichen Einflüssen zu bewahren. Wenn dieser erst einmal in sich selbst gefestigt ist, kann und muss er auch wieder in der Gesellschaft leben, denn die Stadt kann ihm nun nicht mehr schaden.

„Emile ist nicht dazu geschaffen, immer einsam zu leben; da er ein Mitglied der Gesellschaft ist, hat er auch deren Pflicht zu erfüllen. Geschaffen, mit den Menschen zu leben, muß der sie kennenlernen. ... Er wird sie nicht mehr mit der blöden Bewunderung eines jungen, gedankenlosen Menschen betrachten, sondern mit dem Unterscheidungsvermögen eines geraden und scharfen Geistes. Gewiß können ihn seine eigenen Leidenschaften täuschen; wann täuschen sie nicht die, die sich ihnen hingeben? Er wird jedoch wenigstens nicht durch die der anderen getäuscht. Sieht er sie, so wird er sie mit dem Auge des Weisen sehen, ohne durch ihre Beispiele hingerissen und durch ihre Vorurteile betört zu sein.“

(Rousseau, S. 665f)

Die Gesellschaft kann dem Menschen also nichts mehr anhaben, aber Rousseau geht sogar noch weiter, indem er es zu dessen Pflicht erklärt, sich bei Bedarf in den Dienst des Staates zu stellen. Es würde allerdings zu weit führen, Rousseau zu unterstellen, so die Gesellschaft revolutionieren zu wollen, denn es geht ihm lediglich um eine Immunisierung des Einzelmenschen. Alles was dieser in seinem Leben erreichen soll, ist seine persönliche Insel des Glücks in Form der Familie und nicht etwa die Reinigung der Menschheit aus ihrer Entartung.

2.1 Naturmensch oder Staatsbürger

Es wird deutlich, dass es Rousseau bei seiner Erziehung nicht darum geht, Wissen anzuhäufen oder bestimmte Qualifikationen zu erlangen. Das Ziel ist allein die Menschenbildung. „Vor der Bestimmung der Eltern fordert ihn die Natur für das menschliche Leben. Leben ist der Beruf, den ich ihn lehren will. Aus meinen Händen entlassen, wird er ... weder Beamter noch Soldat, noch Priester, er wird in erster Linie Mensch sein.“ (Rousseau, S. 116) Offensichtlich ist für ihn aber Mensch nicht gleich Mensch, denn wie lässt sich sonst der pessimistische Einstieg[4] in den „Emile“ erklären? Anscheinend spricht Rousseau zu Beginn seines Romans nicht von dem Natur-menschen, den er bei seiner Erziehung anstrebt. Er spricht von einer menschlichen Form, die bereits entartet ist und vor der er seinen Zögling bewahren muss: dem Menschen in seinem Gesellschaftsverband. Allerdings meint er damit eine verkommene Gesellschaft,[5] die seinem Ideal eines perfekten Staates in keiner Weise entspricht.[6]

Bei Rousseaus Menschenbildung wird wieder zwischen zwei möglichen Formen unterschieden: Die Bildung zum Staatsbürger resultiert aus der öffentlichen Erziehung, während der natürliche Mensch durch die private Erziehung gebildet werden kann. Wie bereits erwähnt wurde, hält Rousseau ersteres nicht mehr für möglich, so dass er sich dazu entscheidet, Emile zu einem Naturmenschen heranzubilden. Mensch und Natur sind für Rousseau untrennbar miteinander verbunden, denn schließlich ist der Mensch ein Produkt der Natur und als solches muss er auch in einer natürlichen Ordnung aufwachsen. Sittlichkeit und Moral aber auch bestimmte Fertigkeiten ergeben sich dadurch automatisch. „In der natürlichen Ordnung, wo die Menschen alle gleich sind, ist das Menschsein ihr gemeinsamer Beruf. Und wer immer zum Menschsein erzogen wurde, kann nicht fehlgehen in der Erfüllung aller Aufgaben, die es verlangt.“ (Rousseau, S. 116) Oft wurde Rousseau vorgehalten, einen Wilden heranziehen zu wollen, doch dieses Verständnis umfasst lediglich einen geringen Teil dessen, was den Naturmenschen ausmacht. „Der Zustand des Wilden ist ein "Nullpunkt", wie Rang sagt, aber dies ist nicht der Zustand des "natürlichen Menschen".“ (Inversini, S. 61) Zwar dienen „Wilde“ und Bauern Rousseau durchaus als Vorbild für bestimmte Aspekte seiner Erziehung, was er jedoch unter dem eigentlichen Naturmenschen versteht, geht darüber weit hinaus.

„Mein Zögling ist dieser Wilde, mit dem Unterschied, dass Emile, der mehr nachgedacht, mehr Vergleiche angestellt und unsere Irrtümer aus größerer Nähe gesehen hat, vor sich selbst besser auf der Hut ist und sein Urteil nur nach der Erfahrung abgibt.“ (Rousseau, S. 503) „... es ist eine erwiesene Unmöglichkeit, dass ein solcher Wilder seine Überlegungen jemals bis zur Erkenntnis des wahren Gottes steigern kann.“ (Rousseau, S. 532)

Es stellt sich also die Frage, was Rousseau genau unter dem Naturmenschen versteht. Um diesen Begriff besser definieren zu können, ist es wichtig, sich mit seinem Naturbild auseinander zu setzen.

2.2 Rousseaus Naturbegriff

Natur ist einer der zentralen Begriffe in Rousseaus Schriften, dabei ist es jedoch wichtig zu beachten, dass es sich dabei, ähnlich wie bei dem Menschen, nicht immer um den gleichen Sinn handelt. „In der Philosophie Rousseaus ist zu unterscheiden zwischen der ungebrochenen, heilen Natur des edlen Wilden, zwischen der durch Vergesellschaftung, also durch Normen, gebrochenen gefesselten Natur und zwischen der Natur als Norm selbst.“ (Kraft, S. 22) Es gilt also, innerhalb des Naturbegriffes eine weitere Einteilung vorzunehmen.

Zum einen gibt es die Natur des Wilden. Sie drückt sich „zum einen in der Abwesenheit bestimmter kultureller Errungenschaften, andererseits (aber damit zusammenhängend) in der Abwesenheit bestimmter moralischer Mängel.“ (Tremp, S. 49) aus. Diese Natur bezeichnet einen Zustand vor der Entartung. Es handelt sich dabei um eine ursprüngliche, vergangene Natur, die in dieser Form nicht mehr existieren wird.

Die zweite Naturform, welche Kraft anbietet, würde ich nicht mehr als solche bezeichnen, denn sie ist bereits entartet, von der menschlichen Gesellschaft verfremdet und deshalb künstlich.

Die Natur als Norm wurde bereits kurz angesprochen. Sie ist wohl die bedeutendste Form in Bezug auf die natürliche Erziehung bei Rousseau. Wenn der Mensch in der Lage ist, ganz nach dieser Naturordnung zu leben und sich nicht durch die moderne Gesellschaftsordnung beeinflussen zu lassen, handelt er automatisch sittlich. „Natur wird als jene ungesellschaftliche Instanz gesehen, die ausserhalb menschlicher Einrichtungen steht und deshalb auch geeignet ist, diese zu überprüfen, zu hinterfragen.“ (Tremp, S. 53) Die Aufgabe des Menschen ist es also, gemäß dieser Naturordnung zu handeln. So ergibt sich auch automatisch die Aufgabe für den Erzieher, nämlich seinen Zögling gemäß der Natur zu erziehen. „Natur ist also gleichzeitig Basis und Ziel. Erziehung – als eigentliche Natur selbst gerechtfertigt als natürliche Erziehung.“ (Tremp, S. 58) Der Mensch beginnt sein Leben in dem ursprünglichen Naturzustand des Wilden, deshalb ist er von Natur aus gut. In der folgenden Zeit ist es an seinem Erzieher, ihn von schädlichen Einflüssen fern zu halten und nach der natürlichen Ordnung zu erziehen. Dann wird der Zögling automatisch ein Gewissen entwickeln, welches ihn den Gesetzen der Natur entsprechend handeln lässt. „Man sagt uns, das Gewissen sei das Werk der Vorurteile; ich weiß indessen aus eigener Erfahrung, dass es beharrlich, entgegen allen Gesetzen der Menschen, der Ordnung der Natur folgt.“ (Rousseau, S. 546) Der Naturmensch ist also in der Lage, sich sittlich und moralisch zu verhalten, solange er durch die natürliche Ordnung geleitet wird. Dies bedeutet jedoch nicht, dass er sich für die Gesellschaft aufopfert, wie es der Staatsbürger machen würde. Er ist vielmehr von einem Gefühl der Eigenliebe ergriffen, die ihn immer zuerst an sein eigenes Wohl denken lässt. Diese darf jedoch keinesfalls in Selbstsucht umschlagen, denn der Naturmensch darf nicht zum Leidwesen seiner Mitbürger leben und egoistisch handeln.

Bei all diesen Überlegungen muss darauf hingewiesen werden, dass Rousseaus Naturbegriff ebenso als gedankliches Konstrukt zu verstehen ist, wie Emile und dessen Erziehung. „Natur als gedachte Natur ist immer schon konstruierte Natur, sie kann nie "Natur an sich" sein... "Natur" ist in jedem Fall bei Rousseau ein Konstruktum, Naturgemäßheit ist es auch, was beide bedeuten bestimmt Rousseau als urteilender Mensch.“ (Inversini, S. 64) Die Überlegungen zur Künstlichkeit des Rousseauschen Naturbegriffs gelten natürlich auch für sein Verständnis von der natürlichen Entwicklung. Ich halte es deshalb für wichtig, diesen Aspekt in die weiteren Überlegungen mit einzubeziehen.

2.3 Natürliche Entwicklung

Rousseau teilt seine natürliche Erziehung in fünf Entwicklungsstufen ein. Nach allem was bisher angesprochen wurde, ist es nicht verwunderlich, dass er sich dabei an der natürlichen Entwicklung des Menschen orientiert. Es ist interessant, dass er die Einteilung von den Manuskripten zum „Emile“ bis zu dessen Fertigstellung mehrere Male verändert hat.[7] Die Entwicklungsstufen lassen sich nicht als genaue zeitliche Fixierung verstehen, vielmehr handelt es sich dabei um eine relative Einteilung, welche Rousseau zwar natürlich nennt, aber gemessen an seinem künstlichen Naturverständnis fast willkürlich konstruiert anmutet. Rousseau orientiert sich also sehr wohl an der Entwicklung des Menschen, aber durch diese relative zeitliche Einordnung bleibt Raum für die Berücksichtigung des Individuums. „So ist zum Beispiel Rousseaus Forderung, die Erziehung an der Natur auszurichten, auch als Ausrichtung an den individuellen Besonderheiten des Kindes zu verstehen.“ (Tremp, S. 71) Die Berücksichtigung der speziellen Eigenschaften eines Kindes bringen es mit sich, dass Rousseaus zeitliche Einteilung variiert werden kann und muss.

„Ein weiterer Punkt, der den Wert dieser Methode bestätigt, ist die Berücksichtigung der jedem einzelnen Kinde eigentümlichen Geisteslage, die man erkennen muß, um zu wissen, welche geistigen Verhaltungsmaßregeln ihm anstehen. ... Verfolgt die Spuren der Natur, ihr Verständigen, beobachtet euren Zögling gut, bevor ihr das erste Wort zu ihm sprecht, gebt zunächst dem Ansatz seines Charakters völlige Freiheit, sich zu enthüllen ...“ (Rousseau, S. 214)

„Meine Beispiele, die vielleicht für ein Individuum richtig sind, werden für tausend andere falsch sein. Wenn man ihre Grundidee begreift, kann man sie aber je nach Bedarf variieren; die Auswahl hängt vom Studium der individuellen Begabung ab, und dieses Studium von den Gelegenheiten, bei denen man die Begabung herauszulocken versteht. (Rousseau, S. 404)

Ich halte es deshalb für wichtig, die Einteilung in die einzelnen Entwicklungsstufen nicht zu starr zu fassen. Zwar ist durch Rousseaus Einteilung eindeutig ein Fünf-Stufen System erkennbar, aber die Übergänge sind oft fließend, weshalb mir die gröbere Einteilung in ein Zweistufensystem sinnvoller erscheint. Nach dieser Einteilung lassen sich jeweils die ersten drei Bücher und die letzten beiden zusammenfassen.

Die erste Phase beginnt mit der Säuglingspflege als einer Zeit der gegenseitigen Abhängigkeit von Eltern und Kind. Das Kind ist durch seine natürlichen Bedürfnisse von den Eltern abhängig, während diese durch ihre Liebe an das Kind gebunden sind. In der folgenden Zeit überwiegt die negative Erziehung: „Was haben wir zu tun, um diesen seltenen Menschen heranzubilden? Zweifellos viel, nämlich verhüten, dass etwas getan wird“ (Rousseau 1963, S. 115) „Die erste Erziehung muß also rein negativ sein. Sie besteht keineswegs darin, Tugend und Wahrheit zu lehren, sondern darin, das Herz vor dem Laster und den Geist vor dem Irrtum zu bewahren.“ (Rousseau, S. 214) Rousseau versteht darunter jedoch keineswegs, dem Zögling völlige Freiheit zu lassen. Bereits im Säuglingsalter hält er es für wichtig, Grenzen zu setzen und so einem Heraustreten aus der natürlichen Ordnung vorzubeugen.

„Die ersten Tränen des Kindes sind Bitten. Wenn man sich nicht vorsieht, werden es bald Befehle. Anfangs lassen sie sich helfen und zum Schluß bedienen. So bildet sich aus ihrer Schwäche, aus der zunächst das Gefühl der Abhängigkeit entsteht, schließlich die Vorstellung ihrer Herrschaft und Überlegenheit. Da aber diese Vorstellung weniger durch ihre Bedürfnisse als durch unsere Dienste ausgelöst wird, machen sich nun die moralischen Effekte bemerkbar, deren unmittelbare Ursache nicht in der Natur liegt, und man sieht schon, warum es in diesem zarten Alter so wichtig ist, die verborgene Absicht herauszufinden, die hinter dem Schreien oder der Gebärde steckt. ... Es ist wichtig, es frühzeitig daran zu gewöhnen, dass es nicht zu befehlen hat: weder den Menschen, denn es ist nicht ihr Herr, noch den Dingen, denn sie hören es nicht.“ (Rousseau, S. 165)

Negative Erziehung bedeutet auch die Selektion durch den Erzieher. Das Kind darf nur Gegenständen, Menschen und Umwelteinflüssen begegnen, die der Erzieher ausgewählt hat. „Sobald das Kind anfängt, die Gegenstände voneinander zu unterscheiden, ist es wichtig, eine Auswahl zu treffen unter denen, die man ihm zeigt.“ (Rousseau, S. 158) So hält er es für wichtig, dem Kind zunächst auch Bücher vorzuenthalten[8], denn sie sollen nichts lesen, was sie nicht auch begreifen können. „Alle Kinder müssen die Fabeln von La Fontaine lernen und kein einziges versteht sie.“ (Rousseau, S. 251) Außerdem soll der Erzieher bestimmte Situationen planen und vorbereiten um dem Kind spezielle Eindrücke zu vermitteln[9] und es am praktischen Beispiel zu lehren. Rousseau legt dabei Wert auf eine (wie man heute sagen würde) ganzheitliche Bildung. Zunächst sollen der Körper abgehärtet, gestärkt und die Sinne geschult werden. Dabei hält er es auch für wichtig, dem Zögling die Landwirtschaft nahe zu bringen.

„Das Kind vom Lande wird einige Vorstellungen von ländlichen Arbeiten haben ... Es braucht nur zweimal zugesehen zu haben, wie ein Garten bestell wird ...und es will seinerseits gärtnern. Den obenerwähnten Grundsätzen gemäß habe ich gar nichts gegen sein Bestreben. Im Gegenteil – ich fördere es sogar ...“ (Rousseau, S. 222)

[...]


[1] Es gibt kaum eine pädagogische Richtung nach Rousseau, die nicht in irgendeiner Weise durch ihn beeinflusst wurde. Es ist mir daher unmöglich auf alle einzugehen, so dass ich mich auf einige der Wichtigsten beschränken werde.

[2] vgl. Rousseau , S. 107.

[3] Als Beispiele für ein solches System führt Rousseau mehrfach das antike Sparta oder den Staat aus Platos „Politeia“ an.

[4] siehe 2.

[5] Vor allem richtet sich Rousseaus Kritik an das Paris seiner Zeit.

[6] siehe 3.

[7] Inversini, S. 111f.

[8] Allerdings mit einer Ausnahme: „Da es nun absolut nicht ohne Bücher geht, so gibt es eins, das meiner Meinung nach die beste Abhandlung über die natürliche Erziehung liefert. ... Es ist Robinson Crusoe.“ (Rousseau, S. 389).

[9] Beispiele sind unter anderem die Wettrennen um den Kuchen (Rousseau, S. 306ff), die Episode mit dem Zauberkünstler (Rousseau, S. 365 ff) oder die Szene, als der Erzieher vorgibt, sich verirrt zu haben (Rousseau, S. 382 ff).

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Rousseaus Begriff der natürlichen Erziehung und seine ideengeschichtlichen Folgen
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Ideengeschichte der Pädagogik
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
27
Katalognummer
V51119
ISBN (eBook)
9783638471695
ISBN (Buch)
9783638661454
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der Arbeit wird Rousseaus Begriff der natürlichen Erziehung behandelt, sowie die Rezeptiondurch Pestalozzi, Salzmann und Fröbel.
Schlagworte
Rousseaus, Begriff, Erziehung, Folgen, Ideengeschichte, Pädagogik
Arbeit zitieren
Maria Benz (Autor), 2004, Rousseaus Begriff der natürlichen Erziehung und seine ideengeschichtlichen Folgen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51119

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